Die Sprünge im Reich der Erinnerung

13. Jänner 2012, 19:57

Hörporträt: "Ilse Aichinger. Schriftstellerin"

Kann Verspätung ein Geschenk sein? Im Falle dieses den 90. Geburtstag Ilse Aichingers um mehrere Wochen reizend verfehlenden großen Hörporträts: Ja! Und ja! Mit dieser Produktion, die in Zusammenarbeit mit dem Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur entstanden ist, liegt die mutmaßlich eindringlichste Einführung in das Leben und das Werk der großen Schriftstellerin vor.

Geschickt hat der Regisseur Harald Klewer eine abwechslungsreiche Abfolge von O-Tönen, Aussagen und Lesungen Ilse Aichingers, Gesprächen mit Michael Krüger und Peter Handke und Auszügen aus ihren poetischen, wie sie selber sagt: die Realität ertastenden Erzähltexten und Hörwerken komponiert. Letztere liest die Theaterschauspielerin Corinna Kirchhoff. Und sie ist eine großartige Wahl. Kirchhoff ist in zarter vokaler Zurückhaltung eindringlich, textergeben und in ihrem antivirtuosen Dienen subtil. So subtil wie Aichinger selbst, wenn sie über ihr Kennenlernen und ihre Ehe mit Günter Eich spricht. Hinzu kommt die schöne Ausstattung mit wenig bekannten privaten Aufnahmen.

"Meine Sprache ist etwas," so Ilse Aichinger, "das ich fast persönlich nehme, weil sie so auf mich gestoßen ist, mich von allen Berufs-, Zukunfts- und sonstigen Plänen verdrängt hat und mir eigentlich nur die Wahl gelassen hat, sie anzunehmen oder nicht." Eine mehr als schöne Hommage. (Alexander Kluy / DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2012)

 

"Ilse Aichinger. Schriftstellerin". € 19,10 / 77 min. speak low, Berlin 2011

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