Ökonom

"Eurorettungsfonds ist ohnehin tot"

Interview | Andreas Schnauder, 17. Jänner 2012, 06:15
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    foto: schnauder

    Patrick Artus

Die Folgen der Herabstufung von Österreich oder Frankreich seien für EFSF und ESM egal, beide ohnehin "Fehlkonstrukte", meint Ökonom Patrick Artus

STANDARD: Das Unverständnis in Frankreich und Österreich über die Herabstufung der Ratings durch Standard & Poor's ist groß. Verstehen Sie den Unmut?

Patrick Artus: Nein. Die Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich sind gewaltig. Deutschland hat in den letzten Jahren die Arbeitskosten reduziert, die Wettbewerbsfähigkeit und Forschungsausgaben erhöht. Frankreich setzte auf Konsum, es gibt Anreize für Autokäufe, Eigenheime bis hin zu niedrigen Umsatzsteuern auf Restaurantbesuche sowie massive öffentliche Investitionen. Die französische Politik ist somit nachfrageorientiert, die deutsche angebotsorientiert. Die französischen Unternehmen sind wenig profitabel, investieren daher kaum. Konsumstärkende Maßnahmen fördern nur den Import.

STANDARD: Im Ergebnis gibt es aber weder bei den Schulden noch beim Wohlstand der beiden Nationen erhebliche Unterschiede.

Artus: Das Problem ist die künftige Entwicklung. Frankreich hat ein niedriges Potenzialwachstum von einem Prozent, Deutschland von zwei bis 2,5 Prozent. Das ergibt langfristig einen gewaltigen Unterschied, vor allem was die Reduktion der Schulden anbelangt. Frankreichs Budgetdefizit lag 2011 bei knapp sechs Prozent, das deutsche bei gut ein Prozent.

STANDARD: Wie wird Präsident Nicolas Sarkozy, der ja mitten im Wahlkampf steckt, auf den Verlust des AAA reagieren?

Artus: Er wird wahrscheinlich schon diesen Mittwoch angebotsseitige Maßnahmen verkünden. Meiner Einschätzung nach werden die Arbeitskosten gesenkt und die Lasten in Richtung Umsatzsteuer umgeschichtet werden. Frankreich wird jetzt das machen, was Deutschland seit zehn Jahren macht.

STANDARD: Wie beurteilen Sie diese erwarteten Schritte?

Artus: Vor allem kommen sie zu spät. Derartige Strukturreformen in Abschwungzeiten sind sehr hart, sie sollten im Aufschwung erfolgen.

STANDARD: Zurück zu Standard & Poor's: Die Agentur begründet das Downgrade vor allem mit den mangelhaften politischen Lösungen auf Ebene der Eurozone, warum behalten dann außer Deutschland auch die Niederlande, Finnland und Luxemburg das AAA?

Artus: S&P bewertet nicht die Wirtschaft eines Landes, sondern das Risiko für den Käufer einer Staatsanleihe. Und das Risiko französischer oder österreichischer Staatsanleihen ist eben größer als jenes deutscher Papiere, wobei in Österreich nicht die Wettbewerbsfähigkeit, sondern das große Engagement der Banken in Osteuropa, und hier wiederum die im hohen Ausmaß vergebenen Fremdwährungskredite das Problem sind.

STANDARD: Analysten schätzen, dass der Kreditrahmen des Eurorettungsfonds EFSF wegen der Herabstufungen um 170 Milliarden Euro sinkt, sofern der Schutzschirm ein AAA haben soll.

Artus: Der EFSF ist ohnehin tot, somit spielt das keine Rolle. Egal ob EFSF oder ESM (European Stability Mechanism, der permanent wirken soll, Anm.): Sie müssen selbst Geld an den Märkten aufnehmen, um es verleihen zu können. Das wird bei großen Volumina, wie im Fall Italiens erforderlich, nie funktionieren. Der EFSF hat jetzt schon den Zugang zu den Märkten verloren. Er kann langfristig kein Geld aufnehmen. Der Internationale Währungsfonds kreiert hingegen Geld, indem er es von den Notenbanken nimmt. Nur so kann man einer Liquiditätskrise begegnen. EFSF und ESM waren von Anfang an Fehlkonstrukte.

STANDARD: Parallel zu den neuen Problemen kocht das abgehakt geglaubte Sorgenkind Griechenland wieder hoch. Mit welcher Entwicklung rechnen Sie?

Artus: Ich glaube, in Griechenland wird es einen Staatsbankrott geben, also einen Zahlungsausfall nicht nur die Forderungen privater Gläubiger, sondern auch die Hilfskredite und die von der Europäischen Zentralbank gehaltenen Staatsanleihen betreffend. Daher wird die EZB, die 45 Milliarden an griechischen Anleihen hält, eine Kapitalaufstockung benötigen. Ich bin schon sehr gespannt, wie das in Deutschland aufgenommen werden wird, das ein Drittel der Rekapitalisierung aufbringen muss.

STANDARD: Was waren die Fehler?

Artus: Bis jetzt sind sämtliche Hilfsgelder in die Bedienung von Altschulden geflossen, kein einziger Euro in Investitionen. Das ist ein kompletter Nonsens. Wir hätten vor zwei Jahren einen Schuldenschnitt um 80 Prozent machen und erst dann frische Kredite geben sollen. Das wurde leider vom damaligen EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet verhindert. Griechenland war nicht wie Italien nur illiquid, sondern insolvent. In solchen Fällen geht es nicht ohne Schuldenrestrukturierung, während Italien dank Primärüberschüssen eben nur Hilfen zur Überbrückung eines Engpasses benötigt.

STANDARD: Italien kann sich offenbar nur refinanzieren, weil die Banken das von der EZB geliehene Geld in Staatsanleihen pumpen. Halten Sie diesen Vorgang für nachhaltig?

Artus: Dabei handelt es sich um eine Umgehung des Verbots der direkten Staatsfinanzierung, die in Deutschland abgelehnt wird. Der derzeitige Weg ist die einzige Möglichkeit, um der Krise zu entkommen. Allerdings ist die Vorgangsweise äußerst gefährlich, wenn sie länger andauert, weil die Banken dann nur noch die Regierungen finanzieren, aber keine Unternehmen und Konsumenten. Wohin das führen kann, sieht man am Beispiel Japans. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Printausgabe, 17.1.2012)

PATRICK ARTUS ist Volkswirtschaftsprofessor an der Pariser Sorbonne und gehört zum Kreis der Wirtschaftsberater von Präsident Nicolas Sarkozy. Zudem fungiert er als Chefökonom der Investmentbank Natixis, des Spitzeninstituts der Sparkassen. der Standard traf ihn bei einer Länderrisikokonferenz des Kreditversicherers Coface in Paris.

Kommentar posten
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Anaxagoras
00
17.1.2012, 16:14
Die Poster sind offenbar die apokalyptischen Reiter.

Der Tenor ist von Wunschdenken geprägt. Und Hintergedanke ist, vom eigenen politischen Desaster abzulenken. Wir Österrreicher wqren in der Nachkriegsgeschchte noch nie von einem derart chaotischen Regierung geführt,wie in den letzten Jahren. Und das Volk nimmt das Verhalten der Regierenden an. Jedes Volk hat die Regierung, die es vrdient.

Helmut
00
17.1.2012, 15:46
Aha...

...endlich gibt es ein Theorem in der Volkswirtschaft, das erste Artus'sche Gesetz: Ich weiss alles und die anderen nichts.

Billy081577
01
17.1.2012, 14:47

Hervorragende Analyse des Hr. Artus. Schade nur das sich der Westentaschen Napoleon nichts sagen lässt.

öl - ölölö
01
17.1.2012, 14:40
Eurorettungsfonds ist ohnehin tot

und ich bin ohnehin frustriert. Die Situation ist hoffnungslos. Die Politiker spielen auf Zeit und die Menschen suchen in den USA nach Schuldigen. So wird das leider nichts.

Demnächst kracht Griechenland. Wenn dann weitere Euroländer richtung Pleite steuern und der Euro den Bach runter geht, werden viele Menschen Druck auf ihre Regierungen machen, aus aus dem Euro auszutreten. In der Situation gehen dann die ersten größeren Staaten auch tatsächlich Pleite, weil es keien Solidarität mehr gibt. Dann werden die ersten überlebenden Staaten aus dem Euro austreten oder über eine Währungsreform nachdenken. Das ist dann der Punkt, an dem wir vermutlich nachträglich den Hyperinflationsapokalyptikern doch noch Recht geben werden müssen :-(

Silvio Lackner
00
17.1.2012, 13:55
Hörte man denn auf ihn nicht in Frkr.?

Warum? Wenn er sogar Berater von Sarkozy ist? Oder ist er selbst erst jetzt zu diesen durchaus einleuchtenden Erkenntnissen gelangt?

Seltsamerweise haben die "einfachen Leute" immer schon gesagt, dass es nicht funktionieren kann, dass ein (selbst hoffungslos verschuldeter) Staat Geld aufnimmt um damit für die Schulden anderer gerade zu stehen. Früher oder später knallts dann.

Oddo Wolf
01
17.1.2012, 13:51
Super Interview auf Standard-Niveau

-
Ob nicht vielleicht doch die US-Aussenpolitik schuld an allem ist?
Die sind mit der Rekolonialisierung Afrikas mindestens 5 Jahre in Verzug. Und war der Sturz von Assad nicht schon für 2005 geplant? Bei Syrien fällt mir ein: Demokratie wär doch auch was für uns Mitteleuropäer.

Wissen ist Macht. Geld ist Macht. Demokratie ist die Macht, die vom Volk ausgeht. Irgendwas stimmt bei der Gleichung nicht.

el topo negro
00
17.1.2012, 12:28
der mann scheint sich auszukennen, die dinge beim

namen zu nennen und dennoch gut daran zu vedienen. Nunja... Im übrigen: Wer, lieber standard, hat übrigens geglaubt, dass das "sorgenkind griechenland" "abgehakt" gewesen wäre?

Sonata
12
17.1.2012, 12:26
Wann zahlen die reichen Griechen und Italiener endlich ihre Steuern nach?

higgs - wozu?
53
17.1.2012, 12:46

hoffentlich nie! oder bist du erpicht darauf, daß die milliardäre, konzerne und monopolisten weiterhin ihre zinsen kassieren können - denn zu nichts anderem dient ein großteil der steuern - die paar almosen, die noch ins sozialsystem fließen, oder beamten und pensionisten gegönnt werden sind ein bruchteil von jenen kosten, die wir für direkte und indirekte zinszahlungen aufwenden - und wenn man den geldkreislauf zuende denkt, landes sogar das restliche steuergeld immer bei den monopolisten, deren güter der staat, der pensionist, der beamte oder arbeitslose damit kauft, und in deren kaufpreis wiederum zinsen einkalkuliert sind.

Dr. Ehrlich
10
17.1.2012, 13:01
unnötig!

higgs - wozu?
11
17.1.2012, 13:10

ok, ich erklär dir mal warum wir steuern zahlen, damit du die absolute nötigkeit so einer aussage bzw. ihren tieferen sinn verstehst:jeder staat ist verpflichtet, sollte er geld verwenden wollen, sich diese geld bei den inhabern der geldrechte (fed=ezb) gegen zinsen auszuborgen - er bekommt also betrag x, und schuldet dann x + 5% (zinsen) - er schuldet also immer mehr, als er hat - soweit klar?
jetzt muß er schaun wo ehr die zinsen hernimmt, und sieht, daß seine bürger(n) vermögen haben und arbeiten, und denkt sich ganz simpel: na, die werden wir mir was davon abgeben, damit ich meine zinsen zahlen kann, ich nenne es "steuern", weil ich meine bürgen damit steuern kann.
die zinsen fließen von der arbeit zum kapital, abgeführt mit steuern

higgs - wozu?
02
17.1.2012, 13:19

und ein beliebtes, leicht überprüfbares beispiel geb ich dir auch gleich:

jemand der eine milliarde euro vermögen hat, egal ob privater oder konzern bzw. monopolist, bekommt jedes jahr den gegenwert von 500 einfamilienhäusern an zinsen GESCHENKT, jedes jahr, sein leben lang - diese zinsen erwirtschaften wir alle gemeinsam, und führen sie dann über steuern und preisaufschläge ab.
der kapitalfluß kennt nur eine richtung - er fließt vom faktor "arbeit" in richtung "kapital", das kapital wächst dadurch permanent, und bedarf immer größerer anteile vom faktor "arbeit" damit es weiterhin arbeitsloses einkommen in form von zinsen kassieren kann - und da liegt unser einziges problem

Mostbluzza
00
17.1.2012, 14:01
so ist das leben, aber

dann müssten wir eine diskussion über den zins generell führen - gern, dann sprechen wir übers geldsystem an sich.

die zinsen erhalten sie als kapitalgeber unter folgenden prämissen - und nicht als geschenk des himmels:

volles risiko der geldanlage/investition bis hin zum totalen verlust (zins hin oder her, gratis wirds keiner machen)
das geld des kapitalgebers sollte in die realwirtschaft wandern oder in zumindest geordnete finanzwirtschaft (staatsfinanzierung, wohnbau, unternehmen usw) nicht aber in dubiose derivate (kann man steuerlich steuern: aber nicht über belohnungen wie steuerermässigungen fürs eine - das ist keine staatsaufgabe - sondern über steuern für fehlentwicklungen. nicht zockerreiche belohnen, sondern bestrafen ...

intellektueller Stuhlgang
01
17.1.2012, 13:34

jaja, die stetige nicht enden wollende umverteilung von arm zu reich!

und der mittelstand wird es sich weiter schön reden. da es immer welche geben wird, die noch weniger haben.

selbstbetrug ist nun mal angeboren! ein instinkt der hilft, in diesem wahnsinn zu überleben!

Andreas Prucha
00
17.1.2012, 13:18

Nein, das ist nicht der Grund. Ein Staat könnte auch im bestehenden System durchaus ohne Staatsverschuldung auskommen. Dann müssen eben die Bürger direkt die Schulden machen, um Geld zu schaffen. Ohne Steuern kommt ein Staat aber nie aus. Womit soll er sonst die staatlichen Leistungen zahlen?

Oddo Wolf
01
17.1.2012, 14:32
Womit soll er sonst die staatlichen Leistungen zahlen?

-
Indem der Staat zins- und rückzahlungsfreies Geld erschafft. Nur in der Größenordung des Wirtschaftwachstums und nicht wie die Volksverräter FED und EZB es vormachen. Denn nur dann funktionierts.

Oddo Wolf
01
17.1.2012, 14:09

Wenn du mit Staat auch den Staat meinst: super

Viele hier sagen Staat und meinen aber die Regierung. Die scheint aber nicht viel von Demokratie zu halten, wenn es ihr nicht gelingt ihren Bürgern wenigstens diesen Unterschied beizubringen. Bildungssystem: 5, setzen!

higgs - wozu?
01
17.1.2012, 13:31

andreas, das würde das problem doch nur verlagern bzw. führt es sogar zur exakt gleichen situation - es ist vollkommen irrelevant, ob sich der staat das geld direkt ausborgt, und die zinsen mit dem vermögen seiner bürger bedient, oder ob diese sich das geld selbst ausborgen, und die zinsen selbst abführen - änder ja nix an dem fakt, daß man sich das geld immer gegen zinsen ausborgen muss sobald man geld für siene wirtschaft verwenden will - das ist das grundproblem - man ist immer von den inhabern der geldrechte abhängig, und das sind private institutionen die somit jedem staat übergeordnet sind, und deren interessen der staat gegenüber uns vertritt und durchsetzt.
der staat ist nicht mehr souverän, sondern abhängig

higgs - wozu?
01
17.1.2012, 13:39

geld ist vorrangig mal eines: eine rechtseinrichtung des staates - wir sind verpflichtet diese geld zu verwenden (gesetzliches zahlungsmittel) - wir werden aber von eine instanz dazu verpflichtet (staat) die dieses geld nichtmal selbst kontrolliert und herstellt, sondern sich das geld kaufen muß, bei privaten institutionen (fed=ezb), der kaufpreis ist der zins - hier entsteht mmn. ein rechtsproblem, weil sich der staat, der ja als souverän definiert ist, in eine bedingungslose abhängigkeit von privaten institutionen begibt - ganz abgesehen vom rein mathematischen problem, daß die schulden niemals beglichen werden können, weil es durch den zins IMMER mehr schulden als geld gibt.
eine geldsystem-reform würd alle unsere probleme lösen.

O5
23
17.1.2012, 12:17

Erstaunlich dass jemand der sich so gut auskennt und die Fakten so ehrlich nennt von Sarkozy einen Job bekommen hat.

Noch erstaunlicher dass Sarkozy sein Wissen ganz offensichtlich nicht genutzt hat.

NONE
03
17.1.2012, 12:15

Wann erhalten wir endlich Demokratie?

Walter Bimini
00
18.1.2012, 18:14
die freiheit wird uns nicht auf dem tablett serviert werden

Oddo Wolf
01
17.1.2012, 14:14

Wenn das Volk im Besitz von Wissen und Geld ist.

Tovarish
01
17.1.2012, 13:33

Bald, es ist jetzt nur in INDECT umbenannt worden ;-)

Kontrahent1
01
17.1.2012, 12:35
Damit wäre es wahrscheinlich nicht einmal

zum Euro in dieser Form gekommen. Im Gegensatz zu den euphorischen Politikern haben zu viele Bürger Unverständnis darüber gezeigt, wer sich alles für den Euro 'qualifizierte'.- Nicht nur der EFSF und ESM waren Fehlkonstrukte, der ganze Euro in dieser Form war es, denn wie schon von vielen Seiten bestätigt kann man nicht derartig unterschiedliche Wirtschaften und Steuersysteme in eine Währung quetschen.

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