Das Lachen einer geschundenen Seele

17. Jänner 2012, 17:37
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Barrie Kosky inszeniert den "Kaufmann von Venedig"

Beim Wiener Publikum kam Regisseur Barrie Kosky mit seinem Staatsopern- Lohengrin nicht allzu gut an. In Deutschland hat sich der Australier so weit nach oben inszeniert, dass er aufs Intendantenkarussell aufspringen konnte und die Nachfolge von Andreas Homoki auf dem Chefsessel der Komischen Oper in Berlin übernimmt.

Was an Kosky auffällt, ist seine Lust aufzufallen. Als hipper Interpret, als Jude und auch als Schwuler. So nutzte er im Ring, den er in Hannover inszenierte, die Freiheiten beim Spiel mit jüdischen Klischees, die er sich in Deutschland (nur) als Jude herausnehmen kann, weidlich aus. Dass er sich nun im Schauspiel Frankfurt ausgerechnet Shakespeares Kaufmann von Venedig ausgesucht hat, passt zu ihm.

Der Kampf gegen die Aufführung von Fassbinders Die Stadt, der Müll und der Tod ist als einer der Theaterskandale im späten Nachkriegsdeutschland sogar im Jüdischen Museum in Berlin dokumentiert.

Für die Geschichte vom Kaufmann Antonio und dessen jungem Freund Bassanio, die sich bei Shylock Geld borgen, für das der Jude "nur" ein Pfund Fleisch des Venezianers als Sicherheit will, dürfte sich Kosky gleich mehrfach kompetent fühlen. So wird die homoerotische Komponente in der Beziehung von Antonio (Michael Goldberg) und Bassanio (Christoph Pütthoff) natürlich vom subtilen Subtext zur handfesten Action zwischen Schlipsträgern. Klaus Grünbergs Bühne ist ein Präsentierteller, der wie ein überdimensionierter Scheinwerfer aussieht. Umgeben ist er von einer geschwungenen Rückwand mit Rängen, von denen die Venezianer wie in einer Arena die Spielfläche beobachten können. Wo die Rückwand im Zuschauerraum ausläuft, gibt es auf jeder Seite fünf grüne Notausgangsschilder. Einen Ausweg aus ihrem eingefleischten Hass aufeinander finden sie aber allesamt nicht.

Kosky beginnt zwar mit Kafkas Vor dem Gesetz und einer angedeuteten Beschneidung, deren Reste Shylocks Freund Tubal in einer Tüte an die Wand nagelt. Der Abend findet dann aber schnell zu einem musikalisch aufgepeppten Sound. Mit subversivem Witz mischt Kosky von Barbara Spitz mit rauchiger Stimme jiddisch geröhrte Richard-Wagner-Hits unter die Geschichte und macht daraus eine Revue über den Hass auf beiden Seiten.

Wenn der Diener Lanzelot Gobbo (Nils Kahnwald) das Holländer-Chanson An allem sind die Juden schuld (1931) zu Carmens Habanera-Melodie anstimmt, dann wirkt der kolportierte Unsinn sogar befreiend. So kommt Kosky deftig sinnlich mit Shakespeares Komödianten-Rückenwind bis zu Shylocks Rache-Monolog.

Dann aber läutet Martin Luther (Peter Schröder) das Glöckchen zur Pause und setzt danach mit einem Monolog übers Borgen, den Wucher und die Juden ein. Der erzeugt erst Lacher und dann ein Fremdschämen über den Antisemitismus des Reformators. Von da an verhebt sich Kosky mit seinem allzu didaktischen Belehrungstheater. Er streicht die gesamte Geschichte von Bassanios Brautwerbung und lässt die Rheingoldgrüße der Rheintöchter aus einem Sauhintern ertönen. Bei Wolfgang Michael wird Shylock zum Zentrum der Inszenierung, als geradezu archaische Figur mit einem Lachen, dessen Zynismus aus der Tiefe einer über Jahrtausende geschundenen Seele aufsteigt. (Joachim Lange, DER STANDARD - Printausgabe, 18. Jänner 2012)

Nächste Termine: 19. 1., weiters 1. 2., 11. 2., 12. 2.

  • Geplagt: Shylock (Wolfgang Michael).
    foto: schauspiel frankfurt/birgit hupfeld

    Geplagt: Shylock (Wolfgang Michael).

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