Die europäische Integration scheint besonders ihre Kritiker zu bewegen - Während die großen Parteien bei den EU-Wahlen verlieren, punkten kleine, radikale und europaskeptische Gruppierungen
Die europäische Integration ist bekanntlich eher ein Kind der Vernunft als
der politischen Leidenschaft. Von Technokraten und politischen Eliten ins Leben
gerufen, wurde sie von der europäischen Bevölkerung zunächst im besten Fall
hin-, wenn überhaupt wahrgenommen. Mittlerweile ist die EU zum einflussreichen
und deshalb auch umstrittenen politischen Akteur geworden. Zeichen dafür sind
die dramatischen Einbrüche in ihrer Unterstützung und auch die
Instrumentalisierung von Europathemen durch die nationalen Parteien.
Wie aber stehen Europas Bürger und nationale Parteien tatsächlich zu der von
vielen als Zwangsgemeinschaft verunglimpften Union? Laut neuestem Eurobarometer
hielten im Mai des vergangenen Jahres 47 Prozent der EU-Bürger die Union für
"eine gute Sache", das sind um zwei Prozent weniger als noch ein halbes Jahr
zuvor. 18 Prozent lehnten sie rundweg ab, und der nicht unerhebliche Rest war
indifferent.
"Die Beteiligung an den Wahlen zum Europäischen Parlament ist in allen
Mitgliedsstaaten um rund 20 Prozent niedriger als bei nationalen Wahlen", sagt
der Politikwissenschafter Guido Tiemann vom Institut für Höhere Studien.
"Deshalb werden die EU-Wahlen oft auch als nationale Wahlen zweiter Ordnung
abgetan, in denen es eigentlich nicht um Europa geht, sondern um das Verteilen
von Denkzetteln an nationale Regierungen."
Übers Ziel hinaus
Eine Überzeugung, die Tiemann in seiner vom Wissenschaftsfonds FWF
geförderten Analyse zum Wahlverhalten in der EU entkräften will. "Da fast alle
großen Parteien in Europa integrationsfreundlichere Positionen einnehmen als
ihre Stammwähler, bleiben viele von ihnen den EU-Wahlen fern. Dabei geht es
nicht um nationale Themen, sondern dezidiert um Europa - wenn auch aus einer
kritischen Position heraus."
Und was ist mit jenen knapp 50 Prozent, die sich an den Wahlen beteiligen?
Welche politischen Einstellungen treiben sie an, und was erhoffen sie sich? "Wir
fanden heraus, dass alle großen nationalen Parteien bei diesen Wahlen
verlieren", sagt der Politologe. "Viel besser schneiden dagegen die kleinen, zum
Teil radikalen oder EU-skeptischen Parteien ab."
Die Ursache dafür sei vor allem im "Hyper-Konsenssystem" der EU zu suchen,
durch das die von den Wählern eingebrachten Positionen im Endeffekt stark
verwässert werden. "Um also überhaupt etwas zu bewegen, entscheiden sich viele
Wähler eher für Parteien, die radikalere Positionen vertreten als sie selbst."
Da es sich dabei vor allem um EU-kritische Positionen handelt, werden die Wahlen
letztlich auch genutzt, um die Kompetenzen der Union einzuschränken.
Die heftigsten EU-Skeptiker finden sich, erklärt Tiemann, sowohl am rechten
als auch am linken Rand des europäischen Parteienspektrums. "Wobei die Linken
eher sozioökonomische Motive haben wie etwa die Ablehnung eines neoliberalen
Wirtschaftsraums der Großkonzerne. Rechte Parteien gründen ihre Kritik dagegen
stärker auf kulturelle Beweggründe wie Angst um die nationale Eigenständigkeit.
Ganz anders als beispielsweise in Österreich, Deutschland, Belgien oder den
Niederlanden, wo die breite politische Mitte die europäische Integration moderat
unterstützt, während der linke und der rechte Rand dagegen sind, ist die
Situation in neoliberalen Staaten wie Großbritannien: Dort ist die Linke mit der
Labour Party klar pro EU, während die herrschenden Konservativen aus Angst vor
Regulierungen und dergleichen eine extrem europakritische Position einnehmen.
Konkret stehen nur 26 Prozent der Briten der Europäischen Union positiv
gegenüber, während sie 32 Prozent dezidiert ablehnen.
Österreichische Nische
In Schweden wiederum treten die Rechten in der Hoffnung auf mehr
Deregulierung für die europäische Integration ein, während die Linken um ihren
Wohlfahrtsstaat fürchten.
Dass es beispielsweise bei unseren deutschen Nachbarn mit 54 Prozent
beträchtlich mehr überzeugte Europäer gibt als hierzulande mit 37 Prozent, führt
Guido Tiemann unter anderem auf das Fehlen einer kontinuierlichen EU-skeptischen
Mobilisierung zurück: "Weder eine linke noch eine rechte Partei kann den
deutschen EU-Gegnern eine so zuverlässige Heimat bieten wie BZÖ und FPÖ den
österreichischen. Verstärkend kommt hier auch die Unterstützung durch gewisse
Massenmedien hinzu. Damit verfügt Österreich über eine stabile EU-kritische
Nische, in der sich Wähler und Parteien treffen können." (DER STANDARD, Printausgabe, 18.01.2012)
Buchtipp: Tiemann Guido, Treib Oliver, Wimmel Andreas, "Die EU und ihre
Bürger", Reihe Europa Kompakt, Band 9, facultas.wuv 2011, 262 Seiten