Hundert Tage vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich halten sich die Spitzenkandidaten Nicolas Sarkozy und François Hollande bedeckt
In die Bresche springt die Rechtsextremistin Marine Le Pen.
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Es ist eine "drôle de campagne" , ein seltsamer Wahlkampf: Nur noch hundert Tage verbleiben bis zum ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen Ende April, doch die Kandidaten biegen mit angezogener Bremse auf die Schlussgerade ein. Nicolas Sarkozy tut, als ginge ihn das Ganze nichts an. Dabei erklärte seine Gattin Carla Bruni am Freitag frank und frei, sie werde an der Seite ihres Staatschefs kämpfen. Dieser hält sein Temperament auf einmal im Zaun und kopiert den sozialistischen Präsidenten François Mitterrand, der sich 1988 erst einen Monat vor dem Urnengang offiziell zur Wiederwahl stellte.
Der heutige sozialistische Kandidat François Hollande hält sich seinerseits zurück. Er vermeidet klare Aussagen zu Themen wie Rentenalter oder Steuerreform; nicht einmal zu eigenen Wahlversprechen wie der Einstellung von 60.000 Lehrern äußert er sich präzise. Der konservative Philosoph Luc Ferry bezeichnet Hollande deshalb als "Gummi-Kandidaten" .
Um sich trotzdem den Anschein eines Wahlkampfes zu geben, verlegen sich die Kandidaten aufs Verbalgefecht. Hollande erklärte vor Journalisten, Sarkozy halte sich selbst für einen "dreckige Typ" (sale mec). Die Rechtspartei UMP protestierte heftig, aber auch nicht zu heftig, nachdem Sarkozy früher schon einem Gewerkschafter zugeraunt hatte: "Hau ab, armer Trottel" .
Diese Woche meinte Parlamentspräsident Bernard Accoyer, die Rückkehr der Linken an die Macht hätte die gleichen Folgen "wie Krieg" . Die Linke reagierte sehr entrüstet, doch Sarkozy glättete die Wogen persönlich, indem er sich gegenüber Sozialistenchefin Martine Aubry von der Aussage distanzierte.
Der Grund für die betonte Zurückhaltung der beiden Wahlfavoriten ist taktischer Natur: Beide wollen der Gegenseite keine Angriffsfläche bieten - überzeugt, dass sie in der aktuellen Krisensituation nur verlieren können. In den Umfragen liegt Hollande mit 28 Prozent Sympathiestimmen vorn, doch sein Abstand auf den nach wie vor sehr unpopulären Staatschef (derzeit 26 Prozent) verringert sich. Das Präsidentenlager rechnet sich in der Stichwahl gegen den farblosen Sozialisten gute Chancen ist, fürchtet aber vor allem den ersten Wahlgang.
Rechtsaußen mit Potenzial
Der war schon 2002 dem Sozialisten Lionel Jospin zum Verhängnis geworden, als ihn Jean-Marie Le Pen überraschend aus der Wahl schlug. Jetzt wird Sarkozy von der Front-National-Kandidatin Marine Le Pen bedroht. Der Tochter des Parteigründers werden derzeit etwa 20 Prozent der Stimmen eingeräumt. Aber sie hat noch Potenzial: Laut einer inhaltlichen Meinungserhebung erklären 31 Prozent der Franzosen, mit den Thesen des Front National "einverstanden" zu sein. Und bei den düsteren Wirtschaftsprognosen - bald mehr als zehn Prozent Arbeitslose - dürften noch mehr Wähler zu den Rechtsextremen überlaufen.
Innenminister Claude Guéant versuchte der Gefahr von rechts außen beizukommen, indem er diese Woche stolz einen Rekord an Abschiebungen illegaler Einwanderer bekanntgab. Allzu weit nach rechts abdriften kann Sarkozy aber auch nicht: Der Mitte-Politiker François Bayrou ist seinerseits mit 13 Prozent im Aufwind und droht ihm im Zentrum die Stimmen wegzunehmen, die Sarkozy auf der Rechten zu gewinnen hofft. (Stefan Brändle aus Paris/ DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2012)