Am Montag startet das Hugo Wolf Quartett einen Zyklus im Wiener Konzerthaus - ein Gespräch über den Reiz des Kollektiven
Wien - Manchmal ist es, wie wenn vier Schauspieler bei der Erarbeitung eines
Stückes auch gemeinsam Regie führen: "Ich finde, dieses Motiv muss flüchtiger
gespielt werden - wie eine Bemerkung von einem Nebentisch", schlägt etwa
Sebastian Gürtler, der erste Geiger des Hugo Wolf Quartetts, vor. Manchmal
drängen sich Sportvergleiche auf: "Bei dieser Steigerung müssen wir dicht am
Wind bleiben", mahnt Cellist Florian Berner mehr Crescendo-Verve ein.
Manchmal hat man auch das Gefühl, dass da vier Maler zusammen an einem Bild
arbeiten, hier Linien verstärken, dort mehr Farbe auftragen. In jedem Fall ist
es in so einem Probenprozess eine ziemlich diffizile Sache, das kommunizierende
System von vier gleichberechtigten Stimmen in einem Parcours der Leidenschaften
wie in Bergs Lyrischer Suite akkurat abzustimmen, die Übergänge, die
Höhepunkte in einem harmonischen und doch auch spannungsvollen Miteinander zu
gestalten. Doch die vier haben Routine: Seit fast 20 Jahren gibt es das in Wien
beheimatete Hugo Wolf Quartett; neben den Gründungsmitgliedern Florian Berner
und Régis Bringolf (zweite Violine) sind seit 2004 Sebastian Gürtler und seit
2007 Gertrud Weinmeister mit von der Partie. Gut 50 Auftritte hat man pro
Saison, aber auch bei Konzertfreiheit probe man etwa viermal die Woche vier
Stunden, erklärt die Bratschistin. Das sei nötig, um in Form zu bleiben.
Alle vier bringen bei der belauschten Probe etwa im gleichen Ausmaß
Verbesserungsvorschläge ein - ist das immer so? "Wenn jemand Kopfweh hat, sagt
er natürlich weniger", meint Bringolf. "Und wenn ein Stück oder ein Komponist
jetzt ein Steckenpferd von einem ist, bringt sich der mehr ein", so Berner. Aber
auch bei einem Repertoirestück wie dem Berg werde nach neuen Facetten gesucht:
"Es macht nicht viel Spaß, ein Stück wieder genauso zusammenzubauen, wie man es
schon einmal gehabt hat."
Gibt es im Konzert dann noch der Tagesbefindlichkeit geschuldete Änderungen
der Interpretation? Gesetzt den Fall, Herr Gürtler kommt frustriert ins Konzert
und setzt Akzente im ersten Thema härter als üblich, müssen dann die Kollegen
ebenfalls härter einsteigen? "Das ist ein heikles Thema ....", schmunzelt
Gürtler. "Natürlich ist man manchmal in einer speziellen Laune", erläutert
Bringolf, "und natürlich wird man das in einem gewissen Sinn auch hören. Aber es
ändert nicht grundsätzlich die Interpretation."
Es sei ihnen allen wichtig, dass ihre Arbeit Relevanz besitzt und dass man
einen Zyklus anmerkt, jemand habe sich da etwas überlegt. Die Initiativkraft der
US-Veranstalter, die das Quartett jedes Jahr einladen, sei da ein Vorbild. So
sind zu den jeweiligen Werken einführende Worte geplant; nach dem Konzert kann
man mit dem Quartett einen heben gehen - in der Bar des Hotels Intercontinental
kann mit den Musikern bei einem Whiskey Sour munter über das eben konsumierte
Motivmaterial geplaudert werden. Cheers! (Stefan Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 18. Jänner 2012)