Budget: Fischer muss mit der Regierung Klartext reden

Kolumne | Gerfried Sperl, 15. Jänner 2012, 17:59

Einigt sich die Koalition auf kein effizientes Sparpaket, werden Neuwahlen ein unübersichtliches Ergebnis bringen

Je stärker die Finanzkrise, desto größer auch ihre politischen Auswirkungen. Bis hin zu Neuwahlen - wie im Fall Griechenland im Herbst 2011. Weder die Regierung noch die Kommentatoren werden die Neuwahl-Forderung des FPÖ-Obmanns Heinz-Christian Strache vom Samstag ernst nehmen. Aber dass er sie überhaupt erhob, ist ein Symptom der Krise.

Durch die Ratingagentur Standard & Poor's ist mit der Herabstufung der Bonität mehrerer EU-Länder erneut ein demokratisch nicht legitimierter Angriff erfolgt, der die internationalen Machtverhältnisse widerspiegelt. Die Finanzkrise ist zudem ein Finanzkrieg gegen den Euro, der die betroffenen Staaten auch direkt trifft.

Sollte Österreich keine effizienten Sparmaßnahmen schaffen und sollte noch dazu die ungarische Krise dramatisch wachsen, wäre eine weitere Herabstufung zu erwarten. Die Koalition würde zwar zusammenhalten und Wahlen würden nicht vor Frühjahr 2013 stattfinden. Aber eine blaue Mehrheit wäre wahrscheinlicher als jetzt, populistische Parolen wären noch wirkungsvoller.

Weshalb es auch zu einer Parteigründung kommen könnte. Einerseits um die Schwäche der ÖVP aufzufangen, andererseits um Protestpotenzial von Strache abzusaugen. Sie bräuchte aber eine theatralische Figur, die Stimmen auf sich zieht.

Ein noch unübersichtlicheres Wahlergebnis als 1999 wäre die Folge. Und die Möglichkeit rückte näher, dass der Bundespräsident eine überparteiliche Persönlichkeit an die Spitze einer Reformregierung beruft. So wie es in Griechenland und in Italien geschah.

Dazu braucht ein Staatsoberhaupt Vollmachten. Obwohl der italienische Staatspräsident ähnlich wie der deutsche von den beiden Häusern des Parlaments gewählt wird, hat er viel größeren Einfluss als der machtlose Christian Wulff in Berlin. Giorgio Napolitano hatte entscheidenden Anteil an der Demontage Silvio Berlusconis. Er allein entschied, wer dem Premier nachfolgte - in einer Stunde höchster Bankrottgefahr war es der Europapolitiker Mario Monti.

Durch die Volkswahl hat der österreichische Bundespräsident noch mehr Vollmachten - stärker als er ist im europäischen Kontext nur noch der französische. Einerseits kann er vorgeschlagene Minister ablehnen (wie es Thomas Klestil getan hat). Andererseits ohne Rücksicht auf das Ergebnis einer Nationalratswahl geeignete Kandidaten mit der Regierungsbildung beauftragen.

Die derzeit von der Koalition, aber auch von Wirtschaftsforschern ausgesendeten Botschaften der Beruhigung sollten nicht zu falschen Schlüssen verleiten. Denn die Lage ist ernst und die Proponenten des Stillstands könnten sich als Totengräber wiederfinden. Sie würden den Berufswechsel nur nicht zugeben.

Jedenfalls hat der Bundespräsident rasch nach der Rückstufung Österreichs das Sparpaket eingemahnt und damit seine Rolle unterstrichen.

Die politischen Vorgänge gewinnen also an Brisanz. Wenn das für Ende Februar angekündigte Paket bloß faule Kompromisse enthält, dann ist auch in Wien der Zeitpunkt für Heinz Fischer nah, mit der Regierung Klartext zu rede. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.1.2012)

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Posting 1 bis 25 von 65
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Zukunftsoptimist1
00
19.1.2012, 10:48
Vielleicht würde es genügen,

wenn UHBP der Regierung signalisieren würde, dass er bereit wäre ihren Rücktritt entgegenzunehmen?

Zukunftsoptimist1
00
19.1.2012, 10:47
Vielleicht würde es genügen,

wenn UHBP die Regierung mit Nachdruck ermahnen würde, Kritik ernst zu nehmen und die Schuldigen nicht reflexartig überall, nur nicht bei sich selbst zu suchen. Jetzt, wo sich unverhohlene Kritik in den eigenen (Partei)reihen regt, wo einige wenige einsichtige Parteifreunde über Versäumtes Klartext reden, die Schuld den bösen Ratingagenturen, der ach so verantwortungslosen Opposition, den "Reichen" und - etwas vorsichtiger formuliert - den Medien, die darüber berichten, in die Schuhe zu schieben, ist so etwas von borniert und überheblich, dass es in einem demokratischen Staatswesen nur noch eine Alternative gäbe: den korporativen Rücktritt. Aber auch Rücktrittskultur ist bei uns eine winzige, zudem unbekannte Größe.

RegR Borromäus Maschitz
00
16.1.2012, 20:15
bruharharhar!

der präsident und klartext - das geht zusammen wie feuer und eis...

Castrator
10
16.1.2012, 18:29
Unübersichtliches Wahlergebnis, was soll das sein?

Bringt man die Meinung der Posterfreunde hier auf einen Nenner, ist folgender Schluss zwingend: Österreich braucht eine neue zeitgemäße Verfassung. Das wollen die Prölls, Niessls, Pühringers etc nicht hören, aber es ist ein absolutes Muss, der Zeitpunkt dafür war noch nie so günstig wie jetzt.
Landtage abschaffen, Schaffen von Gouvernemets, übersichtliches Mehrheitswahlrecht, Reform der Gebietskrankenkassen, Reform der Gemeinden, all das sind gewaltige Sparpotentiale. Weil halt die Parteien Haare lassen müßten, wird sich nichts ändern. Diese Haltung ist nicht im Sinne der Bürger, das ist im Sinne der Machthaber, und das ist verwerflich, das gehört bekämpft. Die Qualität der Politik würde sich auch ändern, weil etwas weitergehen könnte.

Chien de Pique
00
16.1.2012, 20:32

Klingt nicht gerade zeitgemäß oder effizient und schon gar nicht demokratisch. Gouvernements hatte schon der Zar. In meinem Sinne reden Sie sicher nicht, ich lasse mir sicher nicht ohne Wíderstand noch mehr von meinen winzigen bisschen Mitbestimmung rauben.
Zwangsläufig verschwenderischer Zentralismus, weniger Wahlen und parlamentarische Kontrolle und durch das Mehrheitswahlrecht nur mehr übersichtliche 2 Parteien von Relevanz, das ist mE dafür sehr im Sinne der Machthaber.

lichaot
00
16.1.2012, 16:37

lebt er noch?

EpinEphriN
 
00
16.1.2012, 16:27
Ein "unübersichtliches" Ergebnis?

Reden Sie doch Klartext.
Strache wird Kanzler (aber das wird er ohnehin).

Allein: Auch wenn mir diese Vorstellung körperlich Unbehagen bereitet, wird Strache - wie seine blauen Vorgänger - an den Sachzwängen zerbrechen.
Das österreichische Budget erlaubt nur einen Spielraum im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Daran kann auch ein Herr Strache nichts ändern.
Und tut er es doch (was ich nicht glaube), dann ist sowieso Feuer am Dach.

Nessus
00
16.1.2012, 16:09
Eine "überparteiliche Persönlichkeit" als Regierungschef??

Sowas gibts überhaupt nicht im paritätisch aufgeteilten Österreich, wo jeder einigermaßen einflussreiche Posten politisch vergeben wird.

Und wenn, dann würde ein in der Wolle gefärbter, bekennender Parteigänger wie Fischer ihn niemals berufen.

frank franki
01
16.1.2012, 16:06
Ein unübersichtliches Ergebnis im NR kann es nur dann geben, wenn man der Meinung ist, dass a) es im NR immer feste Koalitionen geben muss, die die anderen Parteien ausschließen und b) diese Koalitionen eine Erbpacht auf die Regierungssitze haben.

Was zu dem bekannten und absurden Ergebnis führt, dass, mangels sonstiger Alternativen eine dauerhafte Mehrheit im NR zu bilden, zwei Parteien koalieren, die sich nicht leiden können und sich gegenseitig blockieren, aber aufgrund des Koalitionsvertrages ohne den Koalitionspartner keine Entscheidungen getroffen werden dürfen, selbst wenn sich dafür Mehrheiten finden würden.

Das sind aber keine "übersichtlichen" Verhältnisse, das sind Kindergartenverhältnisse.
Die Republik wäre ohne feste Koalitionen bei weitem handlungsfähiger.

Wieviel Demokratie ist es bitte?
01
16.1.2012, 14:58
Den Verfassungsbruch 2010

hat er nicht geahndet, um mal zu zeigen, wo exakt der Spaß aufhört.

Und die lokale Ratingagentur Citizens & Taxpayers spricht unter anderem hier täglich Klartext zu den Protagonisten, ohne daß das irgendeine der 10 Regierungen (davon neun überflüssige) im Republikchen auch nur im Geringsten beeindrucken würde.

Was er machen kann, ist, sich jedes Wort zu sparen und die Regierung boom-chicka-woom an die frische Luft zu setzen.

Neu angeloben kann er beinharte, konsequente Reformercharaktere.

Und wenn die nichts straight durchziehen, wird die Bevölkerung etwas durchziehen müssen.

Aber das wäre eine große Überraschung und nicht Österreich wie wir es kennen, wie GRECO es kennt und es wäre nicht Fischer vom Porzellanthron, wie man ihn kennt.

Mary F.
01
16.1.2012, 14:23
Seid der letzten Wahl hat sich nix getan, ausser ein paar Alibigesetze

Und das obwohl wir eine der laengsten Wahllosen Perioden seid langem leider bald hinter uns haben. Und jetzt wird das ganze Land fuer die Streiterein und Nichtstuerein der Koalition abgestraft.

Die Opposition mit den gruenen Fundis und den rechten blauen geistigen Nackerpatzerln is halt auch nicht wirklich eine Alternative.

Ich kann also nur hoffen, dass sich irgendwann mal die Vernunft bei rot und schwarz durchsetzt, und beide bald mal einsehen, dass es ihr politischer Untergang ist, wenn sie weiterhin nichts machen, ausser zu blockieren, wenn sie mal einen Kompromiss eingehen muessten oder sich vom Koalitionspartner mit sinnvollen Argumenten ueberzeugen lassen muessten.

angelvoices
00
16.1.2012, 14:00
nicht nur reden

als richtiger Patriot könnte er auch spenden...

papst benedikt
01
16.1.2012, 13:55

kurzum: wenn die schafe in der demokratie falsch wählen, brauchen wir einen führer, der alles wieder "richtigstellt".
wenn das wahlergebnis nicht automatisch zu einer groko führt, ist es "unübersichtlich"...

"gelenkte demokratie" nennt man das wohl :)

der elch mit dem kelch
02
16.1.2012, 13:15
Fischer und Klartext

das ist ein Widerspruch in sich.

Der Kreisky würd sich im Grab umdrehen wenn er wüsst wie sich sein Zögling rhetorisch windet.

A Nacktschnecke ist dagegen ein Musterbeispiel an Rückgrad und Haltung.

suboptimal
 
05
16.1.2012, 13:13
Fischer muss mit der Regierung Klartext reden?

Fischer hat doch noch nie irgendwo Klartext geredet.
Kennt man eine Rede von ihm, dann kennt man alle.
:-)

ghoul g.
00
16.1.2012, 17:28
also die,

mit "rudl,rudl,..." fand ich gut :)

UNBEQUEM
02
16.1.2012, 13:13
Herr Sperl und sein naiver Wunsch!

Seit wann kann den der Her BP. Fischer "Klartext" reden! Seit Jahren verschanzt sich der Herr BP hinter salbungsvollen Worthülsen die unsere Verfassung aushöhlen aber sicher noch zu keinem besseren Regieren durch die Bundesregierung geführt haben.
Möglicher Weise hat der Herr Bundespräsident anlässlich einer Naturfreindeveranstaltung schon mal Klartext gesprochen aber erinnerlich ist mir das nicht wirklich.
Nun einen Aufmacher mit dem Wunsch nach "Klartext" zu veröffentlichen erscheint doch ziemlich naiv!

ganzsichernicht
 
00
16.1.2012, 12:54
...aha, werden in österreich auch schon ungewählte "experten" als regierungschefs angedacht?

wundert mich eh nimmer! österreich ist tot! und u n s isses wurscht. typisch.

Zorro, der Rächer der Enterbten
00
16.1.2012, 12:12
Altmarxistische Absonderungen sind in dieser Situation nicht zielführend

skipper2002
00
16.1.2012, 11:52
der ist untergetaucht

und versteckt sich am örtchen.

1116er
00
16.1.2012, 11:34
§"...die Neuwahl-Forderung des FPÖ-Obmanns Heinz-Christian Strache vom Samstag ernst nehmen. Aber dass er sie überhaupt erhob, ist ein Symptom der Krise."

ein symptom der krise?
so weit würde ich nicht gehen, denn die forderung nach neuwahlen durch die fpö ist krisenunabhängig.
die fpö KANN nichts anderes als wahlkämpfen.
daher ist ihre forderung so normal wie das atmen für den menschen.

Die Stimme des Marktes
04
16.1.2012, 11:33
"Demokratisch nicht legitimierter Angriff"...

"Finanzkrieg"... Unpackbar. Europa - und insbesondere Österreich - hat das Problem, dass die intellektuelle Kapazität der meisten Politiker und Journalisten WEIT unter jene von Schimpansen gefallen ist.
Lieber Herr Sperl! Wie sind die USA bei S&P geratet? Zahlt Österreich oder Frankreich das letzte halbe Jahr (also VOR der Herabstufung) gleiche oder zumindest sehr ähnliche Zinsen für neue Staatsschulden wie Deutschland? Wie sieht die Struktur der Budgetdefizits in den USA und Europa aus (zB Anteil Militärausgaben vs Sozialausgaben)?
Eigentlich müsste man das Wahlrecht von einem Minimal-IQ abhängig machen...

an kog
01
16.1.2012, 15:35

Um den Herrn Sperl mache ich mir schon länger Sorgen. Er schreibt immer wieder ganz "erstaunliche" Sachen. Aber dass bei dieser Kampfrhetorik niemand korrigierend einschreitet, ist schon erstaunlich.

Chien de Pique
00
16.1.2012, 15:05

Diese Sprache (und die Manipulierbarkeit der Menschen, letztlich in einer Form des Nationalismus) ist wirklich erschreckend.

WFL1
05
16.1.2012, 11:32
Fischer ist Parteisoldat

Ist ja putzig, wie sich so manche links-liberale Kommentatoren, wie Hr. Sperl, den derzeitigen Amtsträger Fischer als starke, unabhängige Persönlichkeit zurechtwünschen. Die ungeschminkte Wahrheit ist, Fischer war sein ganzes politisches Leben lang SPÖ-Parteisoldat, und seine bisherigen BP-Jahre haben dies nur bestätigt. Fischer wird bei Neuwahlen nur tun, was seiner Partei nützt. Und was nützt der SPÖ? An der Macht zu bleiben, koste es was wolle. Deshalb wird Fischer mit allen Mitteln verhindern, dass seine Partei wieder in der Opposition landet. Das wird seine Leitlinie bei der nächsten Regierungsbildung sein.

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