Die Unterbrechung macht das Bild

13. Jänner 2012, 19:51
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Ein literarisches Fundstück: Franz Tumlers "Volterra. Wie entsteht Prosa"

Diese Prosa hatte ihresgleichen nicht in Österreich. Hat ihresgleichen vielleicht bis heute nicht. Und vielleicht schrieb Franz Tumler (1912-1998), der am Montag seinen 100. Geburtstag feiern würde, der mit zwölf Monaten aus Südtirol nach Linz kam, dort aufwuchs und Bozen erst wieder im Alter von 14 Jahren sah, nie etwas Besseres, etwas Gewagteres und Gelungeneres als Volterra. Es ist ein hoch modernistisches Doppelporträt der toskanischen Ortschaft Volterra und der nahe gelegenen archäologischen Stätte Ansedonia. Hypnotisch zieht es den Erzähler durch beider verlassene Gassen, er sieht, er registriert, er spürt, alles erscheint aufgeladen, vibrierend.

Nach 20 Jahren ist nun diese suggestive, sprachsinnliche, bildgreifende Prosa wieder greifbar, das Bändchen ein Appetizer für die angekündigte große Werkausgabe Tumlers, dieses ins Vergessen abgesunkenen Erzählers. Klugerweise enthält das elegante Taschenbuch auch den Vortrag Wie entsteht Prosa. Dieser Essay entstand im Sommer 1961 und war sein Beitrag für eine sich eigentlich auf Lyrik konzentrierende Vorlesungsreihe an der Universität München. Hier umkreist Tumler, stets von Konkretem ausgehend, erhellend und skrupulös das Mirakel der Kreativität, der Assoziationsflüge, Katalysatoren und der entscheidenden Rolle von Erinnerung, Brechung und Unterbrechung. (Alexander Kluy/ DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2012)

 

 

  • Franz Tumler, "Volterra. Wie entsteht Prosa". € 9,95 / 88 Seiten. 
Haymon,  Innsbruck 2011
    foto: haymon

    Franz Tumler, "Volterra. Wie entsteht Prosa". € 9,95 / 88 Seiten. Haymon, Innsbruck 2011

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