Schwimmende Hoffnung gegen Überfischung

Reportage19. Jänner 2012, 06:15
9 Postings

Frauen aus dem Dorf Antipolo auf Mindanao proben Widerstand gegen Rollenklischees, zerfurchte Meeresböden und illegale Fangmethoden

Die Philippinensee, ein Nebenmeer des Pazifiks, liegt dunkelblau und wie erschöpft in der glühenden Mittagssonne. Nur an der Wasseroberfläche schaukeln hunderte leere Plastikflaschen vor der Küste Antipolos in der Region Marihatag auf Mindanao. Mitten im Plastikteppich sitzen zwei Fischer in einer schwimmenden Hütte, geschützt von einem kühlenden Bambusdach, und kontrollieren das, was an den Flaschen hängt. Denn es handelt sich keineswegs um eine Ansammlung von Abfall, der die Meere - auch rund um die Philippinen - zunehmend gefährdet. Im Gegenteil: Mit den Flaschen sichern die Dorfbewohner die Seile, an denen ihre Seegrasfarmen gedeihen. Das Projekt haben die Frauen des Dorfs auf die Beine gestellt, um ihre finanzielle Unabhängigkeit zu sichern und ihren Lebensraum zu schützen.

Rund 21.000 Menschen leben verteilt auf zwölf Dörfer in der Region Mariahatag. Die meisten Familien, so auch in dem Bezirk Antipolo, betreiben Fischfang im kleinen Rahmen: Pro Tag holt ein Fischer zwischen zwei und fünf Kilo an Land. Für sie ist es eine Frage des Überlebens, ob die Meeres- und Küstenressourcen intakt bleiben. Die zwei größten Bedrohungen sind Umweltverschmutzung und illegale Fangmethoden: Große Fischfangflotten dezimieren mit Schleppnetzen den Fischbestand und zerstören zudem den Meeresboden. Das Centre for Empowerment and Resource Development (CERD) setzt sich dafür ein, die Lebensbedingungen der Fischerfamilien zu verbessern.

Alleskönner Seegras

So entstand auch das Projekt mit den Seegrasfarmen: 20 Frauen haben sich vor zwei Jahren mit Hilfe von CERD organisiert, um nach einer weiteren Einkommensquelle neben der Fischerei zu suchen. Gründungsmitglied Magdalena Gonzaga hat sechs Kinder, vier gehen bereits zur Schule. Die Mittvierziegerin managt die Kasse und kennt sich mit den Zahlen aus: "Pro Monat lassen sich pro hundert Meter Schnur rund 1200 philippinische Pesos (rund 21,50 Euro, Anm.) verdienen. Insgesamt haben wir im Moment gemeinsam sechs Leinen mit je hundert Metern."

Seegras ist vielseitig und kann unterschiedlich eingesetzt werden: als Nahrung, in der Medizin, als Dünger und sogar zur Herstellung von Medikamentenkapseln. Die Männer waren zunächst skeptisch, mittlerweile betreiben sie gemeinsam mit den Frauen die Farm. "Ich glaube, wir Frauen sind mutiger und schneller offen für neue Ideen", erklärt Gonzaga und lächelt verschwörerisch. Rückschläge gebe es immer wieder: So komme es regelmäßig vor, dass durch Stürme und Tsunamis die Ernte vernichtet wird. Das geschah auch im Dezember durch den Tropensturm "Washi". Davon lassen sich die Menschen aber nicht entmutigen und bauen ihre provisorischen Seegrasfarmen immer wieder neu auf.

Muscheln mit den Füßen sammeln

Auch mit Umweltschutz verdienen die couragierten Frauen von Antipolo Geld. Werden in anderen Regionen die schützenden Mangrovenwälder an den Küsten zunehmend abgeholzt, so werden sie rund um das Dorf gehegt und gepflegt. Denn sie dienen als Laichplätze und Brutstätten für Fische und Krebse. Muscheln finden dort ebenfalls einen idealen Lebensraum: Die Frauen sammeln sie barfuß mit ihren Zehen ein und verkaufen sie auf lokalen Märkten.

Umsatteln auf Landwirtschaft

Rund 20 Autominuten entfernt, in der kleinen Küstenstadt Alegria im Bezirk Caraga, leben die Fischerfamilien in Häusern auf Stelzen direkt am Meer. Von der Ausbeute aus dem Meer können auch hier mittlerweile nur noch die wenigsten leben. "Der Fang reicht für die Familie, aber die Kosten für die Ausbildung der Kinder deckt das nicht ab", berichtet Lidencio Eguit. Sein größter Traum ist es, seiner 15-jährigen Tochter Angelic einmal eine akademische Ausbildung finanzieren zu können. Im Moment zahlt der 47-jährige noch die Schulden für ein neues Boot bei der Bank ab.

Die Not machte auch ihn erfinderisch: Er präsentiert stolz seinen kleinen Gemüse- und Kräutergarten. Mit dem Verdienst konnte er sich bereits ein neues Fangnetz leisten. Der Ertrag wird trotzdem immer weniger. Eguit ist am Meer Marihatags aufgewachsen, schon sein Vater sei Fischer gewesen, berichtet er. Er könne zwar keine Zahlen oder Studien nennen, aber noch vor einigen Jahren sei es untertags nicht so heiß geworden.

Mittlerweile sei das Wetter oft schon um acht Uhr morgens so unerträglich, dass es nicht mehr möglich sei, aufs Meer hinauszufahren. Das Dorf gleicht dann einer Geisterstadt, da sich Menschen und Tiere in den Häusern oder im Mangrovenwald vor der gleißenden Sonne verstecken. Gefischt wird nur noch in der Nacht. "Das Wasser ist ebenfalls wärmer. Uns fällt auf, dass es einige Fischarten nicht mehr gibt", sagt er. Auch sein Hauptfang, der fliegende Fisch, werde immer seltener.

Aufstand für den Umweltschutz

Ein Problem, das nicht nur Mindanao im Süden betrifft: Insgesamt eine Million Kleinfischer und fünf Millionen Menschen leben auf den Philippinen unmittelbar vom Fischfang, berichtet die österreichische Dreikönigsaktion, die CERD unterstützt. Die negativen Veränderungen wollen die Bewohner von Antipolo nicht mehr untätig hinnehmen: Durch die Schulungen und Projekte mit CERD gewinnen sie zunehmend Selbstbewusstsein, um gegen die Zerstörung ihrer Einnahmequelle vorzugehen.

Denn obwohl es strenge Gesetze gegen illegales Fischen gibt, müssen die Dorfbewohner regelmäßig Eindringlinge anzeigen, die mit Dynamit, Schleppnetzen oder Zyanid auf die Jagd gehen. Meist handelt es sich dabei um andere philippinische Fischer, die auf der Suche nach einem besseren Ertrag durch die Meere streifen.

Dynamitfischern drohen Haftstrafen

Beim ersten Mal gibt es eine Verwarnung, beim zweiten eine Geldstrafe, danach drohen sogar Haftstrafen. Die Zusammenarbeit mit der Polizei funktioniere mittlerweile relativ gut, erzählt Magdalena Gonzaga. Die Küste wird jedoch bisher nur von den Fischern überwacht, wie ihr Mann berichtet: "Wir haben Schichten von vier Uhr nachmittags bis zehn Uhr in der Früh." Untertags werde es so heiß, dass es Menschen trotz Schutzes gegen die Sonne sowieso nicht lange auf dem Wasser aushalten. Nur für Besuch fahre er um diese Tageszeit auf das Meer hinaus, sagt er augenzwinkernd. (Julia Schilly, derStandard.at, 19.1.2012)

  • Die Fischerfamilien von Antipolo auf Mindanao haben eine zusätzliche Einnahmequelle gefunden.
    derstandard.at/julia schilly

    Die Fischerfamilien von Antipolo auf Mindanao haben eine zusätzliche Einnahmequelle gefunden.

  • Sie sind nicht mehr nur als Fischer tätig, sondern legen Seegrasfarmen an.
    derstandard.at/julia schilly

    Sie sind nicht mehr nur als Fischer tätig, sondern legen Seegrasfarmen an.

  • Die Pflanzen kontrollieren sie jeden Tag.
    derstandard.at/julia schilly

    Die Pflanzen kontrollieren sie jeden Tag.

  • Das Seegras ist vielseitig und kann zum Beispiel auch als Medikamentenkapsel verwertet werden.
    derstandard.at/julia schilly

    Das Seegras ist vielseitig und kann zum Beispiel auch als Medikamentenkapsel verwertet werden.

  • Das Projekt haben die Frauen des Dorfes initiiert.
    derstandard.at/julia schilly

    Das Projekt haben die Frauen des Dorfes initiiert.

  • Die Mangrovenwälder werden in Antipolo gehegt und gepflegt, da sie Lebensraum für Muscheln sind.
    derstandard.at/julia schilly

    Die Mangrovenwälder werden in Antipolo gehegt und gepflegt, da sie Lebensraum für Muscheln sind.

  • Gefischt wird in der Nacht. Untertags ist es so heiß, dass alle Lebewesen den Schatten suchen.
    derstandard.at/julia schilly

    Gefischt wird in der Nacht. Untertags ist es so heiß, dass alle Lebewesen den Schatten suchen.

  • Die Häuser stehen auf Stelzen im Wasser.
    derstandard.at/julia schilly

    Die Häuser stehen auf Stelzen im Wasser.

  • Leticia und Lidencio Eguit leben in Alegria auf Mindanao.
    derstandard.at/julia schilly

    Leticia und Lidencio Eguit leben in Alegria auf Mindanao.

  • Neben dem Fischfang haben sie begonnen Gemüse und Kräuter anzupflanzen.
    derstandard.at/julia schilly

    Neben dem Fischfang haben sie begonnen Gemüse und Kräuter anzupflanzen.

  • Die meisten Dorfbewohner wünschen sich für ihre Kinder eine gute Ausbildung.
    derstandard.at/julia schilly

    Die meisten Dorfbewohner wünschen sich für ihre Kinder eine gute Ausbildung.

Share if you care.