Dariusz Kowalski analysiert in den Arbeiten der Ausstellung "Zwischenfälle" die Sprache des Überwachungsapparats: eine Reise in die Vergangenheit seiner Heimatstadt Nowa Huta
Wien - Die eigenen an den historischen Spuren messen: So beschreibt
Dariusz Kowalski seine Motivation für den Dokumentarfilm Richtung Nowa
Huta. Für den Film, der heuer bei der Diagonale Premiere feiert, kehrte
der in Wien lebende Künstler (geb. 1971) und Filmemacher nach 20 Jahren
in seine Heimatstadt Nowa Huta zurück. Die "Neue Hütte" entstand 1949
als erste sozialistische Stadt in Polen für die Arbeiter eines
Eisenhüttenkombinats nahe Krakau. Ähnlich wie Thomas Heise, der 1992 in
Eisenzeit das deutsche Äquivalent Eisenhüttenstadt porträtierte,
unternimmt auch Kowalski eine Rückreise, die biografischen Erinnerungen
folgt.
Die umfassenden Recherchen - etwa im IPN, einem Institut zur
Dokumentation kommunistischer Verbrechen - mündeten aber auch in andere
künstlerische Arbeiten: Die jüngsten zeigt er nun unter dem Titel
Zwischenfälle im Neuen Kunstverein Wien. Zentral sind darin Aufnahmen
des Sicherheitsdienstes, die am 13. Oktober 1985 entstanden, dem zweiten
Todestag von Bogdan Wlosik, einem von einem Geheimagenten ermordeten
jungen Arbeiter. Und wie so oft kam es auch an diesem Tag zu
Ausschreitungen zwischen zivilen Sicherheitsleuten und den Menschen, die
sich hier nach den Gottesdiensten häufig zu Kundgebungen versammelten -
vor der einzigen Kirche der ursprünglich religionsfrei geplanten Stadt.
Kein außergewöhnliches historisches Ereignis, sondern ein sich
wiederholender Akt des Widerstands steht im Fokus. So sind auch für
Kowalski weniger die dokumentarischen Bilder von Interesse als vielmehr
die alltägliche Rede der Überwacher. Das Transkript des Originaltons hat
er als unabhängigen Loop über die Bilder gelegt, und er steigert so die
Bild-Text-Schere ins Extreme: "Haben Sie die Flugblätter drauf?", fragt
die Frau im Off den Kameramann zu Prügelbildern. Es ist die absurde
Grammatik des Überwachens, die er sichtbar macht. Mehrfach hat Kowalski
bereits die Perspektive des Überwachens untersucht: in Interrogation
Room (2009) den voyeuristischen Blick in einen Verhörraum, in Elements
(2006) die automatisierten Bilder aus Wetter- und Verkehrskameras.
Von derselben Überzeugungskraft ist eine zweite Arbeit: In einer
Splitscreen-Projektion führt Kowalski das Scheitern, aus privater
Erinnerung und historischen Bildern ein stimmiges Narrativ zu bilden,
formal anspruchsvoll vor. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Printausgabe, 19.1.2012)