Budget

Voves: "Ich habe für die alle ein Feeling"

Interview | 17. Jänner 2012, 19:16
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    foto: standard/kucek

    "Auf dem Sessel da, auf dem ich jetzt sitze, darf ich nicht an meine Klientel als Parteivorsitzender denken": Landeshauptmann Franz Voves fordert eine strikte Rollentrennung in der Politik.

Der steirische Landeshauptmann Franz Voves hinterfragt den Sinn von Föderalismus und Parteipolitik als Selbstzweck und fordert Strukturreformen im Bund

STANDARD: Muss man der Ratingagentur Standard & Poor's dankbar sein, dass sie die österreichische Politik wachgerüttelt hat?

Voves: Es ist mittlerweile wohl allen klar geworden, dass wir uns in Österreich raschest Strukturreformen widmen müssen. Es geht jetzt viel stärker um diese Reformen als um Sparpakete. Wir müssen herausarbeiten, in welchen Bereichen wir uns in den letzten Jahrzehnten zu breit aufgestellt haben. Wir dürfen jetzt keinen Tag verlieren, nichts darf uns mehr abhalten, das umzusetzen. Wir haben das in der Steiermark schon im Herbst 2010 erkannt. Wir werden zum Beispiel die Organisationsstruktur des Landesdienstes halbieren und 700 Beamte über den natürlichen Abgang einsparen. Uns muss aber klar sein, dass Veränderungen in den Strukturen Jahre brauchen, bis sie im Budget wirksam werden. Daher muss im Bund parallel dazu auch auf der Einnahmenseite etwas passieren.

STANDARD: Sie meinen die "Voves-Reichensteuer"?

Voves: Da sich, wie gesagt, die Wirksamkeit von Reformen erst in Jahren im Budget niederschlägt, brauche ich auch einnahmenseitig entsprechende Beiträge zur Budgetkonsolidierung. Der zweite Grund für neue Einnahmen: Ich brauche Verteilungsgerechtigkeit, ich brauche soziale Ausgewogenheit. Menschen, denen es nicht so gut geht, können zu Recht überhaupt nicht verstehen, dass die politischen Fehler von Jahrzehnten, nämlich ständig nur Klientelpolitik zu machen, auf Kosten der sozial Schwächsten gingen. Das kann es nicht sein. Die Vermögen werden bei uns geringer besteuert als in anderen EU-Ländern. Daher muss ich hier einen klaren Schritt setzen. Wir haben auch im Sinne der Gerechtigkeit in der Steiermark eine Nulllohnrunde bei den Landesbediensteten eingeführt.

STANDARD: Ihr Parteikollege, der Wiener Bürgermeister Michael Häupl, sieht das völlig anders. Er lehnt eine Nulllohnrunde ab. Diese sei eine Wachstumsbremse.

Voves: Da liegt er falsch. Ich glaube, dass sich eine einmalige Nulllohnrunde im öffentlichen Dienst in keiner Weise in der Kaufkraft so auswirkt und dass wir davon in der Steiermark keinen wirtschaftlichen Rückgang ableiten müssten. Wir wissen, dass wir in den öffentlichen Strukturen zu viel an Personal angesammelt haben. Dieses Personal ist de facto unkündbar. Und jetzt verlangen wir ein einmaliges Solidarzeichen dieser sicheren Arbeitsplätze.

STANDARD: Sie sind nun Vorsitzender der Landeshauptleutekonferenz. Könnten Sie da nicht Reformen lautstark einfordern?

Voves: Als Vorsitzender der Landeshauptleutekonferenz bist du ausschließlich der Koordinator der Themen, die alle Länder einstimmig gegenüber dem Bund zum Thema machen wollen. Ich habe mich aber nicht vor den ORF-Report hinzustellen, um zu sagen, was ich mir vorstelle. Es geht auch um Atmosphärisches: Zwei Landeschefs sind in der Vergangenheit nicht mehr zu dieser Konferenz gekommen. Das habe ich wieder eingerenkt. In sehr persönlichen Einzelgesprächen mit Michl Häupl und dem Erwin Pröll. Und sehr erfolgreich. Ich versuche lieber, im Hintergrund Dinge zu besprechen und aufzubereiten.

STANDARD: Im Bund wird oft beklagt, die Länder seien die Bremser bei allen Reformen. Sie stellen die Situation anders dar.

Voves: Ich denke, es hat in ganz Österreich in der Politik noch nie so viel Bereitschaft gegeben, wirklich maßgebliche Strukturveränderungen vorzunehmen. Jetzt geht es natürlich darum, dass wir ein föderalistischer Staat sind. Es geht um die große Frage, welche Themen künftig weiterhin Landessache oder Bundesangelegenheit sein sollen. In Wirklichkeit ist doch die Schuldenbremse nur die Selbstfesselung der Politik, nicht mehr in Klientelpolitik zu verfallen. Hätten wir überall nur vernünftige Politiker, die wissen, dass es ein Unterschied ist, ob ich Parteipolitik mache oder Landeshauptmann bin, wäre vieles anders. Auf dem Sessel da, auf dem ich jetzt sitze, darf ich nicht an meine Klientel als Parteivorsitzender denken. Und dieses Unterscheiden ist in unseren Demokratien in ganz Europa zu lange nicht gelungen. Man muss sich fragen: Wie viel Klientelpolitik kann sich Österreich überhaupt leisten, um wettbewerbsfähig zu bleiben?

STANDARD: Und wie viel Föderalismus kann sich Österreich leisten?

Voves: Auch diese Frage muss man sich stellen. Natürlich hat man Traditionen. Klagenfurter oder Steirer zu sein ist ein Unterschied. Aber man muss jetzt genau wissen, welche Gebietskörperschaften sollten in Zukunft noch welche Aufgaben erfüllen - und mit welchen Zuteilungen aus dem gemeinsamen Steuerkuchen.

STANDARD: Heißt das, es ist für Sie denkbar, dass Kompetenzen der Länder an den Bund wandern?

Voves: Bestimmte Kompetenzen sind vielleicht zu zentralisieren. Aber vielleicht sollte man die, die am ehesten von landespolitischen Verantwortlichen im Sinne der Menschen steuerbar sind, dann auch wirklich in den Ländern belassen. Die ganze Bundesratsdiskussion ist - wie die über die Wehrpflicht - verzichtbar. Denn ich muss mir zuerst bewusst sein, wie die demokratiepolitischen Strukturen in Österreich in Zukunft ausschauen sollen.

STANDARD: Als es darum ging, Kompetenzen der Schulen in den Bund zu verlagern, gaben die Länder eine klare Antwort: Es soll so bleiben, wie es ist.

Voves: Um beim Beispiel der Schulverwaltung zu bleiben: Landesbildungsdirektion oder Bundesbildungsdirektion? Genügt es aus Sicht der Länder, wenn der Bund die gesamten Grundlagen vorgibt, also die Lerninhalte, die Dienstrechte, die Ausbildungsanforderungen der Lehrer usw., und lässt man das rein Vollziehende in den Ländern? Oder brauche ich, so wie es Ministerin Schmied will, auch die Vollziehung in der Hand des Bundes, weil es sonst nicht funktioniert?

STANDARD: Wo stehen Sie da?

Voves: Das weiß ich noch nicht. Aber da finden Gespräche statt. Oder nehmen wir die Gesundheitspolitik. Auch da muss man überlegen: Genügt die jetzige Grundsatzgesetzgebung des Bundes, genügen die Rahmenbedingungen, die er vorgibt und die man in Sachen Bettenzahlen noch mehr vorgeben könnte, und soll die Vollziehung im Land bleiben? Dass wir uns Krankenhäuser an den Landesgrenzen hinbauen mit 20 Kilometer Entfernung zueinander: Da wissen wir ja hoffentlich alle, dass das nicht sinnvoll ist. Und Jugendschutzgesetze oder Baugesetze neunmal? Was man da alles vereinheitlichen könnte! Dann käme man langsam dorthin, wo man schauen kann: Was bleibt noch im Land, in der Bezirkshauptmannschaft und im Bund? Und was hat dann der Bundesrat für eine andere Bedeutung? Das ist nichts, wo der Politiker einfach drübergehen kann. Ich habe in diesen zehn Jahren längst gelernt, dass Betriebswirtschaft etwas anderes ist als Politik. Da geht es um Emotionen. Nicht um finanzwirtschaftliche Ziele.

STANDARD: Trotzdem eine finanztechnische Frage: Wie viel könnte eine Verwaltungsreform in Österreich bringen?

Voves: Also wenn das Land Steiermark an die 100 bis 150 Millionen Euro in der öffentlichen Verwaltung einsparen kann, ohne dass sich das Bürgerservice verschlechtert, dann muss das ja im Bund mindestens das 10- bis 15-Fache sein.

STANDARD: Zurück zu den Emotionen in der Politik. Vergangenen Frühling waren Tausende mit der Plattform 25 wegen Kürzungen im Sozialbereich auf der Straße. Diese Leute haben Angst um ihre Existenz. Haben Sie dazu das persönliche Gespräch genug gesucht?

Voves: Ich war auf dem Weg zum Friseur, da hab ich eine Protestgruppe mit ihrem Sprecher im Rollstuhl getroffen. Ich wurde von ihm angesprochen. Ein hochintelligenter Mensch. Wir haben uns ein Treffen ausgemacht. Jetzt wird dieser Sprecher ein Partner des zuständigen Soziallandesrates Siegfried Schrittwieser. Wir müssen in diesen Fragen stärker auf die Betroffenen eingehen und weniger auf die Träger von Vereinen. Und glauben Sie mir, ich übersehe auch diese Plattform 25 überhaupt nicht. Ich habe für die alle ein Feeling. Ich weiß, was die Vereine, die da dahinterstehen, für Behinderte, Flüchtlinge und andere Menschen tun, auf die sonst niemand schaut. (Walter Müller, Colette Schmidt, DER STANDARD, Printausgabe, 18.1.2012)

FRANZ VOVES (58), gelernter Betriebswirt, ist seit März 2002 Vorsitzender der steirischen SPÖ. Im Oktober 2005 wurde er Landeshauptmann der Steiermark. Seit 1. Jänner ist Voves für ein halbes Jahr turnusmäßiger Vorsitzender der Landeshauptleutekonferenz.

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Posting 1 bis 25 von 203
1 2 3 4 5
Selbstbedienungsladen Österreich
00
18.1.2012, 15:42
Wir wissen, dass wir in den öffentlichen Strukturen zu viel an Personal angesammelt haben. Dieses Personal ist de facto unkündbar. Und jetzt verlangen wir ein einmaliges Solidarzeichen dieser sicheren Arbeitsplätze.

!!!

Bambi, die Sau
00
18.1.2012, 15:34

Wir brauchen einen starken, linken Kanzler.

kyselak3
 
10
18.1.2012, 18:19
nöö!

Vitaminbombe
00
18.1.2012, 21:38
einen schwachen rechten Kanzler

hatten wir schon ...

kyselak3
 
00
18.1.2012, 22:01
schuschnigg?

Vitaminbombe
00
18.1.2012, 23:57
Sie sind vermutlich

um einiges älter als ich ...

kyselak3
 
00
19.1.2012, 06:17
seien sie nicht traurig!

jugend ist ein fehler, der mit jedem tag von alleine kleiner wird.

Unterton
01
18.1.2012, 23:13

Abgesehen von den ersten drei Buchstaben falsch!

kyselak3
 
00
19.1.2012, 06:16
schubert

war komponist und nicht bundeskanzler.

Unterton
00
22.1.2012, 14:38

Schuhmacher war Rennfahrer und nicht Bundeskanzler!

Tolle, sinnvolle Antwort!

kyselak3
 
00
22.1.2012, 17:56
2 fehler in nur 6 wörtern.

"Schuhmacher" heißt "Schumacher".
dieser IST rennfahrer.

vielleicht sollten sie etwas früher aufstehen, wenn sie schon andern unbedingt g'scheit kommen wollen.

Unterton
00
22.1.2012, 14:34

lol

higgs - wozu?
11
18.1.2012, 18:06

ich brauch gar keinen politiker - aber das soll jeder für sich entscheiden;-)

Vitaminbombe
00
18.1.2012, 21:37
richtig

soll jeder entscheiden, ob ihm/ihr Anarchie lieber ist als der Verzicht aufs 2. Auto und den 3. Flachbildschirm ...

neeeed
12
18.1.2012, 14:55
klingt nach einem vernünftigen menschen!

auch wenn er auch verbesserungspotential hat (wer von uns nicht...)

byron sully
22
18.1.2012, 14:45

sparen ja, aber voves' sozialabbau-sparpaket darf kein vorbild sein. so grausam neoliberal sind nicht mal die övp-landeshauptleute.

Mostbluzza
00
18.1.2012, 14:31
man kann ja sagen was man will,

aber er ist der nächste spö bk kandidat.

mal ganz wertneutral. ist ja noch zeit bis dahin.
da werden sich die schwarzen noch sputen müssen, um wen zu finden. mit den derzeitigen (in der regierung) machens keinen riss, nicht mal mit den konzernfreunden wie mitterlehner.

Erich Hametner
 
00
18.1.2012, 14:08
Wow, Voves bringt Wind in die Sache der 20 Jahre verschleppten Strukturreform...

...es geht ja bei den obsoleten 9 Landes-Gesetzgebungen nicht nur um Verwaltungseinsparungen sondern auch um eine enorme Vereinfachung für die Wirtschaft und Steigerung des Wettbewerbes:

Man kann sich nicht vorstellen, wie schwer es (Bau- und andere) Unternehmen haben, die Bundesländer übergreifend arbeiten wollen. Noch dazu werden in beinahe in jeder Gemeinde die 9 Landes-Bauordnungen unterschiedlich ausgelegt!

Es genügt doch für die Länder die Aufgabe der mittelbaren Bundesverwaltung und die Vergabe von Förderungen im Auftrag des Bundes bürgernah durchzuführen!

ALSO WENN DAS DURCHGEZOGEN WIRD, WIRD DAS WIRD DIE GRÖSSTE REFORM ALLER ZEITEN!

Ben Hemmens
00
18.1.2012, 14:25
Von einer Landtagsmehrheit

für eine Reform der Zuständigkeiten von Bund und Ländern ist Voves weit, weit entfernt.

Vor kurzem hörte ich den VP-Klubobmann Drexler bei einer Diskussion über Föderalismusreform und der hat, nur um ein Beispiel zu nehmen, die 9 Landesbauuordnungen explizit über den grünen Klee gelobt.

Erich Hametner
 
01
18.1.2012, 15:32
...ich weiß, die ÖVP bemüht sich sehr, Ihre Inkompetenz ...

...in Sachen Wirtschaft ständig unter Beweis zu stellen!

Der Chronist
24
18.1.2012, 13:55
Ja, der Voves Franzl:

Nie um eine Wortspende verlegen - aber wenns ums Handeln geht, ist er wie alle anderen: Auf den eigenen Vorteil bedacht.

Der und die Burgstaller - man darf nicht übersehen, dass die beiden die berechtigte Kritik an Faymann als Vrwand fürs eigene Hinbeissen nützen.

Beide wären eine mindestens vergleichbare Katastrophe für Österreich.

Diese Parte ist einfach am Ende.

Vorschlag: Die SPÖ soll sich einen gscheite(n) linke(n) Soziademokratin/Sozialdemokraten aus Deutschland oder Norwegen holen, sie/ihn zum österreichischen Staatsbürger machen und ihr/ihm die SPÖ übergeben, zwecks Reform und einer sozialdemokratischen Politik mit Hand und Fuß.

JazzPianist
01
18.1.2012, 14:57
sozi aus dem norden

wenn, dann gleich einen vom format eines oskar la fontaine

Der Chronist
01
18.1.2012, 15:14

Oskar Lafontaine wäre natürlich erste Wahl. Und ehrlich gesagt, er wäre mein absoluter Wunschkandidat.

kyselak3
 
00
18.1.2012, 18:21
"Oskar Lafontaine wäre natürlich erste Wahl."

man kann die ironie auch übertreiben.

Resilienzfaktor
01
18.1.2012, 14:30

Is mir eigentlich recht wurscht, woher - nur bitte ENDLICH wieder sozialdemokratische Politik mit Hand und Fuß!

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