Kein Crash an den Märkten
Tokio/Singapur - Nach dem Rundumschlag der Ratingagentur Standard & Poor's gegen neun europäische Staaten, darunter Österreich, sind die Finanzmärkte überraschend zügig zur Tagesordnung übergegangen. Die Aktienbörsen
machten am Montag ihre Anfangsverluste bis zum späten Vormittag wett und der
Euro erholte sich etwas von seinem Kursrutsch am Freitag. "Die
Herabstufung Frankreichs war allgemein erwartet worden", sagte Andrew
Wells, der die Anlage-Entscheidungen am Anleihemarkt beim
Vermögensverwalter Fidelity verantwortet. Schlimmer wäre es gewesen,
wenn auch Deutschland seine Top-Note "AAA" verloren hätte.
Auch für Stefan Schilbe, Chefvolkswirt bei HSBC Trinkaus, stellte
der Schritt der Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) keinen großen
Belastungsfaktor dar. "Man muss ja auch sehen, dass es Abstufungen
rund um den Globus gab." So lange es keine Serie von Herabstufungen
gebe, würden die institutionellen Anleger sicher nicht die Nerven
verlieren. S&P hatte neben Frankreich unter anderem die
Kreditwürdigkeit Österreichs, Italiens und Spaniens schlechter
benotet.
DAX und Euro-Stoxx-50 notierten nach anfänglichen Verlusten
jeweils knapp im Plus bei 6.158 Punkten beziehungsweise 2.338
Zählern. Die Indizes hatten wegen der Spekulationen um eine
unmittelbar bevorstehende Herabstufungswelle am Freitag schon
verloren. Die Leitindizes der Aktienbörsen von Paris und Wien gaben
0,1 und 0,3 Prozent nach.
Der Euro kostete mit 1,2674 Dollar etwas mehr als zum New Yorker
Vortagesschluss. Die Gemeinschaftswährung hatte am Freitag allerdings
rund eineinhalb US-Cent eingebüßt. "Ich sehe für den Euro in den
kommenden Wochen wenig Aufwärtspotenzial", betonte Niels Christensen,
Währungsstratege bei Nordea. "Es gibt noch immer zu viele
Negativschlagzeilen und zu viele Unsicherheiten."
Vor der mit Spannung erwarteten Emission französischer Anleihen
hielt sich der Anstieg der Renditen und Risikoaufschläge (Spreads)
bei den bereits gehandelten österreichischen, italienischen und
spanischen Papieren in Grenzen. Nach Aussage von Händlern stützte
allerdings die Europäische Zentralbank (EZB) die Kurse italienischer
und spanischer Titel. Die Absicherung gegen einen Zahlungsausfall
dieser Staaten per Credit Default Swap (CDS) verteuerte sich leicht.
Ein erneuter Run auf Bundesanleihen blieb aus. Der Bund-Future hielt
sich mit 139,83 Punkten in Reichweite seines Rekordhochs vom Freitag.
Nach Einschätzung des Analysten Jacques Cailloux von der Royal
Bank of Scotland (RBS) rufen die Herabstufungen den Anlegern vor
allem in Erinnerung, dass die europäische Schuldenkrise noch einige
Zeit andauern wird. "Entscheidender ist, dass die Herabstufungen die
Erwartungen zementieren, dass weder der EFSF noch der ESM ihr
'AAA'-Rating halten können." Um dies zu erreichen, müssten die
europäischen Staaten ihre finanziellen Zusagen für die Rettungsfonds
deutlich ausweiten, oder eine geringere finanzielle Schlagkraft
akzeptieren. Cailloux' Berechnungen zufolge könnten der EFSF 169 und
der ESM 200 Mrd. Euro weniger für Stützungskäufe ausgeben als bisher
geplant, wenn sie ihr "AAA"-Rating ohne zusätzliche Finanzspritzen
halten wollen. Die Rendite des zehnjährigen EFSF-Bonds notierte fast
unverändert bei 3,134 Prozent. (APA/red, derStandard.at, 16.1.2012)