Ein literarisches Fundstück: Franz Tumlers "Volterra. Wie entsteht Prosa"
Diese Prosa hatte ihresgleichen nicht in Österreich. Hat ihresgleichen
vielleicht bis heute nicht. Und vielleicht schrieb Franz Tumler
(1912-1998), der am Montag seinen 100. Geburtstag feiern würde, der mit
zwölf Monaten aus Südtirol nach Linz kam, dort aufwuchs und Bozen erst
wieder im Alter von 14 Jahren sah, nie etwas Besseres, etwas Gewagteres
und Gelungeneres als Volterra. Es ist ein hoch modernistisches
Doppelporträt der toskanischen Ortschaft Volterra und der nahe gelegenen
archäologischen Stätte Ansedonia. Hypnotisch zieht es den Erzähler durch
beider verlassene Gassen, er sieht, er registriert, er spürt, alles
erscheint aufgeladen, vibrierend.
Nach 20 Jahren ist nun diese
suggestive, sprachsinnliche, bildgreifende Prosa wieder greifbar, das
Bändchen ein Appetizer für die angekündigte große Werkausgabe Tumlers,
dieses ins Vergessen abgesunkenen Erzählers. Klugerweise enthält das
elegante Taschenbuch auch den Vortrag Wie entsteht Prosa. Dieser Essay
entstand im Sommer 1961 und war sein Beitrag für eine sich eigentlich
auf Lyrik konzentrierende Vorlesungsreihe an der Universität München.
Hier umkreist Tumler, stets von Konkretem ausgehend, erhellend und
skrupulös das Mirakel der Kreativität, der Assoziationsflüge,
Katalysatoren und der entscheidenden Rolle von Erinnerung, Brechung und
Unterbrechung. (Alexander Kluy/ DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2012)