Bei den 69. Golden Globe Awards gingen die wichtigsten Filmpreise an den französischen Neo-Stummfilm "The Artist" und an Alexander Paynes melancholisches Familiendrama "The Descendants"
Los Angeles - Am Ende stahl ein drahtiger Vierbeiner seinen zweibeinigen
Kollegen beinahe die Show: Uggie the Dog, Jack-Russell-Terrier und
vielbeschäftigter Hundedarsteller beim Film, avancierte zum
Lieblingsmotiv der Fotografen, und seine Einlagen auf der Bühne sorgten
nicht nur bei der Delegation von The Artist sichtlich für Entspannung.
2012 schien Sonntagabend bei der 69. Verleihung der Golden Globes
überhaupt das heimliche Jahr des Hundes zu werden: Christopher Plummer
dankte als bester Nebendarsteller und erster Geehrter des Abends auch
seinem vierbeinigen Ko-Star aus Beginners. Steven Spielberg nahm für Die
Abenteuer von Tim und Struppi den Preis für den besten Animationsfilm
entgegen. Und Sidney Poitier erinnerte in seiner weihevollen Laudatio
auf Cecil-B.-DeMille-Preisträger Morgan Freeman ans alte Hollywood,
inklusive Filmhundeveteran RinTinTin.
Im Hollywood jener Zeit - 1927, kurz vor Beginn der Tonfilmära - hat
Regisseur Michel Hazanavicius The Artist angesiedelt, der seit der
Premiere 2011 in Cannes schon eine Erfolgsgeschichte hingelegt hat. Bei
den Globes konnte die sechsfach nominierte französisch-belgische
Koproduktion neben dem Preis für den besten Film in der Sparte Komödie
auch noch die Trophäen für besten Darsteller und beste Filmmusik
verbuchen.
Als zweiter klarer Favorit entpuppte sich The Descendants: Alexander
Paynes melancholisches Familiendrama wurde zum Abschluss des Abends in
der gewichtigen Kategorie Bester Film / Drama prämiert. George Clooney,
der darin sein Leben und sein Verhältnis zu seinen Töchtern neu ordnen
muss, hatte dafür bereits den Darstellerpreis erhalten.
The Descendants ist in diesem Golden-Globe-Jahrgang insofern eine
Ausnahme, als so gut wie alle anderen Filmpreise an Produktionen mit
realen oder fiktiven historischen Inhalten gingen: Dass Meryl Streep für
ihre Anverwandlung der Iron Lady Margaret Thatcher geehrt wurde, war
dabei wenig überraschend. Erstaunlicher schon der Regiepreis an Martin
Scorsese für sein nostalgisches 3-D-Abenteuer Hugo Cabret oder die
Auszeichnung des - abwesenden - Woody Allen als bester Autor für
Midnight in Paris.
Die Tendenz zur Rückschau und zum Rückzug aus der Gegenwart hat wohl
auch mit dem heimlichen Sieger dieser Globes zu tun. US-Produzent Harvey
Weinstein zeichnet nicht nur als US-Verleiher für The Artist
verantwortlich. Mit Auszeichnungen an drei weitere Projekte, die seine
Firma betreut, My Week With Marilyn, Madonnas W. E. und The Iron Lady,
kam er auf sechs Preise.
Madonna, für den besten Filmsong gewürdigt, verlieh dem nicht zuletzt
für seine unerbittlichen Eingriffe berühmt gewordenen Weinstein in ihrer
Danksagung den Spitznamen "the Punisher" - in Abwandlungen wurde dies
dann den Abend über weitergetragen. Und Weinstein, der im Vorjahr mit
The King's Speech Filmpreise am laufenden Band einheimste, wird über
solche und ähnliche Witze wahrscheinlich auch während der Oscar-Gala
Ende Februar lachen dürfen.
Schwächelnder Moderator
Dort erwartet man heuer hoffnungsvoll das Comeback von Billy Crystal als
Moderator. Der britische Komiker Ricky Gervais hingegen wird sich von
der Gastgeber-Rolle bei der Globes-Gala mit seinem Auftritt
möglicherweise verabschiedet haben. Seine Begrüßung, die ihm im Vorjahr
heftige Kritik, der Veranstaltung aber auch gute Quoten eingebracht
hatte, wollte diesmal nur bedingt zünden. Im besten Fall zeitigten
Gervais' untergriffige Ansagen die weitaus lustigeren Reaktionen seiner
Bühnenkolleginnen. Hauptsächlich meinte man jedoch bei den Schnitten ins
Auditorium leichte Genervtheit zu erkennen.
Die Oscar-Nominierungen werden am 24. Jänner veröffentlicht. Ein
Kopf-an-Kopf-Rennen von The Descendants und The Artist wird allgemein
erwartet. Ein weiterer Favorit: Der iranische Filmemacher Asghar
Farhadi, der ausgerechnet von Madonna den Golden Globe für den besten
fremdsprachigen Film überreicht bekam, gilt mit Nader und Simin auch als
aussichtsreicher Kandidat für den Auslands-Oscar. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe 17.1.2012)