Die ersten Olympischen Jugend-Winterspiele passen genau zur Sportstadt Innsbruck. Ein Schimpfwort bei der Eröffnungsfeier hat nichts daran geändert
Innsbruck - Man hat die Antwort der Zuschauerin zwar verstanden, fragt
sicherheitshalber aber nochmal nach: Wie gefallen Ihnen bisher die
Eishockey-Spiele? "Die Burschen sind viel zu brutal", wiederholt Eva
Prosenz in der Innsbrucker Olympiaworld. "Die Mädchen gehen mir dagegen
auf dem Eis viel zu sanft miteinander um."
Eva Prosenz ist 75 Jahre alt, und die bisher fehlende Action beim
Mädchen-Turnier ist ihr nur im Vergleich mit den Burschen aufgefallen.
"Unglücklich", auf diese Feststellung legt die extra aus Wiener Neustadt
angereiste Pensionistin wert, ist sie keinesfalls darüber. Schließlich
spielt auch ihre Enkelin Noemi im österreichischen Team mit.
Die 17-jährigen Mädchen gestalteten ihren Auftritt am Samstag gegen
Kasachstan (8:1) jedenfalls souverän. Körpereinsatz war praktisch
unnötig, und deuteten die Gegnerinnen einen Check an, waren die
technisch überlegenen Österreicherinnen stets einen Schlittschuhschritt
voraus. Schon am Freitag waren die Jugendlichen gegen die Slowakei (8:0)
erfolgreich. Gelingen am Montag gegen Deutschland und am Dienstag gegen
Favorit Schweden ebenfalls Siege, ist eine Medaille in Griffweite. Die
15-jährigen Burschen mussten sich hingegen nach Finnland (0:3) am
Samstag auch den USA (2:7) geschlagen geben.
Würdiger Veranstalter
Dass die Premiere der Jugend-Winterspiele mit Innsbruck einen würdigen
Veranstalter gefunden hat, wurde auch von den 1000 Zuschauern in der
Olympiaworld unter Beweis gestellt. Manch einer kam in voller Montur mit
seinem Snowboard oder seinen Skiern in die Halle, um direkt nach den
Eishockey-Spielen mit dem Bus selbst noch in eines der umliegenden
Skigebiete zu fahren.
Zum Beispiel auf den Patscherkofel: Dort sorgte am Samstag die
16-jährige Tirolerin Christina Ager mit Platz drei im Super-G für die
erste österreichische Medaille. Siegerin wurde Estelle Alphand, Tochter
des französischen Gesamtweltcupsiegers Luc Alphand, der 2006 auch die
Rallye Dakar, damals noch in Afrika, gewinnen konnte.
Für den wohl erinnerungswürdigsten Moment der Spiele hatte Christina
Ager aber schon am Freitagabend am Bergisel gesorgt. Die Eröffnungsfeier
war durchgestylt bis zum finalen Feuerwerk, davor sollte die 16-Jährige
stellvertretend für alle Athleten den olympischen Eid sprechen. Allein -
mitten im Satz wollte ihr der Text nicht mehr einfallen. "Scheiße",
sagte sie unüberhörbar ganz gegen das Protokoll ins Mikrofon. Und 15.000
Zuschauer johlten ob des sympathischen Fauxpas, der die Spiele erst so
richtig zu Jugendspielen machte.
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) nützt die Veranstaltung auch
als Plattform, um neue Sportbewerbe zu testen. Snowboarder lässt das IOC
schon olympisch in der Halfpipe springen. Freestyle-Skifahrern blieb die
Ehre noch verwehrt. Der Österreichische Skiverband wird seit Sonntag für
eine Aufnahme stimmen. Die 15-jährige Tirolerin Elisabeth Gram gewann in
Kühtai die Premiere und sorgte für das erste österreichische Gold bei
den Spielen. In der herkömmlichen alpinen Skifahrt siegte der 16-jährige
Kärntner Marco Schwarz in der Superkombination.
Sportliche Erfahrungen sollen aber nicht das Einzige sein, das die 1059
Jugendlichen aus 70 Nationen aus Innsbruck mitnehmen werden. Ein
Kulturprogramm samt Musikkonzerten begleitet die Spiele, Athleten und
interessierte heimische Jugendliche können sich zu so unterschiedlichen
Workshops wie Schuhplattln, Social Media, unmittelbare
Wettbewerbsvorbereitung, Kochen oder Sicherheit am Berg anmelden.
Dritter olympischer Einsatz
Ab Montag koordiniert auch die bald 64-jährige Innsbruckerin Brigitte
Zerlauth als eine von vielen Volunteers die Workshops im Kongress. Es
ist ihr bereits dritter olympischer Einsatz. Schon 1964 war sie als
Helferin bei den Olympischen Spielen dabei und unter anderem als
Würstelverkäuferin im Einsatz. 1976 arbeitete sie im Eisstadion. Bei den
Jugendspielen war die Ärztin eigentlich dafür eingeteilt worden, dem
Team aus Monaco in Pressefragen beiseitezustehen. Das war Zerlauth zu
langweilig, sie bat um Versetzung. "Ich will mich mit Jugendlichen
unterhalten. Dafür habe ich mich doch als Volunteer angemeldet."(David Krutzler, DER STANDARD Printausgabe, 16. Jänner 2012)