Interdisziplinäre Forschungsgruppe und der mechanische Türke vermessen die Positivität des Englischen
Schlägt man eine beliebige Seite eines amerikanischen Magazins auf oder
schaltet man sich in irgendeine Talkshow ein, die Wahrscheinlichkeit ist groß,
dass man über das Wort "Fun" stolpert. Nichts scheint so wichtig zu sein wie der
Spaß.
Was bloß subjektive Wahrnehmung des Sprachgebrauchs sein mag, wurde nun durch
eine empirische Untersuchung des Englischen untermauert. Ein Team von
Mathematikern, Physikern und Computerexperten der Universität von Vermont in
Burlington analysierte die "Positivität" seiner Muttersprache. Die Forscher
maßen das "emotionale Spektrum" aus, um festzustellen, welche Färbung überwiegt.
Dabei gingen sie von der Hypothese aus, dass Sprache ein pro-soziales
Bindeglied in einer von eigennützigen Motiven beherrschten Welt ist und dass
daher positiv gefärbte Wörter im Alltagsgebrauch überwiegen. Bisherige
Untersuchungen, so die Autoren der Studie in der Open-Source-Publikation
Public Library of Science, haben unterschiedliche Ergebnisse erbracht.
Mit einer großangelegten Durchforstung von Texten wollten sie Klarheit schaffen.
Als Quellen dienten die Archive des Google-Buchprojekts und der New York
Times, Twitter-Inhalte und Liedtexte. Die 10.000 häufigsten Wörter wurden an
50 Bewerter verschickt (mithilfe übrigens von Amazons Mechanical Turk, einem
Crowdsourcing-Programm, das die Arbeiten vieler Computernutzer koordiniert;
benannt wurde der Service nach dem berühmten, angeblich Schach beherrschenden
"mechanischen Türken" aus dem 18. Jahrhundert).
Spaßgesellschaft anderswo
Die 500.000 Bewertungen ergaben, dass Wörter mit positiv besetzten
Bedeutungen (Liebe, gewinnen, Komödie, Feier etc.) signifikant überwiegen
gegenüber dem andere Ende der Skala (Krieg, Krebs, Mord, Terrorist etc.). Die
allerhäufigsten Nennungen waren dementsprechend auch viel eher positiver Natur.
Zwischen den vier Textkörpern zeigten sich keine großen Unterschiede in Bezug
auf die "Positivität", lediglich spezifische Häufigkeiten waren auszumachen. So
war "Bestrafung" als besonders häufiger Begriff lediglich in der von Google
archivierten Literatur zu finden, "Regenbogen" und "Küssen" hingegen, wenig
überraschend, in den Liedtexten.
Die Auswertung erfolgte rein numerisch, ohne Beachtung des semiotischen
Umfelds oder äußerer aktueller Umstände. Wie die Autoren zudem einschränkend
feststellen, fehlt der Vergleich mit anderen Sprachen und Kulturen. Liegt es nur
an der amerikanischen Kultur, dass das Positive so stark überwiegt? Schließlich
hat man auch im deutschsprachigen Raum eine "Spaßgesellschaft" konstatiert.
Andererseits gilt Österreich als Hochburg des Grantelns und Miesmachens. Ob der
mechanische Türke dies bestätigen würde? (mf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. Jänner 2012)