... und was die Hoffnung auf eine europäische Alternative zur bestehenden Hegemonie der US-Rater illusorisch macht. - Kleines Philosophicum zur Logik des "Downgradens" in Zeiten der Krise
Das Versagen der Ratingagenturen zu Zeiten der (als Finanzkrise)
beginnenden Wirtschaftskrise 2008 ist hinlänglich bekannt und sollte im
Grunde auch nicht verwunderlich (gewesen) sein. Die optimistische
Bewertung Triple A war weit verbreitet und hat damit selbst massiv zur
Finanzblasenbildung beigetragen. Daraus aber, so scheint es, haben diese
Agenturen ihre Lehren gezogen: Zunächst noch weitgehend diskreditiert,
haben sie gleichsam die Flucht nach vorn angetreten. Sie haben begonnen,
sich gegenseitig in (Zweck-)Pessimismus zu überbieten - und das sogar
gegenüber ganzen Staatshaushalten. Daraus resultierte ein eigener, ein
das eigene Bewertungsverfahren bestätigender Automatismus, der über den
stereotypen Mechanismus des kollektiven Investitionsverhaltens
funktioniert.
Dieser Pessimismus heizt seither den hinlänglich bekannten "Herdentrieb"
der Anleger weiter an - diesmal aber nicht in Bezug auf
Investitionsvergabe, sondern auf Investitionszurückhaltung. Die dadurch
in absurde Höhen steigenden Anlegerzinsen treiben seither ganze
Volkswirtschaften vor sich her und schließlich in den Ruin.
Haben deshalb aber die Ratingagenturen in ihren Bewertungen unrecht? -
Nein, sie haben recht, und das mit einer geradezu unheimlichen
Gewissheit! Sie haben ja letztlich die Risiken immer schon vorhergesehen
und die in den Ruin schlitternden Staaten beizeiten zurückgestuft.
Klingt es auch unheimlich, so ist es doch nur so gekommen, wie es kommen
musste ... So weit, so richtig. Bald aber wird man sich angesichts
dieser neuen Treffsicherheit solcher Vorhersagen fragen müssen, ob dabei
noch alles mit rechten Dingen zugeht.
Gewiss bewegen sich diese immer präziser werdenden Hiobsbotschaften in
einem einwandfreien gesetzlichen Rahmen. Und dennoch - so scheint es
zumindest - steckt etwas Maßloses an den (Ver-)Messungen der Agenturen:
Schließlich beruht ihr (erst aus dem Rechtbehalten rückwirkendes)
Rechthaben nicht auf einer besonderen Exaktheit von Wirtschaftsmessung
und -bewertung, sondern auf dem Phänomen einer, so könnte man sagen,
"die Realität herstellenden Bewertung", jener aus der Psychologie
hinlänglich bekannten "Selffulfilling Prophecy".
Theologische Affinität
Gerade dort, wo Zukunft spekulativ betrachtet (und verhandelt) werden
muss und alle möglichen Glaubenskonzepte ihre Wirkung entfalten, kann
nicht mehr von einer unabhängigen Messung, sondern muss von einer
teilnehmenden Beobachtung gesprochen werden. Diese wird schließlich in
einer sich entfaltenden Eigendynamik so sehr von der eigenen
Prophezeiung bestimmt, dass der Forderung nach einer "objektiven"
Messung nicht einmal in Ansätzen entsprochen werden kann.
Im Grunde entspricht das Paradox des teilnehmenden Bewertens dem aus der
Theologie bekannten Paradox eines "richtenden Schöpfers": Gott der
Allmächtige weiß alles. Das aber nicht bloß, weil er alles durchschaut.
Das tut er natürlich auch, aber er hat es nicht nötig. Gott kennt
vielmehr alles, weil er (als Schöpfer) alles geschaffen hat. Er kommt
damit jeder Erkenntnis und Beurteilung des Existierenden, sprich des
(bereits) von ihm Geschaffenen, zuvor.
Die Bewertungs-, die Ratingagenturen haben sich, indem sie den
Allwissenden für die heutige Wirtschaft verkörpern, ebenfalls in
Schöpfungsagenturen verwandelt. Sie handeln durch ihren Richtspruch, sei
dieser nun erforschlich oder nicht. Ihr performativer Erfolg untergräbt
dabei auch alle eigenen rationalen Bemühungen und jede reflektierende
Selbstbefragung im Rahmen einer allein um Sachfeststellung bemühten
Analyse.
Da sich aber die Prophezeiungen des Ratings (als vorauseilend gehorsame
Selbsterfüller) trotz und gegen jeden analytisch begründ- und erwägbaren
Zweifel durchsetzten können, entwickelt sich das Rating zum Opfer seines
eigenen Erfolges - und damit zum hinlänglich bekannten
Zauberlehrlingsproblem: Es bleibt keine (eigene) Zeit und kein (eigener)
Raum für eine profunde wissenschaftliche Analyse, die den gesamten
Bereich möglicher Alternativen entfalten und sich zugleich von deren
unmittelbarer Verwirklichung abschotten könnte. Von ihrer unmittelbaren
Realisierung getrieben, muss jede hier gewonnene Erkenntnis ihren
(Er-)Folgen hinterherhecheln. - Dieses Problem der eigenen Dominanz wird
aber von den Agenturen nicht wahrgenommen, es wird vielmehr im Wege der
performativen Selbstbestätigung verleugnet. Im Bann ihres
Ratinginstrumentariums (und dessen umfassender Wirksamkeit) - ihres
"Zauberstabs" - gefallen sich die Agenturen in ihrer neuen
Schöpferrolle. Sie träumen von einer neuen "schuldenfreien" Welt
jenseits der durch Transferkosten belasteten Sozialpolitik - und das
keineswegs zynisch, sondern aus aufrichtiger Überzeugung! Damit lässt es
sich für diese Agenturen - derzeit jedenfalls noch - göttlich leben.
"Gegenglaube" chancenlos
Was aber tun? - Der allenthalben vernehmbare Hilferuf nach eigenen, nach
europäischen Ratingagenturen, welche einen verlässlichen und belastbaren
Gegenglauben an die Leistungsfähigkeit der europäischen
Volkswirtschaften implementieren sollen, kommt jedenfalls zu spät.
Solche Agenturen müssten - entgegen der bereits losgetretenen
Eigendynamik des steigenden Misstrauens (sprich des Downgradings) -
einen optimistisch wirksamen Gegenglauben erzeugen, der aufgrund eines
unmittelbar einsetzenden Vertrauens in sämtliche europäische
Volkswirtschaften (und zwar auch in die schwächsten!) selbst eine -
seine - Gegenwirklichkeit herzustellen vermag. Da dies jedoch in der
Flut des heute tonangebenden Misstrauens praktisch unmöglich ist, würden
solche Agenturen sofort untergehen und darüber hinaus noch - wegen der
von den angestammten Agenturen in Form von Untergangsszenarien
hergestellten Wirklichkeiten - nicht nur als unfähig, sondern auch noch
als Lügner dastehen.
Die Hegemonie der bestehenden Ratingagenturen ist also mit Sicherheit
nicht (mehr) durch Konkurrenz auf deren eigenem Terrain - innerhalb der
durch sie vertretenen Wirtschaftsideologie - zu brechen. Eher schon wäre
deren Hegemonieverlust durch einen allgemeinen Wirtschaftskollaps
infolge der verordneten Askesepolitik zu erwarten und zu befürchten.
Politische Herausforderung
Vor solch einem bitteren Ende könnte wohl nur ein demokratisch
gestütztes politisches Vorgehen bewahren, welches diesem
wirtschaftsvernichtenden Kreislauf entschieden Einhalt gebieten müsste.
In ihrer Gegenstrategie gegenüber dem Rating-verordneten Abwirtschaften
müsste solch eine kompetente Politik an den unausgesprochen wirksamen
Rahmenbedingungen der Wirtschaft ansetzen und von dorther die
herrschenden (aber inadäquaten) Selbstverständlichkeiten des derzeitigen
Wirtschaftens auszuhebeln versuchen ... (DER STANDARD-Printausgabe, 16.01.2012)
Der Autor:
Peter Moeschl, ehemals Chirurg an der Krankenanstalt Rudolfstiftung, ist
Publizist und Kulturtheoretiker in Wien.