Kirche schaltet sich in Wahlkampf ein

16. Jänner 2012, 18:20
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    foto: dapd/rodionow

    Patriarch Kirill mit Präsident Dmitri Medwedew beim orthodoxen Weihnachtsfest. Danach folgte erstmals eine scharfe Rüge für den Kreml.

"Kurskorrektur" der Kremlführung gefordert - Scharfe Kritik von Patriarch Kirill - Premier Putin umwirbt Mittelstand und warnt vor Revolution

Ungewöhnlich deutlich hat sich der Moskauer Patriarch Kirill zu den politischen Protesten in Russland geäußert. Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Christen forderte die Kremlführung dazu auf, die Forderungen der Menschen ernst zu nehmen und Veränderungen einzuleiten.

"Die wichtigste Aufgabe besteht darin, dass die in richtiger Form geäußerten Proteste zu einer Korrektur des politischen Kurses führen" , sagte Kirill in einem Interview mit dem staatlichen TV-Sender Rossija. Wenn die Führung gegenüber den Protesten gleichgültig bleibe, sei dies ein "schlechtes Zeichen" , ein Anzeichen für die Unfähigkeit der Obrigkeit, Reformen durchzuführen. Die Obrigkeit müsse "Signale von außen" aufnehmen und ihre Position entsprechend justieren, forderte der Patriarch.

Schon in seiner Botschaft zum orthodoxen Weihnachtsfest vor zehn Tagen hatte Kirill zu einem Dialog zwischen Machthabern und Demonstranten aufgerufen. "Wir haben unser Limit an Umverteilungen völlig ausgeschöpft" , warnte er nun zugleich vor einer neuen Revolution.

Die russisch-orthodoxe Kirche hat in den vergangenen Jahren deutlich an Einfluss gewonnen. Im einst atheistischen Russland bekennen sich zwei Drittel der Bevölkerung zur Orthodoxie. Patriarch Kirill ist einer der mächtigsten Männer Russlands. Umso überraschender ist seine Kritik. Die Kirche in Russland hat sich stets als Stütze des Staatsapparats verstanden.

Gespaltener Klerus

So rief Ende 2007 Kirills Vorgänger Alexi II. noch zur Wahl von Wladimir Putins Wunschnachfolger Dmitri Medwedew auf und bat Putin selbst, "zum Wohle Russlands" als Regierungschef weiterhin an der Macht zu bleiben. Dass Kirill nun auf Distanz zum Tandem geht, zeugt von der tiefen Zerrissenheit der Kirche selbst, wo seit Wochen anerkannte Geistliche öffentlich über die Haltung der Kirche zu den Ereignissen während und nach der Wahl streiten.

Unterdessen hat Premier Putin zumindest formal Gesprächsbereitschaft signalisiert. Als "Einladung zum Dialog" bezeichnete er seinen am Montag veröffentlichten programmatischen Artikel in der Tageszeitung Iswestija. In dem Artikel wendet sich Putin speziell an den Mittelstand, der das Gros der Teilnehmer bei den Protestveranstaltungen stellte.

Dem versprach er neue Möglichkeiten in einer diversifizierten Wirtschaft, bis zu 25 Millionen "hochtechnologisierter und gut bezahlter Arbeitsplätze" und eine Erweiterung seiner eigenen Möglichkeiten. Dabei blieb Putin allerdings wenig konkret.

Seine Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl am 4. März begründete Putin übrigens mit "historischen Verdiensten" . Er habe Russland Ende der 1990er-Jahre in einer tiefen Krise übernommen und das Land aus Bürgerkrieg und Depression zu Stabilität und Wachstum geführt. Die Stabilität dürfe keiner neuen Revolution geopfert werden, forderte er. (André Ballin aus Moskau/DER STANDARD, Printausgabe, 17.1.2012)

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1 2
byron sully
01
17.1.2012, 14:58

überraschend klare worte.

fibiundchillie
03
17.1.2012, 13:04

Die ROK, so staatsnah sie gemäß russischer Tradition auch ist, ist weder eine "Stütze des Staatsapparats", und schon gar keine Marionette irgendeiner Führung, sondern sie ist in byzantinischer Tradition russischer Ausprägung die Hüterin des russischen Volkes. Wenn der Patriarch also höfliche Kritik äußert, so wird das in RU schon richtig verstanden. Solch Kritik kommt übrigens öfters, schafft es aber meist nicht in die westl. Presse. http://www.spiegel.de/politik/a... 20,00.html

Gobi Todic
01
17.1.2012, 11:05
Wenn sich die Kirche einschaltet: Gute Entwicklung.

Wenn Putin vor einer Revolution warnt: Noch besser!

wurm83
 
50
17.1.2012, 09:57
ob denen klar ist

dass sie selber zu dem system gehören, und dass sie sehr viel macht verlieren werden ....

man stelle sich vor was die feministen dort machen werden alleine gegen die bezeichnung "patriarch"

allerdings kann den russen nichts besseres geschehen, als das sich kirche und 2diktatur" in einem kampf für mehr demokratie gegenseitig aufreiben...

am ende könnte mit viel glück ein atheistischer sozialstaat dabei rauskommen...

Der_Klingone
02
17.1.2012, 12:54

Und was machen die Feministinnen hierzulande bzw. in Italien wegen dem Papst? Der führt ja auch u.a. den Titel "Patriarch des Westens".

(Früher auch Patriarch des Ostens, um den Führungsanspruch zu untermauern; wurde aber aufgegeben)

fibiundchillie
01
17.1.2012, 15:51

bilde mir ein, der "patr. d. westens" wurde aus dem titel des papstes gestrichen.
orth.seits gabs dadurch eine diskussion, ob das für die ökumene ein gutes oder schlechtes omen sei.

Der_Klingone
01
17.1.2012, 21:28

Nur "Patriarch des Ostens" wurde gestrichen. Mit diesem Titel wollte das Papsttum seinen Anspruch auf Führerschaft über die gesamte Christenheit unterstreichen.

Patriarch des Westens ist der Bischof von Rom nach wie vor. Dieser Titel wird übrigens auch von den Ostkirchen anerkannt, da ja Rom vor dem großen Schisma das fünfte Patriarchat war (neben Konstantinopel, Jerusalem, Antiochia und Alexandria).

wurm83
 
20
17.1.2012, 15:37
...

das kann ich ihnen leider auch nciht erklären, mir ist völlig unverständlich wie es sein kann, das:

1. ein riesiger kidnerschänderrring vom gesetz völlig unbehelligt operieren kann!

2. es völlig ohne folgen bleibe wenn man so ein kriminelles netzwerk finanziert...

was würde mir wohl passieren wenn ich in einen kinderpornoring investieren würde?

--> die würden sofort meinen pc mit trojanern versehen und das auch länderübergreifend (ausser wenn ich im vatikan zu hause bin natürlich)

--> dann wäre ich sofort in u-haft und meine gelder würden eingefroeren werden bis genau geklärt ist, ob ich das wissen oder unwissentlich getan habe.

--> höchstwahrscheinlich würde ich im knast landen, daher unwissenheit nicht vor strafe schüt

Der_Klingone
01
17.1.2012, 21:30

Kinderschänderring ist wohl etwas übertrieben? Das würde ja bedeuten das sich alle zusammengeschlossen haben, mit dem alleinigen Ziel, Kinder zu mißbrauchen.

Das ist aber nicht der Fall. Das in den Kirchen vieles nicht so ist wie es sein sollte liegt auf der Hand. Auch die Verfolgung der Schuldigen sollte ein klarer Fall sein.

Aber ich verwehre mich hier jetzt gegen eine kollektive Verteufelung der katholischen oder orthodoxen Kirche.

Der Schurke mit der Gurke
12
17.1.2012, 09:27
Danke Kirill

Dr Stänkerer
14
17.1.2012, 02:27
Die Russisch Orthidixe Kirche entdeckt die Demokratie!

Jene Kirche, die den letzten Russischen Zaren, einen absoluten Herrscher, "Heilig" gesprochen hat, entdeckt plötzlich ihre Schwäche Seite für die Demokratie. Lobenswert, daß man sich volksnahe gibt, aber wohl eher motiviert vom beinharten Konkurrenzkampf mit aggressiven Evangelikalen Sekten und deren 2-stelligen Wachstumsraten in Russland.

A K3
01
18.1.2012, 01:14

Die ermordeten Mitglieder der russischen kaiserlichen Familie wurden zu heiligen Märtyrern erklärt, außerdem soll es Wunder durch die Fürbitte des letzten Zaren gegeben haben. Aber er wurde nicht etwa aller politischen und menschlichen Schwächen freigesprochen.

anders and
 
21
17.1.2012, 14:23
auch die Stasi (russisch: Nasti) wurde heilig gesprochen!

Die Heiligsprechung betraf die ganze Imperatorenfamilie, und die wird in den russischen Kirchen auch gemeinsam dargestellt.

fibiundchillie
00
17.1.2012, 13:11

eigentlich ist der letzte zar ein "volksmärtyrer", nicht ganz dasselbe wie ein Hl.
mir gfallt diese entscheidung ehrlich gsagt auch nicht.
es war auch ein ziemlicher eiertanz, bis die sache durch war.
andererseits war es ein sehr russischer weg, eine doch nicht unwichtige epoche (Zarenzeit und Revolution) der eigenen geschichte zu beenden.

tramtatam
26
16.1.2012, 21:20
"Im einst atheistischen Russland"?

woher schöpfen Sie Ihre Weisheit eigentlich, Herr Ballin? gerade älteren Generationen sind in RU so gut wie alle getauft.

fibiundchillie
02
17.1.2012, 13:06
so gut wie alle getauft

manche sogar mehrfach, wenn jede der beiden omas klammheimlich das baby in die kirche trägt:)

fauler Student
32
17.1.2012, 08:17

In Ö sind auch viele getauft. Zu sagen hat das nicht viel.

tramtatam
00
17.1.2012, 22:27

in RU sind sehr viele heimlich getauft.
zu sagen hat es in dem Fall sogar sehr viel.

)so(
04
16.1.2012, 20:37
Das Involvement der Orthodoxie ist aus ihrer historischen Rolle heraus nicht ungewöhnlich

Anders als etwa der Katholizismus, pflegt die Orthodoxie, auch aus ihrem Selbstverständnis heraus, generell ein ungleich stärkeres politisches Involvement. Zuletzt deutlich wurde dies etwa auch in den Balkankriegen und Konflikten der letzten 20 Jahre. Historische Konflikte wie etwa jene im Westen zwischen Päpsten und Königen blieben ihr weitgehend erspart.

anders and
 
91
17.1.2012, 06:31
ich weiß nicht, was Sie unter "Involvement" verstehen

tatsächlich war es so, dass die orthodoxe Kirche immer brav das gemacht hat, was ihr der Staat aufgetragen hat - insofern sind die Worte des Patriarchen ein Bruch mit der Tradition.

Die katholische Kirche und protestantische Gruppen haben immer unabhängig vom Staat agiert und waren bis 1945 bei uns stark politisch aktiv. In Ländern wie Malta, Polen oder Kroatien ist die katholische Kirche bis heute eine politische Kraft.

Dass der orthodoxen Kirche der Konflikt mit dem Staat erspart geblieben ist zeigt doch nur, dass sie stets ein unselbstständiges Instrument dieses Staates war, ohne eigene politische Gestaltungskraft.

papst benedikt
06
17.1.2012, 14:23

die orthodoxe kirche war von beginn der russischen revolution an bis nach dem wkII hauptbetroffen von verfolgung, enteignung, verbannung und tötung.
lenin und vor allem stalin liessen tausende orthodoxe (auch allerhöchste) würdenträger ermorden, einsperren, verfolgen. millionen gläubige fanden sich im gulag wieder.
nennen Sie das "brav gemacht, was ihnen der staat aufgetragen hat"?
informieren Sie sich ein bisschen.

anders and
 
20
17.1.2012, 19:47
Sie bellen den Falschen an:

"historische Konflikte blieben der orthodoxen Kirche weitgehend erspart" meinte mein Vorposter - beschweren Sie sich bei dem, dass er sich nicht auf die SU bezieht!

Ich beziehe mich auf denselben Zeitraum wie der Vorposter.

papst benedikt
01
18.1.2012, 17:25

sorry, tut mir leid.
war nicht aufmerksam genug und ziehe mein bellen mit bedauern zurück.

fibiundchillie
00
17.1.2012, 12:44
brav das gemacht hat, was ihr der Staat aufgetragen hat

sachlich falsch.

anders and
 
20
17.1.2012, 13:41

"Heiliger Synod" ist Ihnen kein Begriff,

und "sachlich falsch" reicht Ihnen als Argument.

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