Nicht nur Grabräuber

Jedes zweite frühmittelalterliche Grab wurde gestört

22. Jänner 2012, 18:27
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    foto: apa/grubitzsch

    Rund 50 Prozent aller bekannten frühmittelalterlichen Gräber wurden in der Vergangenheit gestört. Nicht immer waren es Grabräuber auf der Suche nach Schätzen.

Wiener Archäologin beschreibt unterschiedliche Motive hinter Grabstörungen - Auch kulturelle Komponente

Wien - Beinahe jedes zweite frühmittelalterliche Grab ist nicht mehr im Originalzustand, sondern wurde gestört - nicht immer waren es allerdings Grabräuber auf der Suche nach Schätzen, die die Totenruhe missachteten. Darauf macht die Wiener Archäologin Edeltraud Aspöck von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in einem Beitrag aufmerksam, der kürzlich im "Oxford Journal of Archaeology" veröffentlicht wurde. Demnach können verschiedene Motive dafür eine Rolle gespielt haben. Für die Wissenschafterin sind solche Graböffnungen "unterschätzte Quellen, die viel über die Mentalität der damaligen Zeit aussagen", erklärt die Wissenschafterin.

Bereits in den 1970er Jahren hatten Wissenschafter festgestellt, dass rund 40 Prozent der frühmittelalterlichen Grabstätten gestört wurden. "Mittlerweile kennen wir noch mehr, die Zahl der Grabstörungen ist vermutlich noch viel höher, weil solche Eingriffe oft gar nicht erkannt werden", so Aspöck, die sich bereits seit ihrer Diplomarbeit 2002 mit dem Phänomen "Grabraub" bzw. "Graböffnung" auseinandersetzt. Auch ihre Doktorarbeit hat sie an der University of Reading (Großbritannien) zum Thema "Sonderbestattung" geschrieben. Derzeit arbeitet Aspöck an der Prähistorischen Kommission der ÖAW an der Auswertung spätbronzezeitlicher Gräberfelder und plant dort ein Projekt zur weiteren Erforschung von Graböffnungen.

Als Beispiel nennt die Forscherin ein langobardenzeitliches Gräberfeld aus dem 6. Jahrhundert in Brunn am Gebirge (NÖ). Die dort gefundenen rund 40 Gräber wurden praktisch alle nochmals geöffnet. Ursprünglich ging man von Grabräubern aus, die in Nacht- und Nebel-Aktionen auf der Suche nach Schätzen und wertvollen Materialien die Gräber durchwühlten. Doch eine exakte Analyse der Fundsituation brachte überraschende Ergebnisse.

Rätselhafte Veränderungen

Manche Gräber waren völlig geplündert, in anderen wurden offensichtlich bewusst noch wertvolle Gegenstände zurückgelassen. Manche Knochen waren noch in anatomisch korrekter Lage, andere wiederum völlig durcheinander geworfen. In manchen Gräbern wurden eigenartige Veränderungen vorgenommen, etwa ein zweiter Schädel im Grab deponiert oder der Schädel im Skelettbereich verlagert. Solche Verlagerungen seien vor allem zu einem Zeitpunkt vorgenommen worden, als die Körper der Toten noch nicht vollständig verwest gewesen sind, so Aspöck.

"Diese Befunde weisen darauf hin, dass es sich dabei nicht um wildes, planloses Rauben gehandelt hat", erklärte die Archäologin. Dass man mit den Toten - je nach Zeitraum seit der Bestattung - anders umgegangen ist, könnte auf Vorstellungen im Zusammenhang mit Toten- oder Übergangsritualen hindeuten: noch nicht vollständig verweste Körper könnten für Verstorbene gestanden seien, die sich noch im Übergang ins Totenreich befinden. Diese Gräber wurden anders behandelt als solche mit bereits völlig skelettierten Überresten.

Kaum bekanntes Phänomen

Die Wissenschafterin hat im Zuge ihrer Doktorarbeit weitere Befunde für Graböffnungen bei einem aus der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts stammenden Friedhof in der Nähe von Winchester (Südengland) festgestellt - und zwar beim Studium der archivierten Originaldokumentation der Ausgrabung des Friedhofs Winnall II. "Da sind mir verschiedene Zeichen aufgefallen, die ich auch aus Brunn kannte, etwa bestimmte Funde im Grabschacht, Knochen verschiedener Individuen in einem Grab, etc.", so Aspöck. Das Phänomen der Grabstörung sei zum Zeitpunkt der Grabung in den 1970er Jahren unter britischen Archäologen kaum bekannt gewesen, weshalb das damals gar nicht in Erwägung gezogen wurde. "Man findet bevorzugt Dinge, von denen man weiß, dass es sie gibt", betonte die Archäologin.

Bei den Gräbern in Winchester fanden die Graböffnungen sehr bald nach der Bestattung statt, d.h. bevor die Körper verwest waren und mit dem Ziel, die Körper zu manipulieren. Dabei könnte der weit verbreitete Wiedergänger-Mythos eine Rolle gespielt haben, vermutet die Wissenschafterin, "da gibt es ganz viele verschiedene Praktiken, damit die Toten im Grab beschäftigt sind und drinnen bleiben". Ebenso könnten Unglücke wie Naturkatastrophen oder Missernten mit den Toten bzw. einer falschen Bestattung in Verbindung gebracht worden sein.

Selbst wenn es sich um Grabräuber gehandelt hat, muss es nicht unbedingt um materielle Werte gegangen sein, sondern etwa darum, bestimmte Gegenstände zu besitzen bzw. etwas zu stören, um den Lebenden zu schaden. Möglich sei auch, dass etwa die umherziehenden Langobarden selbst "Erinnerungsstücke" aus Gräbern ihrer Verstorbenen entnommen haben. Für Aspöck kann man deshalb von unterschiedlichen Arten von "Grabraub" sprechen. "Angesichts der Vielzahl an Graböffnungen muss es jedenfalls eine kulturelle Komponente gegeben haben." (APA, red)

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20 Postings
khaleb
00
28.1.2012, 23:28
ja, das passiert wenn das Grab nicht nachgekauft wird !

Freddie_Freeloader
00
27.1.2012, 22:16
jedes zweite frühmittelaterlicher grab wurde gestört. sonst würde wohl der %-satz der grabstörungen durch archäologen noch höher sein.

Mathias Steinlaus
 
00
24.1.2012, 15:47
Dass man mit den Toten - je nach Zeitraum seit der Bestattung - anders umgegangen ist, könnte auf Vorstellungen im Zusammenhang mit Toten- oder Übergangsritualen hindeuten.

Eine frühe Form des "Hallowien" Events?

Adolf Ogi
00
24.1.2012, 09:13
Langobardengräber

war nicht bis jetzt die gültige These, dass die Langobarden im 6. Jahrhundert schrittweise zum Christentum übergetreten sind. So lange sie noch heidnische Riten praktiziert haben, gab es Grabbeigaben. Kurz danach wurden diese als unnütz, ja sogar als heidnisch angesehen. Die Nachkommen dachten sich dann, dass man den Gold- und Edelsteinschmuck ohne Probleme wieder ausgraben kann. Im christlichen Glauben braucht der Tote ja keine Schätze im Jenseits.

Als Übergangsform gab es eine kurze Zeit lang christliche Grabbeigaben, etwa die bekannten Goldblattkreuze. Hat man solche in Brunn gefunden?

Michel Berger
72
23.1.2012, 14:17
Jedes zweite frühmittelalterliche Grab wurde gestört - und die restlichen werden von selbstgefälligen archeologen gestört.

A Voice
00
26.1.2012, 23:43
Ah

Da ist es ja. Sie ham sich aber ziemlich Zeit gelassen, mit diesem Kommentar.

Zinsenfeger
00
25.1.2012, 15:16

huii, denen habens Sies aber gegeben. Das wird die selbstgefälligen Archäologen glatt umwerfen.

rondra
00
25.1.2012, 01:24

geht's noch?

hotzenplotz1001
00
24.1.2012, 13:42
Kennen Sie denn die Berufsgrppe der Archäologen so gut?

Ich kenne einige Archäologen. Keiner von denen ist selbstgefällig. Im Gegenteil.

Knochenmann
01
24.1.2012, 09:03

Endlich sagt das man jemand. Die verdammten Archeologen glauben wohl, sie dürfen alles. Ich für meinen Teil werd auf meine Sarg draufschreiben: "Archeologen f**k off"

gigngogn
 
10
23.1.2012, 17:38
Und? Die Toten juckt es nicht und auch die Angehörigen werden nichts mehr dagegen haben (können)

Michel Berger
01
23.1.2012, 22:52
In Bregenz gabs mal einen Leichenbestatter,

der nicht mit dem "Hämmerle" - sondern mit dem "Zängle" den Toten die Goldzähne herausgeholt hat.
Die Toten dürfte es zwar auch nicht mehr gejuckt haben, aber als es publik wurde hat es die Justiz erheblich gejuckt.

Da möchte man geradezu "Mein Gott Walter!" singen.

1.Kp / EW 74
 
03
22.1.2012, 18:43
Kann mich an eine Bestattung

im Marchfeld erinnern, wo auf dem Brustkorb ein großer Felsbrocken lag - offensichtlich, damit der Opa nur ja nicht mehr zurück kann und die Familie sekkiert...
Den Felsen müssen sie damals extra von weit her geholt haben, die sind nämlich in der Gegend eher selten :-)

MynniaIgnea
00
31.1.2012, 15:56

War das schon zu christlichen Zeiten? Weil die Toten ja bei Jesus zweitem Erwachen auch aufstehen sollen...der Stein hieße dann wohl "Du besser nicht".

ad vocem
00
23.1.2012, 16:12

Arbeitsunfall beim Hinkelsteinklopfen? Pfusch am Bau?

1.Kp / EW 74
 
00
24.1.2012, 00:01

Nein.
Eine seriöse, frühbronzezeitliche Bestattung mit Grabbeigaben in Form von Keramik und einer Hirschkeule als Reiseproviant ins Jenseits, wenn ich mich richtig erinnere.
Aberder Stein hat uns doch zum Schmunzeln gebracht...

I could lose my account for having a voice
02
22.1.2012, 21:33

Richtig, das nennt man Leichenversteinerung. Auch schwere Grabplatten sollten diesem Zweck dienen.

Doktor Jörg Haider
012
22.1.2012, 21:54
So eine Auferstehung kann erhebliche Folgen nach sich ziehen --

auf Jahrtausende hinaus ...

I could lose my account for having a voice
014
22.1.2012, 22:08

Da Sie verbrannt wurden, Herr Doktor Haider, droht wenigstens von Ihnen keine Gefahr mehr. Ich gratuliere, Sie wurden damit quasi der "Endlösung" des Wiedergängertums zugeführt, genannt "Totalannihilation". Man wird schon gewusst haben, warum man zu solchen Mitteln griff.

Raphael Hythlodeus
32
23.1.2012, 15:19
und trotzdem postet er hier.

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