"Wendepunkt"

Die Suche nach der Kulturhauptstadt

15. Jänner 2012, 18:01
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    foto: trenkler

    Lichtinstallationen weisen in Maribor auf Werke von Drago Jančar hin, die mit der Stadt in Verbindung stehen, darunter am Slomskov-Platz "Katharina, der Pfau und der Jesuit".

Maribor, zusammen mit Guimaraes Kulturhauptstadt Europas, protzte nicht: Das Eröffnungswochenende fiel eher bescheiden aus

Wenigstens zur Zeremonie am Samstagabend strömten trotz Kälte die Massen herbei.

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Der Wendepunkt, so das Motto, ist gegenwärtig nur Behauptung. In Maribor merkte man am Wochenende nicht viel davon, dass man sich in der neuen Kulturhauptstadt Europas befand. Das Logo auf den spärlichen Plakaten erinnert an bunte Christbaumkugeln: Sechs an der Zahl, weisen sie darauf hin, dass Maribor das Jahr zusammen mit den Städten Murska Sobota, Novo Mesto, Ptuj, Slovenj Gradec und Velenje realisiert.

Am Hauptplatz hämmerten am Freitag zu Mittag Männer an Holz-Stroh-Skulpturen, die einige Meter hoch in den Himmel ragten. Was sie darstellen, wusste niemand genau: Vögel, Engel, Hände? Egal, um 22 Uhr wurden sie unter mäßiger Anteilnahme der Bevölkerung und ein paar herumlungernder Feuerwehrmänner ohnehin abgefackelt. Fire Sculptures hieß die Performance, die an ein Osterfeuer, untermalt von sphärischen Klängen, erinnerte. Mit ihr übergab Tallinn den Titel Kulturhauptstadt an Maribor.

Ansprechender war die Übergabe von Turku: In der finnischen Kulturbotschaft lässt der Künstler Markku Haanpää in seiner Installation The Village ein ganzes Dorf aus goldenen kleinen Häusern die Wurzeln in die Luft schlagen, von der Decke schweben. Im Laufe des kommenden Jahres werden sich insgesamt 24 Länder aus ganz Europa mit "Kulturbotschaften" in Maribor präsentieren.

Aus der eigenen Szene überzeugte die Ausstellung Dobro Jutro (Guten Morgen) der slowenischen Illustratorin Alenka Sottlers in der Galerie der Kulturinitiative Kibla. Zwischen schwarz-weißen Strichcodes, die weltweit alle Waren überziehen, versteckt Sottler Figuren und Landschaften.

Andere Produktionen, wie die Intervention Walking Gallery von Ex-Garage, gingen als Programmpunkt an der Peripherie der zweitgrößten Stadt Sloweniens am Freitag fast unbemerkt vorüber. Musikalisch lockte man am Abend mit der Performance Placebo or is there one who would not weep vom Carmina-Slovenica-Chor in die ausverkaufte Union-Halle, bevor der finnische Musik-Grenzgänger Jimi Tenor im architektonisch ansprechenden Kino Udarnik Nachtschwärmer zum Tanzen brachte.

Auch am Samstagnachmittag hielt die eher triste Stimmung an. Denn in der Altstadt, die nur mehr punktuell postkommunistischen Charme verströmt, schließen die Geschäfte um 13 Uhr. Die meisten Menschen tummelten sich am Eislaufplatz, dessen Banden mit den kunterbunten Kugelmotiven des Logos geschmückt sind. Hier drehte sich im Wortsinn alles.

Vor einem Universitätsgebäude am Stadtrand wurden die ersten Werke des geplanten Skulpturenparks bestaunt, etwas später nahm das neue Haus der Architektur seinen Betrieb auf. Weithin sichtbar ist eine knallrote filigrane Konstruktion aus Holzstäben. Mit dieser entschieden Katja Bendiè, Ana Simoniè und Jerneja Muraus den Wettbewerb zur Gestaltung der Eingangssituation für sich. Die weiteren Beiträge sind Gegenstand der Eröffnungsausstellung.

Auch ein kleines Literaturhaus hat Maribor nun. Natürlich steht Drago Jančar im Zentrum des Programms: Der bekannte Schriftsteller, 1948 in Maribor geboren, kuratiert für das Kulturhauptstadtjahr eine Gesprächsreihe mit Claudio Magris, Péter Nádas, Karl-Markus Gauß und anderen.

Und auf Jančar Werke, die mit Maribor in Verbindung stehen, weisen Lichtinstallationen im öffentlichen Raum hin. Sie strahlten am Samstagabend erstmals in die Dunkelheit. Gleich beim Bahnhof stößt man auf den Titel Severni Sij, also Nordlicht, einen frühen Roman, der nun beim Folio Verlag in einer Neuübersetzung wiederveröffentlicht wurde: Eine Dienstreise nach Marburg im Jänner 1938 wird für Josef Erdmann zu einer Suche nach Orten seiner Kindheit. Derart "riesig", wie angekündigt, sind die Schriftzüge, darunter Katarina, pav in jezuit zwar nicht, aber wenigstens lernte man auch bei dieser Suche die Stadt kennen.

Um Punkt 20 Uhr fand bei eisiger Kälte die erstaunlich gut besuchte Eröffnungszeremonie am Leona-Stuklja-Platz statt: Ein Bub mit Kugel-Laterne lief in den Filmeinspielungen von Partnerstadt zu Partnerstadt. Bis er dann real auf der Bühne stand. Die verjazzte Version der Europa-Hymne zu Laserblitzen war eher schwer verdaulich. Befremdlich wirkte zudem, dass die halbe Altstadt abgeriegelt war, damit die Promis unbehelligt zum Empfang im Nationaltheater gelangen konnten. Am Platz zumindest war die Stimmung gut: Die riesige Discokugel rotierte - bis zum Wendepunkt. (Colette M. Schmidt und Thomas Trenkler aus Maribor/DER STANDARD, Printausgabe, 16. 1. 2012)

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16 Postings
Rudi99
00
16.1.2012, 12:50
Nur eine kleine Ergänzung:

Beim erwähnten Platz handelt es sich um den Leon Štukelj-Platz und nicht um den Leona-Stuklja-Platz. Im Slowenischen haben die Bezeichnung der Plätze, Straßen, etc. den Genetiv und das ist so einer. Dies wird bei Übersetzungen gerne übersehen. Leon Štukelj war übrigens ein berühmter slowenischer Olympiasieger im Turnen.

krokok
00

word

Dissident
 
17
15.1.2012, 20:52
Wer dauernd Maribor schreibt, der soll gefälligst künftig auch Praha und Brno statt Prag und Brünn schreiben.

Dieses Getue, nur ja nicht Marburg zu schreiben, ist einfach lächerlich. Diese anschmeißerische "political correctness" wirkt selbst für Slowenen befremdlich. Maribor/Marburg, wie man in einem österreichischem Medium diese Stadt auch korfrekt bezeichnen könnte, war länger die Hauptstadt der Untersteiermark, als es Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten gegeben hat bzw. gibt. So deppert sind die Österreicher nicht, dass sie nicht wüssten, dass diese Stadt jetzt zu einem anderen Staat gehört. Umgekehrt werden ja Wien und andere österreicische Städte in den Nachfolgestaaten der Monarchie auch in deren Landessprachen geschriebern, ohne dass wir die Angst haben, revanchistische Horden würden bei uns einmarschieren....

Bortolino
11
16.1.2012, 14:20
Wem fällt ein Zacken aus der Krone, wenn man den slowenischen Freunden den Gefallen tut Maribor zu schreiben?

Mir (als Österreicher!) jedenfalls nicht.

Slowenien ist ein kleines Land mit einer sehr kurzen Geschichte als souveräner Staat. Ihre Sprache wird gerade einmal von 2,5 Mio Menschen gesprochen.

Da ist es für mich jedenfalls nachvollziehbar, wenn die eigene kulturelle Identität für die Slowenen einen hohen Stellenwert hat.

Fällt uns da ein Zacken aus der Krone, wenn wir unseren Nachbarn einfach einen Gefallen tun?

Der Waehlerwille
 
00
17.1.2012, 09:23
Slowenen verlangen das aber nicht von uns Österreichern ...

Denen ist das herzlich wurscht.

Weil es (oh überaschung) in Eruopa üblich ist dass Städte in unterschiedlichen Sprachen auch oft sehr unterschiedlich augesprochen/benannt sind.

Fuzzface
10
16.1.2012, 16:15

Wer sagt denn, dass man damit den slowenischen Freunden einen Gefallen tut? Slowenien ist ein hochindustrialisiertes Land mit einem hohen Lebensstandard, der nicht allzuweit unter dem Österreichischen liegt, und Sie können mir glauben, dass die Slowenen nicht auf derartige sprachliche bzw. kulturelle Almosen angewiesen sind.

Davon abgesehen gibt es die slowenische Ortsbezeichnung Maribor schon etwas länger als den Staat Slowenien.

Und immer wieder amüsant finde ich, dass es in der Gedankenwelt einiger besonders korrekter Zeitgenossen offenbar einen "guten" (in dem Fall den Slowenischen) und einen "bösen" (Deutschen, Österreichischen oder - Gott bewahre! - Kärntner) Nationalismus gibt.

Der Waehlerwille
 
11
17.1.2012, 09:24
der deutschnationalismus ist allerdings tatsächlich der schlechtere nationalismus

wenn man bedenkt wieviele Millionen Tote er schlussendlich verschuldet hat.

Der Waehlerwille
 
00
16.1.2012, 12:18
Die Sache gestaltet sich natürlich etwas komplexer.

Hier wirkt mit dass in den Medien die bundesdeutsche Terminologie relativ dominant ist. Und ebendieser fehlt einfach der altösterreichische Hintergrund.

Deshalb finden sich dort kein Agram, kein Marburg und eben auch kein Pressburg.

Mir selbst ist es an sich ziemlich wurscht wie man die Städte nennt. Ich würde aber trotzdem niemals von einem Tschechen verlangen Wien ausschliesslich als "Wien" auszusprechen. Wozu auch?

sukisouk
00
16.1.2012, 10:38

Ja ist o.k., aber zum Ausgleich steht da ja auch Janéar statt Jancar :P

sukisouk
00
16.1.2012, 10:44

oje...
also Jancar mit Hatscheck! :D

Jürgen Rembremerding
00
16.1.2012, 07:28
Mei,

man könnte es dann halt mit dem anderen Marburg verwechseln. Daher müsstest Du zumindest "Marburg an der Drau" schreiben.

Recht interessanter Artikel dazu:

http://www.marburg.de/de/96655

Timagoras
 
00
16.1.2012, 12:18
"müsstest Du zumindest "Marburg an der Drau" schreiben"

.
fände ich nicht so schlimm.

die Italiener nennen München ja auch nicht "München", sondern "Monaco", und schreiben halt (zwecks unterscheidung) "di Baviera" dazu.

ceteris partybus
02
16.1.2012, 04:01
Noch dazu, wo sich zwei meiner slowenischen Bekannten selber etwas stolz mir gegenüber "Marburg" sagen

Meine Kollegin aus Gdansk erwähnt im (nicht nur deutschsprachigen) Ausland immer aus "Danzig" zu sein, weil das, ihrem Eindruck nach, leichter verstanden wird.

Wie lächerlich der ganze Schmarrn von Bratislava über Maribor bis hin zu Wroclaw (das niemand von denen, die's so gern hinschreiben, richtig aussprechen kann), sieht man eben daran, dass inkonsequenterweise nie von Roma, Milano, Firenze, Venezia, Köbenhavn, Geneve, etc. gesprochen wird. Ein rapides Ost-West-Gefälle

Ich hab keine Ahnung was der wirkliche Grund ist. Ist es "cool", weil man glaub Zungenbrecher (die diese Städtenamen ja wahrlich nicht sin) richtig aussprechen zu können, ist es Hyperkorrektheit weil Deutsch dort mal lingua franca war....

divis
 
00
16.1.2012, 11:31
Umso mehr,...

...als dass "Maribor" eigentlich eine ein bissl gekünstelte Neuschöpfung des 19. Jahrhunderts ist (Stanko Vraz/Lovro Toman) und die alte slowenische Bezeichnung der Stadt "Marprog" war, was sich dialektal/scherzhaft bis heute gehalten hat (Beweis:
http://www.google.at/search?q=... marprog%22 ).

ceteris partybus
00
17.1.2012, 22:57
Danke für die Anmerkung

Dann ist die Sache ja die gleiche wie bei Pressburg d.h. slowakisch früher Presporok, der dann nach dem 1. Weltkrieg auf die Neuschöpfung Bratislava geändert wurde. Diesen Wandel haben übrigens auch andere Sprachen vollzogen, bspw. hab ich in Paris mal in der Nähe der Rue Presbourg gewohnt.

Ich verurteile diese völligen Neuschöpfungen im Allgemeinen, weil sie damit einer Stadt auch unweigerlich einen Teil der Geschichte rauben. Wer denkt bei Kaliningrad etwa an Immanuel Kant.
Traurigerweise aber war es in unseren drei Fällen wohl aber genau die Absicht, die deutschsprachige Geschichte der Städte - Pressburg und Marburg als traditionelle Randstädte des geschlossenen dt. Sprachraums - zu kaschieren.

Und ich bin politisch sicher nicht rechts

tierischer durchfall
01
15.1.2012, 23:54
Seh ich genauso.

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