Am 17. Jänner feiert Muhammad Ali einen runden Geburtstag. Jan Philipp Reemtsma, Buchautor von "Mehr als ein Champion. Über den Stil des Boxers Muhammad Ali"
Standard: Wann erwachte Ihr Interesse an Muhammad Ali?
Reemtsma: Das war zu der Zeit, als er sich um den Kampf gegen Sonny
Liston bewarb, Anfang 1964, und er in der deutschen Presse in die
Schlagzeilen geriet als jemand, der sich nicht so benimmt, wie man das
von Boxern, zumal von schwarzen Boxern, gewohnt war. Was im
amerikanischen "loudmouth" heißt, prägte hier als Großmaul die
Schlagzeilen. Da gab es auch entsprechende Fotos von ihm, mit weit
geöffnetem Mund. Das stieß damals auf allgemeine Ablehnung und hat mich
als Elfjährigen irgendwie interessiert.
Standard: Wurden Sie, wie viele andere Jugendliche auch, nachts geweckt,
um Muhammad Alis Kämpfe zu sehen?
Reemtsma: Der Liston-Kampf wurde noch nicht übertragen, das kam erst
viel später. Und da wurde ich dann auch nicht nachts geweckt, weil das
sonst niemanden interessierte. Da weckte ich mich selber.
Standard: Wie entwickelte sich die Faszination des Elfjährigen?
Reemtsma: Ich habe vor kurzem einen alten Zeitungsausschnitt gefunden.
Die Wetten vor dem Liston-Kampf standen 3:8 gegen, damals noch, Cassius
Clay. Und dann kam eben die große Überraschung, dass er nicht nur
gewann, sondern sehr überzeugend gewann. Und all das, was die Kämpfe
auch später immer wieder begleitet hat, die Frage, ob da jemand die
Fäden gezogen hat, ob es Absprachen gab. So beginnt die Geschichte. Dann
hat mich dieser Boxer eigentlich kontinuierlich interessiert. Später
nochmals besonders, als ihm der Titel aus politischen Gründen entzogen
wurde und als er sein Comeback gab. Dann habe ich eigentlich jeden Kampf
möglichst live verfolgt.
Standard: War das Boxen für Sie auch primär von Interesse?
Reemtsma: Nein, überhaupt nicht.
Standard: Aber Sie mussten sich zu einem Fachmann entwickeln, um Ihr
Buch zu schreiben. Wie haben Sie das angestellt?
Reemtsma: Ich bin so weit Fachmann, als ich es zu sein scheine. Ich
hatte einfach Lust, dieses Buch zu schreiben. Ich hatte damals eine
kleine Wohnung in London, und da gab es Videoläden, die sehr, sehr viele
Sportvideos vertrieben. Die Engländer sind ja eine sportbegeisterte
Nation. Es gab auch viele Videos mit Boxkämpfen von Muhammad Ali. Die
habe ich mir gekauft und angesehen, auch in Zeitlupe. Da habe ich
festgestellt, dass man das genauer beschreiben kann, als es die
Journalisten in aller Regel tun. Die haben bestimmte Klischees im Kopf,
nach denen sie das abhandeln.
Standard: Sie haben im letzten Kapitel Ihres Buches versucht, Muhammad
Ali als einen gewissen Typ Mensch zu beschreiben ...
Reemtsma: Ich wollte diesen bestimmten Menschen beschreiben und habe mir
überlegt, ob man das in irgendeiner Weise zu einem Gedankenspiel machen
kann. Interessant könnte daran sein, dass die gegenwärtige Gesellschaft
ganz andere Flexibilitätsanforderungen an Menschen stellt, ihnen oft
sehr schnelle Rollenwechsel aufnötigt. Später habe ich ein Buch des
amerikanischen Psychiaters und Psychoanalytikers Robert Lifton gelesen.
Der hat sich einen Namen gemacht, indem er darüber geschrieben hat, was
der Einsatz der Atombombe für Amerika bedeutete. Er hat auch über
KZ-Ärzte geschrieben, gehört also zu einem ganz anderen Bereich. Das
Buch, das ich meine, trägt den Titel The Protean Self: Human Resilience
in an Age of Fragmentation. Proteus ist in der antiken Mythologie
derjenige, der sich in jede Gestalt verwandeln kann. Es interessierte
mich, dass gerade Lifton schrieb, dass die Gesellschaft auf solche Typen
in Zukunft immer mehr setzen wird. Und diese Typen entstehen auch.
Standard: War Muhammad Ali gewissermaßen ein Vorreiter dieser
Entwicklung, ein Proteus?
Reemtsma: Das sehe ich ein bisschen so. Ich wollte ja nicht so sehr über
einen Menschen psychologisieren. Was weiß ich denn schon über ihn? Ich
weiß, was in der Presse gestanden hat, und ich weiß, wie er boxt. Und da
ist das Interessante, dass er eben nicht einen bestimmten Stil hatte,
den er durchsetzte. Die Reporter haben ihn auch noch als den
leichtfüßigen Muhammad Ali mit seinem Tänzeln beschrieben, als er das
längst nicht mehr war. Wenn er dann nur ein paar Shufflebewegungen
gemacht hat, hieß es gleich, der alte Muhammad Ali ist wieder da.
Unsinn! Das hat er oft auch sehr bewusst eingesetzt, um Ringrichter,
Punkterichter und Journalisten zu täuschen. Das war gar nicht wichtig
für den Kampf, sondern das war Show.
Standard: Was war wichtig für seine Art zu boxen?
Reemtsma: Er war nicht jemand, der einen Stil durchsetzte. Er war
niemals so einseitig, wie er vom Kampf gegen Liston an oft beschrieben
wurde. Muhammad Ali hat später seinen Kampfstil sehr genau auf seine
Gegner eingestellt, gerade in den großen Kämpfen gegen George Foreman
und Joe Frazier, in denen er zum Erstaunen seiner Gegner im Grunde
machte, was die selber machten. Sie stießen also in bestimmten Phasen
dieser Kämpfe auf ein Spiegelbild ihrer selbst. Das hat sie natürlich
vor eine große Herausforderung gestellt, weil ja Boxkämpfe zur Hälfte
psychologisch sind wie Schachkämpfe auch. Sie haben immer etwas anderes
erwartet als das, was ihnen dann entgegentrat.
Standard: Gab es dennoch eine Konstante, also ein Stilmerkmal?
Reemtsma: Durchgängig war die ungeheure Fähigkeit Muhammad Alis, bis zum
Ende Kombinationen zu schlagen, also nicht eine bestimmte, eingespielte
Sequenz von Schlägen, die den Gegner abtasten und das Warten auf den
Lucky Punch, sondern Kombinationen von Schlägen, von denen dann einer
derjenige ist, den der andere nicht kommen sieht. Das vor allem früher
mit dem zusätzlichen Gag, dass er die Hände hängen ließ, was man immer
als Arroganz und Leichtfertigkeit interpretierte, was es natürlich auch
war, es hatte aber auch den ungeheuren Vorteil, dass der Gegner die
Schläge nicht kommen sah. Andere Boxer hätten sich das nicht leisten
können, das ist ja eine gefährliche Taktik. Er konnte sich das deshalb
leisten, weil er wahnsinnig schnell war, nämlich nicht in erster Linie
auf den Beinen, sondern im Kopf. Das sind Dinge, die man sehr gut in der
Zeitlupe sieht. Da muss man sich morgens um neun hinsetzen, gucken,
zurückspulen, nochmals gucken. Das ist dann Arbeit, wie ich sie sonst
als Philologe bei einem Text tue.
Standard: Haben Sie nach Muhammad Alis Rücktritt nach einem Boxer
gesucht, der ihm ähnlich sein könnte? Hat Sie das Thema weiter
interessiert?
Reemtsma: Es hat mich nicht mehr interessiert. Es kann einmal vorkommen,
dass ich einen Boxkampf mit Klitschko sehe.
Standard: Sie philosophieren also auch nicht über die Entwicklung des
Sports?
Reemtsma: Nein, nein. Jeder, der Kämpfe von Muhammad Ali kennt, nickt
nur müde mit dem Kopf, wenn ich sage, dass es das nicht mehr ist, was
uns damals dahin gebracht hat fernzusehen. Ich würde nie wieder wegen
eines Boxers morgens aufstehen. Den gab es nur einmal. Die einzige
Ausnahme war vielleicht Sugar Ray Leonhard.
Standard: ... ein begnadeter Welter- und Mittelgewichtler ...
Reemtsma: Ja, ich habe durch Zufall diesen "No mas, No mas"-Kampf in
einem Hotel in Neuseeland gesehen, als Roberto Duran gegen Leonhard
aufgab, weil er keine Lust mehr hatte, als Leonhard das nicht begriffen
hat und Duran 'No mas, no mas' rief. Die Kämpfe von Leonhard habe ich
mir auf Video besorgt. Und Punkt.
Standard: Wird Muhammad Alis Bedeutung über das Boxerische hinaus heute
verklärt, überschätzt?
Reemtsma: Das glaube ich nicht, zumal man das schwer auseinanderhalten
kann. Ich glaube doch, dass es kein Zufall war, dass bei den großen
Kämpfen auch so viel politische Prominenz der schwarzen Bewegung am Ring
gesessen hat. Martin Luther King hat da gesessen. Das war von großer
Bedeutung. Als Student in London war ich einmal in einer kleinen
Kaschemme mit sehr interessantem, zu scharfem indischem Essen, und da
hing ein Zeitungsfoto von Muhammad Ali. Er war also nicht nur für die
Schwarzen in den USA, sondern für alle Farbigen rund um die Welt eine
Ikone. Irgendwie hatten sie das Gefühl: "Der macht unsere Sache". Das
darf man nicht unterschätzen.
Standard: Wirkt das, zum Beispiel in "Yes we can",
gesellschaftspolitisch bis heute fort?
Reemtsma: Das gäbe es so nicht, auch wenn man nicht monokausal sagen
kann, dass die USA wegen Muhammad Ali heute einen schwarzen Präsidenten
haben. Aber er gehört ganz entscheidend in eine Bewegung, die auch zu
"Yes we can" geführt hat und übrigens auch zu der dann folgenden
Enttäuschung. Wenn man schon so von der Euphorie mitgerissen wird, dann
muss es doch auch etwas werden. Muhammad Alis Kämpfe sind etwas
geworden.
Standard: Wie augenfällig ist diese Veränderung tatsächlich?
Reemtsma: Da erzähle ich Ihnen eine Geschichte: Vor vielen Jahren habe
ich mit meinem Sohn Urlaub auf Hawaii gemacht. Die Gäste im Hotel waren
nur Weiße und Japaner. Das Personal war schwarz oder hawaiianischen
Ursprungs. Da gab es eine ganz klare, soziale Rassentrennung. Ich fragte
mich für meinen zehnjährigen Sohn, wie es aussähe, wenn man einmal ein
Jahr auf Hawaii lebte, wenn man hineinwächst in so eine Gesellschaft,
wenn das nun selbstverständlich wäre. Als wir zurückflogen, waren wir in
Los Angeles oder San Francisco auf dem Flughafen, und das war
schlagartig ein anderes Bild. Schwarze und Weiße in jeder Lounge
gemischt, es gab Schwarze und Weiße, die den Müll wegmachten, es gab
Businessmen mit ihren Aktenkoffern - schwarz, weiß, japanisch, es war
alles gemischt auf diesem Flughafen. Was für ein verändertes Bild
gegenüber dem Bild auf Hawaii! Und zur Veränderung dieses Bildes gehört
jemand wie Muhammad Ali, gehört nicht zuletzt, dass er sich hingestellt
und gesagt hat: "Ich bin der Schönste".
Standard: War das nicht nur Ausdruck seines Selbstbewusstseins?
Reemtsma: Das war zu einer Zeit, als es viele Schwarze gab, die ihr
krauses Haar nicht ertrugen und es glattkämmten. Denken Sie an die
Verfilmung des Lebens von Malcolm X. Die fängt damit an, dass er sich
als kleiner Ganove Schmiere auf den Kopf tut. Und erst im Gefängnis
trifft er dann jemanden, der ihn fragt, warum er sich das antut, warum
er sich die Haare glattmacht, wo er doch ein Schwarzer ist. Es ist der
erste Schritt zu Malcolm X, dass er sich zu seinem Haar bekennt. Dann
erst übernimmt er das andere. Und da spielt es keine Rolle, ob man das
mit den Black Muslims nun schätzt oder nicht. Die Wahrnehmung hat sich
geändert. Und zu dieser Wahrnehmungsänderung hat Muhammad Ali ungeheuer
viel beigetragen.
Standard: Vor allem, weil er eine bekannte Persönlichkeit war?
Reemtsma: Stellen Sie sich vor, dieser Mann mit seinen Fähigkeiten wäre
ein Boxer gewesen, der sich mit der Hierarchie der Rassen einverstanden
erklärt und das Bild von jemandem abgegeben hätte, der sich die Haare
zurückkämmt, der nicht gesagt hätte: "Ich bin der Beste, ich bin der
Schönste". Und schließlich gab es ja auch seine
Kriegsdienstverweigerung. Er hat gesagt, dass er nicht nur deshalb nicht
in den Krieg zieht, weil ihm die Religion das verbiete. Nein, er sagte:
"I ain't got no quarrel with them Viet Cong." Die, die Bomben auf
Vietnam abwerfen, sind die, die uns hier aus den Kneipen hinauswerfen,
nur weil wir Schwarze sind. Die Verbindung herzustellen, dass dieser
Krieg nicht nur politisch und militärisch äußerst furchtbar war, sondern
auch rassistische Implikationen hatte, geht auf ihn zurück. Das hat er
populär gemacht. Es gab viele Intellektuelle, die das auch so gesehen
haben, aber wer kannte die schon?
Standard: Hat das Engagement bei den Black Muslims dem Ansehen Muhammad
Alis, dem Ansehen seiner Mission geschadet?
Reemtsma: Ein bisschen schon. Ja und nein. Diese Black Muslims sind ein
ziemlich verrückter Verein. Vieles über sie habe ich erst erfahren, als
ich mein Buch schon geschrieben hatte. Die Sache mit den fliegenden
Untertassen etwa, die die Gläubigen holen würden. Da hatte es Züge von
Scientology. Von den antisemitischen, ich will mal sagen - toi, toi, toi
- Entgleisungen der Black Muslims, habe ich auch erst viel später
erfahren, sonst hätte ich sie erwähnt. Es ist ja auch unklar, wer
Malcolm X ermordet hat. Er wollte sich offensichtlich von den Black
Muslims trennen. Das war genau in der Zeit, als er im Trainingscamp von
Muhammad Ali war. Ein paar Wochen später war Malcolm X tot. Und man weiß
auch nicht, welche Angst Muhammad Ali später vor den Black Muslims
hatte. Man hat das aus Respekt vor ihm nicht so hochgehängt.
Standard: Welche Rolle spielte sein Bekenntnis zum Islam?
Reemtsma: Zweifellos war das damals eine noch größere Provokation, dass
er nicht nur auf seine schwarze, sondern auch auf seine muslimische,
also nichtchristliche Identität pochte. Das auch gegenüber anderen
Boxern, die - jedenfalls später - als Laienprediger und so weiter
auftraten. Das bewusst unamerikanische Auftreten hat ihm noch einen
zusätzlichen Drive gegeben.
Standard: War der Glaube für Muhammad Ali also nur ein Vehikel?
Reemtsma: Ich kann das nicht beurteilen. Er präsentiert sich als
gläubiger Moslem. Und so etwas glaube ich. Welchen Grund hätte ich, das
nicht zu tun?
Standard: Muhammad Ali hat viele Gegner verhöhnt, Frazier etwa als
"Onkel Tom", als guten Schwarzen für die weiße Öffentlichkeit.
Reemtsma: Ich habe eine Reihe von Rückblicken auf Kämpfe samt
Interviews seiner Gegner gese-hen. Die meisten meinten nur: "Schwamm
drüber". Bei Frazier war das anders. Da war schon zu spüren, dass er der
Meinung war, hier habe Muhammad Ali ihm unrecht getan und hätte so eine
PR-Strategie nicht fahren dürfen.
Standard: Ist das ein Makel der Karriere von Muhammad Ali?
Reemtsma: Mit Sicherheit hat er da eine Karikatur entworfen, wie er das
häufig hat von seinen Gegnern. Viel von dem, was er denen nachgesagt
hat, hätte nicht sein müssen, manche haben ihn vorher angegriffen, und
er hat das dann zurückgegeben. Das war dann die Polemik, die ihren Platz
hatte. Aber wenn einer es nicht verdient hat, dann hat er es nicht
verdient. Wir alle haben das auch mitgenossen und sind auch ein bisschen
eingestiegen auf diese Geschichten. Muhammad Ali hat immer versucht,
seine Kämpfe mitzudrehen, als Kampf Gut gegen Böse. Und manchmal haben
es ihm seine Gegner furchtbar leicht gemacht. Da wäre diese
Schäferhundgeschichte, als Foreman vor dem Rumble in the Jungle in
Kinshasa eingetroffen ist und einen belgischen Schäferhund dabeihatte.
Herrgott noch mal, so ignorant muss man erst einmal sein, in den
ehemaligen belgischen Kongo mit einem belgischen Schäferhund zu kommen.
Das hat dann mit dazu geführt, dass die Leute "Ali! Bumaye!", "Ali,
schlag ihn tot!" geschrien haben.
Standard: Sie fanden in Ihrem Buch faszinierende Parallelen zwischen
Muhammad Alis Geschichte und den "Rocky"-Filmen Sylvester Stallones. Ist
es für Sie eine schöne Pointe, dass Stallone im Vorjahr in die Hall of
Fame des Boxsports aufgenommen wurde, quasi an die Seite von Muhammad
Ali?
Reemtsma: Ach, das finde ich nett. Das wusste ich gar nicht. Ich stehe
zu meiner Interpretation. Ich glaube, die war gut und vollkommen
richtig. Und wenn Stallone hier säße, würde ich sagen: "Geben Sie es zu,
so war es gedacht, oder zumindest Ihre Regisseure haben es so gedacht."
Standard: Was genau gedacht?
Reemtsma: Ausgangspunkt der Rocky-Saga ist eine Episode aus der Zeit,
als Muhammad Ali, einfach um Schlagzeilen zu machen, gegen einen weißen
Underdog antrat. Und dieser Underdog hat Muhammad Ali niedergeschlagen.
Er war ihm auf den Fuß getreten, das war eine Panne, aber trotzdem eine
Sensation. Das war, so sagt Stallone selber, der Ausgangspunkt: Der
weiße Underdog, der gegen einen Glamour-Schwarzen boxt, der in seinem
Film zu einer Karikatur wird. Und nun wird im Laufe dieser Geschichte
diese Muhammad-Ali-Karikatur immer mehr zu einer Identifikationsfigur
nicht nur für Rocky, sondern auch für das Publikum. Sie werden sich
immer ähnlicher, bis Rocky Balboa in den Filmen lernt, wie sein
schwarzer ehemaliger Gegner, sprich wie Muhammad Ali zu boxen. Der
Schwarze stirbt, Rocky ist die Wiedergeburt. Wie es dann sein muss,
erleidet er sogar als Folge der Kämpfe dieselben Verletzungen wie
Muhammad Ali. Das wird so genau wie in den Ali-Biografien und den
Diagnosen bis hin zu fingierten MRT-Untersuchungen des Schädels
dargestellt. Das sind keine Zufälle. Das ist, was Hans Blumenberg
"Arbeit am Mythos" genannt hat. Die großen Mythen werden immer noch
einmal neu erzählt. Und wir haben einen Mythos live erlebt, das war
Muhammad Ali. Und wir haben die erste Bearbeitung dieses Mythos erlebt,
das waren die Rocky-Filme.
Standard: Sind sie eine gewisse Art der Versöhnung zwischen Muhammad Ali
und der US-Öffentlichkeit?
Reemtsma: Ja, auch ein bisschen des weißen und schwarzen Amerikas über
die Figur Muhammad Ali selbst und über deren mythische Repräsentanz in
Rocky.
Standard: Wann haben Sie Muhammad Ali kennengelernt?
Reemtsma: Ich wurde zu einer Veranstaltung am Vorabend seines 59.
Geburtstags eingeladen. Mich hat da ein österreichischer Skispringer
angesprochen.
Standard: Etwa Hubert Neuper, der damals Veranstalter des World Sports
Award in London war?
Reemtsma: Ich glaube ja. Der fragte mich, ob ich da auftreten wolle, um
eine Grußadresse zu Muhammad Alis Geburtstag zu sprechen. Ich fragte,
was ich da unter all den Sportlern zu suchen hätte. Er meinte, dass er
mein Buch gelesen habe und es das beste sei, das es über Muhammad Ali
gebe. Es war mir eine Ehre zu kommen. Ich habe die Grußadresse
gesprochen und wurde dann an Muhammad Alis Tisch geführt. Er hat mich
begrüßt. Es ist natürlich bedrückend, wenn man jemanden, den man als
fitten, jugendlichen Menschen kannte, schwer gezeichnet von Parkinson
oder was weiß ich sieht. Das sind mit Sicherheit auch die Spuren seiner
Kämpfe, das kann nicht anders sein. Ich habe mich einmal mit einem
Neurologen darüber unterhalten, was da passiert mit einem Gehirn. Da
gehen viele Dinge nachhaltig kaputt. Das hat Auswirkungen, die wie
Parkinson aussehen können. Ob er diese Krankheit noch zusätzlich hat,
weiß man ja nicht.
Standard: Inwieweit ist Muhammad Ali noch Herr seiner Sinne?
Reemtsma: In London fragte er mich, woher ich käme. Das war schwer zu
verstehen. Ich sagte aus Deutschland, aus Hamburg. Und er antwortete, ah
Hamburg, Mildenberger. Also diesen Kampf gegen Karl Mildenberger 1966
hatte er präsent, obwohl der in Frankfurt stattfand. Zum zweiten Mal bin
ich ihm 2005 begegnet, als er in Berlin die Otto-Hahn-Friedensmedaille
erhielt. Ich habe die Laudatio gehalten. Da hat er, als ich seine
wichtigsten Kämpfe erwähnte, hochgesehen. Auch da war er also präsent.
Und bei Fraziers Beerdigung, als der Pastor sagte, dass sich Frazier,
anders als das Muhammad Ali in seiner Vorkampfpolemik dargestellt hat,
sehr wohl für die Schwarzenbewegung eingesetzt habe, ist Muhammad Ali
aufgestanden und hat sich vor dem Sarg verneigt. Das heißt, dass er
genau das gehört haben muss. Das war spontan, das war nicht vorbereitet.
Er hat übrigens eine ganz klare Handschrift, ich habe mir ein Buch von
ihm signieren lassen.
Standard: Empfinden Sie Mitleid mit Muhammad Ali?
Reemtsma: Wenn es einem Menschen schlecht geht, wird man immer Bedauern
empfinden. Was wäre auf der anderen Seite gewesen, wenn er nicht diesen
Weg eingeschlagen hätte? Dann wäre er bloß der Sohn eines Schildermalers
aus Louisville, Kentucky, geblieben. Viel mehr wäre er wohl auch selbst
nicht geworden.
Standard: Sie haben geschrieben, dass jeder seinen Preis bezahlen muss.
Reemtsma: So sehe ich das auch. Der Preis ist hoch, aber er hat auch
ungeheuer viel bekommen vom Schicksal. Und das bis jetzt. Er weiß, wer
er ist. Das ist ihm anzumerken. Er ist kein tumber Mensch, zurzeit
jedenfalls nicht, der nicht weiß, was um ihn herum vor sich geht. Er
weiß, er ist Muhammad Ali, und die Leute sind da, um ihn zu sehen.
Standard: Wünschen Sie ihm etwas zum Geburtstag?
Reemtsma: Alles Gute, von Herzen.(lü,DER STANDARD Printausgabe, 14./15. Jänner 2012)
Jan Philipp Reemtsma (59), geboren in Bonn, Sohn des Unternehmers
Philipp Fürchtegott Reemtsma, studierte in Hamburg Philosophie und
Germanistik. 1980 Verkauf seiner Anteile an der Reemtsma
Cigarettenfabriken GmbH. 1984 Gründung der Hamburger Stiftung zur
Förderung von Wissenschaft und Kultur sowie des Hamburger Instituts für
Sozialforschung (HIS), dessen Vorstand der Literaturwissenschafter,
Philologe, Publizist und Mäzen seit 1990 ist. Das HIS hat rund 60
Mitarbeiter, gibt die Zeitschrift "Mittelweg 36" heraus und wurde durch
zwei kontrovers diskutierte Ausstellungen zu den Verbrechen der
deutschen Wehrmacht bekannt. Vom 25. März bis 26. April 1996 Opfer
einer Entführung, kam Reemtsma gegen Lösegeld frei und sorgte selbst für
die Ergreifung der Täter. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, darunter
"Mehr als ein Champion" (1995 Klett-Cotta; 1997 und 2002 Rowohlt).