Grenzgänger auf dem Weg zur Normalität

17. Jänner 2012, 17:54
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Borderline ist eine Persönlichkeitsstörung mit schweren Auswirkungen für Patienten und Umwelt - Sie gilt aber als gut mit Psychoanalyse behandelbar

Der Nachweis dafür könnte mit bildgebenden Verfahren erbracht werden.

"Borderliner sind schwere Kaliber", schreibt die Journalistin Brigitte Lahann von der Süddeutschen Zeitung 2008 über ihren Besuch bei der österreichischen Schriftstellerin Brigitte Schwaiger, die sich zwei Jahre später offenbar das Leben nahm – man fand ihre Leiche in einem Seitenarm der Donau, ohne Hinweise auf ein Verbrechen. "Ihre Welt ist schwarz-weiß, ihre Stimmungen schlagen in Sekunden um, sie idealisieren und verteufeln, sind impulsiv und fordernd, neigen zum Suizid, verletzen sich die Haut, hören Stimmen, leben zwischen Chaos und Leere." Eine Beschreibung, die sich weitgehend mit jener von Ärzten über Patienten mit dieser Persönlichkeitsstörung deckt. Die Krankheit, an der ein bis zwei Prozent der Bevölkerung leiden, wird in Internetforen von Betroffenen als "Diagnose ohne Ausweg" empfunden.

Trotzdem gilt Borderline, das häufig nach Missbrauch und Traumatisierung auftritt, als relativ gut behandelbar. Stephan Doering, Leiter der Universitätsklinik für Psychotherapie und Psychoanalyse an der Med-Uni Wien, sagt, viele Patienten mit dieser Persönlichkeitsstörung könnten nach mehrjähriger psychoanalytischer Behandlung mit mindestens zwei Sitzungen pro Woche ein normales Leben führen. "Geheilt" sei ein zu großes Wort. "Die Betroffenen verfügen dann aber über eine gewachsene Impulskontrolle und Affektsteuerung." Zwei Faktoren im Gefühlshaushalt gesunder Menschen, die ihnen fehlten und unkontrollierte Wutausbrüche verursachten. Doering erzählt, ohne Namen zu nennen, von einer Frau, die sechs Jahre zur Therapie kam. Sie wurde einst aufgenommen, weil sie im Zustande höchster Anspannung, wenn sich Borderliner verletzen, um sich "zu spüren", Glasscherben verschluckte. Nun lebe sie in einer tragfähigen Beziehung, was bei Patienten mit dieser Persönlichkeitsstörung als nahezu ausgeschlossen gilt.

Ausfall des "Organs"

"Die Patienten sind zwar weiterhin leicht verletzbar, wissen aber sehr genau, dass sie auf sich aufpassen müssen und was ihnen guttut. Vor dem, was ihnen nicht guttut, haben sie gelernt ,sich zu schützen", sagt Doering. Es sei ähnlich wie bei einem Organ, das nach einem Ausfall wieder arbeite, aber ohne persönliches Zutun wie Lebensstilveränderung damit wieder aufhören würde.

Wer durch Borderline nicht betroffen ist, kann schwer nachvollziehen, was es heißt, an dieser Krankheit zu leiden. Die Folge ist eine Vorverurteilung: Patienten fühlen sich abgestempelt. Borderline-Patienten wüssten trotz der Etikettierung "geisteskrank", das ihnen anhaftet, meist ganz genau, dass sie krank sind, sagt Doering. "Nach dem Ritzen ihrer Haut, bei dem sie weniger Schmerzen empfinden als Gesunde, wird ihnen bewusst, was sie getan haben – sie suchen Hilfe in Spitälern." Experten sagen dazu: "starkes Inanspruchnahmeverhalten".

Deutsche Studien aus dem Jahr 2007 ergaben, wie teuer das ist: 3,5 Milliarden Euro werden dafür ausgegeben, das sind 25 Prozent aller Kosten, die für die stationäre Behandlung psychischer Erkrankungen ausgegeben werden. Dabei ist Borderline keine "Modediagnose" mehr. Vor zwanzig Jahren habe man noch voreilige Schlüsse gezogen, als sich viele Ärzte über die Ausprägungen der Krankheit nicht sicher waren, sagt Doering.

70 Prozent der diagnostizierten Borderliner sind weiblich. Über die Gründe streiten die Experten. Doering glaubt, dass tatsächlich nicht mehr Frauen als Männer erkrankt sind. Sie würden die psychotherapeutische und psychiatrische Hilfe nur stärker in Anspruch nehmen als Männer, die zu mehr unkontrollierter Impulsivität neigen. "Sie finden wir dann in den Gefängnissen oder in Kliniken für psychisch kranke Straftäter wieder."

An der Med-Uni Wien wird die Möglichkeit erforscht, die Wirkung von psychoanalytischer Behandlung bei Borderline mit funktioneller Magnetresonanztomografie des Gehirns zu belegen. In den vergangenen zehn Jahren sei bereits festgestellt worden, dass diese Persönlichkeitsstörung meist von einer überaktiven Amygdala und einem weniger aktiven Hippocampus begleitet sind. Hier liegt das Zentrum des limbisches Systems, das für Emotionen zuständig ist.

Selbsterleben der Patienten

In einer aktuellen Studie haben Doering und sein Team darüber hinaus zeigen können, dass bei Borderline-Patientinnen spezifische Hirnareale eine veränderte Aktivität aufweisen, die mit dem Selbsterleben in Zusammenhang gebracht werden. Genau auf das Selbsterleben zielt auch die psychoanalytische Therapie dieser Persönlichkeitsstörung ab.

Doering verweist auf eine Arbeit des Forscherteams um Anna Buchheim von der Uni Innsbruck, die die Wirkung von Psychoanalyse bei Depressionen mit bildgebenden Verfahren nachweisen konnten. Gehirnregionen, die davor auffällig waren, zeigten danach wieder normale Aktivität.

Der Wissenschafter sieht diese Forschung natürlich auch als Rechtfertigung der eigenen psychoanalytischen Arbeit. In erster Linie sollte man damit Schlüsse auf die Wirkungsweise der Psychoanalyse ziehen können. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.01.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Hollywood und die Realität von kranken Menschen: Der Film "Durchgeknallt" mit Angelina Jolie prägte das Bild von Borderlinern in der Öffentlichkeit.

  • Stephan Doering von der Med-Uni.
    foto: med-uni wien

    Stephan Doering von der Med-Uni.

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