Die Penicillin-Allergie, die keine ist

  • Die Gefahr einer echten Penicillin-Allergie ist geringer als gedacht.
    foto: ap/lukas barth

    Die Gefahr einer echten Penicillin-Allergie ist geringer als gedacht.

Voreilige Diagnosen sind gängig und verbauen die Chance auf eine ideale Behandlung im Infektionsfall

Die Vorstellung ist beängstigend: Ein Medikament, das im Ernstfall helfen soll, kann lebensgefährlich sein. Die Diagnose Penicillin-Allergie ist daher bei vielen Menschen im Impfpass oder Allergieausweis eingetragen. Irgendwann - meist in Kindertagen - haben die Betroffenen mit körperlichen Reaktionen wie Rötungen auf das Antibiotikum reagiert. Meist eine voreilige Diagnose - mit weitreichenden Konsequenzen.

"Eine furchtbare Sache. So viele Menschen laufen mit dieser unnötigen Diagnose herum", kritisiert der Wiener Dermatologe Stefan Wöhrl. Eine Allergie zu diagnostizieren sei relativ einfach, eine auszuschließen hingegen sehr schwierig. Wöhrl kennt die Praxis sowohl am Allergieambulatorium Floridsdorf als auch an der Allergieambulanz der Hautklinik am Wiener AKH und ist "erstaunt, mit wie überzeugenden Anamnesen und Arztbriefen" die Patienten in den vergangenen elf Jahren, in denen er Penicillin-Allergietests durchgeführt hat, zu ihm gekommen sind. Passiert sei in 80 bis 90 Prozent der Fälle nichts. 

Zufallsreaktion bei Infekten

Wie kommt es dann zur relativ häufigen Diagnose Penicillin-Allergie? "Reagieren Patienten beispielsweise mit Ausschlag oder Atemnot, nachdem sie Penicillin eingenommen haben, heißt das noch lange nicht, dass auch das Antibiotikum dafür verantwortlich ist. Oft löst der Infekt selbst diese Symptome aus", erklärt der Allergieexperte. Die Wahrscheinlichkeit, einmal im Leben an einem infektbedingten Nesselausschlag (Urtikaria/Angioödem, Anm.) zu leiden, liege bei 25 Prozent. Häufig würden die behandelnden Ärzte in Akutsituationen aber Pseudoassoziationen zwischen dem Auftreten eines Symptoms und der Einnahme des Medikaments herstellen. Steht die Penicillin-Allergie erst einmal im Raum, trauen sich später behandelnde Ärzte nicht, Penicillin wieder zu verschreiben.

Penicillin kann Leben retten

Nicht so schlimm, möchte man meinen, gibt es doch eine ganze Reihe anderer Antibiotika. Doch so einfach ist die Sache nicht, sagt Stefan Wöhrl: "Penicillin-Antibiotika sind die Hauptvertreter der sogenannten Betalaktam-Antibiotika. In so gut wie allen Infektionsfällen, in denen es um Leben und Tod geht, braucht man diese Art von Antibiotika." Ein Beispiel ist die Sepsis (umgangssprachlich Blutvergiftung genannt, Anm.). Penicillin kann also Leben retten. 

Für die meisten Infekte sind Penicillin oder Penicillin-Abkömmlinge außerdem nach wie vor das Medikament der Wahl. "Sie wirken gut, sind gut verträglich und Bakterien entwickeln gegen sie fast keine Resistenzen", so Wöhrl. Gegen alternative Präparate, die die Patienten über Jahre hinweg eingenommen haben, entwickelten sich jedoch sehr häufig Resistenzen. Auch ein gesundheitspolitischer Faktor kommt hinzu: Penicillin ist im Vergleich zu anderen Antibiotika günstig.

Ressourcenknappheit

Aufgrund der erwähnten Fakten ist Dermatologe Wöhrl grundsätzlich dafür, dass sich Patienten testen lassen, ob sie tatsächlich allergisch sind. Allein, die Prozedur ist langwierig und endet im Falle eines Provokationstests mit einem bis zu einwöchigen stationären Aufenthalt in einem Spital. Ein Dilemma, denn einerseits würde dem Gesundheitssystem und der Patientengesundheit Gutes getan, wenn Menschen nicht mit dieser "Brandmarkung" leben müssen. Andererseits verfüge man in Österreich aber nicht über die Kapazitäten, um hunderttausende Menschen zu testen, so der Mediziner.

Unterschiedlich schwere Reaktionstypen

In Österreich gibt es keine epidemiologischen Zahlen. Auch Wöhrl kennt nur eine portugiesische Studie zur Häufigkeit der Arzneimittelunverträglichkeit: 20 Prozent der Bevölkerung gaben darin an, auf irgendein Medikament allergisch zu sein, 60 bis 70 Prozent davon auf Antibiotika. An die Allergieambulanz der Hautklinik im AKH kommt rund die Hälfte aller überwiesenen Patienten mit Verdacht auf Arzneimittel-Allergie wegen einer vermuteten Antibiotika-Allergie.

Falsche Diagnosen aufgrund normaler Nebenwirkungen

Penicillin-Nebenwirkung ist aber nicht gleich Penicillin-Nebenwirkung. Mehr als 80 Prozent der Patienten mit einer Nebenwirkung nach Penicillin-Behandlung leiden an sogenannten Typ-A-Reaktionen, also Nebenwirkungen wie Durchfall, Magenschmerzen oder Pilzerkrankungen. "Diese sind pharmakologisch erklärbar und stehen im Arzneimittelkodex. Das sind keine Allergien, weil sie bei jedem Patienten früher oder später auftreten werden", so Wöhrl. Doch viele Allergiepässe würden auch aufgrund von solchen Reaktionen ausgestellt. 

Sofortallergie versus verzögerte Reaktion

Auch bei den nur bei wenigen Menschen auftretenden echten immunologischen Typ-B-Reaktionen ist die Sache nicht so einfach: Bei ihnen wird zwischen Typ-1- und Typ-4-Allergie unterschieden. Typ 1 ist die über Antikörper vermittelte Allergie. "Das ist die Sofortreaktion, vor der alle Angst haben - mit Schockzuständen und schweren Asthmaanfällen", sagt der Dermatologe.

Bei Typ-4-Reaktionen tritt eine Allergie des verzögerten Typs auf. "Dieser Typ kommt viel häufiger vor, macht aber außer auf der Haut so gut wie keine Nebenwirkungen. An diesem Typ stirbt man nicht", so Wöhrl. Habe ein solcher Patient beispielsweise eine Entzündung der Fußknochen und sei Penicillin das einzige Medikament, mit dem diese behandelt werden könne, dann tue der Arzt, der Penicillin aufschreibt, nichts Falsches. Der auftretende juckende Hautausschlag wäre dann ein geringerer Schaden für den Patienten als die Amputation, die die Behandlungsalternative zur Antibiotika-Behandlung darstellt.

Durchhaltevermögen für den Allergietest

Mit üblichen, relativ einfachen Testverfahren wie Hauttests ist es beim Penicillin meist nicht getan: Ein Patient kommt typischerweise zwei- bis dreimal ins Allergieambulatorium, danach weitere drei- oder viermal in die Allergieambulanz im Krankenhaus. Dann geht er stationär eine Woche ins Spital. Beim - im Idealfall mit Placebo kontrollierten - Provokationstest müssen Patienten aufgrund der Schockgefahr ständig überwacht werden. 

"Wille ist entscheidend"

Getestet wird in Österreich nur, wer vom praktischen Arzt oder Facharzt überwiesen wird. Stefan Wöhrl hat die Erfahrung gemacht, dass rund ein Drittel der Patienten nach einigen Terminen aufgeben, auch weil sie Angst vor einer lebensgefährlichen Reaktion beim Provokationstest haben. Der Wille des Patienten, es wirklich wissen zu wollen, sei der entscheidende Punkt für eine erfolgreiche Austestung, sagt Wöhrl. Das Endziel jeder Testung ist eine klare Antwort: entweder Ja, ich kann das Medikament in Zukunft wieder einnehmen, oder Nein.

Allerdings hat die Penicillin-Allergie ihre Tücken: Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der heute allergisch ist, in zehn Jahren auch noch allergisch sein wird, ist relativ gering. "Man verliert pro Jahr rund zehn Prozent der Allergien. Auch bei der echten Medikamentenallergie sind nach zehn Jahren nur noch fünf bis zehn Prozent allergisch", so Wöhrl. Gleichzeitig kann man aber auch jederzeit neu allergisch werden, erklärt der Dermatologe: "Allergien sind schließlich dynamische Reaktionen auf die Umwelt." (Marietta Türk, derStandard.at, 25.1.2012)

Link

Leitlinie der Arbeitsgruppe Allergologie der ÖGDV zu Provokationstestungen: www.allergologie.at

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