Was ist "echt" an der klischeehaften Glückseligkeit der Volksmusik? Führen uns Stars wie Andreas Gabalier ein Spiegelbild unseres Landes vor Augen?
Andreas Gabalier begeistert: Er füllt Konzerthallen, führte 2011 mit "Herzwerk" die österreichischen Charts an und ist gerngesehener Gast bei Carmen Nebel und anderen Volksmusik-TV-Paraden. Etwas Mystisches scheint ihn zu umgeben, als ob etwas noch nie Dagewesenes von ihm ausginge ... Wie ist es sonst zu erklären, dass sich seine Fangemeinde kleidet wie er, wie er spricht und versucht, den Inhalt seiner Lieder "in sich zu tragen".
Was ist echt daran?
Jeder Kritiker wirkt klein gegen diese Millionenschaft an Anhängern - eine solche kann nicht irren. Und was, wenn doch? Was ist echt an dem so voll Hingabe konsumierten Produkt? Bleibt der Star, dieser Mittelpunkt von Verzückung, Rausch und Beifallsgeschrei, nicht, wie leider so oft, letztlich eine Kreation, eine Kunstfigur? Wirft dieses Licht, das ausgeht von Attraktion, Neuheit, Einzigartigkeit und Devotionalien, nicht einen langen Schatten der Täuschung und einer von Verdienstabsicht gesteuerten Mystifizierung?
Werbeguru statt Können
Kommerzieller Erfolg muss nicht zwangsläufig mit Qualität oder Klasse zu tun haben, das wissen wir. Gemeinhin reicht schlichtweg die Anzahl entsprechender Kontakte, die für eine vor allem mediale Präsenz notwendig ist. Phänomene der Kommerzmusik zeigen immer wieder, dass selbst absolute Talentlosigkeit von einer Masse gekauft und angebetet wird, verpacken sie Werbegurus nur fesch genug in Föhnfrisur und Dauerlächeln.
Will Kritik überhört werden?
Das Publikum ist begeistert. Der Umsatz stimmt. Und an all dem gibt es nichts Schlechtes zu finden. Denn freilich gehört mit Wohlwollen und Geld belohnt und bedankt, was mit Aufwand Menschen Freude bereitet. Trotzdem, wo sind die Stimmen des fachkundigen Publikums und der Kritiker? Wer erzählt, was hinter dem "Starschnittposter" steckt? Will es einem Publikum gleichgültig sein, dass "sein" beknieter Sänger nicht singen und "sein" bejubelter Spielmann nicht spielen kann?
Publikum lässt sich kaufen
Qualität ist in einer Schlager- und Volkstümeleibranche nicht nur Nebensache, tatsächlicher Live-Gesang von Gabalier & Co. beweist vielmehr, dass Erfolg selbst ohne einen Ansatz von Begabung möglich ist. Vermarktung ist alles. Auch jene Singstimmen, die in natura unerträglich klingen, lassen sich mit genügend Technik hitparadenkompatibel machen. Erfolg lässt sich kaufen. Publikum lässt sich kaufen.
"So wie das Land und die Menschen, so sind seine Lieder", heißt es auf der Homepage des Klischeebildes Gabalier. Und stellvertretend für viele sage ich: "Nein! Unser Land und wir Österreicher sind nicht wie diese Lieder! Wir schämen uns gar für sie!"
Es schadet unserem Land
Dass eine Musikindustrie solche "Retortenbabys" zu Stars hochzüchtet und leere, talentfreie Lächelhüllen als Marke verkauft, ist weithin bekannt und einerseits nicht verwerflich, vielleicht wäre es gar zu begrüßen, denkt man an die meinetwegen billigen, immerhin aber echten Millionen von Freuden und Glückseligkeiten.
In einem erheblichen Maße bedauerlich jedoch erscheinen diese Um- und Zustände vor dem Hintergrund, dass es in unserem Lande jede Menge fähige, qualifizierte Sängerinnen und Sänger gibt, die oft ein Leben lang als Gebrauchsmusiker arbeiten (müssen). In diesem Sinne schadet das ewige Neuerschaffen von "Almenland-Schlager-Rocker-Marionetten". Es schadet der Musik. Es schadet unserem Land. (Leser-Kommentar, derStandard.at, 18.1.2012)
Autor
Andreas P. Tauser, Jahrgang 1974, ist Autor, Musiker und Brauchtums-Instrumentenerzeuger und lebt in der Steiermark.