Warum Ratingagenturen immer recht haben ...

Kommentar der anderen15. Jänner 2012, 18:34
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... und was die Hoffnung auf eine europäische Alternative zur bestehenden Hegemonie der US-Rater illusorisch macht. - Kleines Philosophicum zur Logik des "Downgradens" in Zeiten der Krise

Das Versagen der Ratingagenturen zu Zeiten der (als Finanzkrise) beginnenden Wirtschaftskrise 2008 ist hinlänglich bekannt und sollte im Grunde auch nicht verwunderlich (gewesen) sein. Die optimistische Bewertung Triple A war weit verbreitet und hat damit selbst massiv zur Finanzblasenbildung beigetragen. Daraus aber, so scheint es, haben diese Agenturen ihre Lehren gezogen: Zunächst noch weitgehend diskreditiert, haben sie gleichsam die Flucht nach vorn angetreten. Sie haben begonnen, sich gegenseitig in (Zweck-)Pessimismus zu überbieten - und das sogar gegenüber ganzen Staatshaushalten. Daraus resultierte ein eigener, ein das eigene Bewertungsverfahren bestätigender Automatismus, der über den stereotypen Mechanismus des kollektiven Investitionsverhaltens funktioniert.

Dieser Pessimismus heizt seither den hinlänglich bekannten "Herdentrieb" der Anleger weiter an - diesmal aber nicht in Bezug auf Investitionsvergabe, sondern auf Investitionszurückhaltung. Die dadurch in absurde Höhen steigenden Anlegerzinsen treiben seither ganze Volkswirtschaften vor sich her und schließlich in den Ruin.

Haben deshalb aber die Ratingagenturen in ihren Bewertungen unrecht? - Nein, sie haben recht, und das mit einer geradezu unheimlichen Gewissheit! Sie haben ja letztlich die Risiken immer schon vorhergesehen und die in den Ruin schlitternden Staaten beizeiten zurückgestuft. Klingt es auch unheimlich, so ist es doch nur so gekommen, wie es kommen musste ... So weit, so richtig. Bald aber wird man sich angesichts dieser neuen Treffsicherheit solcher Vorhersagen fragen müssen, ob dabei noch alles mit rechten Dingen zugeht.

Gewiss bewegen sich diese immer präziser werdenden Hiobsbotschaften in einem einwandfreien gesetzlichen Rahmen. Und dennoch - so scheint es zumindest - steckt etwas Maßloses an den (Ver-)Messungen der Agenturen: Schließlich beruht ihr (erst aus dem Rechtbehalten rückwirkendes) Rechthaben nicht auf einer besonderen Exaktheit von Wirtschaftsmessung und -bewertung, sondern auf dem Phänomen einer, so könnte man sagen, "die Realität herstellenden Bewertung", jener aus der Psychologie hinlänglich bekannten "Selffulfilling Prophecy".

Theologische Affinität

Gerade dort, wo Zukunft spekulativ betrachtet (und verhandelt) werden muss und alle möglichen Glaubenskonzepte ihre Wirkung entfalten, kann nicht mehr von einer unabhängigen Messung, sondern muss von einer teilnehmenden Beobachtung gesprochen werden. Diese wird schließlich in einer sich entfaltenden Eigendynamik so sehr von der eigenen Prophezeiung bestimmt, dass der Forderung nach einer "objektiven" Messung nicht einmal in Ansätzen entsprochen werden kann.

Im Grunde entspricht das Paradox des teilnehmenden Bewertens dem aus der Theologie bekannten Paradox eines "richtenden Schöpfers": Gott der Allmächtige weiß alles. Das aber nicht bloß, weil er alles durchschaut. Das tut er natürlich auch, aber er hat es nicht nötig. Gott kennt vielmehr alles, weil er (als Schöpfer) alles geschaffen hat. Er kommt damit jeder Erkenntnis und Beurteilung des Existierenden, sprich des (bereits) von ihm Geschaffenen, zuvor.

Die Bewertungs-, die Ratingagenturen haben sich, indem sie den Allwissenden für die heutige Wirtschaft verkörpern, ebenfalls in Schöpfungsagenturen verwandelt. Sie handeln durch ihren Richtspruch, sei dieser nun erforschlich oder nicht. Ihr performativer Erfolg untergräbt dabei auch alle eigenen rationalen Bemühungen und jede reflektierende Selbstbefragung im Rahmen einer allein um Sachfeststellung bemühten Analyse.

Da sich aber die Prophezeiungen des Ratings (als vorauseilend gehorsame Selbsterfüller) trotz und gegen jeden analytisch begründ- und erwägbaren Zweifel durchsetzten können, entwickelt sich das Rating zum Opfer seines eigenen Erfolges - und damit zum hinlänglich bekannten Zauberlehrlingsproblem: Es bleibt keine (eigene) Zeit und kein (eigener) Raum für eine profunde wissenschaftliche Analyse, die den gesamten Bereich möglicher Alternativen entfalten und sich zugleich von deren unmittelbarer Verwirklichung abschotten könnte. Von ihrer unmittelbaren Realisierung getrieben, muss jede hier gewonnene Erkenntnis ihren (Er-)Folgen hinterherhecheln. - Dieses Problem der eigenen Dominanz wird aber von den Agenturen nicht wahrgenommen, es wird vielmehr im Wege der performativen Selbstbestätigung verleugnet. Im Bann ihres Ratinginstrumentariums (und dessen umfassender Wirksamkeit) - ihres "Zauberstabs" - gefallen sich die Agenturen in ihrer neuen Schöpferrolle. Sie träumen von einer neuen "schuldenfreien" Welt jenseits der durch Transferkosten belasteten Sozialpolitik - und das keineswegs zynisch, sondern aus aufrichtiger Überzeugung! Damit lässt es sich für diese Agenturen - derzeit jedenfalls noch - göttlich leben.

"Gegenglaube" chancenlos

Was aber tun? - Der allenthalben vernehmbare Hilferuf nach eigenen, nach europäischen Ratingagenturen, welche einen verlässlichen und belastbaren Gegenglauben an die Leistungsfähigkeit der europäischen Volkswirtschaften implementieren sollen, kommt jedenfalls zu spät. Solche Agenturen müssten - entgegen der bereits losgetretenen Eigendynamik des steigenden Misstrauens (sprich des Downgradings) - einen optimistisch wirksamen Gegenglauben erzeugen, der aufgrund eines unmittelbar einsetzenden Vertrauens in sämtliche europäische Volkswirtschaften (und zwar auch in die schwächsten!) selbst eine - seine - Gegenwirklichkeit herzustellen vermag. Da dies jedoch in der Flut des heute tonangebenden Misstrauens praktisch unmöglich ist, würden solche Agenturen sofort untergehen und darüber hinaus noch - wegen der von den angestammten Agenturen in Form von Untergangsszenarien hergestellten Wirklichkeiten - nicht nur als unfähig, sondern auch noch als Lügner dastehen.

Die Hegemonie der bestehenden Ratingagenturen ist also mit Sicherheit nicht (mehr) durch Konkurrenz auf deren eigenem Terrain - innerhalb der durch sie vertretenen Wirtschaftsideologie - zu brechen. Eher schon wäre deren Hegemonieverlust durch einen allgemeinen Wirtschaftskollaps infolge der verordneten Askesepolitik zu erwarten und zu befürchten.

Politische Herausforderung

Vor solch einem bitteren Ende könnte wohl nur ein demokratisch gestütztes politisches Vorgehen bewahren, welches diesem wirtschaftsvernichtenden Kreislauf entschieden Einhalt gebieten müsste. In ihrer Gegenstrategie gegenüber dem Rating-verordneten Abwirtschaften müsste solch eine kompetente Politik an den unausgesprochen wirksamen Rahmenbedingungen der Wirtschaft ansetzen und von dorther die herrschenden (aber inadäquaten) Selbstverständlichkeiten des derzeitigen Wirtschaftens auszuhebeln versuchen ... (DER STANDARD-Printausgabe, 16.01.2012)

Der Autor:

Peter Moeschl, ehemals Chirurg an der Krankenanstalt Rudolfstiftung, ist Publizist und Kulturtheoretiker in Wien.

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    Die Bewertungsfirmen haben sich in Schöpfungsagenturen verwandelt, deren Richtspruch sich jedem begründeten Zweifel entzieht.

  • Peter Moeschl: Paradox teilnehmenden Bewertens.
    foto: privat
    Peter Moeschl: Paradox teilnehmenden Bewertens.
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