Gegen IWF und EU

Ungarns Politiker bleiben auf Konfrontationskurs

16. Jänner 2012, 19:28

Budapest - Die internationale Kritik an Ungarn sorgt auch im Land selbst für unterschiedliche Reaktionen. Tausende Rechtsradikale forderten am vergangenen Samstag in Budapest den Austritt Ungarns aus der Europäischen Union. Während die Rechtsradikalen unten auf dem Kalman-Szell-Platz skandierten, strömten oben auf dem Burgberg Besucher zur Ausstellung "Helden - Könige - Heilige", eröffnet aus Anlass des Inkrafttretens der neuen Verfassung am 1. Jänner. Unter den Betrachtern Begeisterung angesichts der "patriotischen Kunst", doch auch Kritik wegen "zu viel Politik in den Werken" meint eine Frau.

Diese Art "nationaler Weg", den die Ungarn fahren, kostet nämlich einen hohen Preis. Obwohl der Schuldenberg massiv auf 80 Prozent des Bruttoinlandsproduktes anwuchs, erklärte Premier Viktor Orban, Ungarn könne auch auf eigenen Beinen stehen ohne Finanzspritzen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU. Doch das finanziell schwer angeschlagene, immer stärker isolierte Land musste einlenken, sonst bleibt der Geldhahn geschlossen, lautet die eindeutige Botschaft aus Brüssel und Washington. Einlenken bedeute Ende des Konfrontationskurses und Änderung verschiedener Verfassungsgesetze, wie das Notenbankgesetz und die Steuergesetzgebung, mit denen Orban IWF und EU verärgert hatte. Das Notenbankgesetz beschneide die Souveränität der Zentralbank, warnte Brüssel und kritisierte, dass das System der Gewaltenteilung und der gegenseitigen Kontrolle außer Kraft gesetzt und die Kompetenz des Verfassungsgerichtes bedeutend eingeschränkt wurde. 

Machtspiele sind teuer

Doch Orban zeigte bisher keine überzeugende Entschlossenheit, Gesetze zurückzunehmen. Der Premier demonstrierte zwar Ende vergangenen Woche eine Spur neuer Kompromissbereitschaft, kritisierte jedoch zugleich, er habe bisher "nur politische Meinungen vernommen und keine Argumente". Lenkt Orban nicht ein, steht ein Vertragsverletzungsverfahren durch die EU ins Haus, könnten Gelder aus den EU-Töpfen eingefroren werden, erinnern Finanzexperten. Zugleich könne der IWF die Verhandlungen mit Budapest über einen neuen Kredit auf die lange Bank schieben.

Machtspiele sind teuer, erklärt Peter Juhasz von der Facebook-Seite MILLA (Eine Million für die Pressefreiheit). Der Kurs der ungarischen Landeswährung Forint war dramatisch gefallen, alles würde teurer. Auch der Weg zu der versprochenen eine Million neuer Arbeitsplätze laufe zurzeit in eine Sackgasse. Der 30-jährige Juhasz organisiert gemeinsam mit seinen Freunden zivilen Widerstand gegen "den Abbau der Demokratie" in Ungarn. Immer mehr Menschen würden sich anschließen, immer mehr Nichtregierungsorganisationen miteinander kooperieren, behauptet Juhasz und erinnert an die jüngsten großen Demos vor dem Parlament und der Oper, bei denen Zehntausende Bürger gegen die Regierung Orban protestierten. Dabei hat MILLA nicht einmal ein Büro, sondern ein Cafe dient als Treff. Aber von Demonstrationen lasse sich Orban nicht unbedingt beeindrucken, gibt Juhasz zu. Andere Mittel müssten gesucht werden, um Orban zu stoppen. 

Orban fürchtet protestierende Arme

Bisher demonstrierten Bürger aus Sorge um die Demokratie des Landes. Noch nicht auf die Straße gezogen sind hingegen jene Menschen, die Unentschlossenen, die mit finanziellen Nöten kämpfen. Dieses Potenzial könnte dazu beitragen, dass die Demonstrationen gegen die Regierung Orban einen immer stärkeren Massencharakter erhalten.

Laut Meinungsumfragen hat die über eine bequeme Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament verfügende Regierungspartei Fidesz-MPSZ massiv an Popularität verloren, soll nur noch 16 Prozent der Stimmen erhalten, wären heute Wahlen. Zugleich seien 84 Prozent der Bürger unzufrieden mit der Regierung Orban. Experten beanstanden eine irrationale Wirtschaftspolitik, die Ungarn in eine immer größere Schuldenfalle treibe. Selbst Fidesz-nahe Experten warnen vor den Folgen der - von der Regierung selbst so bezeichneten - "unorthodoxen" Wirtschaftspolitik, fordern eine grundlegende Wende und eine Einigung mit IWF und EU. All diese Besorgnisse werden vor einem Hintergrund formuliert, auf den das Bild des Staatsbankrotts mit immer festeren Strichen gemalt wird.

Griff in die Staatskasse?

Orban habe einen Plan B, erhalte er keinen Kredit von IWF und EU, meinen Politologen. Er könnte zur Sanierung des Budgets auf die Devisenreserven der Notenbank zurückgreifen, wird spekuliert. Im Frühjahr muss Ungarn viel Geld refinanzieren. Doch die Staatsanleihen der Donaurepublik sind nicht gefragt, vor allem nachdem das Land von den Ratingagenturen auf Ramschniveau herabgestuft wurde.

Die Ereignisse in Ungarn werden international als "besorgniserregend" bezeichnet, Demokratie und Rechtsstaat seien in Gefahr. Darauf weisen mehrere Briefe hoher internationaler Vertreter hin, so von US-Außenministerin Hillary Clinton und dem Präsidenten der Europäischen Kommission, Jose Manuel Barroso. Barroso hat nach eigener Aussage Orban davor gewarnt, die kritisierten Gesetze zu verabschieden. Am Dienstag entscheidet nun Brüssel, ob ein Verfahren wegen Vertragsverletzung gegen Ungarn eingeleitet wird und sich die Kommission für ein entschlossenes Vorgehen gegen die Regierung Orban entscheidet. Konkret prüft die EU-Kommission die Unabhängigkeit der ungarischen Justiz, der nationalen Notenbank und der Datenschutzbehörde. (APA)

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Orakel von Lissabon
 
11
17.1.2012, 11:21
Fällt das nicht auch anderen auf,

dass Leute in den Medien immer dann als demokratiefeinlich, rechtse*trem, nationalistisch, populistisch dargestellt werden, wenn sie beginnen, sich der Finanzindustrie entgegenzustellen und selber anfangen, Regeln aufzustellen.
Ganz schlimm wird es, wenn das allerheiligste angegriffen wird, die Notenbank mit Zugriff natürlich auf das Geldsystem.

Wenn z.B. Strache bei uns Kanzler wäre, dann würden wir in kürzester Zeit natürlich genauso abgeschotet und medial zerrissen werden.

Wenn z.B. bei einer fiktiven Regierung SPÖ + Grünen plötzlich jemand an die Macht käme, der beginnt selber Regeln für Banken aufzustellen und Politik für die Bürger zu machen, dann wäre die internationale Reaktion nicht anders, es gelten dieselben Attribute (s.oben).

globetrottel
00
22.1.2012, 16:27

Nein, es scheint , dass das anderen nicht auffällt. Derr Grund dafür könnte evtl. sein, dass es einfach nicht stimmt.
"als demokratiefeinlich, rechtse*trem, nationalistisch, populistisch werden dargestellt ' solche Politiker / Regierungen, die eben mit einem grossen Teil ihrer Aussagen und Aktionen den Definitionen dafür weitgehend entsprechen.

Ob jemand Banken liebt oder nicht, hat per se genau nichts mit Demokratiefeindlichkeit etc. zu tun.

Wenn Strache bei uns Kanzler wäRE (gOTT MÖGE ABHÜTEN...) , würde Ö von den Medien zerrissen, nicht weil er vielleicht irgendwas mit den Banken täte (dafür dann vielleicht zusätzlich AUCH), sondern weil er eben "demokratiefeindlich, ...etc." ist.

Sandor Kocsis
01
17.1.2012, 12:35

seine Finanzpolitik ist kommunistisch
seine Gesellschaftspolitik und sein Umgang mit den rechtsstaatlichen Institutionen hat schon stark faxistische Züge
da seine Partei sich aber national, den traditionellen magyarischen Werten verpflichtet fühlt und zB so ein Satz auf der Front- der Homepage lassen auf Letzteres Naheverhältnis schließen

Die Übersetzung zuerst:
In den Genen des ungarischen Menschen sind die Liebe und Ehre der Erde gegenüber. Wir Ungarn wissen genau, dass die Erde den Menschen nicht nur das täglich Brot, sondern die Gemeinschaft, die Kultur, die Geschichte, die Seele, mit einem Wort Alles sichert.

Sandor Kocsis
01
17.1.2012, 12:34

Hier das Original: www.fidesz.hu
Orbán Viktor a Darányi Ignác Terv bemutatóján, 2012. január 16.

"A magyar emberek génjeiben ott van a föld szeretete és tisztelete. Mi, magyarok pontosan tudjuk, hogy a föld nem pusztán kenyeret ad az embernek, hanem közösséget, kultúrát, történelmet, lelket, vagyis lényegében mindent."

oblomow II
01
17.1.2012, 11:37
interessante these ...

nur
inwiefern stemmt sich oban?
ists nicht so, dass er das opfer einer monströsen selbstüberschätzung ist, und die lage eine folge fehleinschätzenden herumfuhrwerkens?

Frankensteins Fekternich
10
17.1.2012, 11:07
Wer wissen will wie die Zukunft Österreichs aussieht...

... soll einen Blick nach Ungarn werfen.
Liebe Leut, überlegt gut welche Parteien ihr 2013 wählt!
FPÖ/ÖVP werden das Land in den Abgrund führen!

christian p.
01
17.1.2012, 10:30
Hier wurde am 2.1.2012 protestiert ....

Also auf dem Foto erkenne ich bestenfalls 5 Personen!
Das soll eine Demo sein ...?

Bekka
 
22
17.1.2012, 10:27
unterm strache würd's uns genauso gehen

diese "wir gegen die anderen" oder die "wir zuerst"-politik sämtlicher nationalisten dieser welt ist langfristig immer zum scheitern verurteilt. bevor die menschen klüger werden, gibts aber stets ein wirtschaftliches disaster oder (im schlechtesten fall) einen krieg.

da hilfts dann auch nur kurzfristig, die leute gegeneinander aufzuhetzen und sündenböcke (die eu, die ausländer, die asylanten, die sozialschmarotzer usw. usw.) zu suchen.

WRN
11
17.1.2012, 12:20

Wie kommen sie auf die Idee dass eine "wir zuerst" Ideologie zum Scheitern verurteilt ist?

MIt dieser Einstellung hat die Menschheit ca 5900 Jahre lang gut gelebt.
Der ganze Internationalisierungswahn ist erst mit dem 20ten Jahrhundert aufgekommen.

Ich würde also eher mal ein bissi ausserhalb meiner Indoktrinierung zu denken anfangen und die Zahlen betrachten!
-5900 Jahre stabile System mit regional begrenzten Konflikten... durch kleine Nationalstaaten
-110 Jahre Internationalisierung... hier hatten wir 2 Weltkriege, diverse Währungskrisen, Völkermorde in vorher unvorstellbarem Ausmaß, Ausbeutung von großen Teilen der Welt durch die 1te Welt...

sicher dass Nationalismus auf lange Sicht nix bringt?

Marcus Maccabaeus
11
17.1.2012, 10:26
Die EU riskiert die Abspaltung Ungarns aus der EU!

Es sind jetzt schon die Mehrheit der Ungarn für einen Austritt aus der EU. Falls das passiert, könnte das ganze EU Kartenhaus zusammenfallen.
Die EU kann sich derzeit einen Desintegrationsprozess, der ja schon durch die Infragestellung der Zugehörigkeit einiger Länder zum Euro in Gang gesetzt wurde, nicht leisten!

Janosch bacsi
00
17.1.2012, 11:01

Wie am vergangenen Freitag, bei der Anti-EU-Demo in Budapest. (Komisch, kein Wort in den Medien.)
http://index.hu/belfold/2... ese_ellen/

Sandor Kocsis
00
17.1.2012, 12:36

wenn sie eine Arpadfahne verbrennen würden - das wäre eine Meldung wert, da überraschend!

Alexander Patjomkin
11
17.1.2012, 09:44
Die Ungarn-Debatte ist nichts anderes als Ablenkungsmaneuver,

das die eigenen schicksalhaften Probleme in den Hintergrund zu schieben. Das Problem Ungarn ist viel
kleiner als hier dargestellt wurde, nur wegen der internationalen "Verschwörung" und Medienkrieg wird es immer grösser sein. Das echte Problem liegt in der Fehlkonstruktion der EU

oblomow II
10
17.1.2012, 11:34
hahahaha

genau

die ungarn sind das opfer einer internationalen verschwörung ...

oblomow II
12
17.1.2012, 09:24
pester lloyd:

"Nach den neuesten Erhebungen des Umfrageinstituts Ipsos haben sich bereits 57% der Wahlberechtigten von den existierenden Parteien abgewandt und wollen gar nicht mehr zur Wahl gehen. Erstaunliche 84% der Gesamtbevölkerung sind dabei der Meinung, dass sich das Land auf dem falschen Weg befindet, was also den Zahlen nach auch einen Großteil derjenigen einschließen muss, die noch immer der Regierungspartei ihre Stimme geben würden, was ein gewisses Paradoxon oder dem Irrsinn nahe Verzweiflung darstellt."

Säure- und hitzebeständiges Archaebakterium
24
17.1.2012, 09:00
Wann führt Kärnten den Forint ein?

Wirtschaftlich und politisch tät's passen...

Tintininafrica
43
17.1.2012, 08:52
Ungarn...

Ungarn braucht ca. EUR 15 Mrd. Griechenland hat bereits ca. EUR 130 Mrd. bekommen und kein Ende in Sicht. Aber die Kommissare, die die Gesetze (No bail out, EZB darf keine Staatsanleihen kaufen usw.)
selber sich zurechtbiegen, reiten auf Ungarn herum. Ist das nicht zweierlei Mass ?

Zelvik
00
17.1.2012, 10:27

Welche Kommissare? Die EU Kommission führt doch in der ganzen europäischen Diskussion inzwischen eine Schattenrolle. Die EU Regierungschefs, allen voran Merkel und Sarkozy haben doch jegliche Entscheidungsgewalt an sich gerissen - die EU Institutionen aushöhlend und umgehend wo es nur geht. Wenn die jetzige Situation irgendwas zeigt ist es doch gerade, dass die von Eigeninteressen geleiteten nationalen Regierungen keine Lösung schaffen, die den Kontinent aus der Krise führt - dass eine den nationalen Interessen übergeordnete Kraft vollkommen fehlt.

Herzerzog Johann
15
17.1.2012, 08:50
Mit voller Kraft gegen die Wand.

So sinds halt, die rechten Dumpfköpfe.

wildkater
01
17.1.2012, 09:28
...und statt zu bremsen geben die auch noch Gas...

I could lose my account for having a voice
00
17.1.2012, 08:50
Süddeutsche Zeitung: "Die Angst der Ungarn wohnt überall"

http://www.sueddeutsche.de/politik/o... -1.1259578

Der Chronist
13
17.1.2012, 08:42

Die Zahnlosigkeit von Barroso und Co. wäre ja fast amüsant, wenn die ganze Sache nicht so übel wäre.

Und in zwei Jahren ist Österreich dran, wenn Strache herrscht.

micksen
09
17.1.2012, 08:21

In einiger Zeit braucht man vielleicht nur Österreich statt Ungarn und Strache statt Orban umschreiben. Oder seh nur ich die Parallelen?

övp sucks !!!
01
17.1.2012, 10:24
österreich hat kein mehrheits-förderndes wahlrecht wie ungarn

mit ca. 52% der abgegeben stimmen bzw. mit ca. 1/3 der wahlberechtigten könnte in ö. aufgrund des anderen wahlsystems keine 2/3-mehrheit erreicht werden

I could lose my account for having a voice
12
17.1.2012, 08:37
Natürlich nicht

Aber laut EU ist das alles eh okay. Strafzahlungen? Ein Scherz.

Dass Ungarn unter diesem Regime nicht schon längst zum Paria unter einem umfassenden Boykott geworden ist, leistet den Chancen Straches, sich in Österreich ähnlich aufzuführen, Vorschub.

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