Baukonzerne trauen sich Bosporusbrücke nicht zu

Blog17. Jänner 2012, 11:45
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Bei der Ausschreibung für noch eine Brücke mehr über den Bosporus haben die Baukonzerne abgewunken - Jetzt will die türkische Regierung selbst den Betonmixer anwerfen

Große Spannung diese Woche, die Ausschreibung für die dritte Bosporusbrücke endet, 18 Baukonzerne sind dabei – doch dann die große Überraschung: nicht einer der ausgewählten Bewerber gibt ein Angebot ab. "Wir sehen das Projekt aufgrund seiner Größe und Komplexität als schwer realisierbar an, sagt Diana Klein, Konzernsprecherin von Strabag, dem Standard.

Der österreichische Baukonzern hat sich für das Prestigeprojekt interessiert, das die türkische Regierung mit sechs Milliarden Dollar veranschlagt hat, ebenso wie neun türkische Unternehmen, vier japanische, zwei russische und jeweils ein Bauunternehmen aus Spanien und Italien (für die besonders Interessierten: aus der Türkei Mapa, Cengiz, Park, Varyap, Yüksel, Kolin, Nurol, STFA and Gülsan; Japan: Obayashi, Mitsubishi, Itochu und IHI; Russland: Moskovskij Metrostroi und NPO Mostovik; Italien: Astaldi; Spanien: FCC Construction; Ö: Strabag). Es geht um eine 1875 Meter lange Hängebrücke im Norden von Istanbul und nahe der Mündung des Bosporus zum Schwarzen Meer, inklusive insgesamt 414 Kilometer Autobahn – die "Nord-Marmara-Autobahn" im großen Rund von Adapazari in Anatolien nach Tekirdag in Thrakien, der europäischen Provinz der Türkei.

Für den bautechnischen Laien auf den ersten Blick jetzt nicht die unlösbare Weltwunderaufgabe: die erste Bosporusbrücke (Boğazīcī Köprüsü), 1970 bis 1973 in Beton gegossen, ist 1510 Meter lang; die zweite, nach Fatih Sultan Mehmet benannte Brücke (FSM Köprüsü) misst 1090 Meter und ist ein beliebter Schlager bei Taxifahrern, um des großen Umwegs wegen wenigstens 30 Lira mehr vom Fahrgast herauszupressen ("Zum Flughafen wollen Sie? Aah, da müssen wir über die zweite Brücke. Es ist alles verstopft." – "Nein, die Bosporusbrücke bitte." – "Es ist alles verstopft, Unmöglich. Aber wenn Sie darauf bestehen, alles verstopft, Sie werden sehen." – "Glauben Sie wirklich? Es ist doch noch so früh" – "Alles verstopft, aber wie Sie wollen, ich muss kein Flugzeug nehmen." – "Ok, dann eben die zweite." – "Alles verstopft, Sie hätten es gesehen, ich war gerade da..."). Irgendeinen Grund wird es aber wohl schon geben, der Bauingenieure abschreckt.

Umwelteingriffe und Bürgerproteste werden es wahrscheinlich eher nicht sein. Auf beiden Seiten des Bosporus, wo die neue Brücke in den Boden gerammt werden soll – Garipce auf der europäischen, Poyrazköy auf der asiatischen Seite – haben sich in den vergangenen Jahren Bürgergruppen gesammelt. Sie protestieren gegen anstehende Enteignungen von Grundstücken und die Abholzung der letzten Wälder am Rand von Istanbul. Das ist der kritische Punkt. "Zwei Millionen Bäume werden für die Straßenprojekte umgesägt", sagt Mahmut Boyundelik von der türkischen Grünen Partei voraus. Die letzte bewaldete Barriere vor Istanbul würde fallen und mit ihr auch das Trinkwasserreservoir der (wenigstens) 13 Millionen Einwohner zählenden Stadt zerstört. Istanbul wird sich dann nur weiter nach Norden ausbreiten. "Wir haben das Ende der 80er-Jahre beim Bau der zweiten Bosporusbrücke gesehen", sagt Boyundelik – kaum besiedelte Gebiete wurden komplett zugebaut. Die dritte Brücke werde Istanbul noch einmal um 1,5 bis drei Millionen Einwohner anwachsen lassen.

Warum soll die dritte Brücke überhaupt her? Des Verkehrs wegen natürlich. Doch Städteplaner wie Umweltaktivisten halten die Entlastung für bedeutungslos: Um grade einmal drei Prozent werde der Straßenverkehr, der täglich über die anderen zwei Brücken rollt, verringert, so behaupten sie. Tatsächlich ist die dritte Bosporusbrücke nicht im offiziellen Stadtplanprojekt von Istanbul zu finden. Der Bürgermeister soll eigentlich dagegen sein, nicht aber der Regierungschef. Dabei hielt Tayyip Erdogan die Idee mit noch einer Brücke mehr über den Bosporus für ausgemachten Unsinn, als er selbst noch Bürgermeister von Istanbul war. Straßen- und U-Bahntunnel unter dem Bosporus und näher am Zentrum der Stadt gelten als viel wirkungsvoller für eine Verkehrsentlastung – sie werden derzeit gebaut. Die Regierung in Ankara aber gibt nach der Pleite mit der Ausschreibung nicht auf. "Plan B" tritt eben in Kraft, erklärte der Verkehrsminister: der Staat, also der türkische Steuerzahler, springt ein, wenn die Privatwirtschaft nicht spuren will, und wird einen Großteil des Brückenprojekts finanzieren. Nicht auszumalen, welchen Profit die Taxifahrer herausschlagen könnten: "Zum Flughafen wollen Sie? Aah, da müssen wir über die dritte Brücke. Es ist alles verstopft." (Markus Bey, derStandard.at, 17.1.2012)

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    Die Bosporus-Brücke soll eine neue Kollegin bekommen, doch kein Baukonzern will sie bauen.

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