Beicht-Warnung für St. Stephan

Wolfgang Bergmann, 16. Jänner 2012, 11:40

Im Wiener Stephansdom fehlt derzeit am Beichtstuhl ein wichtiges Hinweisschild: "Jugendverbot - for adults only!"

Dies wäre jedenfalls die Konsequenz, würde die Erzdiözese ihren eigenen Richtlinien für „Maßnahmen, Regelungen und Orientierungshilfe gegen Missbrauch und Gewalt" ernst nehmen. Die von allen österreichischen Bischöfen in Kraft gesetzte Rahmenordnung sieht vor: „Pädophile Missbrauchstäter werden keinesfalls weiter Pastoral eingesetzt, wo der Kontakt zu Kindern und Jugendlichen gegeben ist."

Man ist sogar so vorsichtig, einen weiteren Einsatz für Missbrauchstäter selbst nach einer Therapie auszuschließen, weil "eine relativ hohe Rückfallquote gegeben ist." In Verdachtsfällen wird bis zur Klärung mit einer Dienstfreistellung gearbeitet.

Freilich ist nicht alles schwarz-weiß. Schwierig ist die Situation in Fällen, wo eine letzte Klärung nicht gegeben ist. Fälle sind verjährt, Aussagen stehen gegen Aussagen. Trotzdem müssen die Verantwortlichen handeln. Im Zweifel muss wohl, versteht man den Opferschutz richtig, ein Seelsorgeeinsatz unterbleiben.

Der konkrete Fall liegt in dieser Grauzone. Es gilt daher die Unschuldsvermutung im rechtlichen Sinne. Was aber die Kirche trotzdem nicht davon entbindet, Vorsichtsmaßnahmen zu setzen: Gegen einen Pfarrer wurden Vorwürfe des sexuellen Übergriffes vorgebracht. Der behauptete Zeitpunkt liegt Jahrzehnte zurück. Das Jugendlager war der Ort des mutmaßlichen Übergriffes. Immerhin sind es gleich drei mittlerweile erwachsene Männer, die Anschuldigungen erheben. Der Pfarrer bestreitet. Die diözesane Ombudsstelle diagnostiziert jedoch einen erhärteten Tatverdacht.

Auch von der Diözesanleitung wird der Sachverhalt als so gravierend eingestuft, dass eine Abberufung des Pfarrers im Raum steht. Nun folgt die kirchlich gängige Lösung: Da der Pfarrer ohnehin im pensionsfähigen Alter ist, wird er gedrängt, von seinem Amt zurückzutreten (dass der kirchenrechtliche Fachterminus dafür „Resignation" heißt, passt da gut ins Bild). Nach außen hin wird der Schein gewahrt, was angesichts der Grauzone vielleicht sogar seine Berechtigung hat. Richtig und wichtig ist das präventive Fernhalten des Priesters von der Jugendseelsorge.

Doch die Diözesanleitung agiert inkonsequent. Dieser Priester fungierte nämlich schon lange regelmäßig als Beichtpriester im Stephansdom - und darf dieses Amt behalten. Vom "dauernden Ruhestand", wie das amtliche Diözesanblatt verkündete, ist also nicht die Rede.

Gerade die Beichte ist aber als das intimste und sensibelste Sakrament am meisten in Gefahr, zum Ort der Abhängigkeit und des Übergriffes zu werden. Es war wohl pastorale Klugheit, dass es in alten Zeiten Vorschrift war, ein Beichtstuhl habe im öffentlichen Kirchenraum zu stehen und Priester und Beichtende seien durch ein Gitter zu trennen.

Die heutigen Beicht- und Aussprachezimmer, wie auch in St. Stephan eingerichtet, bieten zwar die angenehmere Gesprächsatmosphäre und bessere pastorale Rahmenbedingung, bringen aber - was den Missbrauch und Übergriff angeht - höhere Risiken mit sich. Schon der Kirchenlehrer (und Patron der Schriftsteller) Franz von Sales formulierte im 17. Jahrhundert über die Wahl eines "Seelenführers", den er für ein frommes Leben für notwendig hielt: "Suche dafür einen aus zehntausend. Denn es finden sich weniger, die für diese Aufgabe geeignet sind, als man meinen möchte."* (Das klingt nicht gut, in Österreich stehen nämlich nur etwas mehr als 4.000 Priester zur Verfügung).

Wie sensibel die Kirche das Bußsakrament einschätzt, erkennt man auch daran, dass ein Priester die Beichtvollmacht eigens vom Bischof erhalten muss (CIC cann. 969-973), und diese auch gesondert entzogen werden kann (CIC can. 974).

Für den Umgang mit 2010 erlassenen Richtlinien zum Opferschutz ist wohl eine große Evaluation angesagt, um deren Wirksamkeit zur prüfen. Der konkrete Fall weist zudem auf ein Grundsatzproblem der kirchlichen Verfassung: Der Bischof ist kirchlicher Richter, Gesetzgeber und Seelsorger in einem. Er hat sich um die Gläubigen zu kümmern und ist gleichzeitig disziplinärer Chef seiner Priester. Es hat auch seine "strukturellen Bedingungen", dass in der Kirche so lange die "Täter mehr geschützt wurden als die Opfer", wie auch das Maßnahmen-Papier der Bischöfe analysiert. Für Opferschutz und Prävention wäre ein wenig kirchliche Gewaltenteilung sicherlich segensreich.

Schließlich ist dieser Vorgang auch ein Beispiel für die stets schwankende Haltung des Wiener Erzbischofs, der in Grundsatz-Erklärungen immer eine unmissverständlich klare Haltung zugunsten der Opfer einnimmt (was man eigens loben muss), in der Praxis aber - insbesondere wenn es um Priester geht - häufig herumlaviert (aber davon ein andermal).

Im konkreten Fall besteht jedenfalls dringender Klärungsbedarf, warum zwar eine Abberufung als Pfarrer angezeigt war, der Beichtdienst aber aufrecht bleibt. Wenn auch das Klientel zu St. Stephan überwiegend ältere Menschen sind, kann bei der ersten Adresse der Stadt nie ausgeschlossen werden, dass hier Jugendliche Rat und Hilfe suchen.

In der Zwischenzeit muss wohl die eingangs erwähnte Beichtwarnung für St. Stephan aufrecht bleiben.

PS.: Nebenfrage: Warum scheint im Beichtplan zu St. Stephan neben dem Dompfarrer Toni Faber kein einziger der elf weiteren Domkapitulare als Beichtpriester auf - deren Qualifikation steht doch hoffentlich außer Zweifel.

PPS.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig. (derStandard.at, 16.1.2012)

*Franz von Sales, Philothea, Eichstätt-Wien 1981, 25

Autor: Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling: "Die kleinere Sünde" (Czernin-Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 152
1 2 3 4
Geschmeidig
00
24.1.2012, 10:44

die sog. Geistlichkeit in der kath. K. ist eine Horde von primitiven Kurz-Schwa'z-Prolos!

countdawn
01
19.1.2012, 08:34
Warum gibts es keine Hausdurchsuchungen in Österreich?

Hausdurchsuchungen in Bistümern in Belgien:
http://www.deredactie.be/cm/vrtnie... BKirche%2B

Truth is a Troll
00
18.1.2012, 11:58
Als aussenstehnder gehts mich ja eigentlich nix an

Aber sollt man nicht irgendwo erwähnen das hier die röm-kath. diözösen und die röm-kath. Kirche gemeint ist, nicht zub. die evangelische?

paulchen77
13
18.1.2012, 21:39
Sowas

gabs in Deutschland auch bei den Evangelen und in Wien bei den städtischen, sozialistischen Kinderheimen, aber darüber wird ja nicht so geifernd gesprochen.

Ich meine damit, es handelt sich um ein gesellschaftliches Problem, um das man sich raschest kümmern sollte, anstatt primitive antikatholische Hetze auf dem Niveau einer 70 Jahre zurückliegenden Zeit zu betreiben.

Fisch Suppe
00
22.1.2012, 19:13
Wo bleibt mein Posting?

Vor bald 24 Stunden hab ich an dieser Stelle ein Posting verfasst, und es ist noch immer nicht veröffentlicht worden...

Schade.

la chiesa pontifica amen
12
18.1.2012, 19:56
Auch als vermeintlich "Aussenstehender" sind Sie als von Gott mit dem Licht der natürlichen Vernunft begabtes

Geschöpf seines souveränen Handelns in Liebe selbstverständlich ebenfalls in Gottes ermöglichende Heilsgeschichte mit uns Menschen, die ihr Zentrum in Jesus, dem Christus Gottes, mithineingenommen!

Wir sind - letztlich: alle! - eingeladen, nicht verstört auf eine www.atheistische-religionsgesellschaft.at oder andere Auszeitigungen postmodern-widerkirchlichen Irrens zu starren, sondern uns vom Geheimnis göttlicher Barmherzigkeit berühren zu lassen und die eine Heilige Katholische Kirche auf dem gemeinsamen Pilgerweg ins himmlische Jerusalem zu begleiten.

Venerabiles patres Episcopi, ducete nos ad Deum!
Sancta Romana Ecclesia, ora pro nobis!

Wer wollte leugnen, dass ein befreiender Schritt dazu im Sakrament der Beichte aufleuchtet? Ite!

Wolkengedanken
00
20.1.2012, 14:19

Sie KÖNNEN - letzlich!- doch nicht echt sein .....

Arne Karlsson
01
20.1.2012, 00:15

Was, wenn sie recht haben und er aber Moslem ist, oder Rastafari?

Wildert Ihr Gott dann in Nachbars Garten?
Darf er das denn?
Lassen sich das die anderen Götter gefallen?
Führt das nicht zu einem Krieg der Götter?
Wird Odin da nicht fürchterlich zornig?

Walter J. Ferstl
01
24.1.2012, 17:12
Die liebe Kali, die vielarmige, kann auch ganz hübsch ungemütlich werden,...

... wenn jemand meint, ihr in die Ingwer-Mango-Suppe spucken zu müssen.

Leseempfehlung zu Odin, Kali & Co:
Neil Gaiman, American Gods. Heyne Verlag
http://de.wikipedia.org/wiki/American_Gods

Truth is a Troll
11
19.1.2012, 09:33

Ich würd dir mal raten nicht so viel Weihrauch in die Kugel geben.. glaub mir das ist nicht gut für dich.

Abgesehn davon das du eh ein Anti-Kirche Troll bist ;)

tignosa
00
19.1.2012, 12:35
zumindest malt der anti- kirchen- troll schwarzweiß

wer nicht katholisch ist, ist automatisch Atheist/in. Sooo faaaaad!

die Großmutter
00
18.1.2012, 20:25

Jerusalem ist nicht himmlisch:

la chiesa pontifica amen
02
18.1.2012, 22:28

Mit dem himmlischen Jerusalem ist hier nicht die civitas terrena im Nahen Osten, sondern die civitas Dei gemeint, die eben "himmlisch", weil "im Himmel" (in coelis), ist.

die Großmutter
03
18.1.2012, 22:46

Diese Auslegungen nerven mich, es wird immerzu nach Bedarf interpretiert.Das haben Talmud, Bibel und Koran so in sich.

tignosa
00
18.1.2012, 12:10
naja, der Stephansdom ist ein römisch- katholisches Kirchengebäude

Ohrenbeichte ist in evangelischen Kirchen seit langem ziemlich unüblich und es gibt kaum noch evangelische Beichtstühle. Das liegt daran, dass es, theologisch gesehen, keine PfarrerInnen zur Sündenvergebung braucht (alle Gläubigen = Priester/innen), wer will, kann sich das mit Gott selbst ausmachen, und ich denke, das tun dann auch die meisten. Was üblich ist, ist die so genannte "Generalbeichte" vor dem Abendmahl (ein "ja" auf die Frage "begehrst du die Vergebung der Sünden um Christi willen..."), dabei kann man sich vergegenwärtigen, was man täglich für einen Mist baut, niemand ist vollkommen.
Außerdem: evangelische Pfarrer/innen haben diese lustigen Hütchen nicht & ziehen tragen den Talar meist nur während der Gottesdienste

Truth is a Troll
01
18.1.2012, 12:32

Ich weiß das alles danke ;)
Trotzdem steht da oben nur "die Kirche".
Wenn ich im Sportteil mal was von "der Fußballclub" schreiben würd wäre man wohl unter ärgerer bedrängnis ;)

tignosa
00
19.1.2012, 12:17
ja, ärgert mich als Angehörige einer NICHT- Katholischen Kirche auch immer

nihil obstat
00
18.1.2012, 22:09

Nun - wenn die KSV als größte österreichische Amateursportvereinigung nicht 5.500 sondern -so wie die rkK- ca. 4 Millionen Mitglieder hätte, würde man auch oft "der Klub" und nicht stets "Kapfenberg" sagen. ^^

maggo22
00
17.1.2012, 21:49
Gibts noch keine Beichte per SMS?

tignosa
00
18.1.2012, 11:12
nein, aber per facebook

Helmut Hromadnik21
 
54
17.1.2012, 15:15
Ohrenbeichte wozu ?

Die ohrenbeichte gibt es erst seit dem jahre 1215.
Die zwecke sind wohl :

Den menschen SCHULDGEFÜHLE zu vermitteln, um sie leichter beeinflussen zu können:
Du bist ein sünder, nur wir können dich von deinen sünden erlösen.

Über gesellschaftliche vorgänge informiert zu sein.

Und nicht zuletzt, da die meisten sünden wohl sexuelle handlungen betreffen, die die kirche verbietet, die möglichkeit der zölibatäre, sich aufzugeilen.

Igypop83
00
18.1.2012, 22:17

"Die erste nichtbiblische Erwähnung finden wir in der Didache, wo die Beichte erwähnt wird, aber nicht der Ritus, nach dem dieses Sakrament gespendet wurde." (aus Wikipedia) Die Didache oder zwölf-Apostel-Lehre ist so viel ich weiß, im zweiten Jahrhundert entstanden. Von einer Einführung im 13. Jh. kann also nicht die Rede sein.

gnadevorrecht
23
17.1.2012, 21:07
Das ist völlig falsch, was Sie schreiben!

Erst das Sakrament der Beichte ermöglichte es, folgendes Problem zu lösen: Vor der Einführung dieses Sakraments war die Taufe, die man ja nur einmal empfangen konnte, die einzige Möglichkeit der völligen Sündenvergebung. Dies hatte zur Folge, dass sich viele erst im hohen Erwachsenenalter hatten taufen lassen.

Zu Ihrem "Kontroll-Argument" sei auf das strenge Beichtgeheimnis verwiesen.

Auch wenn Sie als nicht-Katholik den spirituellen Sinn und Wert dieses Sakraments in Frage stellen, so bekenne ich dennoch: Ich zumindest fühle mich nach einem Beichtgespräch wie neugeboren. Ein unvergleichliches Gefühl!

Zipfelmütze in da house
00
23.1.2012, 18:09
selber schuld.

die Großmutter
00
18.1.2012, 20:31

Wäre das so, gäbe es keine kranken Gläubigen !

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