Kulturphänomen Depression

Wut und Depression

Leser-Kommentar | 17. Jänner 2012, 08:56

Wie können wir mit dem "Kulturphänomen Depression" umgehen? Ist die Pharmaindustrie die einzige "Rettung", oder nur die einfachste Lösung?

In der Ö1 Sendung "Im Gespräch" (Donnerstag 12. Jänner, 2012) diskutierte Renata Schmidtkunz mit dem Psychotherapeuten Arnold Retzer über das Thema "Wer Geld machen will, investiert nicht mehr in Drogen, sondern in Psychopharmaka". Der Titel erscheint mir ein wenig irreführend, da sich die beiden Gesprächspartner im Laufe der Sendung hauptsächlich mit der Depression als Kulturphänomen und nur in eingeschränktem Maße mit der Rolle der Pharmalobby beschäftigten, die, so wurde gesagt, vor allem daran interessiert sei, eine allgemeine Auffassung von Depression zu zementieren, die sowohl Ursache als auch Lösungsstrategie ausschließlich in der biologischen Sphäre verortet. Die Quintessenz der Sendung, die mit einem Verweis auf zweierlei Auswege aus der Depression, nämlich "Trauer/Tränen" und "Wut" endet, gestaltete sich hoch politisch: "Die in weiten Teilen der Gesellschaft um sich greifende Depression ist ein hoch politisches Phänomen, kein Versagen der/des Einzelnen, die/der es nicht geschafft hat, seines/ihres Glückes Schmied zu sein."

"Ich bin unfähig, ich mache alles falsch"

Ich stieß auf die Sendung am Freitag, nachdem ich den Vorabend damit verbracht hatte, den verzweifelten Schilderungen einer Freundin zu lauschen, die an einer Depression litt und nach einem optimistischeren Zeitabschnitt nun scheinbar wieder dabei ist einen Rückfall zu erleiden. Während unseres Gesprächs kreisten meine Gedanken um die Frage, wie ich ihre Aussagen (sie sei "unfähig" und würde "alles falsch machen") begegnen sollte. Ich begann rational abzuwägen und führte ihr vor Augen, dass es keinerlei Basis für derartige Selbstzweifel gäbe. Ich erzählte ihr von meinen eigenen Selbstzweifeln und den Mechanismen, die mir aus den Löchern helfen, in die wir ja alle ab und zu fallen. Sie hörte zu. Sie wog ab. Sie stimmte mir zu. Ich umarmte sie und wir gingen beide schlafen. Am übernächsten Tag rief mich ein gemeinsamer Freund an und erzählte mir, dass er von dieser Freundin am Vortag mitten in der Nacht in Tränen angerufen worden sei... Sie wird wohl wieder Medikamente nehmen müssen.

Beruflicher Erfolg als Leitwert?

Ich bin wütend. Wütend auf meine Freundin, weil sie nicht konkret festmachen kann, woher die Hirngespinste kommen, die sie so peinigen. Wütend auf mich, weil ich weiß, dass ich nicht wütend auf sie sein sollte, da sie ja "krank" ist. Wütend auf all jene (inklusive mir selbst), die täglich unreflektiert vorleben, dass beruflicher Erfolg und gesellschaftliches Ansehen die wichtigsten Kriterien für ein ausgewogenes Selbstwertgefühl seien.

Popstars und Dauerparty

Wir leben in einer Zeit, in der jeder zum Popstar in seiner Nische werden möchte und in der "Party machen" zum Fetisch erhoben wurde. Wir leben in einer Gesellschaft, die "die Eliten" als Schimpfwort abtut und gleichzeitig die Diktatur der selbstverantworteten Individualautonomie verherrlicht. Wir leben in einer Kultur, die es verlernt hat, den behütenden Aspekt von Hierarchien zu erkennen und damit die Menschen um ihr Recht gebracht hat, sich durch eine Abgabe gewisser Sorgen nach oben, zu entlasten.

Wollen wir wirklich alle dermaßen autonom sein? Oder haben wir einfach alle so große Angst davor, Verantwortung über andere Menschen zu übernehmen, so dass wir uns still und leise davon stehlen nach dem Prinzip "ich misch mich bei dir nicht ein, also misch du dich nicht bei mir ein?"

Verantwortung übernehmen

Ich möchte zum Schluss die anfängliche Feststellung über die politische Dimension des Kulturphänomens Depression wieder aufgreifen und den Gedanken der Wut in diesem Zusammenhang weiterspinnen, der am Ende der Sendung noch kurz auftauchte. In meinen Augen sollte man den Diskurs über Depression von denjenigen, die an ihr leiden, auf diejenigen ausweiten, die indirekt als Freunde, Partner oder Familienangehörige davon betroffen sind. Wir sollten aufstehen und uns Gehör verschaffen. Wir dürfen uns nicht zu Komplizen der Pharma-Lobby und der Erfolgsprediger machen, indem wir unreflektiert die Auffassung wiederkäuen, dass Depression nur ein biologisches Problem sei. Wir sollten wütend sein und unserer Wut darüber öffentlich Luft machen, und nicht resignativ dabei zusehen, wie die Einnahme von stimmungsaufhellenden Medikamenten zu einem fixen Bestandteil unserer gesellschaftlichen Praxis wird.

Wir dürfen uns nicht über eine Individualisierung der Problematik unserer gesellschaftspolitischen Verantwortung entledigen. (Leser-Kommentar, Julian Benedikter, derStandard.at, 16.1.2012)

Autor

Julian Benedikter, 25 Jahre alt, studiert Sinologie MA an der Uni Wien und "Teaching Chinese to Speakers of Other Languages" MA an der Fudan Universität in Shanghai.

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Warpsignatur
02
17.1.2012, 18:59

ziemlich viele vorurteile, ziemlich wenig fachwissen. reicht aber offenbar locker für einen "leser-kommentar".
wenn man der argumentation folgt, müsste in der zeit vor der "pharma-lobby", also noch bis in die 50-er des 20.jh., für psychisch kranke alles wunderbar gewesen sein. soll aber komischerweise nicht so gewesen sein...

chrilly donninger1
00
17.1.2012, 19:31
Es wurden auch die Rechte von psychisch Erkrankten

wesentlich verbessert. Heute jemanden gegen seinen Willen in den Psychatrie zu sperren geht nicht mehr so leicht.
Auch das Sachwalter-Wesen wurde verbessert (hat aber auch weiteres Verbesserungspotential).

Tatsächlich waren die Verhältnisse speziell am Land extrem brutal. Da hat man die Kuh besser behandelt wie den "Narrischen".

Warpsignatur
01
17.1.2012, 20:06

glücklicherweise werden diese menschen heute eben als krank angesehen. und nicht als störrische narren, die nicht machen, was man ihnen sagt und die dadurch aller rechte beraubt werden können.
ich frage mich nur, ob das zum autor des obigen elaborats schon durchgedrungen ist...

chrilly donninger1
03
17.1.2012, 17:53
Wut tut nicht Gut.

Ich bin Sachwalter meines an paranoider Schizophrenie erkrankten Schwagers.
Mein Erfahrung ist: Psychisch labile Personen sehnen sich nach einem Fels in der Brandung. Regns ihna über Gott, die Welt, die Schwester und sich selber weniger auf. Wütend sein ist im Moment zwar chic, aber ziemliches Gift. Übermässig auf Happy-tun ist für Depressive auch ziemlich unerträglich.
Einfach die Ruhe in Person da sein ist das Beste.
Das ist natürlich leichter gesagt als getan.

santa fe
 
37
17.1.2012, 15:11
wir können einfach nicht mehr so weitermachen.

wir ertragen es nicht mehr, sklaven zu sein und das gegenteil nur spielen zu dürfen. der nächste schritt der menschlichen evolution muss durchgeführt werden, alle gesellschaftlichen und individuellen indizien weisen deutlichst darauf hin. konsum und drogen aller art können uns nicht mehr voll betäuben. es ist eine immunität entstanden, es ist zu arg.

es ist an der zeit, die demokratie beim wort zu nehmen und die persönliche souveränität jedes einzelnen herzustellen. dies kann nur geschehen, wenn der geld-und lohnterror der FI (finanzindustrie), den wir selbst zu verantworten haben, mehrheitsdemokratischen abgewählt wird.

BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN für alle

beruf statt berufung, selbstverwirklichung statt entstehender weltkrieg.

beliar
01
17.1.2012, 19:03

und was hat das mit depressionen ich meine jetzt nicht depressive verstimmung die der autor anscheinend meint zu tun?

santa fe
 
21
17.1.2012, 22:44

die antwort kostet eine minimale anstrengung des verstandes und lesefähigkeit.

chrilly donninger1
11
17.1.2012, 18:12
Und bezahlen tu das alles ich

der letzte Depp der hackelt?

santa fe
 
01
17.1.2012, 18:29
nein, sie werden das BGE nicht bezahlen, sie werden bekommen.

es gibt verschiedene finanzierungsmodelle. ich persönlich halte das von attac österreich ausgearbeitete für das bisher beste.

alle bekommen das BGE, aber die reich(st)en werden höhere steuern bezahlen, aber wirklich extrem besteuert wird nur ein kleiner teil des einkommens (bei den allerreichsten bis zu 90%), so dass auch sie keinen relevaten schaden erleiden. vom BGE haben sie letztendlich natürlich keinen vorteil, aber 80% der bevölkerung haben ihn.

es handelt sich darüber hinaus um eine umfassende reform zahlreicher steuern zugunsten der umverteilung von oben nach unten nach oben.

bitte nehmen sie sich die zeit und sehen sie sich das angeschlossene video genau an.

http://www.youtube.com/videoatta... D4eT6ro1rM

LGM
10
17.1.2012, 21:16

Leider habe ich mir die Zeit genommen...
Das vorgestellte Finanzierungsmodell ist ein schwacher Scherz! 90% Steuern ab einem Einkommen von 48.000 EUR sind der Gipfel an Leistungsfeindlichkeit. Die Vorstellung, dass man durch solche Steuersätze von ein paar gut verdienenden D*ppen das BGE finanziert bekommen kann, während 80% der Bevölkerung davon profitieren ist derart hanebüchen, dass man sich nur an den Kopf greifen kann. Man merkt einfach, dass sich die "Architekten" dieses Vorschlages überhaupt nicht bewusst sind, dass man in einem komplexen rückgekoppelten System nicht einfach an einer Schraube drehen und für die weiteren Berechnungen davon ausgehen kann, dass sich keine der weiteren Variablen dadurch ändern.

santa fe
 
11
17.1.2012, 22:37

dass nur ein teil des jeweiligen spitzeneinkommens mit 90% besteuert wird, verschweigen sie geflissentlich, um wie immer falschinformationen verbreiten zu können. sie sind hassgeblendet und im wahrsten sinne des wortes indiskutabel. es wird keine weitere antwort auf ihre unqualifizierbaren provokationen erfolgen.

pox vobiscum
00
19.1.2012, 11:08

Nix gegen höhere Besteuerung wirklich hoher Einkommen, ab 500 000.- Euro oder so, aber 90% für alles über 48 000.- ist der reine Wahnsinn - in sozialer, volkswirtschaftlicher und überhaupt jeder Hinsicht.

LGM
00
19.1.2012, 14:16

Die Besteuerung der Einkommen > 500.000 Jahr bringt aber nicht die nötige Masse.
Man wird also, wenn man das überhaupt umsetzt, mit niedrigeren Grenzsteuersätzen, dafür aber bei weit geringeren Einkommen anfangen müssen, so dass man das Geld vom Mittelstand holen kann.
Dass dann aber natürlich nicht 80% der Leute vom BGE profitieren werden, ist auch klar.
Meiner Meinung nach ist das BGE in der angepeilten Höhe von 1.500 EUR schlicht nicht finanzierbar.

santa fe
 
00
19.1.2012, 13:02

die diskussion wird sich wahrscheinlich tatsächlich in die richtung der mehrbesteuerung der allerreichsten entwickeln sowie die anhebung der finanztransaktionssteuer forcieren.

LGM
00
17.1.2012, 23:11

Ich würde Sie doch bitten, mir zu zeigen, was in meinem obigen Posting sachlich falsch ist. Einkommensteile über 48.000 Eur sollen laut Vortrag mit 90% versteuert werden. Dass dieser Vorschlag in der Einkommensklasse jeden Anreiz für weitere Leistungen beseitigt, sollte wohl klar sein. Dass damit allerdins auch die Basis geschmälert wird, die die Zu verteilenden Steuereinnahmen bringen soll, wollen weder Sie noch der Vortragende von Attac wahrhaben.
Mit Hass hat das gar nichts zu tun, das sind rein rationale Überlegungen. Es steht Ihnen natürlich frei, die zu widerlegen, wenn Sie das können.

LGM
00
17.1.2012, 22:47

Was haben Sie an "ab einem Einkommen von 48.000 EUR" nicht verstanden? Genau so wird es in dem Film präsentiert. Für jeden Euro, der über 48.000 EUR verdient wird, sind 90% Steuern zu berappen. Darunter gibt es noch eine weitere Grenze für den 80% Satz, die habe ich mir aber nicht gemerkt...
Sie haben offenbar den Vortrag selber nicht verstanden und glauben jetzt, jeden Widerspruch mit Worten wie "Hass", "indiskutabel" und "Provokation" beantworten zu können.
Dass Sie nicht antworten wollen (können) ficht mich wenig an, sie zählen sowieso zu den drive-by Postern, die ihren Sermon unter jedem Artikel abladen uns sich prinzipiell keiner ernsthaften Diskussion stellen.

chrilly donninger1
00
17.1.2012, 19:21
Okay

Ich bekomm quasi unten was dazu und zahl oben mehr Steuern. Soll so sein. Ein paar Euro auf oder ab tun mir nicht wirklich weh.

Unser Gemeindearbeiter verdient Netto 1150 Euro/Monat. Das ist im Moment keine sehr lustige Hacken. Der wär dann aber ein Depp wenn er sich eigentlich für nix den Arsch abfrieren würde.
Oder bekommt der dann auch 1150 + BGE?

santa fe
 
00
17.1.2012, 22:43
bitte schauen sie sich das video wirklich an, wenn sie wirklich interessiert sind.

alle, deren einkommen, unter dem steuerfreibetrag liegen, bekommen das volle BGE, dann wird es entsprechend des einkommensprogression progressiv vermindert. das wirkt sich auf niedere einkommen kaum aus, so geringfügig wird dort die BGE-verminderung ausfallen.
ihr gemeindebediensteter wird (fast) in den vollen genuss des BGE. kommen, was sein einkommen nahezu verdoppeln wird.

LGM
10
17.1.2012, 22:50

Und 20% der Verdienenden sollen dann das finanzieren, was die restlichen 80% mehr bekommen. Einfach absurd das ganze, wenn auch rührend ob seiner Naivität.

LGM
11
17.1.2012, 22:08

Laut Vortrag bekommen nach einführung des BGE 80% der Bevölkerung mehr als vorher, 20% müssen in den sauren Apfel beißen, mit 90% Steuer für jeden verdienten Euro ab 48.000 EUR pro Jahr. "Das macht die aber nicht arm" ist der süffisante Kommentar in der Präsentation.
Abgesehen davon, dass die Besserverdiener dann einfach weniger arbeiten oder auswandern, führt so etwas natürlich zu einer massiven Inflation. Gegenrezept: das BGE wird indexgesichert. Problem erkannt, Problem gelöst.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht, aber mir als Informatiker stellen sich bei sowas alle Haare auf. Das besonder Schlimme dabei ist ja, dass diese Leute an die Realisierbarkeit dieser Konzepte tatsächlich glauben!
Zum Wutbürger könnte man da werden!

santa fe
 
00
17.1.2012, 18:32
umverteilung von oben nach unten

soll es heissen, verzeihung.

santa fe
 
00
17.1.2012, 20:11

video-limk scheint sich nicht öffnen zu lassen. 2.versuch:

http://www.youtube.com/videoatta... D4eT6ro1rM

santa fe
 
00
17.1.2012, 18:39

hier noch eine erläuterung von erich fromm:

http://www.grundeinkommen.ch/?p=3791

chrilly donninger1
04
17.1.2012, 18:02
Wir leben in einem paradisisches Zeitalter

Ich bin 55 und habe in meinen Leben keine einzige gesellschaftliche Tragödie erlebt. Nicht einmal ein Tragöderl, einfach gar nichts. Mein Grossvater hatte mit diesem Alter schon 2 Weltkriege hinter sich.
Es hätten auch sehr viele Menschen auf dieser Welt sehr gerne unsere Probleme.
Dieses wie schrecklich ist doch unsere Welt (in Österreich) ist vollkommen bizarr wenn man sich die Lebenssituation von früheren Generationen oder von anderen Weltgegenden anschaut.
Das ist das Gesudere von verhätschelten Wapplern die noch nie sowas wie Armut oder gar Hunger kennengelernt haben.

Warpsignatur
03
17.1.2012, 19:19

tja, heutzutage hat das leben gefälligst paradiesisch zu sein und wenn nicht, dann ist die gesellschaft, der kapitalismus, die politik, der chef, der partner, die eltern, die schule, wer auch immer, schuld.
dass man eben arbeiten muss, um zu leben, dass jeder tag neue konflikte, sorgen und probleme bringen kann und dass man nicht das zentrum der welt ist, ist für manche menschen offenbar an der grenze des erträglichen...
dass schon jeder schüler iphone, laptop, lcd-tv und superschnelles internet sein eigen nennt, hilft hier nichts. das ist alles zu wenig. und deswegen ist man so wütend...
im übrigen danke für Ihren sehr realitätsbezogenen kommentar.

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