"Der Autofahrer fühlt sich dadurch degradiert"

Interview17. Jänner 2012, 18:59
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Verkehrspsychologin Gilda-Andrea Langer erklärt, warum Autofahrer Verkehrspolitik oft mit Freiheitsentzug gleichsetzen

Standard: Warum reagieren Autofahrer so oft mit Kampfhaltung auf verkehrspolitische Änderungen?

Langer: Das hängt mit der subjektiven Bedeutsamkeit des Autos zusammen: Es ist ein als unverzichtbar erlebtes Objekt im Alltag, fast schon ein eigenes Wesen. Durch Farbe, Sonderausstattung, Aufkleber wird das Auto individualisiert und zweckentfremdet. Auto bedeutet autark und autonom sein, selbstbestimmt, unabhängig. Ich kann Kontrolle ausüben.

Standard: Warum werden selbst kleine Maßnahmen als Freiheitsentzug empfunden?

Langer: Wenn ich eine gesetzliche Geschwindigkeitsbeschränkung einführe, spreche ich dem Autofahrer damit ab, dass er die Gefahr selbst einschätzen kann. Er fühlt sich degradiert. Autofahrer halten sich eher an Regeln, die ihnen nachvollziehbar erscheinen und ins Werteschema passen - etwa eine 30er-Zone in Schulnähe. Geschwindigkeit ist politisch ein heikles Thema. Nehmen wir etwa das Vormerksystem: 2011 gingen knapp 30 Prozent aller tödlichen Unfälle auf überhöhte Geschwindigkeit zurück. Trotzdem wird Tempo nicht im System erfasst.

Standard: Seit die Grünen in Wiens Stadtregierung sind, werden viele unpopuläre Verkehrsmaßnahmen umgesetzt. Wie nachtragend sind Autofahrer als Wähler?

Langer: Das kommt darauf an, wie hart die Änderungen sind und wie sie durchgesetzt werden. Wenn ein Thema ständig in den Medien präsent ist, wird es den Autofahrern bewusst und sie sind eventuell nachtragender. Aber so etwas verschwindet auch wieder aus dem Gedächtnis.

Standard: Wie kann man Autofahrer am besten "erziehen"?

Langer: Das geht nur über Emotionen, das Herz, über Bewusstseinsbildung. In dem Moment, wo eine Änderung ins Werteschema passt, wird sich der Autofahrer dran halten. In den Nachschulungen stehen wir nicht mit erhobenem Zeigefinger da, sondern versuchen einen persönlichen Bezug zu den Konsequenzen herzustellen. Mit Strafen alleine kann man kein Verständnis schaffen.

Standard: Wie lange dauert es, bis eine Maßnahme integriert ist?

Langer: Im Prinzip dauert es ungefähr ein Dreivierteljahr bis ein Jahr, bis Verhaltensänderungen in Automatismen übergehen.

Standard: Autofahrer schimpfen über Radfahrer, verteidigen aber, sobald sie aussteigen, die Interessen der Fußgänger und umgekehrt. Warum wechseln Menschen beim Thema Verkehr ihre Meinung so schnell?

Langer: Oftmals fehlt die Empathie, das Dringlichste ist das Durchsetzen der eigenen Wünsche. Wenn ich im Stress bin und vor mir schlängelt ein Fahrradfahrer, fühle ich mich behindert. Auf der anderen Seite fühle ich mich behindert, wenn sich ein Autofahrer vor mir reinquetscht und ich nicht mehr weiterkomme.

Standard: Was hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Langer: Leider nicht viel. Aber Alkohol am Steuer ist mittlerweile ein Thema, das den Leuten sehr unangenehm ist. Viele versuchen das vor der Familie oder in der Arbeit geheim zu halten. Geschwindigkeitsübertretungen hingegen werden eher hinausposaunt, vor allem unter Jugendlichen. Dafür sind die beim Alkohol vernünftiger, als viele Erwachsene. Der Probeführerschein hat viel bewirkt. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, Printausgabe, 18.1.2012)

Gilda-Andrea Langer (37) arbeitet seit 2000 bei der AAP Nachschulungs-GmbH als Verkehrspsychologin und Ausbildnerin.

  • "Mit Strafen alleine kann man kein Verständnis schaffen", sagt Verkehrspsychologin Gilda-Andrea Langer.
    foto: der standard/fischer

    "Mit Strafen alleine kann man kein Verständnis schaffen", sagt Verkehrspsychologin Gilda-Andrea Langer.

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