Philosophicum zur Logik des "Downgradens"

Warum Ratingagenturen immer recht haben ...

Kommentar der anderen | Peter Moeschl, 15. Jänner 2012, 18:34
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    Die Bewertungsfirmen haben sich in Schöpfungsagenturen verwandelt, deren Richtspruch sich jedem begründeten Zweifel entzieht.

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    Peter Moeschl: Paradox teilnehmenden Bewertens.

... und was die Hoffnung auf eine europäische Alternative zur bestehenden Hegemonie der US-Rater illusorisch macht. - Kleines Philosophicum zur Logik des "Downgradens" in Zeiten der Krise

Das Versagen der Ratingagenturen zu Zeiten der (als Finanzkrise) beginnenden Wirtschaftskrise 2008 ist hinlänglich bekannt und sollte im Grunde auch nicht verwunderlich (gewesen) sein. Die optimistische Bewertung Triple A war weit verbreitet und hat damit selbst massiv zur Finanzblasenbildung beigetragen. Daraus aber, so scheint es, haben diese Agenturen ihre Lehren gezogen: Zunächst noch weitgehend diskreditiert, haben sie gleichsam die Flucht nach vorn angetreten. Sie haben begonnen, sich gegenseitig in (Zweck-)Pessimismus zu überbieten - und das sogar gegenüber ganzen Staatshaushalten. Daraus resultierte ein eigener, ein das eigene Bewertungsverfahren bestätigender Automatismus, der über den stereotypen Mechanismus des kollektiven Investitionsverhaltens funktioniert.

Dieser Pessimismus heizt seither den hinlänglich bekannten "Herdentrieb" der Anleger weiter an - diesmal aber nicht in Bezug auf Investitionsvergabe, sondern auf Investitionszurückhaltung. Die dadurch in absurde Höhen steigenden Anlegerzinsen treiben seither ganze Volkswirtschaften vor sich her und schließlich in den Ruin.

Haben deshalb aber die Ratingagenturen in ihren Bewertungen unrecht? - Nein, sie haben recht, und das mit einer geradezu unheimlichen Gewissheit! Sie haben ja letztlich die Risiken immer schon vorhergesehen und die in den Ruin schlitternden Staaten beizeiten zurückgestuft. Klingt es auch unheimlich, so ist es doch nur so gekommen, wie es kommen musste ... So weit, so richtig. Bald aber wird man sich angesichts dieser neuen Treffsicherheit solcher Vorhersagen fragen müssen, ob dabei noch alles mit rechten Dingen zugeht.

Gewiss bewegen sich diese immer präziser werdenden Hiobsbotschaften in einem einwandfreien gesetzlichen Rahmen. Und dennoch - so scheint es zumindest - steckt etwas Maßloses an den (Ver-)Messungen der Agenturen: Schließlich beruht ihr (erst aus dem Rechtbehalten rückwirkendes) Rechthaben nicht auf einer besonderen Exaktheit von Wirtschaftsmessung und -bewertung, sondern auf dem Phänomen einer, so könnte man sagen, "die Realität herstellenden Bewertung", jener aus der Psychologie hinlänglich bekannten "Selffulfilling Prophecy".

Theologische Affinität

Gerade dort, wo Zukunft spekulativ betrachtet (und verhandelt) werden muss und alle möglichen Glaubenskonzepte ihre Wirkung entfalten, kann nicht mehr von einer unabhängigen Messung, sondern muss von einer teilnehmenden Beobachtung gesprochen werden. Diese wird schließlich in einer sich entfaltenden Eigendynamik so sehr von der eigenen Prophezeiung bestimmt, dass der Forderung nach einer "objektiven" Messung nicht einmal in Ansätzen entsprochen werden kann.

Im Grunde entspricht das Paradox des teilnehmenden Bewertens dem aus der Theologie bekannten Paradox eines "richtenden Schöpfers": Gott der Allmächtige weiß alles. Das aber nicht bloß, weil er alles durchschaut. Das tut er natürlich auch, aber er hat es nicht nötig. Gott kennt vielmehr alles, weil er (als Schöpfer) alles geschaffen hat. Er kommt damit jeder Erkenntnis und Beurteilung des Existierenden, sprich des (bereits) von ihm Geschaffenen, zuvor.

Die Bewertungs-, die Ratingagenturen haben sich, indem sie den Allwissenden für die heutige Wirtschaft verkörpern, ebenfalls in Schöpfungsagenturen verwandelt. Sie handeln durch ihren Richtspruch, sei dieser nun erforschlich oder nicht. Ihr performativer Erfolg untergräbt dabei auch alle eigenen rationalen Bemühungen und jede reflektierende Selbstbefragung im Rahmen einer allein um Sachfeststellung bemühten Analyse.

Da sich aber die Prophezeiungen des Ratings (als vorauseilend gehorsame Selbsterfüller) trotz und gegen jeden analytisch begründ- und erwägbaren Zweifel durchsetzten können, entwickelt sich das Rating zum Opfer seines eigenen Erfolges - und damit zum hinlänglich bekannten Zauberlehrlingsproblem: Es bleibt keine (eigene) Zeit und kein (eigener) Raum für eine profunde wissenschaftliche Analyse, die den gesamten Bereich möglicher Alternativen entfalten und sich zugleich von deren unmittelbarer Verwirklichung abschotten könnte. Von ihrer unmittelbaren Realisierung getrieben, muss jede hier gewonnene Erkenntnis ihren (Er-)Folgen hinterherhecheln. - Dieses Problem der eigenen Dominanz wird aber von den Agenturen nicht wahrgenommen, es wird vielmehr im Wege der performativen Selbstbestätigung verleugnet. Im Bann ihres Ratinginstrumentariums (und dessen umfassender Wirksamkeit) - ihres "Zauberstabs" - gefallen sich die Agenturen in ihrer neuen Schöpferrolle. Sie träumen von einer neuen "schuldenfreien" Welt jenseits der durch Transferkosten belasteten Sozialpolitik - und das keineswegs zynisch, sondern aus aufrichtiger Überzeugung! Damit lässt es sich für diese Agenturen - derzeit jedenfalls noch - göttlich leben.

"Gegenglaube" chancenlos

Was aber tun? - Der allenthalben vernehmbare Hilferuf nach eigenen, nach europäischen Ratingagenturen, welche einen verlässlichen und belastbaren Gegenglauben an die Leistungsfähigkeit der europäischen Volkswirtschaften implementieren sollen, kommt jedenfalls zu spät. Solche Agenturen müssten - entgegen der bereits losgetretenen Eigendynamik des steigenden Misstrauens (sprich des Downgradings) - einen optimistisch wirksamen Gegenglauben erzeugen, der aufgrund eines unmittelbar einsetzenden Vertrauens in sämtliche europäische Volkswirtschaften (und zwar auch in die schwächsten!) selbst eine - seine - Gegenwirklichkeit herzustellen vermag. Da dies jedoch in der Flut des heute tonangebenden Misstrauens praktisch unmöglich ist, würden solche Agenturen sofort untergehen und darüber hinaus noch - wegen der von den angestammten Agenturen in Form von Untergangsszenarien hergestellten Wirklichkeiten - nicht nur als unfähig, sondern auch noch als Lügner dastehen.

Die Hegemonie der bestehenden Ratingagenturen ist also mit Sicherheit nicht (mehr) durch Konkurrenz auf deren eigenem Terrain - innerhalb der durch sie vertretenen Wirtschaftsideologie - zu brechen. Eher schon wäre deren Hegemonieverlust durch einen allgemeinen Wirtschaftskollaps infolge der verordneten Askesepolitik zu erwarten und zu befürchten.

Politische Herausforderung

Vor solch einem bitteren Ende könnte wohl nur ein demokratisch gestütztes politisches Vorgehen bewahren, welches diesem wirtschaftsvernichtenden Kreislauf entschieden Einhalt gebieten müsste. In ihrer Gegenstrategie gegenüber dem Rating-verordneten Abwirtschaften müsste solch eine kompetente Politik an den unausgesprochen wirksamen Rahmenbedingungen der Wirtschaft ansetzen und von dorther die herrschenden (aber inadäquaten) Selbstverständlichkeiten des derzeitigen Wirtschaftens auszuhebeln versuchen ... (DER STANDARD-Printausgabe, 16.01.2012)

Der Autor:

Peter Moeschl, ehemals Chirurg an der Krankenanstalt Rudolfstiftung, ist Publizist und Kulturtheoretiker in Wien.

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Posting 1 bis 25 von 116
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dakakadu
01
16.1.2012, 17:21
wen gehören denn diese ratingagenturen ?

seltsam dass sich niemand diese frage stellt.

eugp21
 
00
re:

Haben sie net, es wird den Menschen, der Menschheit vorgegaukelt.
Dumm doch der Mensch, wenn er anderen mehr glaubt, und seinen gesunden Hausverstand aussschaltet und nicht gebraucht.
oder anders:
"Gar dümmlich doch der Mensch, wenn er Kriege führt, und nicht erkennt, wer Kriege schürt."
(harald matschiner, humanist)

J. Reichhart
01
16.1.2012, 16:45
Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers.

tucholsky.

heute würde er schreiben:

Der Markt oder die Börse ist die Metaphysik des Pyramidenspielers.

eugp21
 
00
re:

Nehmt den Spielern die Macht.
bzw.
Der einzige Weg, um das Verhalten der Banker(Banken) zu ändern, ist, ihnen die Macht über die Geldschöpfung zu nehmen.
(harald matschiner, humanist)
ff - http://geld21.wordpress.com

Freiheit, Gleichheit, Bürgerlichkeit
00
16.1.2012, 16:36

zum glück führen verschlechterte ratings nicht notwendigerweise zu höheren zinsen. wenn die rating-agenturen einen staat um drei levels herunterstufen, so steigen die zinsen dort massiv an. wenn aber alle staaten gleichzeitig um drei levels heruntergestuft werden, ändert sich nur wenig an der zinsbelastung.

warum? die anleger könnten ihr geld doch nun anstatt in staatsanleihen in andere investitionsobjekte stecken.

eine abwertung der staaten geht aber mit einer schwachen wirtschaftlichen performance und rezessionsängsten hand in hand - es erhöht sich ja nicht nur die ausfallwahrscheinlichkeit des staates, sondern auch die von industrieanleihen, aktien, etc..

Mike 23
00
16.1.2012, 16:14
So ist es, denn

nur wenn wir daran glauben, haben wir 2.5 Millionen Pensionisten, die wir ueber unsere Wirtschaft finanzieren muessen.
Nur wenn wir daran glauben, haben wir eine aufgeblasene Verwaltung.
Nur wenn wir daran glauben, machen wir neue Schulden.

Wenn wir an das alles nicht glauben, dann wird sich die Prophezeiung nicht erfuellen, und wir werden auch in Zukunft keine Probleme dabei haben, uns Geld von anderen Laendern auszuborgen.
Michael

eugp21
 
00
re:

Nur wenn WIR GLAUBEN das GELD auf den Bäumen wächst, .....
und das Sparen eine Alternative ist ....
und ich würde es mal mit dem Worten von A. Jackson sagen:
"Jeder der glaubt, dass die Geldschöpfung in private Hände gehört, der glaubt, aber bei Gott, ich setze alles daran, dass ich dieser Brut Einhalt gebiete."
und ich drücke es mal so aus:
"Gar dümmlich doch der Mensch, wenn er Kriege führt, und nicht erkennt, wer Kriege schürt."
Denn er müsste nur ein, zwei Fragen stellen:
1. Wer profitiert von Kriegen?
2. Wer liefert die Waffen?

naja, kannst das beantworten, hast das Rästel gelöst.
Das WELTRÄTSEL, wie funktioniert die Welt!!!
Jedoch derzeit umgibt DUNKELHEIT der meisten MENSCHEN Geist!!!
(harald matschiner, humanist)

ei padauz
01
16.1.2012, 16:49

dieser reaktionären blut-und-schweiß-propaganda, die wegen einem insignifikanten A die arbeitslosigkeit steigern und die pensionisten - ja was eigentlich, verhungern lassen? - will, kann man ganz leicht entgegentreten - indem man die begründung für das downgrading liest!

nicht nur hat ö das dritte A nicht wegen der staatsschulden, sondern wegen des bankenengagements in osteuropa verloren, nein, s&p _warnen_ vor mehr sparmaßnahmen, die die konjunktur abwürgen! Mit anderen worden: Der Sparwahn (an den falschen Stellen) brockt uns das ganze ein!

Blaky
01
16.1.2012, 16:05
Mal ehrlich ...

eigentlich hätte Österreich gerade mal ein B verdient.

Alles mit A ist weit überbewertet.

eugp21
 
00
re:

eigentlich hat jeder Mensch eine FÜNF verdient, und das ist ehrlich.
Weil eines doch klar sein sollte, Geld kann net wachsen, Geld bekommt keine Junge net, Geld kann auch net arbeiten, usw.

hm, also wer glaubt das GELD arbeitet bzw. arbeiten kann, der glaubt, doch der glaubt falsch.
und ich würde mal sagen:
"Setzen FÜNF."
ff - GELD aus dem NICHTS - http://geld21.wordpress.com/2011/04/1... em-nichts/
lesen und verstehen
und vor allem eines:
"Geschichte ist gut, wenn man sie lesen und verstehen tut, nicht Jahre, nichts Jahrzehnte, nicht Jahrhunderte, nicht Jahrtausende, sondern Menschheitsgeschichte."

Kapitalismus Luege
02
16.1.2012, 16:03
... letztlich die Risiken immer schon vorhergesehen

AAA für Island
AA für Lehman-Brothers am Tag vor der Pleite
AAA für Freddy-Mac am Tag vor der Pleite
AAA für Fanny-May am Tag vor der Pleite

Vorraussagen dienen hier ausschließlich den Insider-Geschäften.
Einige werden stinkreich, die Masse verarmt.

Die Politiker: Statisten zum ankreuzerln.

WernaeI Spindelmann
10
16.1.2012, 14:06
So oder ähnlich würde es sich auch lesen wenn ein Banker über Chirurgie schreiben würde

Gerhard Grabner
00
16.1.2012, 13:52
So ist es!

Die haben nur Macht,m weil es alle glauben (wollen). Und weil es alle glauben ist/wird es wahr.

skip it
00
16.1.2012, 13:00
mei red'...

peter purzel
02
16.1.2012, 12:45
Die "Macht" der Ratingagenturen...

...beruht lediglich darauf, dass sich Kapitalgeber und -Nehmer weltweit vertraglich auf Referenzbonitäten geeinigt haben und zu den jeweiligen Agenturen referenzieren. Dadurch werden aber Fondmanager und Kreditverantwortliche gebunden, auch wenn diese im Extremfall die Bewertung für falsch halten.

3ch0
00
16.1.2012, 16:33

also sowas wie der in Zeitungspapier eingewickelte Fisch vor der Tür oder der Pferdekopf im Bett der Finanzmafiosi?

censeoiactaest
00
16.1.2012, 12:21

Mich würde interessieren ob Dr. Moeschl
in seiner Zeit als Arzt einem Patienten
die Wahrheit verschwiegen hat, wenn dieser
nur noch begrenzt Zeit (zu leben) hatte :)

übrigens1
01
16.1.2012, 12:52
krankjammern

wenn man einen Patienten nur sagt , dass er nicht mehr lange lebt, wird er wahrscheinlich wirklich krank.

Verabreicht man ihm jedoch die richtige Medizin und spricht ihm gut zu, gibt es oft gute Chance auf Genesung.

censeoiactaest
00
16.1.2012, 14:06

Da ist was dran.
Aber wenn der Patient die und die
Krankheit hat, ist es doch wohl auch
angezeigt ihm das zu sagen und nicht
einfach: "Legen Sie sich einfach ein
paar Tage hin, das wird schon wieder"

mawi89
010
16.1.2012, 11:01
Erinnern wir uns doch

Als der Euro eingeführt wurde, war er von den Amis stark belächelt und ein kurzes Leben vorausgesagt. Dem war ber nicht so und der Euro wurde stärker und stärker. Jetzt erkannten die Amis ihren Trugschluß und begannen ab 2004 gegenzusteuern. Gottseidank war der US$ nicht stark genug und seine "Feuerkraft" zu schwach. Außerdem war ein neuer Gegner in Sicht: die Chinesen und deren zunehmende Finanzstärke.
Jetzt besann sich die US-Börse der Ratingagenturen. Zu schnell und zu stark sofort zu reagieren wäre suspekt gewesen, also kam die Langzeitstrategie. In dieser US-Strategie sind wir nun mittendrin. Da wird noch Einiges auf uns zukommen.

Rächer der Enterbten1
00
16.1.2012, 16:38
...endlich einer, der erkennt worums eigentlich geht....

tossi namas
84
16.1.2012, 11:40
Gott sei Dank ...

... gibt es für alles eine Weltverschwörungstheorie.

DoktorLecter
00
16.1.2012, 15:39

das hat nix mit Verschwörung zu tun, das sind Finanzstrategien.

dakakadu
01
16.1.2012, 17:22

das ist ein wirtschaftskrieg

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