Ungarn

Brüssel geht mit Klagen gegen Orbáns Machtpolitik vor

Thomas Mayer aus Straßburg, 17. Jänner 2012, 18:42
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    foto: apa/szandelszky

    Derzeit gibt es keine freie Sicht auf die Vorgänge am Budapester Regierungs- und Parlamentssitz. Binnen eines Monats sollen sich die Nebel lichten.

Weil in Ungarn die Unabhängigkeit von Notenbank, Richterschaft und Datenschutz gefährdet ist, leitete die EU-Kommission drei Verfahren ein

Premier Orbán hat Zeit zur Reparatur, stellt sich den EU-Abgeordneten.

***

In den Tagen größter Bedrängnis greift Ungarns Premierminister Viktor Orbán zu einer für ihn typischen Methode: Er geht zur Gegenoffensive über.

Nur so ist zu erklären, warum der Nationalkonservative, der gegen Widersacher in Budapest mit sehr harten - Kritiker sagen autoritären - Mitteln vorgeht, im Europaparlament in Straßburg einen einzigartigen Auftritt bekommt.

Dort wird er sich heute, Mittwoch, direkt den Abgeordneten stellen, die ihm fraktionsübergreifend nicht weniger als üble Verstöße gegen europäisches Recht und Grundwerte vorwerfen: durch Aushöhlen der Unabhängigkeit der ungarischen Zentralbank via Postenvergabe an der Spitze an Parteileute; durch Einschränkungen beim Datenschutz via Ombudsmann; durch Zugriff auf unabhängige Richter mittels "Frühpensionsregelung".

Verfahren eingeleitet

Die EU-Kommission hat gegen seine Regierung in diesem Zusammenhang am Dienstag gleich mehrere EU-Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Die landen am Ende beim EU-Höchstgericht in Luxemburg zur Letztentscheidung, wenn die Regierung in Budapest nicht einlenkt. Notwendig wurde dies vor allem, weil Orbán über Wochen auf dringende Änderungsaufforderungen durch die Kommission und deren ebenfalls christdemokratischen Chef José Manuel Barroso nicht reagiert hat.

Stattdessen schrieb der Ungar einen Brief an den Noch-Parlamentspräsidenten Jerzy Buzek. Inhalt: Er wolle seine "Argumente" öffentlich, vor dem EU-Parlament, vortragen. Man tue ihm Unrecht. Die Fraktionen fanden das gut, da Innenpolitik ja Europa sei und umgekehrt. Man lud ihn ein.

Deshalb wird Orban also vor seinen "politischen Anklägern" sprechen, mit ihnen diskutieren: nicht in einem verschwiegenen Ausschuss, sondern im Plenum. Das gab es noch nie. Noch nie hat ein Regierungschef der Union vor den Europaabgeordneten "innenpolitische" Maßnahmen und Gesetze in seinem Land debattiert. Das ist so in den Verträgen nicht vorgesehen. Den "großen Auftritt" kriegen sonst nur EU-Vorsitzende oder Staatsoberhäupter von Drittstaaten à la Papst oder Barack Obama.

"Das Europäische Parlament muss der Ort der Auseinandersetzung über die Europapolitik sein, deshalb ist es gut, wenn er kommt", sagte dazu der Dienstag zum Buzek-Nachfolger gewählte neue Präsident Martin Schulz. Als Chef der sozialdemokratischen Fraktion gehörte er stets zu den schärfsten Kritikern Orbáns.

Ob es sogar zur Einleitung eines EU-Verfahrens nach Artikel 7 des Vertrags, Verstöße gegen Grundrechte, kommt, wie Teile der Grünen das wollen, wird nicht zuletzt von dessen Auftritt abhängen. Bei den Christdemokraten erwartete Othmar Karas (ÖVP) "eine Erklärung des Ministerpräsidenten von Ungarn, dass alle Wünsche von Kommission und Parlament umgesetzt werden". Angesichts der notorischen Verweigerung Orbáns bisher wäre das allerdings eine Überraschung. Skeptisch zeigt sich die SPÖ. Jörg Leichtfried: "Orban lebt in einer anderen Welt." Er werde dem Vernehmen nach nur in Teilen, insbesondere bei der Zusicherung der Unabhängigkeit der Notenbank, Zugeständnisse machen.

Nach den Worten von Kommissionschef Barroso ist die ganze Angelegenheit nicht eine Frage von Zugeständnissen oder Erklärungen, sondern schlicht ein juristisches Problem, das gelöst werden muss. Sein Kollegium befürchtet, dass die Unabhängigkeit der involvierten ungarischen Institutionen gegenüber der Regierung - Notenbank, Datenschutzbehörde und Richterschaft - nicht garantiert werden könne.

Finanzhilfen unsicher

Die Einleitung der Verfahren ist gemäß EU-Recht nur der Auftakt zu einem langen Prozess. Ziel ist es, den rechtmäßigen Zustand wiederherzustellen, notfalls per Entscheid des EuGH, der einem Land empfindlich hohe Strafen aufbrummen kann. Ungarn hat jetzt aber einmal einen Monat Zeit, die Änderung der beanstandeten Gesetzesbestimmungen in Angriff zu nehmen. Normalerweise hat ein Land dafür drei Monate Zeit. Die Kommission verkürzte die Frist jedoch.

Für Ungarn ist die Sache deshalb heikel, weil es Milliardenhilfe von EU und Währungsfonds (IWF) braucht. Der IWF will nicht helfen, wenn das Notenbankgesetz nicht geändert wird. (Thomas Mayer aus Straßburg, DER STANDARD, Printausgabe, 18.1.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 270
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Avicenna
 
01
18.1.2012, 10:28
Menetekel?

Das gellende Lachen verstummte zumal
Es wurde leichenstill im Saal
Und sieh! und sieh! an weißer Wand
Da kams hervor wie Menschenhand

Und schrieb, und schrieb an weißer Wand
Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand
Der König stieren Blicks da saß
Mit schlotternden Knien und totenblaß

Die Knechtenschar saß kalt durchgraut
Und saß gar still, gab keinen Laut
Die Magier kamen, doch keiner verstand
Zu deuten die Flammenschrift an der Wand

Belsazar ward aber in selbiger Nacht
Von seinen Knechten umgebracht.

Heinrich Heine

der schwitzbär der schwitzt sehr
41
18.1.2012, 10:23
Ich lach mir einen Ast

Eine ohne Volkswahl, per Mauschelei hinter dem Vorhang zustandegekommenen Clique von "Kommissaren" erhebt Klage gegen eine von breiter Bevölkerungsmehrheit gewählte Regierung - wegen Gefährdung der Demokratie!

Sheis auf die Rechten, aber das ist ein Witz !

Roter Baron
21
18.1.2012, 09:56
genauso ghörts

wenn sich die vor lauter nationalwahn net gspüren
müssens eben per gericht
zwangsrezivilisiert werden.

roter baron

hollaro jojojo
00
18.1.2012, 09:29
Naseweise Nationalisten

Na da können gleich mal alle Blaurangen WählerInnen aus nächster Nähe sehen, was passiert wenn der Nationalismus wieder um sich greift.

ichbinsofrei.net
00
18.1.2012, 13:49
Das traurige ist, dass es auch bei uns so tönt

Für die meisten Medien ist bzgl Ungarn nur Thema, dass UNSERE Wirtschaft geschädigt werden könnte. UNSER ÖSTERREICH blablabla.
Das andere - Demokratieabbau - kommt doch nur am Rande vor. Hören Sie den Politikern mal zu, und lesen Sie kritisch. In Wahrheit unterscheiden sich die meisten Politiker in Sachen Nationalismus nur graduell voneinander. Nationalistisch sind sie eigentlich alle.

adcon
11
18.1.2012, 09:27
Ich glaube nicht,

dass wir hier die wahren Hintergründe wirklich kennen aber eines steht für mich klar, nämlich dass Orban dem Ansehen seines Landes schadet und damit auch jeden einzelnen Bürger und auch nicht gerade das Vertrauen der Investoren nachhaltig verbessert. Orban betreibt auch nichts anderes als Stammtischpolitik so wie auch in AT von einer Partei üblich, so nach dem Motto "genau das lassen wir uns nicht gefallen von der bösen diktierenden EU" Orban geht es nur um Machterhaltung auf Kosten des einzelnen Bürger, der mit 400 Euro Pension auskommen muss. Wenn man auf ausl. Hilfen angewiesen ist, muss man sich eben einiges gefallen lassen, das war schon immer so.

edurkheim
14
18.1.2012, 08:52
Was soll bitte an einer abhängigen Noten-Bank undemokratisch sein?

Im Mutterland der Demokratie England war die Notenbank bis in die 90er der Regierung sogar Weisungsgebunden.

Es ist einfach unseriös wie hier rein Finanzpolitische Interessen mit wirklich demokratpolitischen Verfehltungen (Mediengesetzgebung Verfassungerichtsbarkeit) vermischt werden.

Außerdem ist die größere Gefahr für die Demokratie in Europa sicher Merkozy weil die diktieren wirklich ohne rechtliche Grundlage, Kontrolle, Öffentlichkeit oder gerichtliche Überprfübarkeit.

Pinga
00
18.1.2012, 10:03

Aha, und eine UNabhängige Notenbank ist weniger demokratisch? Nämlich unabhängig von der Regierung??

Der Chronist
20
18.1.2012, 09:00

Sie haben natürlich recht.

Aber Orban hat halt mehr im Sinn als nur Notenbanksachen, nämlich eine faschistische Diktatur, die derzeit schon sehr an Dollfuß erinnert und sicher noch weiter führen würde.

Orban muss gestoppt werden, keine Frage.

Aber darüber darf man das von Ihnen Gesagte natürlich nicht vergessen - Merkel und Sarkozy sind tatsächlich eine Gefahr.

Ammit
12
18.1.2012, 08:50
...brüssel geht mit klagen zur wahrung der eigenen machtpolitik vor...

...dem vorwurf der "üblen verstöße gegen europäisches recht und grundwerte" hat sich keiner von den selbsternannten eliten weder bei der griechischen beitrittslüge noch der in den folgejahren ausufernden budgetsituation gestellt...

...es geht ausschliesslich um die einzementierung des europäischen machtwahnes - jeder der elite lebt bereits die längste zeit in finanziellen verhältnissen welche den blick auf massnahmen zur budgetsanierung verbaut, dafür in einem zustand der persönlichen unantastbarkeit welche kein rechtsempfinden aufkommen lässt...

Filippos B€zahlnixos
00
18.1.2012, 09:29
wie frei ist die EZB? ist die EZB noch frei?

Jürgen Stark ist wegen der Gelddruckerei der EZB zurückgetreten. Jetzt kann er endlich frei sprechen... alles sehr "dragisch"

higgs - wozu?
11
18.1.2012, 08:33

worum geht es da wirklich? die ungarische nationalbank ist, wie die meisten, eine bank des finanzmonopols , wie alle, auf einem berg von dollanoten sitzt - ihren währungsreserven von unsicheren heiz-wert.
kann mir nur vorstellen, daß der vorwurf die "unabhängikeit" der nationalbank zu gefährden mit der weigerung zusammenhängt, diese weiterhin dem monopol unterzuordnen und mit systemgünstlingen des finanzmonpols zu besetzen.

ichbinsofrei.net
00
18.1.2012, 09:35
Welches Monopol eigentlich?

Benzino Napaloni1
02
18.1.2012, 10:27

"Finanzmonopol" steht bei denen, die sich nicht trauen für "Ostküste". ;-)

ichbinsofrei.net
01
18.1.2012, 13:39

Den Eindruck habe ich auch. Traurig ... der Schoß ist fruchtbar noch ...

ichbinsofrei.net
00
18.1.2012, 09:34
Wäre der Wert

des Dollars der von Papier, das man zum Heizen verwendet, dann wäre er nicht unsicher, sondern bekannt. Allerdings ist dem nicht so - offensichtlich ist der Dollar mehr Wert. Man kann das bestreiten oder man kann es sich erklären. Orban will auch im Fall der Fälle an die Währungsreserven ran, weil der Dollar mehr wert ist als das Papier, auf dem er gedruckt ist.

King of Cowards
00
18.1.2012, 09:30

Jaja, der "dolla" macht was er "willa".

Timagoras
 
33
18.1.2012, 08:54

dacht' ich mir doch, dass - wenn's um die böse EU geht - in diesem forum sogar ein Orbán für einige von Euch zum "guten" wird
(obwohl: für Sie war er's vermutlich auch schon vorher, nicht wahr?)

und auch in Ungarn wird man das wohl - so wie seinerzeit in Österreich - als "campagne internationaler dunkler mächte gegen das edle kleine vaterland" darstellen ...

Benzino Napaloni1
03
18.1.2012, 09:22

Leider geben Ihnen viele Postings hier völlig recht (und ich teile Ihre Einschätzung):Wenn's gegen die böseböse EU geht, sind sllche Musterdemokraten gerade recht. Ebenso, wenn's gegen die nochbösebösere USA geht - dann werden sogar Assad, Achmadinedjad oder al-Bashir in diesem Forum zu Helden.

higgs - wozu?
31
18.1.2012, 09:01

du scheinst meine postings nicht zu lesen - wennst mir eines zeigts wo ich auch nur einen politiker als "guten" bezeichne, bekommst ein internetbier spendiert - das sind doch alles nur systemkasperln die für uns eine nette show abziehen, in wirklichkeit aber eh nix zu melden haben - mich erstaunt nur der fakt, daß, obwohl genug beispiele existieren welche fogen es hat, manche der marionetten noch immer an ihren fäden sägen - und ich denke bei diesem fall handelt es sich uu. um einen solchen.
du, mein guter, scheinst mir das schubladendenken, das künstliche rechts vs. links usw. noch nicht ganz überwunden zu haben, bzw. noch nicht ganz verstanden zu haben, wozu es nötig ist und warum es ständig promotet wird.

Timagoras
 
01
18.1.2012, 15:00
"du scheinst meine postings nicht zu lesen"

.
natürlich nicht.
allein gestern und heute 150 postings von Ihnen (und die meisten davon eher lang und vermutlich schwer verdaulich.
das können Sie wirklich nicht von mir verlangen ;o)

ichbinsofrei.net
01
18.1.2012, 13:52
künstliche rechts vs. links usw.

Das ist nicht künstlich. Entweder man ist für eine egalitäre Gesellschaft oder nicht. So simpel ist es. Rechte wollen keine egalitäre Gesellschaft.

Timagoras
 
02
18.1.2012, 12:39
""du, mein guter, scheinst mir das schubladendenken, das künstliche rechts vs. links usw. noch nicht ganz überwunden zu haben, bzw. noch nicht ganz verstanden zu haben ..."

.
ich weiß, ich hab nix verstanden, dafür haben Sie aber eh den vollen durchblick und durchschauen die sinistren machenschaften der finsteren weltbeherrscher.
gut, dass es leute wie Sie gibt, die nicht auf die "westlichen mainstream-system-medien" hereinfallen, sondern diese weltverschwörungen alle aufdecken, und uns armen würschteln (im 5-minutentakt) die welt und deren geheime zusammenhänge erklären ... ;o)

ichbinsofrei.net
00
18.1.2012, 13:54
Durchschauen

3 Youtube-Filmerl, 12 Weblogs im RSS-Reader und 1-2 Foren ... so wird man heutzutage durch "Ich hab alles durchschaut"-Kasperl.

sepp schilehrer
12
18.1.2012, 08:15

Völlig falsche Überschrift und ganz mies recherchiert.

Lernen's EU-Recht, Herr Redakteur!

Das Vertragsverletzungsverfahren beginnt mit einer Aufforderung zur Stellungnahme. Die Kommission teilt Budapest ihre Meinung mit und die do Regierung wird darauf antworten.

Von einer Klage sind wir (derzeit) noch weit entfernt.

Qualitätsblatt, pffffff

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