Spindelegger will Sparpaket von "Märkten" abhängig machen, über die Schuldenbremse wird verhandelt
Wien - Nach dem AAA-Verlust will die Bundesregierung in die Zukunft blicken. Das Ziel müsse es sein, bis Ende
Februar einen Ministerratsbeschluss zum Sparpaket zu schaffen und rasch wieder bei allen drei
großen Ratingagenturen die Top-Bonität AAA zu erhalten, sagte
Vizekanzler Spindelegger am Montag. Im März soll das Paket dann im Nationalrat
beschlossen werden. Ob das angepeilte Sparvolumen von zwei Milliarden Euro
ausreichen wird, wollte er nicht beurteilen: "Das entscheiden die
Märkte." Ganz marktkonform zeigt sich auch Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinschek. Da sich die Märkte am Triple-A-Entzug nicht wirklich stören würden, sei das Rating-Downgrading "nicht die bittere Pille für die
Märkte, sondern für die Politik". Einsparungen sollten "beschleunigt" werden und zwar dort, wo die Wettbewerbsposition des
Wirtschaftsstandorts Österreich nicht verschlechtert werde, sagte der Ökonom.
Die sparende Schuldenbremse
Einen Vorgeschmack auf künftige Diskussionen konnte man schon nach dem AAA-Verlust am Wochenende gewinnen. Das gesamtstaatliche Defizit 2011 wird bei 3,2 bis 3,4 Prozent des BIP liegen. Bis 2016 will man ein Nulldefizit erreichen. Die Uneinigkeit in Sachen Sparbedarf könnte steigen, auch wenn sie
heftig dementiert wurde. Während Faymann bekräftigt, dass
die Einsparungen im kommenden Jahr weiter zwei Milliarden Euro ausmachen
sollten, betont sein Vize Spindelegger, dass der Sparbedarf
keine politische Entscheidung sei, sondern sich aus den Zahlen des
Finanzministeriums sowie der Finanzmärkte ergebe. Höhere Zinsen würden den Sparbedarf erhöhen.
"Wenn wir zwei Milliarden zusätzliche Zinsen zahlen müssten, müssten wir
vier Milliarden einsparen."
Beim Wort "Sparen" kommt einem auch gleich die "Schuldenbremse" in den Sinn. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ) ließ am Montag damit aufhorchen, dass man zu wenig und zu spät mit den
Oppositionsparteien geredet habe. Das alles laufe jetzt aber "bedeutend
besser", meinte Prammer bei einer Pressekonferenz. Sie sei
"durchaus optimistisch", dass die Sache gelingen werde.
Wifo gegen Massensteuern
Erste-Group-Chefanalyst Friedrich Mostböck übt Kritik
an der Herabstufung der
Bonität von Österreich und acht weiteren Euroländern. Beim Staatsschulden-Abbau seien
alle Nationen gefordert, neben der Eurozone auch Großbritannien, die
USA und Japan. Die Eurozone sei nur "leichter angreifbar" mit einer
Währung, aber "17 verschiedenen Zinsen". Jetzt seien "viele
Regierungen wachgerüttelt", so Mostböck am Montag: "Der Politik muss es gelingen, mit einer effektiven Fiskal- und
Finanzpolitik den Schulden gegenzusteuern - auch wenn kein Grund zur
Hysterie besteht."
Zu einer guten Fiskalpolitik gehören für viele Ökonomen, beispielsweise jener des Wirtschaftsforschungsinstitutes (Wifo), aber keine Massensteuern. Ein absolutes "No Go" ist für Institutschef Karl Aiginger eine Anhebung der Mehrwertsteuer: "Wer sie anheben will, wird von uns
ein Nein zu hören bekommen." Österreich brauche Reformen im
Gesundheits-, Bildungs-, Verwaltungssystem.
Bankengipfel ohne Ergebnis
Der für Montag einberufene "Bankengipfel", an dem Finanzmarktaufsicht
(FMA), Nationalbank (OenB) und Regierungsspitze teilnahmen, ist indes
ergebnislos vorübergegangen. Ein "Immunisierungspaket" für die
heimischen Banken
laufe schon und "dieser Weg ist der richtige und wird fortgesetzt", so
Finanzstaatssekretär Andreas Schieder (SPÖ) nach dem Treffen.
FMA-Vorstand Helmut Ettl sagte nach dem Treffen, es sei kein
zusätzlicher Handlungsbedarf festgestellt worden. Aber man werde
"alle Anstrengungen unternehmen", um die Bestnote AAA bei allen
Ratingagenturen zurückzubekommen.
IWF will Bewegung
Der Internationale Währungsfonds (IWF)
hat Europa nach dem Rating-Urteil indes zu raschem Handeln
aufgefordert. Andernfalls drohe die Region in eine Abwärtsspirale des
Vertrauensverlustes hineingesogen zu werden, sagte der erste
IWF-Vize-Chef David Lipton. Es sei zu befürchten,
dass die Konjunktur stagniere und Arbeitsplätze verloren gingen.
"Doch mit entschlossenen Maßnahmen in Europa und weltweiter
Unterstützung für Europa kann eine neue Phase der Krise verhindert
werden." Zur Ankurbelung des globalen Wirtschaftswachstums forderte
Lipton Länder mit nachlassender Inflation auf, vorerst von einer
strafferen Geldpolitik abzusehen.
S&P: Österreich "verwundbarer" geworden
Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble hat übrigens das S&P-Urteil angezweifelt. "Ich glaube nicht, dass Standard
& Poor's wirklich begriffen hat, was wir in Europa schon auf den Weg
gebracht haben", so Schäuble. Der Europa-Chefanalyst von S&P sieht das naturgemäß anders. "Wir hatten nach der detaillierten
Analyse der Ergebnisse des Gipfels in Brüssel vom 8./9. Dezember...den Eindruck gewonnen,
dass hier nicht der Durchbruch gelungen ist, um diese Krise in den Griff
zu bekommen...Wir glauben, dass die Risiken einer Ausweitung und
Verschärfung der Krise zunehmen", wird Moritz Krämer in der "FAZ" zitiert.
Auf Österreich bezogen sagte er im "Ö1"-Mittagsjournal, dass die Risiken eines tieferen Abschwungs der Wirtschaft
zugenommen hätten. Zudem stehe die Republik "verwundbarer" da, weil seine
öffentlichen Finanzen schwächer seien und weil sich höhere Risiken
durch Eventualverbindlichkeiten der Banken ergeben könnten.
Die heimischen Kreditinstitute sind alleine im krisengeschüttelten Ungarn mit 40
Milliarden Euro investiert.
Übrigens stellt auch die Konkurrenzagentur Moody's, weltweit die Nummer zwei, Frankreichs Rating infrage. Man werde noch im
ersten Quartal eine neue Einschätzung vorlegen, hieß es von der Agentur. Noch hält die Grande Nation dort das Triple-A.
Börsen haben Abwertung vorausgesehen
Am Wochenende stellte sich die Frage, wie die Börsen reagieren. Panisch? Oder eher entspannt? Am Montag reagierten die Märkte bis dato eher gelassen, die Abstufungen dürften bereits am Freitag, als es es in Europa und den USA auf fast allen Börsen ein Minus gab, eingepreist worden sein. (siehe unsere Marktberichte)
"Nach der S&P-Abstufung von Frankreich und acht weiteren
europäischen Ländern ist die Nervosität an den Märkten gestiegen", will Michael Turner, Experte bei der Royal Bank of Canada, noch keine Entwarnung geben. Im Fokus stünden
jetzt vor allem die in dieser Woche anstehenden Auktionen von
Staatsanleihen in der Eurozone. (red, derStandard.at, 16.1.2012)