Barrie Kosky inszeniert den "Kaufmann von Venedig"
Beim Wiener Publikum kam Regisseur Barrie Kosky mit seinem Staatsopern-
Lohengrin nicht allzu gut an. In Deutschland hat sich der Australier so
weit nach oben inszeniert, dass er aufs Intendantenkarussell aufspringen konnte
und die Nachfolge von Andreas Homoki auf dem Chefsessel der Komischen Oper in
Berlin übernimmt.
Was an Kosky auffällt, ist seine Lust aufzufallen. Als hipper Interpret, als
Jude und auch als Schwuler. So nutzte er im Ring, den er in Hannover
inszenierte, die Freiheiten beim Spiel mit jüdischen Klischees, die er sich in
Deutschland (nur) als Jude herausnehmen kann, weidlich aus. Dass er sich nun im
Schauspiel Frankfurt ausgerechnet Shakespeares Kaufmann von Venedig
ausgesucht hat, passt zu ihm.
Der Kampf gegen die Aufführung von Fassbinders Die Stadt, der Müll und der
Tod ist als einer der Theaterskandale im späten Nachkriegsdeutschland sogar
im Jüdischen Museum in Berlin dokumentiert.
Für die Geschichte vom Kaufmann Antonio und dessen jungem Freund Bassanio,
die sich bei Shylock Geld borgen, für das der Jude "nur" ein Pfund Fleisch des
Venezianers als Sicherheit will, dürfte sich Kosky gleich mehrfach kompetent
fühlen. So wird die homoerotische Komponente in der Beziehung von Antonio
(Michael Goldberg) und Bassanio (Christoph Pütthoff) natürlich vom subtilen
Subtext zur handfesten Action zwischen Schlipsträgern. Klaus Grünbergs Bühne ist
ein Präsentierteller, der wie ein überdimensionierter Scheinwerfer aussieht.
Umgeben ist er von einer geschwungenen Rückwand mit Rängen, von denen die
Venezianer wie in einer Arena die Spielfläche beobachten können. Wo die Rückwand
im Zuschauerraum ausläuft, gibt es auf jeder Seite fünf grüne
Notausgangsschilder. Einen Ausweg aus ihrem eingefleischten Hass aufeinander
finden sie aber allesamt nicht.
Kosky beginnt zwar mit Kafkas Vor dem Gesetz und einer angedeuteten
Beschneidung, deren Reste Shylocks Freund Tubal in einer Tüte an die Wand
nagelt. Der Abend findet dann aber schnell zu einem musikalisch aufgepeppten
Sound. Mit subversivem Witz mischt Kosky von Barbara Spitz mit rauchiger Stimme
jiddisch geröhrte Richard-Wagner-Hits unter die Geschichte und macht daraus eine
Revue über den Hass auf beiden Seiten.
Wenn der Diener Lanzelot Gobbo (Nils Kahnwald) das Holländer-Chanson An
allem sind die Juden schuld (1931) zu Carmens Habanera-Melodie anstimmt,
dann wirkt der kolportierte Unsinn sogar befreiend. So kommt Kosky deftig
sinnlich mit Shakespeares Komödianten-Rückenwind bis zu Shylocks Rache-Monolog.
Dann aber läutet Martin Luther (Peter Schröder) das Glöckchen zur Pause und
setzt danach mit einem Monolog übers Borgen, den Wucher und die Juden ein. Der
erzeugt erst Lacher und dann ein Fremdschämen über den Antisemitismus des
Reformators. Von da an verhebt sich Kosky mit seinem allzu didaktischen
Belehrungstheater. Er streicht die gesamte Geschichte von Bassanios Brautwerbung
und lässt die Rheingoldgrüße der Rheintöchter aus einem Sauhintern ertönen. Bei
Wolfgang Michael wird Shylock zum Zentrum der Inszenierung, als geradezu
archaische Figur mit einem Lachen, dessen Zynismus aus der Tiefe einer über
Jahrtausende geschundenen Seele aufsteigt. (Joachim Lange, DER STANDARD - Printausgabe, 18. Jänner 2012)
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