Schräger Fanboy-Zwist um Windows Phone

Branchenexperten streiten: Windows Phone hat die beste Benutzeroberlfäche vs. "ich hasse es"

Wenn es um die Zukunft von Windows Phone geht, scheiden sich die Geister nicht nur, sie streiten. Microsofts Betriebssystem für Smartphones hat seitens Journalisten viel Lob kassiert, doch die Verkaufszahlen spiegeln diese Lorbeeren bislang nicht wider. Auch Nokias ersten Windows Phones werden vorsichtig positive, aber keineswegs enthusiastische Befunde ausgestellt.

Posting-Gefecht

Die Fronten zwischen Pro und Contra Windows Phone scheinen so verhärtet wie die Fangemeinden hinter iOS und Android. Am deutlichsten veranschaulicht werden die Standpunkte derzeit von Techblogger Robert Scoble, der nicht an einen Erfolg von Windows Phone glaube, und Business Insider-Autor Hillel Fuld, der dem System die Chance ausstellt, Android zu überholen. Auf Google+ ist ein Posting-Gefecht unter einer Antwort Scobles auf einen Artikel von Fuld entbrannt. Mit teilweise eigenartigen Argumenten.

App-Vergleiche

Eines der zentralen Streitthemen um die Relevanz der Plattform sind Apps. Für Apples iOS existieren über 500.000 Apps, Android liegt bei etwa 400.000 Apps. Für Windows Phone stehen aktuelle rund 50.000 Anwendungen zur Verfügung. Deutlich weniger als bei Google und Apple, gibt Fuld zu, dafür wachse das Angebot auch schneller als das der Konkurrenz. Laut den Entwicklern, mit denen er gesprochen habe, sei es einfacher Apps für Windows Phone als für Android zu entwickeln.

Windows Phone zu "unsicher"

Scoble wendet wiederum ein, dass sich die meisten Entwickler nach wie vor auf iOS und Android konzentrieren würden. Das führe dazu, dass Windows Phone für User weniger interessant sei - ein Teufelskreis. Zahlreiche Entwickler und Verantwortlichen in Unternehmen, mit denen Scoble etwa auf der CES gesprochen habe, seien jedenfalls noch nicht bereit eine Windows Phone-App anzubieten. Das mache es für User "unsicherer" ein Smartphone mit der Plattform zu kaufen.

Nokia als starker Partner

Weiters führt Fuld an, dass Microsoft mit der Partnerschaft mit Nokia einen großen Vorteil habe. Nokia habe in vielen Ländern eine treue Nutzergemeinde, in denen iPhone und Android-Smartphones noch gar nicht angeboten würden. Gemeint sind wohl sogenannte emerging markets, in denen vor allem noch Nokias einfachere Feature Phones verkauft werden. Konkreter geht Fuld jedoch nicht darauf ein. Scoble entgegnet, dass sich auch Android in vielen dieser Länder, etwa in Afrika, etablieren konnte.

Bessere Hardware?

Auch die Hardware, die Nokia beisteuert, sieht Fuld für eine erfolgreiche Windows Phone-Zukunft ausschlaggebend. Niemand baue Handys so wie Nokia und das Lumia 900 und seine Geschwister würden die Latte für mobile Hardware extrem hoch ansetzen. Samsung - wohlgemerkt Marktführer bei Smartphones - wünscht er dabei viel Glück. Branchen-Experte Sascha Pallenberg entgegnet darauf in einem Antwort-Posting auf Scobles Google+-Eintrag, dass das Design der Lumias zwar herausragend sei, die Geräte ansonsten in Punkto Hardware keineswegs Maßstäbe setzen könnten. Nokias Windows Phone-Modelle hätten im Vergleich zu anderen Top-Smartphones kein einziges Herausstellungsmerkmal.

"Bestes UI" vs. "Ich hasse es"

Besonders stark erhitzen sich die Gemüter, wenn es um die Benutzeroberfläche von Windows Phone geht. Für Fuld sei die Kachel-basierte Oberfläche das beste und fortschrittlichste UI. Diese Meinung würde auch Blogger und Apple-Enthusiast John Gruber vertreten. Die Erfahrung von Scoble und Pallenberg hingegen sei, dass die meisten User das Interface regelrecht hassen würden. Eine Mitarbeiterin von Pallenberg müsse sich regelrecht dazu zwingen, Windows Phone zu nutzen.

Journalisten wünschen sich starke Nummer drei

Windows Phones würde von Presse und Bloggern nur deshalb so gut besprochen, weil man sich nach Android und iOS eine starke Nummer Drei wünsche, so Scoble. Daraus würden sich bessere "Kämpfe" und entsprechend höhere Leserzahlen ergeben. Das hätten ihm Journalisten von Bloomberg, BBC und dem Wall Street Journal offen gesagt. Pallenberg wünscht sich ebenfalls ein stärkeres, drittes System, allerdings aus anderen Gründen. Würden sich iOS und Android den Markt alleine aufteilen, bleibe die Innovationen irgendwann auf der Strecke.

Viel Lärm um ... ?

Auf beiden Seiten wird zwar in Fanboy-Manier argumentiert. Fuld hat jedoch Recht, wenn er das schnellere App-Wachstum von Windows Phone herausstreicht und betont, dass man die Plattform deshalb noch nicht abschreiben sollte. Umgekehrt kann man Pallenbergs Einwand, dass Nokias Hardware keine Maßstäbe setze, nur zustimmen. Für Microsoft und Nokia ist die Aufmerksamkeit, die Windows Phone und die Lumias erhalten, auf jeden Fall positiv. Ob es bei viel Lärm und Nichts bleibt oder die Plattform nun den benötigten Auftrieb erhält, bleibt abzuwarten. Schließlich hätte sich vor zwei Jahren wohl niemand gedacht, dass Android die Nummer Eins am Smartphone-Markt und Nokia mit Microsoft paktieren wird. (br/derStandard.at, 16. Jänner 2012)

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