Mehr als nur Fachkompetenz

Kommentar der anderen | Erika Stoifl
17. Jänner 2012, 20:02
  • "Was der Lehrer lernen muss, schafft bei vielen nur Verdruss."
    bild: wilhelm busch

    "Was der Lehrer lernen muss, schafft bei vielen nur Verdruss."

Pädagogische Hochschulen sind keine "Etikettenschwindler"

Ich gehöre zu den Lehrenden, die an einer "erschwindelten" Pädagogischen Hochschule, wie im STANDARD vom 12. Jänner zu lesen war, unterrichten.

Mir ist bekannt, dass wie von Herrn Aigner in seinem offenen Brief geschildert, Lehrer/Lehrerinnen in ihrem Fach "glühen" sollten. Laut Aigner setzt dieses "Glühen"einen "hohen fachlichen Standard voraus, den letztlich nur die Universität garantieren kann..."

Warum ist das dann aber bei vielen AHS-Lehrern, die ja an der Uni studiert haben, nicht der Fall? Und warum gibt umgekehrt es Volks- Sonder- und Hauptschullehrer die dennoch mit Leidenschaft unterrichten, die Kinder mitreißen und begeistern, sie zur Selbstständigkeit und zum Denken anregen?.

Die beschriebenen Probleme wie "Unbeweglichkeit, Reformmündigkeit, ängstliches Beharren, hierarchiegerechte Folgsamkeit" mögen ein verbreitetes LehrerInnenleiden sein, doch das Leiden ist im selben Ausmaß bei Pflichtschul- als auch bei AHS-LehrerInnen zu finden. PflichtschullehrerInnen brauchen viel mehr als nur Fachkompetenz. An den Pädagogischen Hochschulen hospitieren Studierende bereits in der Studieneingangsphase in verschiedenen Schulklassen und machen dort nach einigen Wochen bereits die eigenen Unterrichtserfahrungen. Es ist eine stufenweise, behutsame Begegnung von SchülerInnen und Studierenden. Dort findet schulische Wirklichkeit statt.

Problematische Erfahrungen machen die SchülerInnen sowohl in Volks- Sonder- und Hauptschulen, als auch in der AHS. Auch AHS-Lehrer sind biografisch vorbelastet und wiederholen in der Klasse oft ihre eigenen, unverarbeiteten Schulerlebnisse. Beim Thema LehrerInnenausbildung darf das Wesentlichste nicht aus den Augen verloren werden: Die Kinder sind die Zielgruppe der Bemühungen.

Wenn über ihre Köpfe hinweg beschlossen und reformiert wird, verfehlt jede Reform das Ziel. Der Praxisbezug, der an Pädagogischen Hochschulen einen hohen Stellenwert genießt, hat seine Berechtigung. Wer einen Blick in eine SES-Klasse wagt, oder in eine Hauptschulklasse mit einem hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund, sollte ehrlich und realistisch genug sein, um zu erkennen, dass auch ein AHS-Lehrer hier nicht mehr an Bildung erreichen könnte als ein Pflichtschullehrer.

Die Fach- und Forschungskompetenz bildet hier oft nur einen geringen Teil der notwendigen Erfordernisse. Soziale, emotionale, und menschliche Kompetenzen sind plötzlich wichtig. Humor, Empathie und Kreativität können hier den Alltag erleichtern. Ohne notwendige Praxiserfahrungen werden in diesen Klassen auch die fachlich Kompetentesten scheitern. Es ist wie beim Schwimmen. Die Bewegungsanleitung aus dem Buch kann mir dabei helfen, es zu lernen, aber schwimmen lerne ich immer im Wasser.

Ich bin nicht prinzipiell gegen eine Ausbildung für alle LehrerInnen an den Universitäten. Vielleicht wäre es die beste und auch gerechteste Lösung. Dann würden als logische Konsequenz PflichtschullehrerInnen den gleichen Lohn für ihre mühevolle Arbeit erhalten als AHS-LehrerInnen. Oder?

Ich bin aber gegen die Art der Diskussion, wie sie von universitärer Seite her geführt wird, die offensichtlich den Bildungsanspruch für sich alleine verbuchen möchten. Pädagogische Hochschulen sind keine "Etikettenschwindler". Die Pädagogischen Hochschulen haben als Zielgruppe die PflichtschullehrerInnen und leisten gute Arbeit. Die Unis haben als Zielgruppe die AHS-Lehrer und leisten gute Arbeit. Die Zielgruppen unterscheiden sich. Darum dürfen sich auch die Institutionen mit ihren Schwerpunkten, ihren Vortragenden und ihren Angeboten unterscheiden. Zweitklassig ist hier niemand. (Erika Stoifl, DER STANDARD, Printausgabe, 18.1.2012)

ERIKA STOIFL (40) ist Volks- und Sonderschullehrerin sowie Lehrende an der KPH Wien/Krems.

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Warum die Sachlage nicht anders sehen: wer wird Volks- und Hauptschullehrer und wer geht auf die Universität und wird AHS-Lehrer/in. In meinem Pädagogikstudium der achtziger jahre habe ich leider größtenteils nur arrogante LehramtsstudentInnen erlebt, die pädagogisch sich überhaupt nicht auseinandersetzen wollten, d.h. pädagogisch ungebildet blieben, weil sie eben nur auf Fachkomptenz halten und für sie Pädagogik ein spanisches Dorf blieb. Trotzdem oder ganau deswegen glaube ich, dass Aigner recht hat und die LehrerInnen der Zukunft universitär ausgebildet werden sollten, damit sie bildungswissenschaftlich gebildet und sich dadurch autonom entwickeln können. Übrigens - Pädagogik und Bürokratie ist wie Feuer und Wasser !

...

mein "Glühen" hat die Uni längst zerstört

Ja eh,

es braucht mehr als Fachkompetenz, keine Frage.

Nur fehlt halt die Fachkompetenz. Was im Chemieunterricht rmittlerweile auf der Liste der verbotenen Chemikalien steht geht auf keine Kuhhaut, man kann fast keine spektakulären Experimente mehr vorführen (siehe z.B. Alkalimetalle).

Und wieso? Weil es in den 90er Jahren zu einigen Unfällen gekommen ist, bei denen auch Schüler verletzt wurden. Alle diese Unfälle geschahen in Hauptschulen. So banale Dummheiten passieren einem studierten Chemiker nicht, aber Gaudilulu-wir-sind-so-klass-methodenkompetent-Absolventen bauen halt Shice.

ein auto, das keinen motor hat, kann ich wunderhübsch lackieren, mit wurzelholz-amaturenbrett und ledersitzen ausstatten, es wird nie ein gutes auto.

ein lehrer, der nicht hohe fachkompetenz hat, der den lehrstoff nicht deutlich über das unterrichtete gebiet hinaus überblickt und versteht, der kann noch so viele softskill- und pädagogik-schulungen machen - er wird nie ein guter lehrer.

natürlich ist pädagogische qualität sehr wichtig. aber wen einem lehrer das wissen fehlt, ist von vornherein alles verloren.

speziell in den naturwissenschaften ist das oft ein problem. wer selbst nicht genau weiß, wie man auf die fragen der schüler antworten soll, wird nie jemanden für sein fach begeistern.

Schon mal in einer gemeinsamen Fortbildung

von AHS-und HS Lehrern (E) gesessen. Der Unterschied ist leider eklatant, bei manchen KollegInnen reicht es aus, wenn sie /er den Mund aufmacht. Zum Teil erschreckendes Niveau, was fertig ausgebildete HS Lehrer dort bieten. Aber in der heilsbringenden NMS wird eh alles wieder gut.

Ein/E Volksschullehrer/In...

...hat sicher auch Ohne ein universitäres Diplomstudium oder Lehramtsstudium ausreichende Fachkompetenz in Rechnen, oder Rechtschreiben bzw. Sachunterricht, um sich vor 6 bis 10 jährigen SchülerInnen fachlich nicht zu blamieren. Nicht in jedem Fall ist ein Fachstudium notwendige Voraussetzung.

klar. von den volksschulen spreche ich nicht.
aber ein mathematik-physik-lehrer in der AHS-oberstufe muss fragen über quantenphysik beantworten können, muss erklären können, warum man die integralrechnung braucht, um die bewegung einer rakete zu berechnen und verständlichmachen können, warum man vom handymasten am dach keine angst haben muss.

klicken sie mal hier im standard in den wissenschaftsteil. jemand, der die physikalischen gründe dieser artikel seinen schülern nicht ordentlich erklären kann, ist kein guter lehrer - zumindest in der AHS.

das es in der volksschule auf andere dinge ankommt, ist klar, da haben Sie recht.

wieso muss er das? können die an quantenphysik interessierten in der ahs oberstufe keine zeitschriften/bücher lesen oder nicht im www recherchieren? ich denke, sie reden sich da etwas schön. in wahrheit ist es nämlich genau umgekehrt: die wenigen schüler, die wirklich an solchen dingen interessiert sind, brauchen (heute) am wenigsten einen vortragenden, der sie so zwischendurch mal wieder für 40 min. in die "geheimnisse" der (natur-)wissenschaften einführt! die vielen schüler aber, die sich (aus den verschiedensten gründen) nicht helfen können, die würden gute lehrer brauchen! und dafür müsste ein öffentl. schulsystem lösungen (inkl. entspr. ausbildungssystem) suchen! aber genau das interessiert keinen, weil ...

man sich dann (im vergleich zu jetzt) mit recht banalen dingen abgeben müsste, weil man sich dann auf augenhöhe mit den wenig begabten, den schwierigen, den faulen, den kindern aus schlechtem haus, den migranten, den frechen etc. begeben müsste. da würde man vom ehemaligen "quantenphysiker" und "raketeningenieur" vom "wissensch. forscher" zum einfachen nachhilfelehrer, zum sozialarbeiter, zum persönlichen betreuer von besagter klientel. echte knochenarbeit und kein prestige. das kann/wird man nur bereit sein zu leisten aus liebe zu den jungen menschen, aber sicher nicht, weil man sich für quantenphysik und höhere mathematik begeistert.

die schüler können ja selber nachlesen - das ist genau der verbreitete irrglaube. dann brauchen wir überhaupt keine lehrer mehr, wikipedia genügt.

schüler wissen noch nicht was sie interessiert, was wichtig ist, was sie wissen wollen. man kann ein kind nicht vors internet setzen und sagen: hier hast du google - überleg selbst, was du lernen willst.
das kind braucht lehrer, die das wissen haben und das kind damit begeistern. aber das klappt nicht, wenn der lehrer selbst erst im internet nachlesen muss.

wird gerne vorgebracht und im grunde ja richtig. was sie aber (vermutlich ganz bewusst) unterschlagen, ist, dass es aber auch den genialsten quantenphysikern, mathematikern, germanisten etc. nicht gelingen wird, die 90%, der an diesen dingen wenig interessierten schüler, in den "40 min. störung zwischen den viel interessanteren pausen" dafür zu begeistern oder gar ein entscheidendes verständnis dafür zu entwickeln. und: auch der beste quantenphysiker eine einführung in seine materie nicht annähernd so interessant, anschaulich und verständlich vortragen können, wie ein gut gemachter film!

bin selber quantenphysiker und arbeite heute beruflich im bereich wissenschaftskommunikation. ich bin auch schon in schulklassen gestanden - und ich versichere Ihnen, dass engagiert vorgebrachter, fundierter vortrag spannender ist als ein film.

dass man nie alle schüler erreichen kann, ist klar. damit muss man sich wohl abfinden. aber auch die, die darüber nicht mehr erfahren wollen, sollen zuminidest das gefühl mitnehmen: das ist eine wichtige sache, ich brauch das nicht, aber es ist gut, wenn es leute gibt, die darüber bescheid wissen.

(mehr wissenschaft: www.naklar.at )

tolle site!

vollen respekt für ihre inhaltlich und technisch gut gemachte seite! gehe zu 100% mit ihrer dortigen zielsetzung konform und unbestritten mangelt es am training des verstandes (gerade in der schule!)
wenn ich mich hier bezüglich schulsystem so "universitäts-kritisch" äußere, dann nicht, weil ich etwa wissenschaftsfeindlich wäre.
ich möchte vielmehr darauf hinweisen, dass das wesentliche motiv eines lehrers an öffentlichen schulen (auch an den höheren!) ein anderes sein sollte, als die "liebe zu seinem fach". und wenn man schule endlich ernsthaft etwas verbessern will, dann würde es an den ausbildenden unis etwas mehr verständnis und ehrlichkeit brauchen als "schule funktioniert dann am besten, wenn wir die fachlich besten lehrer haben".

man darf nicht glauben, dass man die "reaktionen" bei einem einmaligen spitzen-vortrag von "extern" irgendwie für tatsächlichen unterricht hochrechnen kann. das sind einmal-effekte, die sofort verschwinden, sobald sie zum normalen schulalltag werden!
welche zauberstücke auch immer sie in der liga quantenphysik und intregralrechung vollbringen mögen, wenn die schüler alle 2 tage (nach z.B. 45 min. mühsamen französisch, 45 min. terror rechnungswesen, 45 min. vortrag bw usw.) zu ihnen in den physiksaal trotten müssen, sind sie für 90% eine lästige unterbrechung der pause! mit viel "einfühlungsvermögen" können sie die stimmung natürlich durchaus zum positiven gestalten, was aber nichts daran ändert, dass sie es nicht schaffen werden, sie für .

die freiwillige benützung ihres verstandes zu begeistern. (in dem sinne, dass sie sich auch zu hause damit beschäftigen.) schließlich müssen sie, wenn die schule um 16:00 aus ist, noch 3 beispiele mathe ohne verständnis, sinnlos in den taschenrechner tippen, 2 seiten französisch irgendwo abschreiben, irgendwelche buchungssätze und bilanzkennzahlen für die rw schularbeit lernen usw. was 90% der schüler in den höheren schulen lernen ist es, die permanenten überforderung und permanentes nicht-verstehen als den schulischen normalzustand zu erleben! ihr guter unterricht alleine, kann daran leider gar nichts ändern! man müsste sich endlich mal mit dem system schule aus der 90%-schülersicht beschäftigen und nicht aus der des "quantenpysikers".

EtikettenTAUSCH nicht -SCHWINDEL

In diesem Punkt geht die Kritik vollkommen am Kommentar Aigners vorbei.
Es ging nicht darum, dass etwas erschwindelt wurde, sondern dass obwohl die Paedagogische Hochschule gleich bleibt, die Etikette wieder einmal ausgetauscht und die PH umbenannt wird.
Michael

Einen Nachteil haben die VS-Lehrer auf jeden Fall: ihnen rückt, vor allem auf dem Land, der Bezirksschulinspektor jederzeit nahe, und was der meistens an Kleinkariertheit und Borniertheit von sich gibt, das kann man sich nicht vorstellen, wenn man's nicht erlebt hat.

Bitte hier nicht die Inspektoren in der Stadt so diskriminieren. Die können das schon auch.

Ein großes Problem ist sicher auch der Überlegenheitsdünkel den viele Universitätsangehörige und Universitätsabsolventen haben.

wir haben heute nun mal pädagogInnen erster klasse (an unis oder ahs/bhs), zweiter klasse (an volks-/haupt-/sonderschulen) und dritter klasse (an kindergärten). das ist ein untragbarer zustand. es sollte a) eine ebenbürtige ausbildung und natürlich b) den gleichen lohn geben.

Das mit dem gleichen Lohn ist eh schon angedacht - nur soll es natürlich nicht der der AHS-Lehrer sein!

Wie wäre es, wenn man das "Divide et impera"-Spiel der Politik nicht mitmacht und gemeinsam gegen die perverse Vorgabe protestiert, dass entweder alle an der Uni oder alle an der Pädak ausgebildet werden müssen und die Institutionen gefälligst aufeinander losgehen sollen?

Das ist keine inhaltliche Kritik,

aber eventuell sollte die Autorin ihre Verwendung der Konjunktion "als" überdenken:

"doch das Leiden ist im selben Ausmaß bei Pflichtschul- als auch bei AHS-LehrerInnen zu finden"

"Dann würden als logische Konsequenz PflichtschullehrerInnen den gleichen Lohn für ihre mühevolle Arbeit erhalten als AHS-LehrerInnen."

Meiner Erfahrung nach

leisten weder die Unis noch die Pädagogischen Hochschulen besonders gute Arbeit.

An den Unis gelten Lehramtskandidat/inn/en häufig nur als Ressourcenbringer. Die Pädagogischen Hochschulen sind Gefangene ihrer (politisch instrumentierten) übermächtigen Administration.

Wiederholung?

Warum bleibt in der Schule so wenig Zeit für Wiederholung? Warum schafft nur ein kleiner Bruchteil der Schüler eine Oberstufe ohne Nachhilfe oder MASSIVE elterliche Hilfe?

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