Unwort "Post-Gendering"

Im Vordergrund steht doch nur die Kompetenz

Gastkommentar | 17. Jänner 2012, 11:39

Mit dem Unwort "Post-Gendering" versucht die deutsche Piratenpartei, über einen zu geringen Frauenanteil hinwegzutäuschen. Zudem macht sie damit konstruktive Debatten zur Gleichberechtigung von Frauen unmöglich - Von Sören Musyal

Zur Europawahl 2009 war die Welt noch in Ordnung - zumindest was die deutsche Piratenpartei angeht. Denn mit Wahlergebnissen von maximal zwei Prozent befand sich die Partei dort, wo sie hingehört: außerhalb des Parlaments.

Im vergangenen Jahr änderte sich dies, als die Piraten mit 8,9 Prozent in den Berliner Senat einzogen und seitdem Ahnungslosigkeit repräsentieren und politische Weitsicht vermissen lassen.

Seither hat sich viel getan: Der Holocaust wurde geleugnet, das Palituch hielt Einzug ins Abgeordnetenhaus, Posten wurden an gute Freund_innen vergeben und Zeitschriften fingen Feuer. Sicher - es handelte sich stets um einzelne Mitglieder der Piratenpartei, doch zeigt dies, dass einigen Pirat_innen politisches Gespür fehlt.

Eine naive Utopie

Einmal abgesehen davon, dass das Verbrennen der "Emma" wegen eines kritischen Artikels über den Frauenanteil in der Piratenpartei unfassbar geschichtsvergessen ist, verweist diese Reaktion auf einen Begriff, der im vergangenen Jahr besonders durch Pirat_innen lanciert wurde: "Post-Gender".

Sie seien über die Gender-Debatte hinaus, sagen große Teile der Partei. Daher sei es auch nicht schlimm, dass im Berliner Abgeordnetenhaus neben 14 Männern lediglich eine Frau sitze, denn im Vordergrund stehe die Kompetenz. Das klingt charmant. Im Wahlprogramm der Berliner Piratenpartei liest man wohlklingende Dinge wie etwa, dass Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Geschlechterrolle, der sexuellen Identität oder Orientierung Unrecht ist. Gesellschaftsstrukturen, die sich aus Geschlechterrollenbildern ergeben, würden dem Individuum nicht gerecht und seien zu überwinden. Der von der Partei verfolgte Ansatz des Post-Gendering suggeriert jedoch, dass jene Gesellschaftsstrukturen dadurch überwunden würden, indem eine Debatte über das soziale Geschlecht nicht mehr geführt wird.

Das ist bequem, das ist naiv und es lässt die angesprochene politische Weitsicht vermissen. Das Beharren auf jener Utopie verkennt die virulente Benachteiligung von Frauen und macht diesbezügliche Debatten unmöglich. Warum sollte es ein ausgewogenes Verhältnis von Männern und Frauen geben? Warum sollte es eine quotierte Rednerliste geben? Der Begriff des Post-Gendering verhindert ein Problembewusstsein darüber, dass es in der aktuellen Gesellschaft ohne Zweifel feste Rollenbilder gibt - auch bei der Piratenpartei.

Nicht Post-Gendering, sondern Feminismus

Es wäre jedoch ungerecht zu behaupten, alle Pirat_innen seien so naiv wie der Palituch tragende Gerwald Claus-Brunner. In einem Kommentar in der "taz" setzt sich die Piratin Julia Schramm durchaus differenziert mit dem Gender-Problem in ihrer Partei auseinander. Bei vielen Dingen, die sie schreibt, hat sie recht, und es stellt sich die Frage, warum Schramm den Begriff des Post-Gendering überhaupt noch verwendet. So sei das Ziel der Pirat_innen ein "Equalismus, die piratige Vorstellung der Gleichwertigkeit aller Menschen", welcher "den Angriff auf die stereotype Weiblichkeit weiterführen, weiterdenken und auf alle Menschen ausbreiten" müsse. Es gehe um einen Kampf gegen stereotype Geschlechterbilder. Post-Genderings bedarf es dafür jedoch nicht. Im Gegenteil. So, wie Julia Schramm diesen Begriff umschreibt, handelt es sich um nichts anderes als einen modernen Ansatz des Feminismus, den viele in der Piratenpartei eigentlich ablehnen.

Post-Gendering hingegen stellt einen Widerspruch zum erklärten Ziel der Partei dar. Denn während sie die freie Entfaltung des Individuums fordert, versucht sie ein identitätskonstituierendes Konstrukt abzuschaffen: In der Welt der Pirat_innen darf ich mich nicht darüber definieren, eine Frau sein zu wollen. Und das finde ich schade. (Sören Musyal, derStandard.at, 17.1.2012)

Autor

Sören Musyal, The European, ist neben seiner Tätigkeit für The European Mitherausgeber des echauffier - Magazin für Empörung

Kommentar posten
24 Postings
Kodo_KAV
00
27.1.2012, 12:57
die Hitech Subkultur wird immer politischer

Cyberpunks und BioHacker greifen nicht nur in Systeme oder DNA ein, sondern wagen auch den Einstieg zur "normalen" Politik.
Die interessenbedingte Dominanz des männlichen Geschlechts innerhalb der Hitech Subkulturen ist nun mal Tatsache und hat nichts mit Frauenfeindlichkeit zu tun.

Wyle E. Koyote
01
19.1.2012, 17:43
tolles interview mit einer politikerin der piraten

nettes zitat daraus "es kam schon einmal vor dass ich eine halbe stunde über bildungspolitik gesprochen habe und die journalistin hat kein einziges wort im artikel erwähnt und nur über meine wohnung geschrieben"

http://www.youtube.com/watch?v=F... re=related

Schionatulander
21
19.1.2012, 16:44

Hm, dann bin ich nicht der einzige, der dieses Konzept für eine ziemlich durchsichtige Finte hält.
So kann man eine immer noch bitter notwendige gesellschaftliche Debatte abtun, ohne dabei eklig konservativ oder rechtsextrem zu wirken.

Wyle E. Koyote
06
19.1.2012, 15:54
ein weiterer, billiger versuch

die piraten anzupatzen.

urbanlegend
05
19.1.2012, 13:10
Kompetenzen

Wie kann eine Quotenregelung zielführend (=Gleichberechtigung der Geschlechter) wirken, wenn nicht die Kompetenz eines/r Bewerbers/in ausschlaggebend ist, sondern wiederum das Geschlecht? Nur dass im 3ten Jahrtausend nun "Weiblichkeit" das Kriterium ist. Was kann die heutige Generation von Männern für das zuvor herrschende patriarchische Gesellschaftsmodell vorangegangener Jahrhunderte? Schafft eine Quotenregelung nicht Unrecht im modernen Sinn?

Zum Abschluss noch Provokantes: Wie kann es sein, dass ich seit 20 Jahren beinahe täglich den Medien entnehmen muss, dass Frauen weniger für die gleiche Arbeitsleistung verdienen und sich dabei nichts ändert? Sind Einkommen nicht zu individuell um sie geschlechterspezifisch vergleichen zu können?

Ausgeflippter Lodenfreak
05
19.1.2012, 14:13

Frauen bekamen früher wirklich weniger für die gleiche Arbeitsleitung, da die Rolle Ernährer und Zahler ganz klar dem Mann zugeornet war.
Wenn aber heute vom Einkommensunterschied bzw. vom Gender Gap die Rede ist, dann geht es um den Vergleich der durchschnittlichen Brutto-Gehälter der Geschlechter und das ist bei den Frauen geringer, da viel weniger Frauen arbeiten und auch noch durchschnittlich weniger Stunden und in einfacheren (Verantwortung, Anstrengung) Jobs. Dass sie das tun, hat aber auch gesellschaftliche Ursachen. Trotzdem müsste man den Frauen reinen Wein einschenken und sagen: Ihr müsst mehr, länger und in unangenehmeren/schwierigeren Jobs arbeiten, damit ihr durchschnittlich gleich viel wie die Männer verdient.

mountaineer
05
19.1.2012, 09:05

Egal ob Krieg, ob Mord, ob Ausbeutung, ob eine nichtssagende Partei - Hauptsache, es sind daran 50% Frauen beteiligt. Dann ist die Welt in Ordnung.

Oh, wie ich dieses 21. Jahrhundert liebe!

Berli Jucker
03
18.1.2012, 20:27
Genderassasa!

Robert Kren
02
18.1.2012, 21:28

bumbum

Reich sein muss sich lohnen!
05
18.1.2012, 19:53
Die Piraten sind genau dort wo sie hingehören

Die Rede von Herrn Lauer ist das Beste, dass ich seit langem in einem Parlament gehört habe.
http://youtu.be/6U82ig37TaE?t=4m51s

"Warum rede ich hier eigentlich, ich weiß doch eh wie ihr abstimmt."

Robert Kren
01
19.1.2012, 10:05

Traurig aber wahr, in der Realität schreibt die Verwaltung die Gesetze. Das Parlament sagt in Arbeitsgruppen nur so ungefähr was es sich vorstellen würde und nickt abschließend.

Vorschläge (auch die Sinnvollen) wenn sie den von der Oposition kommen werden aus Prinzip nicht angenommen, und am Ende wundern sich alle warum die Polik so einen schlechten Ruf hat.

Pygar
 
62
18.1.2012, 18:56

Diese Partei und deren Männer Riege sind unmöglich und für mich längst unwählbar.

Vergessen zu erwähnen wurde hier auch das Theater wegen Jörg Tauss (Stichwort Kinderporno).

Für mich stellt die Piratenpartei kurz und knapp das folgende politische Statement dar: Vor einigen Jahrzehnten war alles besser und wir, die Piratenpartei, müssen wieder die alte Ordnung herstellen, wo alles besser war.

Diese Partei verschwindet wieder von der Bildfläche sobald eine andere, wählbarere Partei gegen die etablierten Parteien antritt. Theoretisch auch schon früher.

Schade, denn die Idee an sich wäre nicht schlecht gewesen. Aber wer sich dann so reaktionär und ignorant verhält ist für mich gleich unwählbar.

Jochen Mars
05
18.1.2012, 19:17

Sehen Sie, für mache gilt das gleiche mit umgedrehten Vorzeichen für die Grünen.

Nur weil die Piraten sich nicht am Thema Feminismus kaput arbeiten heißt das übrigens noch lange nicht, dass man Frauenfeindliche wäre oder gar ein Männerbund.

Ganz im Gegenteil ich traue den Piraten ein frauenfreundlichers Bild als der FPÖ,ÖVP oder dem BZÖ zu. Schade das die linke sich hier wieder so selbstzereiben muss. Liegt wohl daran das die Grünen gerade Angst bekommen ...

Otto Ottinger
 
213
18.1.2012, 17:41
nachdem das geschlecht ohnehin eine gesellschaftliche konstruktion ist ...

reicht es wenn sich 50% aller abgeordneten als "weiblich" deklarieren. od da was im schritt hängt ist doch wie wir aus der emma wissen nur für rechte faschistische sexisten relevant.

Hitecut
17
18.1.2012, 17:33
Emma und die Piratenpartei

Ich empfehle diese "Stellungnahme" zum Emma-Artikel, in der aufgezeigt wird was für ein horrender, ideologisch verblendeter Unsinn im Artikel geschrieben wurde:

http://cymaphore.net/journal/5... atenpartei

Robert Kren
01
18.1.2012, 19:20

danke

Mein Verteidiger gehört psychiatriert
02
18.1.2012, 17:28
Empörungswaycheyer_innen werden gekielholt!

"Gottes Freund und aller Welt Feind"!

Ausgeflippter Lodenfreak
13
18.1.2012, 16:59

Das ist aber schon ein wenig abenteuerlich, dass die Ausweitung der Bekämpfung von Geschlechterrollen auf beide Geschlechter bzw. der Kampf für die Gleichwertigkeit aller Menschen, einfach nur moderner Feminismus wäre. Dem Feminismus geht es per Definition nur um die Frauen, das sagt ja schon das Wort. Feminismus ist Lobbyarbeit für Frauen. Einer Feministin oder auch Frauenministerin geht es um die Frauen und um sonst nichts, deshalb werden Entwicklungen, obwohl sie eine Angleichung der Rechte und Pflichte bewirken würden (z.B. gemeinsame Obsorge), auch oft von Feministinnen bekämpft und konservative Rollenbilder verteidigt, weil Frauen dadurch Privilegien einbüßen. Deshalb steckt ja gerade in Ö und D die Annäherung in vielen Bereichen fest

Robert Kren
00
18.1.2012, 19:20

100% richtig

Jochen Mars
14
18.1.2012, 14:49

„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ - Mahatma Gandhi

Zumindest sind die etablierten Partein über das ignorieren haus gekommen. Jetzt versucht man halt eine Schlammschlacht mit un- und halbwarheiten.

Vermutlich vorallem von Grüner Seite, da hier die meisten verluste zu befürchten sind. Gut dass es endlich eine alternative zu den Grünen gibt - zumindest in DE

Hafniumcarbid
110
18.1.2012, 12:51
Ui, da sieht jemand seine Pfründe davonschwimmen.

Klar, dass sich gewisse Damen gern am Quotentrog festkrallen. Interessant wär noch, wie der Frauenanteil bei den Abgeordneten mit dem der Gesamtpartei korreliert. Das wird nämlich wohlweislich verschwiegen - in allen anderen Parteien sind die Frauen hier nämlich deutlich bevorzugt. Und sehen das auch noch als "Grundrecht" an.
Die Ideen der Piratenpartei sind unserer Zeit und Gesellschaft weitaus angemessener als die der verstaubten Alt-68er der etablierten "Alternativparteien", deren Gedankengut vor vielleicht 30 Jahren mal aktuell war.

der schwitzbär der schwitzt sehr
011
18.1.2012, 11:53
Piraten sind halt keine Bücklinge

sie atmen die Luft der weiten See, die große Freiheit

Eine neue Generation trotzt den kastrierten Sitzpinklern.

AlBundyFan
 
21
18.1.2012, 11:27
daß die piraten einfach nur chaoten sind war doch immer schon klar.

war identifizeirt sich denn mit deren themen - leute die alles haben aber nix dafür tun wollen.
leute die das gesellschaftssystem unterwandern aber es trotzdem ausnutzen wollen.

BK W. Shoyssel
213
18.1.2012, 10:57
sympathisch

ich wusste gar nicht, dass die Piratenpartei das Genderzeugs entsorgt hat. Damit werden die Piraten regelrecht wählbar.

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