Kopf des Tages

Ein Buchhändler, der stets die harte Kante pflegte

17. Jänner 2012, 21:14

Martin Schulz ist neuer Präsident des Europaparlaments

Bis 2. Juli 2003 war Martin Schulz ein tüchtiger, eher unauffälliger Abgeordneter im Europäischen Parlament in Straßburg. An diesem Tag jedoch wurde der Deutsche schlagartig berühmt. Auslöser dafür war ausgerechnet ein italienischer Politiker, dessen Art der brave Sozialdemokrat aus Würselen bei Aachen in Nordrhein-Westfalen politisch stets bekämpft hatte: Silvio Berlusconi.

Dieser stand an diesem Tag als Premier Italiens und EU-Ratspräsident vor den Abgeordneten. Der Delegationschef der deutschen Sozialdemokraten meldete sich zu Wort, warf dem Medienmogul Missachtung von Demokratie und Rechtsstaat vor, wegen dessen notorischer Steuer-, Bestechungs- und sonstiger Justizaffären.

Berlusconi antwortete mit höhnischem Lächeln: In Italien werde gerade ein Film über Konzentrationslager der Nazis gedreht, er werde Schulz als Kapo vorschlagen. Die Empörung, die er damit auslöste, war gewaltig. Berlusconi musste sich offiziell beim deutschen SP-Kanzler Gerhard Schröder entschuldigen. Schulz, ein brillanter, scharfer Redner, der eine hohe, schneidende Stimme hat, die bei einem leidenschaftlichen Vortrag rasch schrill wird, reagierte ganz ruhig: Als "Berlusconi-Bezwinger" war er nun ein Star. Im Jahr darauf wurde der gelernte Buchhändler, der bereits 1994 als Abgeordneter ins EU-Parlament eingezogen war, mit großer Mehrheit zum Chef der SP-Gesamtfraktion gewählt. Als solcher verfolgte er einen inhaltlich und verbal schneidigen Kurs: Wo andere dritte Wege gingen, bekannte er sich umso dringlicher zu seiner linken Haltung, zum Kampf für jene, die wenig Rechte und noch weniger Einkommen haben.

Bis zur Krise schien das unmodern. Seit Lehman 2008 ist aber alles anders: Schulz-Reden, in denen er geradezu penetrant das Fehlen von Sozialpolitik anprangert und Demokratiedefizite beklagt, scheinen derzeit verstärkt zum Trend zu werden. Insofern ist es vermutlich kein Zufall bzw. eine Fügung, wenn der 56-Jährige nun zum Präsidenten des Europaparlaments gewählt wurde.

Bei aller sprachlichen Schärfe ist Schulz immer ein Mann des Kompromisses mit den Konservativen geblieben. Europa, das bedeutet für den Sohn eines roten Polizisten und einer Mutter, die die CDU in Würselen mitgegründet hat, vor allem Aussöhnung und Toleranz. Ganz besonders spürbar ist das in der Karlsstadt Aachen.

Schulz ist mit einer Landschaftsarchitektin verheiratet und hat mit ihr zwei Kinder. (Thomas Mayer/DER STANDARD, Printausgabe, 18.1.2012)

torch
 
00
18.3.2012, 14:28

Nomen est omen, die Namensbedeutung "Schulz" beinhaltet auch Vollstreckungsbeamter...

torch
 
00
18.3.2012, 14:23
"... Martin Schulz ein tüchtiger, eher unauffälliger Abgeordneter im Europäischen Parlament in Straßburg ..."

Ein willfähriger Diener seiner Herren, die Äußerungen der Vergangenheit sprechen für sich selbst, lassen in die Zukunft blicken und richten ihn.

Er wird auch in Hinkunft die Sache seiner Herren besorgen...

donaquijote
01
27.1.2012, 15:23

ich würde meinen: ein würdiger nachfolger seiner vorgänger. da kommt hoffnung auf für das eu-parlament mit noch mehr mitbestimmungsrechten - wahl der kommission?

Warentester
00
18.1.2012, 23:09

Ja, und nach der Propaganda hier mal eine etwas differenzierte Sicht des tollen Hr. Schulz:

http://www.europarl.europa.eu/ep-live/d... onNumber=1

Besserwisser
01
18.1.2012, 20:17
Besonders wirkungsvoll kann das Amt nicht sein.

Oder kennt jemand - ohne zu googeln - die Namen seines Vorgängers? Ich musste googeln, und in der langen Liste sagten mir nur 2 Namen etwas (Pat Cox und Simone Veil).
Dass ich den Namen Martin Schulz schon kannte, und mir sogar ein Gesicht dazu vorstellen konnte, heisst also, dass dieser Mann über dem Durchschnitt der unzähligen und ständig wechselnden EU-Abgeordneten steht.
Dass er früher mal Buchhändler war, macht ihn mir sympathisch.

donaquijote
01
27.1.2012, 14:55
na vow, wenigsten zwei - ich bin überrascht. einen jerzy buzek, einen robert schumann ... :-)

ich mein, einen alcide de gasperi, der vor allem italien einen prominenten platz in der europäischen union als gründungsmitglied sicherte, jahrzehntelang die italienische politik mitbestimmte ... ein "alt-österreicher" mit zutiefst konservativ-demokratischer überzeugung aus dem trentino, könnte man auch kennen.

es sind letztlich auch menschen gewesen, die in zutiefst anti-faschistischer und anti-nationalistischer haltung und eigener erfahrung als sozusagen bi-nationale (schumann, de gasperi) auch im sinne der völkerverständigung oder der beginnenden internationalen verflechtung einem europa mit weniger grenzen aus erfahrung mehr vertrauten als kleinräumigen großherrensüchten.

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