Adieu Biedermeier, servus Schubert

15. Jänner 2012, 17:44
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Flotter "Pilot" zur neuen Schubert-Serie: "Der Doppelgänger"

Wien - Wer war Franz Schubert? Das wissen wir natürlich nicht so genau. Deshalb stehen im Schauspielhaus auch fünf Varianten des österreichischen Biedermeier-Komponisten zur Verfügung. Krauses Haar und eine reihum gehende runde Drahtbrille sind die theatralischen Insignien des Musikus', der nun Titelheld der neuen Theaterserie am Schauspielhaus ist. Nach Doderer (respektive dessen Mammutroman Die Strudlhofstiege) oder Freud ist Franz Schubert ein weiterer mit dem Theaterstandort Alsergrund verbundener Protagonist, auf dessen Spuren sich eine fünfteilige Winterwanderung zu bestimmten Plätzen des Bezirks begibt. Franz Schubert wurde 1797 in der heutigen Nußdorfer Straße geboren.

Wie es sich für Serien geziemt, steht an deren Beginn ein "Pilot"; dieser beschränkte sich als Auftaktpremiere am Samstag noch ganz auf die Bühne des Schauspielhauses, und gab vor aufgeklappten Biedermeiertapeten einen rasanten Aufriss der betrüblichen, gleichwohl auch anrührenden Biografie eines jungen Musikers, dessen Empfindungsgeist eine dicke Spur Melancholie durch die Musikgeschichte gezogen hat. Unerfüllte Liebe, Armut, freiberufliches Dasein und trauriges Familienschicksal (von Schuberts dreizehn Geschwistern blieben nur vier am Leben).

Als Spielleiterin führt Schuberts Schöne Müllerin (Franziska Weisz) durch die schnelle Theaterstunde. Im Dirndlkleid arrangiert sie biografische Szenen, macht Jäger und Wandergeselle und irgendwie auch sämtliche Schuberts mit mädchenhaftem Lächeln in sich verliebt, sie führt Sekundärliteratur ein und streut Mehl, wo es einer Müllerstochter eben passend erscheint.

Den Kern des Abends bilden aber die fünf Schubert-Doppelgänger, so auch der Titel von Thomas Arzts Stücktext. Sie kämpfen erquicklich mit ihren eigenen Selbstbildnissen, halten sich Schubert-Vorurteile vom Leib und reichen sie, bitteschön, zum nächsten weiter. Johanna Elisabeth Rehm, Hannes Pendl, Sebastian Zeleny sowie Sänger Erwin Belakowitsch und Pianist Stephen Delaney machen in einem lebhaften, dem Clusterprinzip eines solchen Schnelldurchlaufs geschuldeten, witzigen Zusammenspiel allen biedermeierlichen Anmutungen den Garaus. In der Regie von Carina Riedl assoziieren sie Falco, sprechen Schuberts Umgangssprache, schlüpfen in andere Rollen (z. B. Schubert senior), vermögen bei all dem Tempo aber dann mit Todesernst Gefühle zu erzeugen (Der Wanderer).

Schuberts Leben und Zeit wird sorgfältig wie eine Schatztruhe geöffnet, und heraus strömt pures Anti-Biedermeier. Die 19. -Jahrhundert-Ausstattung ist Symbol der Beengtheit, aus der die Musik hinausweist, sie ist ein Gedankenraum, der in den kommenden Folgen aus nächster Nähe betrachtet wird (erste Winterwanderung zu einem Originalschauplatz am 19. 1.). Vor allem dank seiner Schauspieler hat dieser Pilot die Neugier auf Folge 1 entfacht. Sie brachen herein wie der ersehnte Schnee. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe, 16. 1. 2012)

  • Schubert im Plural: Johanna E. Rehm, Hannes Pendl, Erwin Belakowitsch (v. li.).
    foto: schauspielhaus

    Schubert im Plural: Johanna E. Rehm, Hannes Pendl, Erwin Belakowitsch (v. li.).

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