Quasimodo ist Erdberger

14. Jänner 2012, 11:36
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Hochengagiertes Jugendtheater: "Der Glöckner von Notre Dame" als revitalisierter Klassiker

Wien - Manche Ängste erweisen sich im Nachhinein als unbegründet. Etwa wenn in Jugendtheaterprogrammen Worte wie "fett" verwendet werden, um der Begeisterung über einen bestimmten Gegenstand Ausdruck zu verleihen. Oder die von populistischen Meinungsmachern geschürte Xenophobie, welche scheinbar in allen Ländern und Epochen zu finden ist. Hierzu gibt die am Wiener Rabenhof in Kooperation mit dem Theater der Jugend auf die Bühne gebrachte Klassiker-Revitalisierung Der Glöckner von Notre Dame ein eindeutiges Statement ab.

"Aufenthaltsgenehmigung" sowie "Abschiebung" sind die prägenden Worte von Holger Schobers Bearbeitung des großen Romans von Victor Hugo. Besonders entscheidend sind sie für die Existenz von Esmeralda (Jennifer Newrkla als Gemeindebau-Shakira), der zwar alle Männerherzen zufliegen, die sich jedoch ausgerechnet in den so opportunistischen wie verheirateten Hauptmann Phoebus (Martin Bermoser) verliebt.

Das Unglück muss hier seinen Lauf nehmen, und der unschuldige Quasimodo kann nur hilflos zusehen. Sein entstelltes Gesicht verrät kaum, was in dem Glöckner vorgeht, umso mehr die Körpersprache. Markus Kofler zeigt in der Titelrolle eine großartige Leistung, turnt affengleich über Erich Spergers multifunktionale Bühnenblöcke und macht aus dem kindlichen Außenseiter die menschlichste Figur in diesem allzu vertrauten Paris. Sein wesentlicher Gegenspieler ist jedoch nicht das Würstl Phoebus, sondern Dompfarrer Frollo (Bernhard Majcen), der mit diabolischer Süße nach Esmeralda lechzt, um als Verschmähter letztlich ihre Ausweisung zu veranlassen.

Weitgehend ohne jugendkulturelle Anbiederungsversuche bietet Roman Freigaßners Inszenierung Besuchern ab elf Jahren hochengagiertes Jugendtheater und lässt dabei weder Witz noch Spannung, in den entscheidenden Momenten aber auch Deutlichkeit nicht zu kurz kommen: Für die Darstellung von Esmeraldas Gefängniszelle wird das Eingangstor des KZ Buchenwald an die Wand projiziert. (Dorian Waller, DER STANDARD - Printausgabe, 14./15. Dezember 2012)

  • Jennifer Newrkla und  Markus Kofler in  "Der Glöckner von Notre Dame"
    foto: rabenhof/pertramer

    Jennifer Newrkla und Markus Kofler in  "Der Glöckner von Notre Dame"

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