"Kurskorrektur" der Kremlführung gefordert - Scharfe Kritik von Patriarch Kirill - Premier Putin umwirbt Mittelstand und warnt vor Revolution
Ungewöhnlich deutlich hat sich der Moskauer Patriarch Kirill zu den politischen Protesten in Russland geäußert. Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Christen forderte die Kremlführung dazu auf, die Forderungen der Menschen ernst zu nehmen und Veränderungen einzuleiten.
"Die wichtigste Aufgabe besteht darin, dass die in richtiger Form geäußerten Proteste zu einer Korrektur des politischen Kurses führen" , sagte Kirill in einem Interview mit dem staatlichen TV-Sender Rossija. Wenn die Führung gegenüber den Protesten gleichgültig bleibe, sei dies ein "schlechtes Zeichen" , ein Anzeichen für die Unfähigkeit der Obrigkeit, Reformen durchzuführen. Die Obrigkeit müsse "Signale von außen" aufnehmen und ihre Position entsprechend justieren, forderte der Patriarch.
Schon in seiner Botschaft zum orthodoxen Weihnachtsfest vor zehn Tagen hatte Kirill zu einem Dialog zwischen Machthabern und Demonstranten aufgerufen. "Wir haben unser Limit an Umverteilungen völlig ausgeschöpft" , warnte er nun zugleich vor einer neuen Revolution.
Die russisch-orthodoxe Kirche hat in den vergangenen Jahren deutlich an Einfluss gewonnen. Im einst atheistischen Russland bekennen sich zwei Drittel der Bevölkerung zur Orthodoxie. Patriarch Kirill ist einer der mächtigsten Männer Russlands. Umso überraschender ist seine Kritik. Die Kirche in Russland hat sich stets als Stütze des Staatsapparats verstanden.
Gespaltener Klerus
So rief Ende 2007 Kirills Vorgänger Alexi II. noch zur Wahl von Wladimir Putins Wunschnachfolger Dmitri Medwedew auf und bat Putin selbst, "zum Wohle Russlands" als Regierungschef weiterhin an der Macht zu bleiben. Dass Kirill nun auf Distanz zum Tandem geht, zeugt von der tiefen Zerrissenheit der Kirche selbst, wo seit Wochen anerkannte Geistliche öffentlich über die Haltung der Kirche zu den Ereignissen während und nach der Wahl streiten.
Unterdessen hat Premier Putin zumindest formal Gesprächsbereitschaft signalisiert. Als "Einladung zum Dialog" bezeichnete er seinen am Montag veröffentlichten programmatischen Artikel in der Tageszeitung Iswestija. In dem Artikel wendet sich Putin speziell an den Mittelstand, der das Gros der Teilnehmer bei den Protestveranstaltungen stellte.
Dem versprach er neue Möglichkeiten in einer diversifizierten Wirtschaft, bis zu 25 Millionen "hochtechnologisierter und gut bezahlter Arbeitsplätze" und eine Erweiterung seiner eigenen Möglichkeiten. Dabei blieb Putin allerdings wenig konkret.
Seine Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl am 4. März begründete Putin übrigens mit "historischen Verdiensten" . Er habe Russland Ende der 1990er-Jahre in einer tiefen Krise übernommen und das Land aus Bürgerkrieg und Depression zu Stabilität und Wachstum geführt. Die Stabilität dürfe keiner neuen Revolution geopfert werden, forderte er. (André Ballin aus Moskau/DER STANDARD, Printausgabe, 17.1.2012)