Wiener Archäologin beschreibt unterschiedliche Motive hinter Grabstörungen - Auch kulturelle Komponente
Wien - Beinahe jedes zweite frühmittelalterliche Grab ist nicht mehr im Originalzustand, sondern wurde gestört - nicht immer waren es allerdings Grabräuber auf der Suche nach Schätzen, die die
Totenruhe missachteten. Darauf macht die Wiener Archäologin Edeltraud Aspöck von
der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in einem Beitrag
aufmerksam, der kürzlich im "Oxford Journal of Archaeology" veröffentlicht
wurde. Demnach können verschiedene Motive dafür eine Rolle gespielt haben. Für
die Wissenschafterin sind solche Graböffnungen "unterschätzte Quellen, die viel
über die Mentalität der damaligen Zeit aussagen", erklärt die Wissenschafterin.
Bereits in den 1970er Jahren hatten Wissenschafter festgestellt, dass rund 40
Prozent der frühmittelalterlichen Grabstätten gestört wurden. "Mittlerweile
kennen wir noch mehr, die Zahl der Grabstörungen ist vermutlich noch viel höher,
weil solche Eingriffe oft gar nicht erkannt werden", so Aspöck, die sich bereits
seit ihrer Diplomarbeit 2002 mit dem Phänomen "Grabraub" bzw. "Graböffnung"
auseinandersetzt. Auch ihre Doktorarbeit hat sie an der University of Reading
(Großbritannien) zum Thema "Sonderbestattung" geschrieben. Derzeit arbeitet
Aspöck an der Prähistorischen Kommission der ÖAW an der Auswertung
spätbronzezeitlicher Gräberfelder und plant dort ein Projekt zur weiteren
Erforschung von Graböffnungen.
Als Beispiel nennt die Forscherin ein langobardenzeitliches Gräberfeld aus
dem 6. Jahrhundert in Brunn am Gebirge (NÖ). Die dort gefundenen rund 40 Gräber
wurden praktisch alle nochmals geöffnet. Ursprünglich ging man von Grabräubern
aus, die in Nacht- und Nebel-Aktionen auf der Suche nach Schätzen und wertvollen
Materialien die Gräber durchwühlten. Doch eine exakte Analyse der Fundsituation
brachte überraschende Ergebnisse.
Rätselhafte Veränderungen
Manche Gräber waren völlig geplündert, in anderen wurden offensichtlich
bewusst noch wertvolle Gegenstände zurückgelassen. Manche Knochen waren noch in
anatomisch korrekter Lage, andere wiederum völlig durcheinander geworfen. In
manchen Gräbern wurden eigenartige Veränderungen vorgenommen, etwa ein zweiter
Schädel im Grab deponiert oder der Schädel im Skelettbereich verlagert. Solche
Verlagerungen seien vor allem zu einem Zeitpunkt vorgenommen worden, als die
Körper der Toten noch nicht vollständig verwest gewesen sind, so Aspöck.
"Diese Befunde weisen darauf hin, dass es sich dabei nicht um wildes,
planloses Rauben gehandelt hat", erklärte die Archäologin. Dass man mit den
Toten - je nach Zeitraum seit der Bestattung - anders umgegangen ist, könnte auf
Vorstellungen im Zusammenhang mit Toten- oder Übergangsritualen hindeuten: noch
nicht vollständig verweste Körper könnten für Verstorbene gestanden seien, die
sich noch im Übergang ins Totenreich befinden. Diese Gräber wurden anders
behandelt als solche mit bereits völlig skelettierten Überresten.
Kaum bekanntes Phänomen
Die Wissenschafterin hat im Zuge ihrer Doktorarbeit weitere Befunde für
Graböffnungen bei einem aus der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts stammenden
Friedhof in der Nähe von Winchester (Südengland) festgestellt - und zwar beim
Studium der archivierten Originaldokumentation der Ausgrabung des Friedhofs
Winnall II. "Da sind mir verschiedene Zeichen aufgefallen, die ich auch aus
Brunn kannte, etwa bestimmte Funde im Grabschacht, Knochen verschiedener
Individuen in einem Grab, etc.", so Aspöck. Das Phänomen der Grabstörung sei zum
Zeitpunkt der Grabung in den 1970er Jahren unter britischen Archäologen kaum
bekannt gewesen, weshalb das damals gar nicht in Erwägung gezogen wurde. "Man
findet bevorzugt Dinge, von denen man weiß, dass es sie gibt", betonte die
Archäologin.
Bei den Gräbern in Winchester fanden die Graböffnungen sehr bald nach der
Bestattung statt, d.h. bevor die Körper verwest waren und mit dem Ziel, die
Körper zu manipulieren. Dabei könnte der weit verbreitete Wiedergänger-Mythos
eine Rolle gespielt haben, vermutet die Wissenschafterin, "da gibt es ganz viele
verschiedene Praktiken, damit die Toten im Grab beschäftigt sind und drinnen
bleiben". Ebenso könnten Unglücke wie Naturkatastrophen oder Missernten mit den
Toten bzw. einer falschen Bestattung in Verbindung gebracht worden sein.
Selbst wenn es sich um Grabräuber gehandelt hat, muss es nicht unbedingt um
materielle Werte gegangen sein, sondern etwa darum, bestimmte Gegenstände zu
besitzen bzw. etwas zu stören, um den Lebenden zu schaden. Möglich sei auch,
dass etwa die umherziehenden Langobarden selbst "Erinnerungsstücke" aus Gräbern
ihrer Verstorbenen entnommen haben. Für Aspöck kann man deshalb von
unterschiedlichen Arten von "Grabraub" sprechen. "Angesichts der Vielzahl an
Graböffnungen muss es jedenfalls eine kulturelle Komponente gegeben haben." (APA, red)