Nationalrat rehabilitierte Opfer des Austrofaschismus

18. Jänner 2012, 19:58

Streit um Schuld am AAA-Verlust - Pilz könnte Immunität wegen Vorwurfs der üblen Nachrede verlieren

Wien - Der Entzug des AAA-Status durch die Ratingagentur Standard & Poor's hat in Österreich zu keinem nationalen Schulterschluss geführt. Ganz im Gegenteil: Die Nationalratssitzung begann am Mittwoch als ein Gefecht jeder gegen jeden.

BZÖ-Chef Josef Bucher schmetterte der Regierung entgegen: "Ihre Regierungstätigkeit ist herabgestuft worden." Später sagte er: "Diese rot-schwarze Regierung ist Gift für Österreich." Die Sitzung begann mit einer Aktuellen Stunde zu dem vom BZÖ ausgewählten Thema "Genug gezahlt - keine neuen Steuern". "Anlegerpatriotismus" sei das Gebot der Stunde, sagte Bucher. Die Koalition solle für die österreichischen Anleihen werben. 

Schuldenbremse bleibt Streitthema

FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache würde am liebsten gleich neu wählen lassen. Ebenso wie Bucher wollte die FPÖ sich den Bonitätsverlust nicht umhängen lassen, nur weil die Opposition der Verankerung der Schuldenbremse in der Verfassung nicht zugestimmt habe.

Der Grünen-Abgeordnete Werner Kogler plädierte für mehr Steuergerechtigkeit, also auch für zusätzliche Steuern. Kämen Vermögenssteuern nur in der halben Höhe dessen, was in vergleichbaren Ländern üblich sei, würde Österreich innerhalb der Maastricht-Kriterien (staatlicher Schuldenstand darf nicht mehr als 60 Prozent des BIP betragen) liegen. Ansetzen müsse man ferner bei den Förderungen und bei der Verwaltung von Schulen und Spitälern.

Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP) warf FPÖ, Grünen und BZÖ parteipolitisches Kalkül als Grund dafür vor, die Schuldenbremse nicht in der Verfassung verankert zu haben. Sie hätten das Staatsganze nicht im Auge gehabt.

Koalition streitet über neue Steuern

Den Schuldenberg will Fekter ungeachtet dessen abbauen, aber nicht mit neuen Steuern: "Österreich hat eine ausgesprochen hohe Abgabenquote." Abgebaut werden sollen Doppel- und Dreifachförderungen, auch im Gesundheitssystem will sie Kosten senken und das Frühpensionsalter in die Höhe treiben.

"Man soll das Sparen nicht zur Ideologie machen", antwortete SPÖ-Klubchef Josef Cap. Es gehe nicht um neue Steuern, sondern um das Schließen von Steuerlücken. Das erboste wiederum ÖVP-Finanzsprecher Günter Stummvoll: Der Wähler könne sich ein Bild machen. Die ÖVP wolle die Budgetkonsolidierung über Effizienzsteigerungen erreichen, der Koalitionspartner die Steuern erhöhen.

Opfer des Austrofaschismus rehabilitiert

Mit den Stimmen aller fünf Parlamentsparteien hat der Nationalrat die Rehabilitierung von Opfern des Austrofaschismus beschlossen. Mit dem "Aufhebungs- und Rehabilitierungsgesetz" werden alle Personen rehabilitiert, die zwischen 6. März 1933 und 12. März 1938 ("Anschluss" an Deutschland) verurteilt, angehalten bzw. ausgebürgert wurden, weil sie sich für ein unabhängiges und demokratisches Österreich eingesetzt hatten. Auch politische Meinungsäußerungen sind ausdrücklich umfasst. Alle diesbezüglichen Urteile von Straf-, Sonder- und Standgerichten werden aufgehoben, ihr Unrecht wird in einer eigenen Klausel dezidiert festgehalten und den Justizopfern wird Anerkennung gezollt.

Über diese allgemeine Rehabilitierung hinaus können betroffene Personen, deren Ehegatten, Lebensgefährten, Verwandte in gerader Linie oder Geschwister außerdem per Antrag eine Feststellung erwirken, dass die Verurteilung als nicht erfolgt gilt. Die Entscheidung darüber trifft das Wiener Straflandesgericht, in Zweifelsfällen kann es einen beim Justizministerium einzurichtenden sechsköpfigen Rehabilitierungsbeirat beiziehen. Entschädigungs- und Rückersatzansprüche können aufgrund des Aufhebungs- und Rehabilitierungsgesetzes nicht erhoben werden.

FPÖ sprach von Geschichtsklitterung

In der Debatte zollte Prammer dem ÖVP-Verhandler Neugebauer Respekt: dieser habe "viel Mut besessen". Mit dem Gesetz werde den Menschen, die damals ihr Leben verloren hätten, "nachträglich und zweifellos sehr spät Gerechtigkeit zuteil". Neugebauer bezeichnete das Gesetz als "Anerkennung, die jenen gebührt, denen Unrecht im Sinne eines Rechtsstaates widerfahren ist". Man spreche damit aber auch den Opfern und ihren Nachkommen jenes Mitgefühl aus, das dem Ausmaß ihres Leides angemessen sei.

Zugestimmt hat dem Gesetz letztlich auch die FPÖ, die sich im Ausschuss noch dagegen gestellt hatte. Es gehe "um eine Versöhnung über die Gräber hinaus", sagte Justizsprecher Peter Fichtenbauer. Allerdings sprach er auch von "Geschichtsklitterung" und wünschte sich, dass jene Polizisten, die im Bürgerkrieg "vom Karl-Marx-Hof herunter von einem Heckenschützen erschossen wurden", ebenfalls einen "großen Gedenkstein" erhalten sollten. Ähnlich äußerte sich BZÖ-Mandatar Christoph Hagen. Den Vorwurf der "Geschichtsklitterung" wies Grünen-Bildungssprecher Harald Walser zurück. "Natürlich war dieser Widerstand legitim", sagte er mit Blick auf den roten Aufstand gegen das Dollfuß-Regime. Das Gesetz sei aber ein Zeichen dafür, dass in dieser Frage nun "Normalität aufkommt".

Atomdebatte und Gesetzesbeschlüsse zum Abschluss

Zum Abschluss hat der Nationalrat am Abend noch eine Reihe von Petitionen für einen weltweiten Atomausstieg abgearbeitet. Umweltminister Nikolaus Berlakovich (ÖVP) wehrte sich dabei gegen Vorhaltungen der Opposition, zu wenig für einen europaweiten Atomausstieg zu unternehmen. Beschlossen wurden ein neues Chemikaliengesetz sowie ein Abkommen über die Intensivierung der wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit mit Russland.

Österreich stehe nicht erst seit der Katastrophe von Fukushima auf dem Standpunkt, dass Atomenergie nicht sicher sei, betonte Berlakovich. So sei die Idee der "Stresstests" für europäische AKW "von Österreich ausgegangen". Damit habe man nun ein europaweit einheitliches System für die Überprüfung von Atomkraftwerken.

Bildungsvolksbegehren am Donnerstag Thema

Die nächste Sitzung des Nationalrats steht am Donnerstagvormittag am Programm - den Auftakt macht eine Fragestunde mit Finanzministerin Maria Fekter. Der weitere Sitzungstag wird im Zeichen der Bildungspolitik stehen. So diskutieren die Fraktionen das von Hannes Androsch gestartete Bildungsvolksbegehren. Das Volksbegehren wird dann in den nächsten Monaten in einem eigenen Ausschuss weiterbehandelt werden. Außerdem wird die modulare Oberstufe beschlossen. Bei einem Nicht genügend muss künftig nur mehr das betreffende Fach, sprich: Modul, wiederholt werden, aber nicht die Klasse. Bis zur Matura muss der Schüler allerdings alle Module positiv abgeschlossen haben.

Pilz' Immunität wird besprochen

Außerdem wird die Immunität des Grünen-Abgeordneten Peter Pilz besprochen. Das Landesgericht St. Pölten fordert die Aufhebung seiner Immunität wegen des Vorwurfs der üblen Nachrede. Eine "Auslieferung" ist aber unwahrscheinlich. Anlass für die Ermittlungen sind Vorwürfe Pilz' gegen Staatsanwälte in der Causa Kampusch. (APA/red, derStandard.at, 18.1.2012)

Kommentar posten
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Säure- und hitzebeständiges Archaebakterium
00
Widerliches Gezänk, nicht Gemeinwohl Triebfeder für polit. Handeln,

sondern Schielen auf die nächsten Wahlen! Der pol. Gegner muss unter allen Umständen bekämpft werden, auch wenn Vorschläge hin und wieder vernünftig wären.

"Diese rot-schwarze Regierung ist Gift für Österreich."

Ja, was war denn die Umbau- Wende- und Selbstbedienungsmafia ab 2000 für Österreich?

Diese Bagage hat soziale Gerechtigkeit und in vielen Jahrzehnten erkämpften Errungenschaften des Wohlfahrtsstaates nachhaltig beseitigt!

Wenn ich bedenke, dass bspw. Leute wie der verurteilte Westenthaler im Nationalrat sitzen...

peak oil
00
19.1.2012, 12:40
schade, dass der pilz sein AAA-rating verliert,

aber dann ist er immer noch auf AA+, im gegensatz zu den f-fen und vp-lern, deren reden sich maximal auf ramschniveau befinden, d.h. nicht glaub- (=kredit!)-würdig sind.

Erwin Wolfram
00
19.1.2012, 08:55
Uebersetzung

Wir im Parlament arbeiten so hart, dass wir nach 60 Jahren immer noch nicht wissen wen wir umgebracht haben. Dafuer lassen wir uns feiern, weil wir eine Demokratie sind (mala morgen).

AlBundyFan
 
00
19.1.2012, 08:49
weil hier zum schluß noch in einem satz NK verkommt

wie lange habt ihr von ihr schon nix mehr gehört? ich seit mehreren monaten...

ziemlich lange für jemanden, dem dann wenn wieder mal nach monaten ein bericht über irgendeine andere person die sich mit ihrem namen profilieren möchte, wieder die kommentare von "NK die medienschl.ampe" usw. kommen.
für jemanden der angeblich dauernd in den medien sein möchte hört man von ihr seit jahren nämlich relativ wenig.

=8-/
00
19.1.2012, 06:42

Wer die Vorkommnisse damals korrigiert, sollte sich ebenso stark für saubere demokratische Verhältnisse HEUTE einsetzen. Stichwort: Vorratsdatenspeicherung, Tierschützerprozess, Korruptionskultur ORF, ...

rosa parks
00
18.1.2012, 23:55
die gedenksteine für die polizisten gibts eh...

am zentralfriedhof, in der votivkirche, und wenn ich mich recht erinnere sogar am leopoldsberg.

Schihaserl
00
22.1.2012, 10:14
und am heldenplatz

seit schwarzblau

Hubert Ungeist
 
00
20.1.2012, 10:45
Nun ja

Gedenkmäler für Naziopfer gibts zu Recht serh viel häufiger. Das ist ein beiden Richtungen also kein Argument

Waxolunist
21
18.1.2012, 21:50

Also den Kogler kapier ich nicht. Wenn die Grünen im Gegenzug für Vermögenssteuern eine Senkung der Steuern auf Arbeit fordern, dann hat man im Topf ja nicht mehr am Ende. Oder wollen die Grünen gar keine Senkung irgendeiner Steuer sondern nur Erhöhungen?
Wenn dann sollens das aber auch sagen.

V995
13
18.1.2012, 21:27
die geisteshaltung der övp hat sich aber nicht geändert

porteño1
12
18.1.2012, 21:45

Das Foto des Dollfüßchens in der Parteizentrale wird noch immer angebetet.

Gerhard Müller
02
18.1.2012, 21:17
Immerhin

70 Jahre nach Rehabilitation der Täter des Austrofaschismus

Ardschuna
00
19.1.2012, 07:45
Viel zu spät.

Das schwerste ist es sich einzugestehen, daß man sich geirrt hat oder eben jene Gruppe, durch dessen Angehörigkeit sich ein kleines Ego etwas größer fühlen darf.

Seria
00
18.1.2012, 21:10

hat lange gedauert bis die ÖVP dem zustimmte

ilse schmidt
53
18.1.2012, 21:05
Es ist tatsächlich zum DAVONLAUFEN! Der Terminus "AUSTROFASCHISMUS" wird im Gesetzestext NICHT ERWÄHNT -

Aber anstatt diese ESSENTIELLE Information in die Berichterstattung einfließen zu lassen und somit den LeserInnen und SeherInnen zukommen zu lassen, wird sowohl der ORF (ZIB 19:30) als auch in der Berichterstattung von derstandard.at einfach nicht darauf verwiesen, sondern der Terminus weiterhin verwendet!!!! DIES IST IHNEN ALS MEDIUM NICHT MEHR GESTATTET! ICH FORDERE DIE ÖSTERREICHISCHEN MEDIEN AUF, ES SOFORT ZU UNTERLASSEN DEN TERMINUS AUSTROFASCHISMUS WEITER ZU VERWENDEN, DA SIE NICHT ÜBER DEM ÖSTERREICHISCHEN GESETZGEBER STEHEN, SONDERN ÜBER DENSELBEN ZU BERICHTEN HABEN! ALSO HÖREN SIE AUF ZU DENKEN, SIE KÖNNTEN IN EINER EINMALIGEN BERICHTERSTATTUNG DAS BEITRAGEN WAS DER GESETZGEBER VERABSÄUMT. DAS IST MEDIALER GRÖSSENWAHN UND UNSERIÖS!

propagandaresistent
00
19.1.2012, 09:45

Der Begriff Austrofaschismus ist schon alleine deshalb berechtigt, weil Dollfuss sein Regime auf Befehl des Faschisten Mussolini installiert hat; dass der Begriff im Gesetz nicht vorkommt, ist wohl ein Zugeständnis an die ÖVP. Zugeständnisse sind aber selten gleichzusetzen mit dem, was tatsächlich angebracht (gewesen) wäre.
Und irgendwie haben Sie die Aufgaben von Medien in einem demokratischen Staat nicht verstanden. Ihre Sicht von Medienarbeit ist eher von diktarorischen Einparteienstaaten geprägt, wie der Ständestaat einer war.

Standard deviation
01
19.1.2012, 09:00
Aus gutem Grund!

Der Begriff "Faschismus" ist wissenschaftlich höchst
umstritten. Tatsächlich handelt es sich um einen
politischen Kampfbegriff, der besonders von der Linken unreflektiert und inflationär verwendet wird.
Wissenschaltlich korrekt spricht man daher vom
"autoritären Ständestaat".

propagandaresistent
00
19.1.2012, 09:54

Der Begriff ist eine Erfindung Mussolinis. Er leitet sich ab vom italienischen Wort für Rutenbündel.

Standard deviation
00
19.1.2012, 10:47

Korrekt! Daher ist die Bezeichnung Faschismus auf
Mussolinis Regime zu beschränken.

hamaca reservada
01
19.1.2012, 01:06

und warum schreien sie dabei so?

paulchen77
21
18.1.2012, 20:38
Österreich

na, wenn nur die, die sich für ein unabhängiges und demokratisches Österreich eingesetzt hatten, rehabilitiert werden, dann bleiben von den Sozialisten nicht mehr viele über. Gilt das Gesetz übrigens auch für die Dollfuß-Mörder?

Der Manner
00
18.1.2012, 19:09
Die Lösung für unsere Regierung:

Format X

Die grausame Realität 2012
31
18.1.2012, 18:52
§ 242 StGB Hochverrat

(1) Wer es unternimmt, mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt die Verfassung der Republik Österreich oder eines ihrer Bundesländer zu ändern oder ein zur Republik Österreich gehörendes Gebiet abzutrennen, ist mit Freiheitsstrafe von zehn bis zu zwanzig Jahren zu bestrafen.

(2) Ein Unternehmen im Sinn des Abs. 1 liegt auch schon bei einem Versuch vor.

Wer den Hochverrat von 1933 und 1934 gutheißt (Geschichtsklitterung, Gedenkstein für Hochverräter), hat in dieser Republik keine Existenzberechtigung. Das gilt natürlich in erster Linie für die Christlichsozialen-, Landbund- und Heimwehren-Nachfolgeorganisation ÖVP.

Der Chronist
01
18.1.2012, 19:18

Hitler hat den Schwarzen zu einer Existenz jenseits der austrofaschistischen Wurzeln verholfen. Das hat er natürlich nicht absichtlich getan, aber passiert ist es nun einmal.

Die grausame Realität 2012
12
18.1.2012, 20:00

Soso.

Zunächst hat diese Organisation einmal durch die Vernichtung der Demokratie und des Rechtsstaats Hitler den Boden aufbereitet.

Die ÖVP dokumentiert also Ihre Distanzierung vom Austrofaschismus durch Dollfuß-Porträts in ihren Klub-Räumlichkeiten. Oder durch Dollfuß-Messen? Oder durch die personelle Kontinuität nach 1945: der Antisemit Julius Raab, Stufko-Führer Heinrich Drimmel, Borodajkewycz-Freund Theodor Piffl-Percevic, Barthold (Graf) Stürgkh, ...

Oder meinen Sie, statt austrofaschistischer Ideologie hat Hitler weitergelebt in Persönlichkeiten wie dem ehemaligen NSDAP-Nachrichtendienstmitarbeiter Kamitz?

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