Mehr als nur Fachkompetenz

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  • "Was der Lehrer lernen muss, schafft bei vielen nur Verdruss."
    bild: wilhelm busch

    "Was der Lehrer lernen muss, schafft bei vielen nur Verdruss."

Pädagogische Hochschulen sind keine "Etikettenschwindler"

Ich gehöre zu den Lehrenden, die an einer "erschwindelten" Pädagogischen Hochschule, wie im STANDARD vom 12. Jänner zu lesen war, unterrichten.

Mir ist bekannt, dass wie von Herrn Aigner in seinem offenen Brief geschildert, Lehrer/Lehrerinnen in ihrem Fach "glühen" sollten. Laut Aigner setzt dieses "Glühen"einen "hohen fachlichen Standard voraus, den letztlich nur die Universität garantieren kann..."

Warum ist das dann aber bei vielen AHS-Lehrern, die ja an der Uni studiert haben, nicht der Fall? Und warum gibt umgekehrt es Volks- Sonder- und Hauptschullehrer die dennoch mit Leidenschaft unterrichten, die Kinder mitreißen und begeistern, sie zur Selbstständigkeit und zum Denken anregen?.

Die beschriebenen Probleme wie "Unbeweglichkeit, Reformmündigkeit, ängstliches Beharren, hierarchiegerechte Folgsamkeit" mögen ein verbreitetes LehrerInnenleiden sein, doch das Leiden ist im selben Ausmaß bei Pflichtschul- als auch bei AHS-LehrerInnen zu finden. PflichtschullehrerInnen brauchen viel mehr als nur Fachkompetenz. An den Pädagogischen Hochschulen hospitieren Studierende bereits in der Studieneingangsphase in verschiedenen Schulklassen und machen dort nach einigen Wochen bereits die eigenen Unterrichtserfahrungen. Es ist eine stufenweise, behutsame Begegnung von SchülerInnen und Studierenden. Dort findet schulische Wirklichkeit statt.

Problematische Erfahrungen machen die SchülerInnen sowohl in Volks- Sonder- und Hauptschulen, als auch in der AHS. Auch AHS-Lehrer sind biografisch vorbelastet und wiederholen in der Klasse oft ihre eigenen, unverarbeiteten Schulerlebnisse. Beim Thema LehrerInnenausbildung darf das Wesentlichste nicht aus den Augen verloren werden: Die Kinder sind die Zielgruppe der Bemühungen.

Wenn über ihre Köpfe hinweg beschlossen und reformiert wird, verfehlt jede Reform das Ziel. Der Praxisbezug, der an Pädagogischen Hochschulen einen hohen Stellenwert genießt, hat seine Berechtigung. Wer einen Blick in eine SES-Klasse wagt, oder in eine Hauptschulklasse mit einem hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund, sollte ehrlich und realistisch genug sein, um zu erkennen, dass auch ein AHS-Lehrer hier nicht mehr an Bildung erreichen könnte als ein Pflichtschullehrer.

Die Fach- und Forschungskompetenz bildet hier oft nur einen geringen Teil der notwendigen Erfordernisse. Soziale, emotionale, und menschliche Kompetenzen sind plötzlich wichtig. Humor, Empathie und Kreativität können hier den Alltag erleichtern. Ohne notwendige Praxiserfahrungen werden in diesen Klassen auch die fachlich Kompetentesten scheitern. Es ist wie beim Schwimmen. Die Bewegungsanleitung aus dem Buch kann mir dabei helfen, es zu lernen, aber schwimmen lerne ich immer im Wasser.

Ich bin nicht prinzipiell gegen eine Ausbildung für alle LehrerInnen an den Universitäten. Vielleicht wäre es die beste und auch gerechteste Lösung. Dann würden als logische Konsequenz PflichtschullehrerInnen den gleichen Lohn für ihre mühevolle Arbeit erhalten als AHS-LehrerInnen. Oder?

Ich bin aber gegen die Art der Diskussion, wie sie von universitärer Seite her geführt wird, die offensichtlich den Bildungsanspruch für sich alleine verbuchen möchten. Pädagogische Hochschulen sind keine "Etikettenschwindler". Die Pädagogischen Hochschulen haben als Zielgruppe die PflichtschullehrerInnen und leisten gute Arbeit. Die Unis haben als Zielgruppe die AHS-Lehrer und leisten gute Arbeit. Die Zielgruppen unterscheiden sich. Darum dürfen sich auch die Institutionen mit ihren Schwerpunkten, ihren Vortragenden und ihren Angeboten unterscheiden. Zweitklassig ist hier niemand. (Erika Stoifl, DER STANDARD, Printausgabe, 18.1.2012)

ERIKA STOIFL (40) ist Volks- und Sonderschullehrerin sowie Lehrende an der KPH Wien/Krems.

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