Zu lange gezögert

Kommentar | Andreas Schnauder
13. Jänner 2012, 18:25

Herabstufungen in der Eurozone sollten die Strukturreformen beschleunigen

Donnerstag war ein guter Tag für Europa. Spanien und Italien konnten genug Geld zu erträglichen Zinsen auftreiben, um für die nächsten Wochen über die Runden zu kommen. Sogar der Euro erholte sich von seiner bedrohlichen Schwäche. Doch die Atempause in der Schuldenkrise währte nicht lange. Am Freitag versetzte Standard & Poor's der neuen Euphorie einen gehörigen Dämpfer, wenngleich mit Deutschland die Euro-Lokomotive verschont blieb.

Es wäre auch naiv gewesen zu glauben, dass im jungen Jahr die Lasten des alten einfach abgeworfen werden können. Viel zu schwer wiegen die vor allem hausgemachten Probleme, allen voran der Rucksack an Schulden, die Versäumnisse in der Krisenbewältigung, die Löcher in den Bankbilanzen, die Konstruktionsfehler der Währungsunion und zu allem Überdruss die sich nicht zuletzt wegen der genannten Defizite anbahnende Rezession. Selbst wenn weitere Auktionen von Staatsanleihen der Wackelkandidaten gelingen sollten, sind die Kosten für die Europartner hoch, ist die Zahlungsbereitschaft der Investoren doch in hohem Maße den Hilfen der Europäischen Zentralbank geschuldet. Sie pumpt billiges Geld in den Finanzsektor, der damit Staatsanleihen kauft, um selbige als Sicherheit für neue Injektionen bei ihr zu hinterlegen. Dieses System gleicht zusehends einem Hütchenspiel, bei dem die EZB und damit letztlich die Allgemeinheit nur verlieren kann.

Selbst abgehakt geglaubte Aufgaben kommen zurück auf das Tapet, wie der Fall Griechenland zeigt. Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass Athen selbst nach einem Schuldenschnitt und neuen Hilfen von Währungsfonds und Eurozone den Umschwung nicht schafft und ein Austritt aus der Währungsunion unvermeidbar wird. In dieser hochexplosiven Situation fällt der EU nichts Besseres ein, als den im Dezember wegen des Vetos Großbritanniens unter hohen Verlusten ausgehandelten Fiskalpakt zu verwässern. Das ohnehin viel zu wenig weit gehende Abkommen droht damit zur Farce zu verkommen. Von einer Fiskalunion mit einer koordinierten Wirtschaftspolitik war das Merkel'sche Unterfangen ohnehin von Anfang an meilenweit entfernt.

Nun muss Europa die Suppe auslöffeln, die keine Ratingagentur, sondern die Union sich selbst eingebrockt hat. Der Verlust der Top-Bonitätsstufe mag zwar kein Beinbruch sein - AAA sei ohnehin eine aussterbende Spezies, kommentierte ein Analyst -, er kommt aber zur Unzeit. Der ohnehin aus Sicht der Märkte unterkapitalisierte Rettungsfonds EFSF braucht nun zusätzliche Garantien, was angesichts der Widerstände in den einzelnen Euroländern kein leichtes Unterfangen ist.

Die jüngsten Vorgänge sollten nun keine Zweifel mehr daran bestehen lassen, dass sich die Eurozone nur selbst aus den Fängen der Finanzmärkte befreien kann. Erst wenn die Schulden deutlich gesenkt und keine neuen gemacht werden, wird Ruhe einkehren. Auch ein Ende des Geredes vom Kaputtsparen wäre angebracht, denn nur eine Rosskur kann die angeschlagenen Länder wieder zu Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit verhelfen. Gezögert wurde lange genug.

Für Österreich im Zeitalter nach AAA heißt das: Wenn jetzt die Budgetlöcher wieder einmal großteils mit neuen Steuereinnahmen gefüllt werden, ist es angesichts der ungebremsten Ausgabendynamik nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Bonitätsherabstufung kommt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.1.2012)

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Aha, es sollen also alle gleichzeitig Wettbewerbsfähiger werden? Und das steht im selben Artikel, der am Anfang Konstruktionsfehler der Eurozone erwähnt die beseitigt werden müssen.
Sehr gscheit, wirklich...

Es gibt genau einen Ausweg aus dem Loch in das wir gerade hineinfallen: Die EZB kauft direkt Staatsanleihen. Anschließend kann man sich in Ruhe überlegen wie man das ganze Fantasiegeld vernichten kann das weltweit in Umlauf ist und uns gerade alle möglichen Probleme und Krisen beschert.

schnauder dilletiert. den standard&poors-bericht und dessen kritik an einseitiger austeritätspolitik hat er nicht gelesen oder nicht verstanden

schnauder verharrt in seinem neoliberalen tunnelblick und glaubt völlig verblendet, mit kapputtsparen eine schwächelnde wirtschaft beleben zu können.

zu seriöser berichterstattung gehört aber nicht das ausfiltern von klarer kritik im s&p-bericht, die in schnauders katastrophenverschärfungs-mantra nicht reinpassen.

der s&p-bericht warnt nämlich sehr unmissverständlich vor der selbst-zerstörenden wirkung der austeritätspolitik der geplanten fiskalunion:

"a reform process based on a pillar of fiscal austerity alone risks becoming self-defeating, as domestic demand falls in line with consumers' rising concerns about job security and disposable incomes, eroding national tax revenues."

die strukturreform:

- landtage auflösen
- bundesrat auflösen
- landeshauptleute kündigen
- parlament halbieren
- steuern auf verbrauch, energie erhöhen
- steuern auf arbeit senken
- beamten pensionen auf eine höchstpension begrenzen
- pensionskassen zu ein paar fusionieren
- krankenkassen zu ein paar fusionieren
- sämtlich öffentliche posten ausschreiben

verschlafen ist etwas milde ausgedrückt

Und sowas ist Ressortleiter Wirtschaft im Standard???

"nur eine Rosskur kann die angeschlagenen Länder wieder zu Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit verhelfen. "

Klaro. Griechenland zeigt ja vor, was eine Rosskur so alles kann. Und da will uns das Wirtschaftsressort vom Standard hinführen???

Komisch

Ich dachte am immer unmöglicher erscheinenden Schuldenschnitt sind die Hedge Fonds maßgeblich beteiligt, weil denen der Gewinn, den sie bei 50% Schuldenschnitt noch immer (!) einstreifen würden, zuwenig ist, und sie lieber beim Krachen Griechenlands ihre CDS kassieren.

Behauptete zumindest der Artikel
http://derstandard.at/132624919... d-Hilfe-ab

Eigenartig, dass Schnauder das gar nicht der Erwähnung wert findet. Aber vielleicht hat er ihn ja einfach nicht gelesen. Oder er ist nicht mehr aktuell, ist ja auch schon wieder 2 Tage her.

Komisch

So ein Semplizismus

erklärt das triple A der USA NICHT! Und wissens was? Die Amerikaner machen rein garnichts um die marode Wirtschaft wieder Richtung Realwirtschaft zu bewegen, d.h. auf kurz oder lang wird America Pleite gehen, dann gibts Troubles. Davor versuchen die Amis uns nunmal auszunehmen, weil wir auch so dumm sind, wir machen denen es ziemlich leicht.

Die Kredite für Staaten werden also auf jeden Fall teurer!

Ob wir den Griechen (zuwenig) helfen, oder gar nicht helfen, oder die Griechen aus der EU ausscheiden, oder nicht. Die Zinsbelastung für die Staaten steigt offenbar in jedem Fall.

Ich lehne Banken usw. nicht grundsätzlich ab, aber der Planet gehört nicht den Finanz- und Ratingagenturen allein.

Solange der Finanzmarkt mit (für ALLE anderen) nachteiligen Geschäften genügend Geld verdient, wird er das tun - solange hier nicht endlich g'scheit kontrolliert und reguliert wird!

Vernünftige Vorschläge gibt es genug dazu - kein Politiker muss das ''Rad neu erfinden"! So schwer und kompliziert ist das nicht!

Mehr Transparenz in Parteienfinanzierung und Lobbyismus und dann geht da schon ordentlich was weiter!

eine derartige sichtweise der wirtschaftszusammenhänge ist letztlich die tiefere ursache der dauerkrise

Zu lange gezögert

Weg mit der Ramsch-Regierung!

Die Herabstufungen sind doch nicht real -

es sind reine Wettspiele.

Hinter den Ratingagenturen stehen Märkte und deren Analysten, die die Aufgabe haben, auf bestimmte Dinge zu wetten: auf den Euro, auf die Bonität eines Landes, auf einfach alles. Es ist für den Normalbürger unvorstellbar, wie auf die gesamte Wirtschaft und Politik gewettet wird.
Im "Spiegel" stand jüngst ein ausgezeichneter Artikel darüber. Wenn man den gelesen hat, weiß man, wie wenig man "Rating"agenturen überhaupt ernst nehmen kann - sie sind bloß Erfüllungsgehilfen für Wetten, die in Richtung "Sieg" abgeschlossen werden.

"sich..wegen der genannten Defizite anbahnende Rezession"

Die Defizite sind schuld an der Rezession!? Nicht mal die Ratingagenturen behaupten sowas.

Italien, Spanien, und auch Österreich hatten vor der Krise jahrelang sinkende Staatsschulden, bezogen auf das BIP.

Keines der GIPSI - Länder hat seine Situation durch Budgetkürzungen seither auch nur minimal verbessert. Trotzdem dennoch fällt Merkel und Co. nichts besseres ein als 'more of the same'.

"Still barreling down the road to nowhere" sagt Paul Krugman über die Merkel-Reaktion auf das Downgrade.

Und unsere Kolumnisten bestärken Merkel darin auch noch!

Und unsere Kolumnisten bestärken Merkel darin auch noch!

Das bestärkt die Spekulaten und sagt auch vieles über das Niveau und Know How unserer Informationsmedien aus.

es ist schon eigenartig: es wird nicht ein Faktum bewertet, sondern

die Möglichkeit, dass etwas eintreten könnte.

Und nun nehmen wir die Wirtschaftwissen(g)schaftler her, ich hoffe, sie sind keiner, die immer vom rationalen Wirtschaftsubjekt mensch geschwärmt haben, und genau diese nehmen solche (Windhund)Wettvoraussagen ernst.

Solche lächerlichen menschen gehörten doch am pranger, und nicht in die ernsthaften Wirtschaftsseiten.
Das wäre Aufgabe der Politik, und das wäre auch der Schutz des Staatsbürgers vor solchen Leuten.
Aber auch beim reinen Glücksspiel geschieht das nur halbherzig, als Staat verdient man ja daran.

Österreichs Banken haben zweistellige Milliardenbeträge (EUR) in Ungarn liegen. Da erscheint die Abstufung um 1 Grad mehr als human. Aber angesichts der hohen fachlichen Expertise unserer Regierung werden weitere Abstufungen alsbald folgen, da können wir alle Gift darauf nehmen.

ist gesichert, dass diese uneinbringlich sind?

wenn nicht, dann ist alles Rating Humbug.

Interessant, dass sie die Abwertung eines Landes gerechtfertigt finden, weil private Unternehmen im Ausland mist gebaut haben.

Mist hat in erster Linie Ungarn gebaut, konkret Ungarns Politik.
Österreichs Banken müßten das ausbaden, wenn es in Ungarn zum Crash kommt.

Also wenn man sich diese Raiffeisen-Werbung aus Ungarn ansieht, dann wäre ich mir da nicht so sicher ob "unsere" Banken da unschuldig sind...

http://youtu.be/OjXl61uKq8c

Das Problem in Ungarn ist, dass es vor der Pleite steht, wenn der IWF dem Land kein Geld gibt.
Die budgetäre Situation in Ungarn hat aber nicht Raiffeisen zu verantworten, sondern die Ungarns Politik der letzten Jahre.

Sie haben doch sicherlich in den letzten Jahren mitbekommen wie bankrotte private Banken und die jeweiligen nationalen Haushalte zusammenhängen.

Wenn jetzt "private Unternehmen im Ausland mist gebaut haben" und als Folge auch die großen österreichischen Banken ins Wanken kommen, wird - auch auf Grund der bisherigen Politik und Rettungspakete nach dem Muster "too big to fail" - in Folge der Staat einspringen und die Ausfälle kompensieren.

Die Agenturen bewerten ja auch nicht die Fairness von neuen Ausgaben/Schulden, sondern die langfristigen Auswirkungen auf die Zahlungsfähigkeit eines Staates.

Mit den privaten Unternehmen waren die "österreichischen" Banken gemeint.

Eben und wenn diese Pleite gehen würden, springt wahrscheinlich vorher der österreichische Staat ein um weitere Auswirkungen auf die österreichische Wirtschaft möglichst frühzeitig abzufedern.

Und da die Rating-Agenturen eben annehmen, dass in Folge der Staat selbst für die Banken den Kopf hin hält (too big to fail und so), werten sie eben den Mist den österreichische Banken im Ausland gebaut haben auch zum Nachteil des Staates.

Das glaube ich zwar auch...

Mir ist nur unklar, warum die Bank Austria/unicredit da noch als österreichische Bank auftritt...

Losgelöst davon: S&P schrieb davon, dass wir die Banken retten _müssen_. Dem ist doch nicht so.

ja,

weil, leider, der staat im endeffekt IMMER fuer die privaten verspekulationen privater akteure gerade stehen wird muessen (siehe hypo alpe adria etc.).

wir koennten natuerlich auch alle libertaere werden (a la ron paul in den usa): dann gibts eben keine bail out garantien mehr fuer banken (grosse frage: haette dies dann tatsaechlich den effekt, dass banken weniger risikoreich agieren wuerden?)! dann muss aber, im ernstfall, auch grossmutters sparbuch dran glauben...

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