Kommentar von Alexandra Föderl-Schmid

Abtauchen und ignorieren

Kommentar | Alexandra Föderl-Schmid, 16. Jänner 2012, 22:36

Die Reaktion der Regierung auf den Triple-A-Verlust zeugt von Führungsschwäche

Wo ist der Kanzler? Seit Freitag gibt es keinen öffentlichen Auftritt. Es gibt nur zwei Interviewäußerungen und eine schriftliche Erklärung von Werner Faymann und Michael Spindelegger zur Herabstufung der Bonität durch Standard & Poor's, in der beide betonen, dieser Schritt sei "unverständlich". Wer erwartet hatte, der Regierungschef werde am Montag nach dem Treffen mit Vertretern von Nationalbank und Finanzmarktaufsicht eine Erklärung oder gar Beschlüsse verkünden, wurde eines Besseren belehrt: Der Kanzler schickt in diesen Tagen, wieder einmal, Ewald Nowotny vor, der sich offenbar als Krisenerklärer in die Parteipflicht nehmen lässt.

Auch Andreas Schieder, Staatssekretär im Finanzministerium, taucht in solchen Situationen auf. In der ausnahmsweise gut besetzten ORF-Sendung Im Zentrum hat er Finanzministerin Maria Fekter assistiert, die SPÖ-Forderung nach einer Vermögenssteuer rapportiert und am Montag mit dem Stehsatz "Wir müssen den Weg der Konsolidierung konsequent weitergehen" brilliert. Ein Kanzler, der in Krisenzeiten nicht sagt, wo es hingehen soll, zeigt keine Führungsqualität.

Ganz anders die Reaktion in Frankreich, das ebenfalls sein Triple-A verloren hat: Bereits vor der offiziellen Bekanntgabe trat Wirtschaftsminister François Baroin auf, einen Tag später bezeichnete Premier François Fillon die Herabstufung als "Warnsignal, das weder dramatisiert noch unterschätzt werden darf". Präsident Nicolas Sarkozy berief noch am Freitag eine Krisensitzung mit Kabinettsmitgliedern ein und ging bei einem Auftritt am Wochenende indirekt auf die Herabstufung ein, indem er weitere Reformen ankündigte.

In Österreich wird weiter auf Abwarten und Beschwichtigen gesetzt: Weder Regierung noch Opposition scheinen die Kritik der Ratingagentur als Warnsignal und als Aufforderung, sich endlich zusammenzuraufen, verstanden zu haben. Damit werden sie ihrer Verantwortung nicht gerecht.
Gewarnt waren alle. Dass nun die politischen Entscheidungsträger und die Notenbankvertreter derart überrascht wurden, ist nicht gerade beruhigend. Nach der Vorwarnung im November traten Faymann und Spindelegger gemeinsam auf und erklärten, dass eine Schuldenbremse und ein Sparpaket kommen müssten. Sie waren sogar so mutig, die Landeshauptleute nicht vorab zu informieren. Da diese inzwischen durchgesetzt haben, dass sie das Haushaltsrecht des Bundes nicht übernehmen müssen, und diverse Interessengruppen vorstellig wurden, hat die beiden offensichtlich der Mut verlassen.

Geredet wurde seither viel, gehandelt wenig. Konsequenterweise wurde das Downgrading vorgenommen. Dass sogar Analysten wie Peter Brezinschek auf Ö1 nun versichern, im Vergleich zu Frankreich stehe Österreich viel besser da, passt zur ignoranten Haltung. Darum geht es nicht. Für die Lage in Ungarn oder Italien können Politiker hier nicht verantwortlich gemacht werden. Aber Standard & Poor's erwartet, dass "das Tempo der Konsolidierung in Österreich deutlich zunimmt". Dies ist ein Appell - das hat zumindest der steirische Landeshauptmann Franz Voves erkannt.

Helmut Schmidt und Peer Steinbrück räsonieren in ihrem Buch Zug um Zug über die Krise der Sozialdemokratie in Europa und führen an, welche ihrer Vertreter noch regieren. Auf Faymann haben sie vergessen - das ist bezeichnend. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.1.2012)

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cookieberlin
00
17.1.2012, 22:47

Wäre es ein Ausdruck von Souveränität, wenn der österr. Regierungschef jede Momentaufnahme einer einzigen ausländischen Ratingagentur ausführlich kommentiert?
Über dieses Stöckchen ist bisher von zu vielen zu oft gesprungen worden.
Wir rasen mit ungeheurer Geschwindigkeit durchs All, drehen uns dabei fleißig um die eigene Achse, befinden uns in einem dramatischen Zustand der Unsicherheit...mit welcher Chuzpe messen wir den Ausdünstungen gekaufter Gutachter eine solche Bedeutung bei?

MiFi
00
17.1.2012, 21:03
Vorschlag - Job Profiles mit Mindestfähigkeiten für Kanzler und Minister in die Verfassung

wenn das erfüllt ist, dürfen sie auch das Dreifache verdienen - dann sind sie das auch wert ...

Positiver Nebeneffekt: Da Akademiker und verhandlungssicheres Englisch sicher eine Mindestanforderung für den Kanzler wären, wären wir unseren Failman ganz schnell ohne Neuwahlen los

Und ein Zahntechniker könnte auch nicht Kanzler werden ...

TT1
01
17.1.2012, 20:38
Faymann ist der Geistesbruder des Kapitäns des gesunkenen Luxusschiffes

Das Schiff hat Schlagseite, ist gesunken - und der Faymann ist längst am Land und telefoniert mit uns, dass er die evakuierung an bord organisiere...

rari
01
17.1.2012, 18:42
Tsunami

Haben Sie schon mal versucht, einem Tsunami durch Schwimmen zu entkommen ? Wenn ja, dann gehen Sie zu den Führenden und Wissenden unseres Staates und beraten sie. Es gibt auch welche, die uns einreden, sie wüßten ein Mittel gegen den Tsunami ("keinen Cent mehr für Griechenland !"). Im eigenen Kärntner Plantschbecken steht ihnen das Wasser aber schon bis zum Hals (Hypo, Verschuldung). Österreich kann sich zu Tode sparen und bekommt immer nur noch eine Herabstufung und noch eine bis zum Ramsch. Denn die Ursache liegt in der europäischen Einigkeit und Entschlossenheit. Solange wir uns auseinanderdividieren lassen durch die Ratingagenturen oder "soziale Heimat"-Parteien werden die USA davon profitieren.

</ lustig>
01
17.1.2012, 18:07
Krugman im April 2009.

Hat's den Dilettanten sogar schriftlich gegeben...

Und jetzt kommt's überraschend und ist unverständlich?

Wenn jetzt die österreichischen Journalisten der Regierung nicht den A... aufreißt, kann sich die 4. Gewalt einmagerieren.

zeitfuchs
00
17.1.2012, 19:29
da steht Krugman aber im krassen Widerspruch

zu John Maynard Keynes, mit seiner makrotheoretisch begründeten Konsumfunktion. Vor Jahren noch haben dieselben Leute unseren Bankern in den Ohren gelegen, man möge den östlichen EU-Partnern beim Aufbau ihrer Wirtschaft kräftigst unter die Arme greifen...

</ lustig>
00
17.1.2012, 19:44
Overleveraged ist böse.

Ich wette, auch für John Maynard Keynes.

mikromalist
 
02
17.1.2012, 18:05
Endlich kommt Leben in das Land.

Die Fraktionen formeren sich.

Die Fay-ist-an-nichts-Schuld Fraktion weiss noch nicht ganz: waren es die Schwarzblaunen, oder doch die Finanzer, die Rater oder gar die angloamerikanische Verschwörung? Am besten schwarzblaune Finanzindustrie-Rater aus Angloamerikanien.

Die-Fay-und-die-Sozis-sind-an-allem-Schuld Fraktion weiss auch noch nicht ganz: sind die Rater jetzt gar gegen die schwarzblaunen Subventionsbezieher und wie wird das mit der Korruption, wenn einmal richtig Geld gesucht wird oder einfach die rote Katze an die Wand?

Aber zunehmend mehr erkennen: diese Politgoofies, quer durch alle Farben, bringen das nicht hin. Niemals. Und sie lassen sich auch nichts sagen.

nullachtfünfzehn_
00
17.1.2012, 20:23

doch die "Fay-ist-an-nichts-Schuld Fraktion" kann anscheinend noch immer die eigenen Parteigenossen mit solchen Aussagen auf Parteilinie bringen und womöglich wieder zum baldigen "Kreuzerl-machen" in der richtigen Spalte

vom Ding her
02
17.1.2012, 17:44
fjs

bei den ganzen aeusserungen dieser politiker faellt mir ein zitat von franz josef strauss ein. "sie koennen ruhig bloed sein, aber dann halten sie wenigstens ihr maul."

Sidlo
03
17.1.2012, 17:25
Mich erinnerts an den italienischen Kapitän des Kreuzfahrtschiffes

der das Schiff bedenkenlos in gefährliches Gewässer gesteuert, dann beim Schiffsbruch alles dem Chaos überlassen, als einer der ersteren das Schiff verlassen hat , mit dem Taxi geflüchtet und dann olldreist seine Unschuld beteuert hat.

TT1
00
17.1.2012, 20:39
Ja und ganz toll sagt: ich bin der Kapitän - schauen Sie, ich trage eine Uniform!

FrühpensionsTschuschnLesbenHausfrau
01
17.1.2012, 17:14
Von der Regierung erwart ich mir schon so wenig

dass mir das jetzt gar nicht aufgefallen wäre!

Satzende
03
17.1.2012, 16:47
natürlich kommt von den beiden nichts

die müssen ja erst warten bis die echte führung (EU) ihnen sagt was sie zu tun haben

didi111
02
17.1.2012, 16:18
Ich bin sicher keiner, welche auf der konservativen Seite dieser Gesellschaft lebt, ABER..

..man muss ehrlich sagen, daß Faymann auf diesem Job nichts verloren hat.

Und das weitere Halten von Werner wird wirklich schön langsam gefährlich für diese Republik..

Zwei Gründe sind dabei zu nennen..

1.) der monetäre Aspekt:

Die Ratingagenturen bewerten uns in etwa alle 90 Tage. Mit dem Zögern und Zaudern von Werner wird ALLES rausgeschoben und das nächste Downgrading ist ante portas.

Aber dann wird wirklich teuer für uns ALLE.

und

2.) der demokratische Aspekt:

Diese Arbeitsverweigerung aus Unfähigkeit heraus treibt den Bürgern nur noch den Blutdruck hoch.

Und das politische Ergebnis wird das Wählen von WC Strache and Friends sein.

Auch SPÖ-nahe Kreise denken das schon ganz ungeniert an.

Traurig...

Moralapostel
 
04
17.1.2012, 16:11
S&P im Wortlaut: Kein Wort von Schuldenbremse

S&P geht es nur um das Bankenrisiko und das Wachstumsrisiko, dass die europaeische Fiskalkonsolidierung mit sich bringt. Ich bin kein Regierungsfan, aber wie haette sie darauf reagieren sollen? Die Schuldenbremse ist sowieso in der Pipeline (Abgesehen davon war sie gar nicht von S&P gefragt und koennte sogar ueber die Wachstumsdynamik den Schuldenabbau gefaehrden.). Auf europaeischer Ebene koennen sie nur versuchen Merkel von Eurobonds zu ueberzeugen (viel Glueck!). Die Banken, ja da koennten sie den Delevergeingprozess beschleunigen. (Was sagt deren Lobby dazu?). Bitte liebe Redakteure: erst lesen, dann schreiben:
http://www.standardandpoors.com/ratings/a... 5327296787

AsaJoe
01
17.1.2012, 16:45
Nun ja, vielleicht haben ja folgende Überlegungen bei der Bewertung eine Rolle gespielt:

Wenn mehrere österreichische Banken, die sich in Osteuropa recht heftig engagiert haben oder unter orange-blauer Führung frisch-fröhlich Geld am Balkan verteilt haben, pleite zu gehen drohen, muss Österreich sie auffangen.
(Zumindest hieß es ja, dass sogar eine Pimperlbank wie die Hypo Alpe Adria - für hiesige Verhältnisse - "too big to fail" sei.)

Mit welchem Geld sollte das aber passieren, wenn weiterhin völlig unklar ist, wie die bisher lediglich angedachte, aber mit keinem Wort konkretisierte Schuldenbremse aussehen soll?

Dasselbe gilt für das zukünftige Wirtschaftswachstum. Wird es durch die Schuldenbremse abgewürgt?

Die bloße Ankündigung, bis Ende Februar werden wir uns zusammengerauft haben, war S&P eben zu weng.

Wen wundert's?

Rose Bud
01
17.1.2012, 16:08
Vollste Zustimmung...

zeitfuchs
52
17.1.2012, 15:49
Die Reaktion der Regierung auf den Triple-A-Verlust

ist völlig in Ordnung. Wo käme man hin, wenn man auf jeden Furz der Finanzindustrie gleich mit einem Durchfall reagieren würde...

E Coleman-Smith1
 
03
17.1.2012, 17:03
Unertraegliches Schweigen

S&P gab klar die Gruende fuer das Downgrade von 9 Eurozonenstaaten bekannt, der oesterreichischen Regierung und Nationalbank verschlug es die Sprache. DAS ist der Kernpunkt der berechtigten Kritik in dem Artikel. Anders als in Frankreich, vermisst man jegliche Verantwortungsbereitschaft, anstatt wird Kopf-in-den-Sand-Stecken zum Ueberlebenszweck erhoben.

zeitfuchs
00
17.1.2012, 18:22
Herr Coleman-Smith,

kehren Sie bitte vor der eigenen Tür.

nullachtfünfzehn_
00
17.1.2012, 20:27

hat leicht Herr Coleman-Smith
auch eines seiner AAA verloren
und wird aus Steuergeld bezahlt?

melpet
11
17.1.2012, 16:41

seh ich genauso... zudem ist es ja auch so, dass ohnedies fast alles überbewertet war, die ach so positiven ratings vieler finanzinstitute führten ja zur "blase, waren also mitauslöser der "ersten krisenwelle". ich denke, dass es sich jetzt um eine art "flurbereinigung" handelt, bei der man einfach nicht mehr leichtfertig jedem vermeintlich guten schüler einen römischen einser (plus strolchistempel) ins schulheft schreiben will und darf... das wissen imho auch alle beteiligten, weshalb es jetzt auch keine grossen reaktionen gab, weder vom markt, noch von der politik...

zeitfuchs
00
17.1.2012, 20:17
Sie sagen es...

keine großen Reaktionen, man könnte aber auch sagen, durchwegs sehr positiv am Tag danach: Dax: +1,7%, Euro: +0,8%.

S(ie) P(lündern) Ö(sterreich)
 
35
17.1.2012, 15:45
dieser kanzler führt uns

mangels bildung und erfahrung in den abgrund!

vllt schalten wir wenigstens beim nächsten mal das hirn ein, wenn wir vor die wahl gestellt werden...

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