Rote Schuldensucht, schwarze Sparneurose

Kolumne | Hans Rauscher, 17. Jänner 2012, 19:21

SPÖ und ÖVP müssen sich von alten Reflexen lösen und einen Mix finden: Schulden für echte Investitionen, Sparen beim Geldverbrennen

Bruno Kreisky (für die Niko-Generation: sozialdemokratischer Reformer mit dreimaligen Mehrheiten über 50 Prozent) sagte einmal: "Staatsschulden? Die schiebt man einfach vor sich her."

Dies ist seither die tiefenpsychologische Mentalität österreichischer Sozialdemokraten geblieben. So wie manche Kinder glauben, dass Geld "aus der Wand" (Bankomat) kommt, sind sie überzeugt, das Geld für "soziale Gerechtigkeit", "soziale Wärme" und generell "die Aufgaben des Staates" habe einfach da zu sein.

Wenn aber die Basis an volkswirtschaftlicher Wertschöpfung nicht ausreicht, um eine aufgeblähte Bürokratie und/oder das Pensionssystem zu finanzieren - dann greift die Sozialdemokratie zum Instrument der Verschuldung. Auf diese Weise werden inzwischen nicht nur die staatlichen Zuschüsse zum Pensionssystem (also laufende Ausgaben), sondern auch die Zinsen für die alten Schulden (rund acht Milliarden) mit neuen Schulden finanziert.

Milliarden, die man in die Bildung oder Forschung stecken sollte, also in die Zukunft, werden zur Finanzierung der Vergangenheit verwendet. Niemand hat das besser formuliert, als der Chef der Budgetsektion im Finanzministerium, Gerhard Steger, in einem Standard-Gastkommentar: "Man hört immer wieder, dass Schulden für sinnvolle Investitionen eine gute Sache sind. Geschenkt. Aber die Struktur österreichischer Budgets zeigt: Wir haben nicht Defizite, weil wir so viel investieren. Wir haben Defizite, weil wir in ineffizienten Strukturen Geld verbrennen. Schuldenpolitik macht also den starken, aktiven, umverteilenden Staat extrem verwundbar".

Inzwischen ist die größte Ratingagentur Standard & Poor's zu der Ansicht gelangt, dass Österreich zu wenig oder nichts tut, um die Schuldendynamik einzubremsen. Und, wie Steger im September schrieb, "ob das fair ist oder nicht" - die Institutionen, die uns Geld leihen, richten sich nach dem Urteil der Agenturen.

Der Bundesregierung ist der Rating-Schreck in die Glieder gefahren, mehr als sie zeigt. Breite Kreise der Sozialdemokratie, des ÖGB, der Arbeiterkammer wollen allerdings immer noch nicht begreifen, wie viel es geschlagen hat; beziehungsweise glauben sie, dass man die benötigten Unsummen durch "Reichensteuern" hereinkriegt. Die ÖVP hingegen fühlt sich in ihrem Einsparungscredo bestätigt. Sie hat sicher recht, wenn sie die Eindämmung von "sozialer Wärme" dort fordert, wo ohnehin schon überheizt ist, etwa bei der "Hacklerpension" oder auch bei einem (Groß-? )Teil der Invalidenpensionen, die schlicht und einfach durch Gefälligkeitsatteste gewährt werden. Aber das ist nicht alles. Die Kehrseite der Schuldensucht bei den Roten ist aber eine Sparneurose bei den Schwarzen: Kürzen um des Kürzens willen, Sparen, bis die Schwarte kracht.

In der jetzigen Situation kann das tödlich sein. In Griechenland sind die Sparmaßnahmen prinzipiell berechtigt, aber insgesamt bringen sie das Land trotzdem um. Bevor es in Österreich so weit kommt, müssen sich die Regierungsparteien von ihren alten Reflexen lösen - Dulliöh auf Schulden da, kleinliches Nudeldrucken dort - und einen vernünftigen Mix finden. Schulden für echte Investitionen, Sparen beim sinnlosen Geldverbrennen. Da stellt sich die "soziale Gerechtigkeit" fast von selbst ein, über den Weg eines breiten Wirtschaftswachstums. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.1.2012)

Kommentar posten
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Heinz Anderle
 
10
19.1.2012, 19:09
Staatsschulden vor sich herzuschieben ging schon damals nicht mehr.

In der Meinungsverschiedenheit um die weitere Koppelung des Schillings an die D-Mark setzte sich zum Glück der "Kronprinz" Androsch durch. Als der Sonnenkönig darüber zu laut nachgedacht hatte, waren nämlich sofort Einlagen aus Österreichs Banken abgezogen worden, und es blieb bei der Hartwährungspolitik.

Statt danach aber für Infrastruktur, Bildung und Forschung die Staatsschulden für Verstaatlichte Industrieruinen, Frühpensionen, das ÖBB-Milliardengrab, Bauern, Beamte sowie zur Versorgung der Parteifreunderl und Günstlinge immer weiter anzuhäufen, fällt eben nur irgendwann auch den Kreditschützern unangenehm auf.

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

woody999
00
19.1.2012, 07:01
der artikel tut so, als ob es nie schwarze an oder in der regierung gegeben hätte

gab ja auch nie schwarze finanzministerInnen in den letzten jahrzehnten....

ist der artikel eine werbeeinschaltung?

Lupo71
01
18.1.2012, 19:57
Nein.

Ich teile die Ansicht von Herrn Rauscher nicht. Dieses Einserkastel besteht, meiner Meinung nach, aus Stereotypen. Wenn dem nicht so wäre dann wäre z.B.: NÖ nicht unter den höchst verschuldeten Bundesländern in Österreich. Da gibt es keine Ausrede. Da regiert die ÖVP schon zu lange alleine. Und ich halte auch nichts davon, den Kreisky als den Vater aller Schuldenmacher hinzustellen. Die letzten 25 Jahre war die ÖVP immer in der Regierung, in sechs davon stellte Sie den Kanzler. Und? Niemand hat die ÖVP gezwungen in einer Regierung zu sein, die weitere Schulden macht. Aber sie hat halt überall brav mitgemacht und nebenbei sehr gut auf Ihre Klientel geachtet. Und in den sechs unbehelligten Jahren wurden auch keine Schulden abgebaut
lg

alpenmilch
10
18.1.2012, 21:26

Sicher gab es einen Schuldenabbau unter Blau-Schwarz

Lupo71
00
19.1.2012, 01:11
Üblicher Stehsatz ohne Wahrheitsgehalt.

Das ist der übliche Überschmäh der Schwarzen, Blauen und dann Orangen. Weiss zwar nicht wo Poster "KummerlI" seine Zahlen her hat. Auf jeden Fall sind sie gestiegen. Meine sind von der Website www.staatsschulden.at. Die Quelle ist die Nationalbank. Stand September 2011. Und wie sie sehen können sind die Staatsschulden stätig gestiegen. Wo war bitte da der Schuldenabbau von schwarz-blau?

Schuldenstände der letzten Jahre

2006 EUR 161.392.000.000
2005 EUR 157.428.000.000
2004 EUR 151.859.000.000
2003 EUR 146.859.000.000
2002 EUR 146.019.000.000
2001 EUR 143.113.000.000
2000 EUR 137.994.000.000

Die Einzigen die offensichtlich Ihre Schulden abbauen konnten sind Meischi, Hochegger, Grasser, der Graf und sonstige Unschuldsvermutete

lg

Kummerl1
02
18.1.2012, 22:29
Bilanz Schwarz-Blau-Orange

Staatsschulden der Republik 2000: 103.984 Mio Euro
Staatsschulden der Republik 2006: 136.946 Mio Euro.

Das ergibt ein sattes Schuldenplus von 33 Mrd Euro in nur sechs Jahren. Im Schnitt ein Schuldenplus von knapp 5,5 Mrd Euro/Jahr.

Zum Vergleich Regierungszeit Kreisky:
Staatsschulden der Republik 1970: 2.441 Mio Euro
Staatsschulden der Republik 1983: 21.119 Mio Euro
Das ergibt ein Schuldenplus von gut 1,4 Mrd Euro/Jahr.
Das sind die nackten Zahlen aus der Statistik.
Wenn wer glaubt, dass Schwarzblau gut ist, soll er die ruhig wiederwählen, dem Staatshaushalt tun die Schwarzen Zeiten keineswegs gut, der Verteilung des Volkseinkommens ebenso wenig, außer man gehört zu den Stiftern und sonstigen Reichen.

alpenmilch
00
19.1.2012, 09:03

Wie Sie richtig feststellen handelt es sich bei Ihren Fakten nur um nackte Zahlen.
Das zu Kreiskys Zeiten ein Euro wesentlich mehr Wert war als heute muss ich Ihnen hoffentlich nicht erklären.
Nun stellen wir den Schuldenzuwachs unter Schwarz-Blau in Relation:

Bip 2000: 208 Mrd. Euro
Bip 2006: 259 Mrd. Euro

Ergibt ein Plus von etwa 24,5 %

Schulden 2000: 138 Mrd.
Schulden 2006: 161 Mrd.

Ergibt ein Pulus von etwa 16,7%

Verstehen Sie worauf ich hinaus will?

maxundmoritz
01
18.1.2012, 19:51

Fr. Fekter (ÖVP) hat als Finanzministerin ein Budget vorgelegt und für ausgezeichnet befunden, das eine Neuverschuldung von 9 Mrd. Euro vorsieht. Sie als neurotische Sparerin anzusehen, halte ich für frivol.

Management Quatscher
15
18.1.2012, 19:50

Sollen in Zukunft wegen Burn Out frühpensionierte Beamte mit weniger als 5.000 Euro Pension pro Monat auskommen müssen ?

Das ist derart menschenverachtend, dass es mich beuteln tut.

Es geht um Menschen ! Es geht um psychisch kranke Beamte ! Das Leid des Burn Out kann nur durch Fernreisen etwas gelindert werden.

Ausserdem kann ein derart intensiver Eingriff in die Lebensplanung (hab mir vor 20 Jahren halt gedacht, dass ich mit spätestens 50 in Pensi gehen will) nur mit einer Übergangsfrist von 500 Jahren möglich. Wegen Rechtssicherheit und Vertrauensschutz. Formajuristisch !

Childerich von Bartenbruch
13
18.1.2012, 18:31
also die "spar"-propaganda der schwarzen, ...

... die seit 25 jahren in der regierung sitzt und die defizite und schulden der letzten 25 jahre mitverschuldet hat (und die davon seit 11 jahren den finanzminister stellt), wird scheinbar sogar von langjährigen beobachtern geschluckt, die es eigentlich besser wissen müssten. irgendwie äußerst seltsam!

Späthippie in völliger Verblödung
00
18.1.2012, 23:15

Nix gegen SPAR ...

Pintinho
00
18.1.2012, 17:54
Apropos Tiefenpsychologie

"So wie manche Kinder glauben, dass Geld "aus der Wand" (Bankomat) kommt"..."

Finde es abkömmlich, daß man Kinder als Sinnbild für besonders deppert verwendet.

Luziwuzi
00
18.1.2012, 18:19
Kinder sind nicht deppert,

wenn sie ans Christkind glauben.

Pintinho
00
18.1.2012, 17:54
Apropos Tiefenpsychologie

"So wie manche Kinder glauben, dass Geld "aus der Wand" (Bankomat) kommt"..."

Finde es abkömmlich, daß man Kinder als Sinnbild für besonders deppert verwendet.

WässrigesWienerWürstchen
00
18.1.2012, 17:47
@auch bei einem (Groß-? )Teil der Invalidenpensionen

Tja... wer Pech hatte, sollte sich in diesem Land besser suizidieren...

Ich vermute mal, dass was in der letzten Dekade an Großkuroption vergeigt und verschissen wurde ist mehr als was an Berufsunfähigkeitspension ausbezahlt wurde...

V995
02
18.1.2012, 16:00
sparen wollen auch die schwarzen nur bei den anderen

Android1337
00
18.1.2012, 18:17

Ist auch schwer, bei denen zu sparen, die eh schon alles bezahlen.

Filippos B€zahlnixos
00
18.1.2012, 17:52

glauben sie das nur, aber schauen sie sich das auch an:

http://images.derstandard.at/2011/11/1... 812997.jpg

Michael Holzermayr2
00
18.1.2012, 17:45
Das ist wenigstens irgendwo.

Den Roten kommt so was überhaupot nicht in den Sinn.
Siehe Häupl.

Nichtschweiger
 
00
18.1.2012, 16:59
Ist ja logisch wenn die SPÖ das Geld das sie zum Verteilen braucht....

...auch von den "anderen" will!

mayflower2
25
18.1.2012, 15:33

Invaliditätspensionen und Gefälligkeitsgutachten miteinander zu verbinden ist schon ein starkes Stück.
Rau sollte ein mal ein Sozialgericht aufsuchen oder bei der Arbeiterkammer nachfragen wie viele Mitglieder sie vor Gericht gegen die PVA vertreten.
Heute ist eine erschlichene Invaliditätspension im ASVG bereich nicht möglich.Auser man hat "Beziehungen".
Wenn Rau hier immer wieder im Zusammenhang mit der IP von gelinkten Gutachten schreibt so ist das einfach nicht in Ordnung.
Ein Betroffener.

woody999
00
19.1.2012, 07:04
es ist halt so einfach und schön klischees zu dreschen

mit verantwortungsvollem journalismus hat das nix zu tun. ist eher staberl-stil.

max ritz
00
18.1.2012, 17:46
Auser man hat "Beziehungen"

Sie sprechen es aus!

eltor09
03
18.1.2012, 17:01

Auch das hat mir sauer aufgestoßen. Was mir auffällt, ist, dass eben Arbeitnehmer aus der Industrie, aus der Beamtenschaft und aus staatsnahen Betrieben sehr leicht in den vorzeitigen Ruhestand abgeschoben werden, während Arbeitnehmer aus der Privatwirtschaft nur als "halbe Leiche" eine Invaliditätspension zu gesprochen bekommen. Von der ÖBB wollen wir erst einmal gar nicht reden.

noexist
 
30
18.1.2012, 15:33
Was ist gegen Geldverbrennen einzuwenden?

Wenn die Bürger das vor Weihnachten, oder anderen Anlässen machen, bricht doch großer Jubel aus (Stichwort Wirtschaftswachstum).
Und Investitionen sollten auch nicht für die Ewigkeit gemacht werden (Stichwort Obsoletismus).

Sparen und Kapitalismus passen einfach nicht zusammen.

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