Klarer Vorsprung vor Gegenkandidatin - Amtsinhaber betreibt Annäherung an Peking
Taipeh - Bei der Wahl in Taiwan hat Präsident Ma
Ying-jeou am Samstag einen überraschend deutlichen Sieg erzielt.
Weniger als vier Stunden nach Schließung der Wahllokale verkündete
die regierende Kuomintang-Partei in Taipeh den Erfolg, der auch als
Bestätigung seiner Annäherungspolitik zu China gewertet werden
konnte. "Es liegt viel Arbeit vor uns", sagte Ma Ying-jeou in einer
Siegesrede vor seinen jubelnden Anhängern. Er rief zur Aussöhnung mit
der Opposition auf, deren Kandidatin Tsai Ing-wen klar unterlegen
war.
Nach der Auszählung von 92 Prozent der Stimmen führte Ma Ying-jeou
nach Angaben seiner Partei mit 51,8 Prozent. Seine Gegenkandidatin
von der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) sei nur auf 45,4
Prozent gekommen. Der Vorsprung des Präsidenten betrug 700.000
Stimmen - deutlich mehr als von der Regierungspartei selbst erwartet.
Die Wahlbeteiligung, die in Taiwan traditionell hoch ist, lag bei
rund 80 Prozent. Größere Zwischenfälle gab es nicht.
Knappes Rennen
Das knappe Rennen wurde doch nicht durch den dritten Kandidaten
James Soong von der Volkspartei (PFP) entschieden. Der ehemalige
Gouverneur blieb ohne Chancen, wollte aber seiner Partei mit der
Kandidatur zu Sitzen im Parlament verhelfen. Erstmals wurden
Präsident und Parlament gleichzeitig gewählt, so dass Wähler ihr
Votum auch aufteilen konnten. Der genaue Ausgang der Parlamentswahl
war zunächst unklar. 113 Sitze stehen zur Verfügung.
Der Präsident kann die Unterstützung der 18 Millionen
Wahlberechtigten als Mandat zur Fortsetzung einer vorsichtigen
Öffnungspolitik gegenüber China verstehen. Das respektable Votum für
seine Herausforderin Tsai Ing-wen, die eindeutig auf Distanz zu China
gegangen war, zeigte aber die zunehmende Angst der Taiwanesen vor
einer wachsenden Abhängigkeit durch die wirtschaftliche Verflechtung.
Die Wahl wurde in Peking und Washington aufmerksam verfolgt.
Die kommunistische Führung in China hatte einen Sieg der
Oppositionskandidatin befürchtet, da ihre Fortschrittspartei in der
Unabhängigkeitsbewegung verwurzelt ist. Seit dem Ende des
chinesischen Bürgerkrieges 1949 ist Taiwan ein Konfliktherd in Asien.
Die Führung in Peking droht im Falle einer formellen Unabhängigkeit
mit einer Rückeroberung. Die USA fühlen sich der Verteidigung der
Inselrepublik verpflichtet und liefern Taiwan Waffen.
DPP-Parteichefin Tsai Ing-wen ist die erste Frau, die das
Präsidentenamt in Taiwan angestrebt hatte. Es waren die fünften
freien Präsidentenwahlen in der Inselrepublik, die sich erst in den
90er Jahren demokratisiert hatte. (APA/AFP)