Martin Schulz ist neuer Präsident des Europaparlaments
Bis 2. Juli 2003 war Martin Schulz ein tüchtiger, eher unauffälliger Abgeordneter im Europäischen Parlament in Straßburg. An diesem Tag jedoch wurde der Deutsche schlagartig berühmt. Auslöser dafür war ausgerechnet ein italienischer Politiker, dessen Art der brave Sozialdemokrat aus Würselen bei Aachen in Nordrhein-Westfalen politisch stets bekämpft hatte: Silvio Berlusconi.
Dieser stand an diesem Tag als Premier Italiens und EU-Ratspräsident vor den Abgeordneten. Der Delegationschef der deutschen Sozialdemokraten meldete sich zu Wort, warf dem Medienmogul Missachtung von Demokratie und Rechtsstaat vor, wegen dessen notorischer Steuer-, Bestechungs- und sonstiger Justizaffären.
Berlusconi antwortete mit höhnischem Lächeln: In Italien werde gerade ein Film über Konzentrationslager der Nazis gedreht, er werde Schulz als Kapo vorschlagen. Die Empörung, die er damit auslöste, war gewaltig. Berlusconi musste sich offiziell beim deutschen SP-Kanzler Gerhard Schröder entschuldigen. Schulz, ein brillanter, scharfer Redner, der eine hohe, schneidende Stimme hat, die bei einem leidenschaftlichen Vortrag rasch schrill wird, reagierte ganz ruhig: Als "Berlusconi-Bezwinger" war er nun ein Star. Im Jahr darauf wurde der gelernte Buchhändler, der bereits 1994 als Abgeordneter ins EU-Parlament eingezogen war, mit großer Mehrheit zum Chef der SP-Gesamtfraktion gewählt. Als solcher verfolgte er einen inhaltlich und verbal schneidigen Kurs: Wo andere dritte Wege gingen, bekannte er sich umso dringlicher zu seiner linken Haltung, zum Kampf für jene, die wenig Rechte und noch weniger Einkommen haben.
Bis zur Krise schien das unmodern. Seit Lehman 2008 ist aber alles anders: Schulz-Reden, in denen er geradezu penetrant das Fehlen von Sozialpolitik anprangert und Demokratiedefizite beklagt, scheinen derzeit verstärkt zum Trend zu werden. Insofern ist es vermutlich kein Zufall bzw. eine Fügung, wenn der 56-Jährige nun zum Präsidenten des Europaparlaments gewählt wurde.
Bei aller sprachlichen Schärfe ist Schulz immer ein Mann des Kompromisses mit den Konservativen geblieben. Europa, das bedeutet für den Sohn eines roten Polizisten und einer Mutter, die die CDU in Würselen mitgegründet hat, vor allem Aussöhnung und Toleranz. Ganz besonders spürbar ist das in der Karlsstadt Aachen.
Schulz ist mit einer Landschaftsarchitektin verheiratet und hat mit ihr zwei Kinder. (Thomas Mayer/DER STANDARD, Printausgabe, 18.1.2012)