Peter Seiffert gibt die Partie mit Coolness und erstaunlicher Selbstverständlichkeit
Verdi hat ja lange überlegt, ob er sein letztes Musikdrama "Otello" oder
"Jago" nennen soll - bezüglich der Version an der Staatsoper kann man
sagen: Otello passt hervorragend. Denn Peter Seiffert gibt die Partie -
abgesehen von vokaler Souveränität - mit einer Coolness und
erstaunlichen Selbstverständlichkeit, wie man es auf einer Opernbühne
nur alle Jubeljahre mal erleben darf.
Seine Blicke, Bewegungen und Befindlichkeiten kramt der wagnergestählte
Heldentenor nicht aus der muffigen Kiste der schablonisierten, hohlen
Opernposen, er spielt Real Life: In der rabenschwarzen
Mielitz-Inszenierung rückt er den rasend Eifersüchtigen in die Nähe
eines prolligen Gangsterbosses. Ausgerechnet durch kraftbetontes Agieren
sucht hingegen Franco Vassallo den negativen Helden, "dessen Intelligenz
und Gründlichkeit über die Maßen schrecklich sind" (Ingeborg Bachmann),
darzustellen, und auch vokal verleiht der verwechselbare Schönklang
seines Baritons der Gnadenlosigkeit Jagos nur unzureichend Ausdruck.
Krassimira Stoyanova punktet mit ihrer perfekten Gesangskunst, ihr
Timbre ist leicht abgedunkelt wie das Haar Desdemonas und glänzend wie
das negligéartige Kleid, das sie in den ersten zwei Akten mit merkbarem
Unwohlsein trägt. Verdis "ebenso großartige wie sinnlose Musik" (George
Bernard Shaw) koordiniert Dan Ettinger sicher, er leitet die "Orgie von
Klang und jagendem Rhythmus" (Shaw) mit Verve und Übersicht; das
Staatsopernorchester gibt Schmackes. (end, DER STANDARD/Printausgabe 17.1.2012)