Die Griechen müssen ehrlich zu sich sein

Kommentar | Hermann Sussitz, 17. Jänner 2012, 18:22

Mangelnde Steuermoral, Beihilfenbetrug und grenzenlose Rüstungsausgaben freuen nur Waffenhersteller und Banken im Ausland

Eine Staatspleite Griechenlands rückt näher. Man muss sich das vorstellen. Das Land ist mit 350 Milliarden Euro verschuldet. Das sind 160 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Durch teils radikale Sparprogramme bricht der Konsum ein. Viele Griechen, die Geld übrig haben, schaffen es ins Ausland. Hinweg mit dem Geld nach Deutschland, in die Schweiz oder Großbritannien, gerne auch an der Steuer vorbei.

Die Griechen haben jedenfalls fleißig an ihrer Demontage gearbeitet. Mangelnder Steuermoral, Beihilfenbetrug und grenzenloser Rüstungsausgaben sei Dank.

Die privaten Reeder finden es normal, dass sie (legal) keine Steuern zahlen, aber die öffentlichen Häfen nutzen. Das zwickt die Selbstständigen, die sich ungerecht behandelt fühlen und am Fiskus vorbei arbeiten. Jeder Dritte von Ihnen erlöste Euro hat keine Steuer gesehen. Der Schwarzverkauf blüht. Menschen kassieren Beihilfen, die Ihnen nicht zustehen. So melden sich viele Gesunde als behindert oder chronisch krank. In Thessaloniki sind sie so zahlreich, dass sich der Vize-Gesundheitsminister schmunzelnd fragt, ob sein Land am Vietnam-Krieg teilgenommen hätte.

Militär ist Sargnagel

Wenn die Menschen nicht an ihr Land glauben, dann ist eine gesunde Rettung unwahrscheinlich. Dem Land geht es ökonomisch bekanntlich grottenschlecht. Und sein Militär, das normalerweise schützen sollte, könnte dabei der Sargnagel sein. Im rhetorischen Dauerkonflikt mit der Türkei gönnt sich Griechenland den - prozentuell gesehen - größten Verteidigungshaushalt der Eurostaaten. 2010 wurden dafür sieben Milliarden Euro ausgegeben - 7.000.000.000 Euro. Griechenland ist nach Portugal der größte Abnehmer deutscher Waffen, hat fast vier Mal so viele Soldaten wie Österreich. Und auch wenn man denkt, das neutrale Österreich sei kein Maßstab: Mit 136.000 Männern und Frauen unter Waffen bringt Griechenland es auf zwei Drittel der deutschen und sogar drei Viertel der italienischen Streitkräfte. Wo bleibt da die Verhältnismäßigkeit? Das Geld hätte man besser investieren können als in Fregatten, Panzer und U-Boote deutschen, französischen oder amerikanischen Ursprungs.

Jetzt scheint der Staatsbankrott unabwendbar. Dass die Griechen durch die Brennlinse Euro an Wettbewerbsfähigkeit verloren haben, ist verständlich. Dass sie wider besseren Wissens deficit spending betrieben haben, nicht. Ein Heer zu stopfen, ohne die Kriegsgeräte im Inland herzustellen, ist ein stupides Wirtschaftsmodell. Für dieses Geld hätte das Nato-Mitglied Griechenland fünfzig Jahre lang Tausende gut bezahlte Friedensbotschafter aussenden können, um mit dem Nato-Mitglied Türkei auf einen grünen Zweig zu kommen.

Ein klügerer Entscheider war aber die EU auch nicht. Zunächst zögert sie endlos lange mit Hilfskrediten, um es dann mit halbherzigen Lösungen zu versuchen. Es wäre nötig gewesen den Schuldenschnitt vor den Hilfskrediten zu fixieren. "Take it or leave it", sagt der Amerikaner. (derStandard.at, 17.1.2012)

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Sahin's Zahnlücke
10
24.1.2012, 19:16
Die Griechen waren nie ehrlich!

Vera Rschung
 
23
18.1.2012, 20:15
Brillanter Kommentar Herr Sussitz!

Einer der besten bislang überhaupt. Griechenland hat sich als Sozialgemeinschaft sein Fiasko redlichst "erarbeitet". Und weil es immer heißt, man könne nicht die Griechen als Gesamtheit für die Misere verantwortlich machen, so stimmt das natürlich, weil auch unter vielen Ungerechten sich immer auch ein Gerechter findet. So viel mittlerweile aber immer klarer gewahr wird, haben sich sehr sehr viele Griechen mit Schuld beladen. Das eigene Land in den Untergang führen, war sozusagen der Volkssport und ist es immer noch. Die Schuld an dem eigenen Versagen sucht man aber immer nur woanders. Bei den bösen Deutschen, den Amis, den Juden... die üblichen Schuldigen halt. Und schließt daraus, sich nicht ändern zu müssen und fordert Umverteilung.

sociovation
01
18.1.2012, 20:07
Wulff auch

Milchleber
44
18.1.2012, 18:24
Undifferenziert

es sind eben nicht DIE Griechen. So wie nicht DIE Österreicher die Eurofighter gekauft haben. Ja, sie haben sie bezahlt, aber die Entscheidung und der Kaufwille kamen nicht vom Volk.

Wenn jetzt eine korrupte Regierungselite Militärgerät von Deutschland, Frankreich uä. kaufen, und sich die Deutschen die Hände reiben, gleichzeitig auf die kleinen "faulen" Griechen schimpfen, dann kann einem schonmal das Geimpfte aufgehen...

Die Verlogenheit in den Regierungen, die dann die Völker zum Sparen auffordern, da könnte man doch wieder zum Wutbürger werden. Aber noch bleiben wir weiter Wurschtbürger.

Sumperliese
20
18.1.2012, 19:20
Da ist doch klar

dass Merkel und Sarko die Griechen retten wollen. Die €U schaut wahrscheinlich zu wie die griechische Regierung (nicht die Griechen als Volk ) mit dem Geld, das sie als "Hilfe" erhalten, Waffen kaufen.

Heute von Gestern
13
18.1.2012, 19:17
Jedes Volk hat die Regierung, die sie verdient, besonders wenn sie demokratisch gewählt wurde...

Das griechische Gejammere ist gar nicht mehr auszuhalten. Selbstverständlich haben Rüstungskonzerne ihre Waren an den Mann gebracht. Es ja nicht ihre Aufgabe dafür zu sorgen, dass der griechische Haushalt stimmt. Das muss schon den Abnehmer selbst wissen, oder würden Sie den Verkäufer im Autohaus beschimpfen, wenn Sie sich mit einen Autoverkauf überschuldet haben? Das ist doch die Dummheit des Käufers.

Die Griechen haben ALLES getan um in diese Situation reinzugeraten. Da wird man nicht mit Ausflüchten davon kommen, wie dass die Regierung über die Köpfe hinweg entschieden hat. Der Euro war sehr populär in Griechenland und niemand hat ernsthaft gefragt, wie das möglich war, genauso wie niemand den absurden Militäretat in Frage stellte.

sociovation
41
18.1.2012, 20:10
Ich würde den Verkäufer beschimpfen

wenn er mir - geschult durch hunderte Stunden Verkaufstraining - eingeredet hätte, ich könnte mir ein Auto leisten, dass ich mir nicht leisten kann.
NEIN, der Kauf des Autos ist definitiv nicht nur die Dummheit des Käufers, sondern auch das Geschick des Verkäufers.
Ansonsten bräuchte man keine Verkäufer, keine Werbung, kein Verkaufstraining sondern lediglich neutrale Seiten mit Preis und Spezifikation von Fahrzeugen.
Diese falsche, hinterfotzige Umdeuten von Täter und Opfer ist nicht mehr auszuhalten.

Heute von Gestern
11
18.1.2012, 23:37
Das spricht nicht für Sie...

Sie reden Unsinn. Würde sich Griechenland übervorteilt sehen durch die cleveren Ausländer, wäre der erste Schritt zur Einsicht die Reduktion des Militärhaushaltes. Dazu ist man aber in Athen demonstrativ nicht bereit, während man keine Hemmungen hat bei Schulen und Krankenhäusern massiv zu sparen. Schaut man sich die protzigen Militärparaden in Saloniki an, erkennt man, dass das diese Genitalschau kein Zufall oder gar verhandlungstechnisches Missgeschick ist. Die Griechen wollen diese Waffen, notfalls auf Kosten der griechischen Krankenschwester und in letzter Instanz des ausländischen Steuerzahlers.

Der Reaktionär
12
18.1.2012, 20:46
Sie haben vollkommen Recht!

Eigenverantwortung ist eine Fähigkeit, die den Menschen von den Apologeten des menschenverachtenden Neoliberalismus und den Totengräbern des Wohlfahrtstaates abverlangt wird.

Ich schließe mich Ihrer Kritik an und verlange Sachwalterschaft für alle! Weil wir alle irgendwo vorrangig Opfer, und sei es auch nur Opfer unserer selbst, sind!

Milchleber
01
18.1.2012, 18:21
Undifferenziert

dizzkutant
00
18.1.2012, 18:20
Retsina statt Uhudler!

Was brauchen wir ein ÖBH, wenn die Griechen so gut gerüstet sind. Im nächsten Assistenzeinsatz kommen's halt zu uns ins Burgenland und schützen unsere Grenzen (zumindest tagsüber). Also her mit dem Zaster, her mit der Marie - und ab nach Griechenland!

byron sully
04
18.1.2012, 15:01

aber das abenteuerlich hohe militärbudget ist für die EU offenbar kein problem. bei den ärmsten hingegen soll gespart werden.

arno über alles
02
18.1.2012, 18:28

den aufschrei schau ich mir an, wenn die EU irgendeinem mitglied mal kürzungen im verteidigungshaushalt vorschreibt.

'deutschland bereitet invasion griechenlands vor' wär da wohl noch die ruhigste headline...

byron sully
01
19.1.2012, 15:16

aber kürzungen im sozialbereich darf man diktieren?

Freund der Sanktionen
12
18.1.2012, 14:21
"Wenn die Menschen nicht an ihr Land glauben, dann ist eine gesunde Rettung unwahrscheinlich"?

Welcher halbwegs normale Mensch glaubt an "sein" Land? Wie krank ist das denn? Was hat das mit der wirtschaftlichen Prosperität eines Landes zu tun???

según yo...
10
18.1.2012, 19:45
also das...

...muss man wirklich nicht gleich mit dumpfem chauvinismus gleichsetzen.
ich glaube schon daran, dass österreich sein budget in einem halbwegs gesunden rahmen halten kann und dabei trotzdem noch für vergleichsweise hohe rechtssicherheit, soziale gerechtigkeit und organisationsstrukturen sorgen kann. so gesehen "glaube ich an österreich", zahle nicht ungern meine steuern und konsumiere auch gerne hier im land. das trägt wohl - soweit es das verhalten eines einzelnen klein- bis mittelverdieners halt kann - auch zur wirtschaftlichen prosperität bei.

Sat - Amun
12
18.1.2012, 13:49
Nicht nur die Reeder...

...auch die Kirche zahlt in Griechenland keine Steuern, wie wäre also damit, wenn man da mal ansetzen würde?

Dreistein
 
14
18.1.2012, 13:45
Ich frage mich, warum die EU und die EZB derart hilflos herumeiern, anstatt das Heft des Handelns an sich zu reissen.

Was spräche dagegen - außer die derzeit gültigen Regeln - dass die Zinsen und Kreditrückzahlungen für 20 Jahre ausgesetzt werden, die Gläubiger íhre Forderungen aber nicht gänzlich abschreiben brauchten, sondern jährlich nur 5 Prozent? Die Forderungen könnten also in den Büchern verbleiben. Nach 20 Jahren sind die Kredite dann abgeschrieben und vielleicht hat es Griechenland bis dahin ja geschafft sich zu erholen und beginnt dann mit einer moderaten Rückzahlung, zu Zinsen, die von der EZB vorgegeben werden. Das wäre verkraftbar und die Einzigen, die dabei durch die Finger schauen, wären die Spekulanten, die auf einen Griechenlandkonkurs gesetzt haben und auf ihren Derivaten sitzen bleiben würden.

Karl Kuttlfleck
02
18.1.2012, 13:43
Ist aber nicht nur die Schuld der Griechen!

Da sind deutsche Kanzler(Innen) an die Griechen herangetreten, und haben (natürlich) dt. U-Boote angeboten, die mit deutschen Krediten finanziert würden. So haben die Deutschen die Aufträge UND die Zinsen, und die Griechen die Schulden. Und jetzt ist der Katzenjammer groß...

Walter Kaiser.
00
18.1.2012, 16:47
Aber da die Schulden nicht oder nur teilweise bezahlt werden, muss wohl der deutsche Staat einspringen und den armen Rüstungsbetrieben helfen.

Der deutsche Steuerzahler bezahlt also den Griechen deren Rüstung.

1116er
06
18.1.2012, 13:15
egal ob sie einen reeder fragen,

oder einen chronische kranken, einen general oder den nächsten auf der straße:

JEDER wird hundert gründe wissen, warum SEIN privileg richtig und schützenswert ist. wo auf der welt ist das nicht so?

die demokratie stößt ganz brutal an ihre grenzen. denn jeder gibt irgendwann seine stimme ab. manche in eigenem interesse, viele im interesse ihrer manipulierer. (sie glauben, sie könnten ihre eigenen goodies behalten, wenn sie nur brav den ideen der dagobert ducks folgen)

demokratie ist zu einem institutionalisierten egoismus verkommen!

Herbert Reinsch
21
18.1.2012, 12:13

Die Griechen müssen ehrlich zu sich sein

das geht leider nicht!

christianr
01
18.1.2012, 12:07
die analyse stimmt.

aber was folgt daraus? wenn wir österreicher schon nicht unsere metternichsche obrigkeitshörigkeit, unsere tief eingeprägte amtskappeligkeit, unsere untertanenmentalität und charmante raunzerhaftigkeit im lauf der jahr(zehnte, hunderte)e abgelegt haben, kann man schlecht die sofortige mentalitäts- bzw gewohnheitsänderung bei den griechen fordern, die nun seit zumindest dem letzten krieg (es) sich in ihrem staatssystem ein- und grichtet haben. es ist letztlich ein henne-ei-problem. staatsbürger sehen die oberschicht=herrschende klasse=politikerkaste steuern - nun ja, vermeiden, und nehmen nun dasselbe für sich in anspruch. die oberklasse muss nun ihrerseits noch schlüffeliger sein, um oben zu bleiben...tja...es gibt kein entrinnen...

Alois Kremnitzer
112
18.1.2012, 11:49
Ehrlichkeit der Griechen

... ist wohl das Hauptproblem. Erfahrungen aus meinem letzten Kreta-Urlaub X/2011: für keine einzige Konsumation - Kaffee, Tee, Bier, Speisen (oft auch 50 € und mehr), oder andere Leistungen (z.B. Sonnenschirm) etc. gab es einen Kassabon. Es wurde einfach ein Preis genannt oder - nach Nachfrage - auf einen Schmierzettel geschrieben. Sogar der Hoteleigentümer, den ich von früheren Urlauben schon kannte, gab mir am Schluss ein Schreiben (keine Rechnung!) und bat mich, die angelaufenen Hotelkosten auf ein bestimmtes Konto zu überweisen. Es stellte sich dann heraus, dass es sich um ein Konto bei einer österreichischen Bank handelte.
Alles an einer steuerlich erfassbaren Buchhaltung vor bei. Aber die Griechen fühlen sich unschuldig!

Fonoti
00
18.1.2012, 18:21
Glaub ich ihnen gerne,

ich habe allerdings auf einer anderen Insel (Sporaden) letztes Jahr ploetzlich ueberall (!) korrekte Kassabons bekommen. Es gibt wohl auch Unterschiede zwischen "den Griechen".

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