Karrieresprung durch Herabstufung
Was es bedeutet, für ein Unternehmen den Kopf hinzuhalten, hat Douglas Peterson 2004 in Japan bereits erfahren. Seinem Arbeitgeber Citigroup war wegen Verstößen gegen Geldwäschevorschriften die Privatkundenlizenz entzogen worden. Vor das japanische Oberhaus berufen, nannte Peterson laxe Kontrollen und "eine aggressive Verkaufspolitik" als Gründe für das Geschehene. Er entschuldigte sich mit tiefer Verbeugung und betonte, dass es sehr wichtig sei, aus Fehlern zu lernen.
Ob Peterson, seit August Chef der Ratingagentur Standard & Poor's, eines Tages die am Freitag erfolgte Aberkennung des Triple-A von Österreich und Frankreich sowie die Herabstufung weiterer europäischer Länder als Fehlgriff bezeichnen wird, wird uns dereinst die Finanzgeschichte lehren. Sicher ist, dass er derzeit einen sehr undankbaren Job ausfüllen muss: der Welt zu erklären, dass Bewertungen der Oberbewerter richtig und sinnvoll sind.
In den wenigen Interviews, die Peterson in den vergangenen Jahren gegeben hat, wirkt der 53-Jährige wie ein besonnener Musterknabe. Und auch seine Karriere liest sich wie der Wunschlebenslauf eines Wirtschaftswissenschaftsstudenten.
Nach einem Abschluss in Mathematik und Geschichte am kalifornischen Claremont McKenna College und einem MBA in Betriebswirtschaft an der Universität von Pennsylvania ging Peterson an die Business-School in New York. Von dort warb ihn die Citigroup 1985 direkt ab und schickte ihn sofort nach Argentinien. 26 Jahre diente er dem Unternehmen, unter anderem in Uruguay, Costa Rica, Japan und zuletzt in den USA.
Seinen Posten als Chef der größten Ratingagentur, den er am 12. September angetreten hat, verdankt er ironischerweise einer anderen Herabstufung: nämlich jener der Topkreditwürdigkeit der USA am 5. August, die sein Vorgänger Devon Sharma verantwortete. Auch wenn Sharma S&P offiziell auf eigenen Wunsch verließ, gilt er als Bauernopfer für den Rating-Schock der Amerikaner.
Flops und andere Niederlagen sind von Peterson nicht überliefert. Weggefährten bescheinigen ihm Welterfahrenheit und umfassende Kenntnisse über Finanzdienstleistungen, Risikomanagement und Kapitalmärkte. Privat ist über ihn nur bekannt, dass er sich für zeitgenössischen Tanz interessiert. Der Tanz auf dem (Rating-) Vulkan wird ihm dafür keine Zeit mehr lassen. Karin Tzschentke, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 161.2012)