Gedanken zur Euthanasie im Dritten Reich: Die Ärztin und Schriftstellerin Melitta Breznik stellt sich persönliche Fragen zum Ausmaß von Schuld und Scham nach dem Zweiten Weltkrieg
Die Erkenntnis, Enkelin einer Euthanasiepatientin zu sein, trifft mich
mit einem Schlag an der Gedenkveranstaltung für die Opfer der Euthanasie
im Dritten Reich beim Kongress der Deutschen Fachgesellschaft für
Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) Ende 2010. Der
Präsident der DGPPN entschuldigt sich im Namen der Nachfolgegesellschaft
bei den Betroffenen, Angehörigen und Nachkommen, für das Leid, das den
Opfern von Zwangssterilisationen und Euthanasie zugefügt worden war.
Vor Jahren habe ich in der eigenen Familie recherchiert und ein Buch mit
dem Titel Das Umstellformat, ein Bericht über den Tod meiner Großmutter
in der Psychiatrie im Dritten Reich verfasst. Während der
Entschuldigungsrede wird etwas in mir angesprochen, das ich in der Form
nicht wahrgenommen habe und das mich wütend und traurig macht. Ja es war
so, meine Großmutter war schizophren und Opfer der "wilden Euthanasie".
Ja, die Psychiater haben sie auf dem Gewissen. Und jetzt diese
Entschuldigung. Ich bin Psychiaterin und Psychotherapeutin, und ich
klage meinen Berufsstand an. Ich sitze in der zweiten Reihe des gut
besetzten Hörsaals im Internationalen Kongresszentrum in Berlin und bin
mit einem Mal die Enkelin meiner ermordeten Großmutter. Über sie war in
der Familie immer geschwiegen worden. Es existierte nicht einmal ein
Foto von ihr. Das bekam ich zum ersten Mal zu Gesicht, als ich gemeinsam
mit meiner Mutter ihre Krankengeschichte im Dokumentationszentrum für
Euthanasie im Dritten Reich in Hadamar aufschlug. Ich schäme mich beim
Hören der Entschuldigung für meine Tränen, denn ich kann meine
Traurigkeit und Wut nicht zuordnen. Ich fühle mich betroffen als Enkelin
eines Opfers und als Nachfolgerin der Täter. Ich versuche die Gefühle zu
benennen, die von mir Besitz ergreifen: Wut, Trauer, Scham.
Die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen im Zusammenhang mit den
Zerstörungen, die der Krieg in familiären und gesellschaftlichen
Lebensbereichen hinterlassen hat, beschäftigt mich als Psychiaterin und
als Privatperson schon lange. Ich unternehme den Versuch, die eigenen
Gefühle mit Bildern und Leitsätzen aus meiner eigenen Vergangenheit mit
jenen der Familiengeschichte in Verbindung zu bringen, um so der Trauer,
der Wut und der Scham, die von der letzten und vorletzten Generation
weitergegeben wurden, einen Namen, ein konkretes Antlitz zu geben.
Anlässlich dieser Entschuldigung bei den Opfern der Psychiatrie wird mir
bewusst, in welchem Ausmaß Schuld und Scham nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges die deutsche und österreichische Nachkriegsgesellschaft
geprägt haben. Die Trauer wurde verdrängt, die Wut war nicht zulässig.
Trost und Ablenkung fanden die Menschen in Form einer materiellen
Überdeterminierung, welche die Beziehungsgestaltung in den Familien
bestimmte. Wozu die Beschäftigung mit den Themen des letzten Krieges in
unseren Breiten nach bereits geleisteter Aufarbeitung in Anbetracht des
aktuellen Leids in einer Welt, in der Katastrophen und Kriegsgräuel den
Alltag bestimmen? 60 Prozent der heute auf diesem Erdball lebenden
Kinder haben einmal in ihrem Leben bereits Kontakt mit bewaffneten
Auseinandersetzungen gehabt. Die Forschung auf dem Hintergrund des
Friedens seit 1945 über das Thema der Weitergabe von Kriegstraumata auf
die nächste und übernächste Generation hat in den letzten Jahren im
psychotherapeutischen Fachdiskurs wichtige Publikationen hervorgebracht.
Vielleicht können deren Ergebnisse zur Friedensentwicklung und
-erhaltung in anderen Weltgegenden langfristig beitragen?
Liegt im Mechanismus der Weitergabe von Traumata in Form von nicht immer
klar zu definierenden Gefühlen die Unzerstörbarkeit des "Bösen", das
sich fortpflanzt, wenn die Nachkommen der Opfer aber auch jene der Täter
diese Energie nicht umzuwandeln verstehen? In meiner beruflichen
Tätigkeit in einer psychosomatischen Klinik in Deutschland bin ich
vermehrt auf diese komplexen Zusammenhänge in den Biografien der
Nachkommen gestoßen. Ich war verblüfft über die Langzeitwirkungen in
Form unbewusster Antriebe, welche die Lebensläufe der nächsten
Generationen prägen können, wenn verschwiegene oder offen tradierte
Täter- oder Opfergeschichten als Altlasten die "Melodien" in den
Familien bestimmen.
Bezogen auf die Situation meiner in der Euthanasie ermordeten Großmutter
taucht das Gefühl von Schuld ihrer Kinder und Angehörigen, also meiner
Elterngeneration, in Form einer ständig wiederholten Formulierung auf.
"Warum haben wir sie nicht vor dem Tod retten können?" Das Gefühl der
Schuld ist von Dauer, und selbst bei allem vernünftigen Darüberreden und
selbst mit der späten Erkenntnis, durch nachträgliche Einsicht in die
damalige Krankenakte, alles damals Mögliche unternommen zu haben.
Schweigen der Nachkriegszeit
Wenn man das Gefühl der Scham betrachtet, liegt hier vielleicht eine
weitergegebene Scham in Bezug auf die Tatsache vor, eine psychisch
kranke Familienangehörige zu haben? Noch dazu eine Person, die an
Schizophrenie litt, was sie im Dritten Reich als "lebensunwertes Leben"
abqualifizierte. Betrachtet man die Scham auf mich als Enkelin bezogen,
kommt hier zum Tragen, dass eine Anlage zur Geisteskrankheit in mir
steckt. Muss ich mich meiner Großmutter schämen? Mir wurde klar, dass
diese Gefühle von meinen Eltern übernommen worden waren. Sie sind in
einer indoktrinierten Gesellschaft aufgewachsen, deren Haltung geprägt
war von Ausgrenzungs- und Vernichtungsbestrebungen auch von psychisch
Kranken.
Wenn ich nicht "zufällig" die Ausbildung zur Psychiaterin gewählt hätte,
wäre Großmutters Schicksal unter dem Familienschweigen begraben worden?
Was Großmutter nach ihrem Tod widerfuhr, ist beispielhaft für das
Schweigen der Nachkriegszeit. Hier verbindet sich auf besondere Weise
das Thema Schuld und Scham in den Familien. Warum hat sich so lange
keine Lobby für die Forderung um Wiedergutmachung für diese Opfer
gebildet? Hat sich das Gefühl, kein Recht darauf zu haben, weil es sich
um "minderwertiges Leben" handelte, auch in die nächste Generation
weitervererbt? Wen anklagen? Was passiert mit der Energie der Trauer und
Wut, die sich in der zweiten Generation als umgekehrte Fortführung an
die Schuld und Scham von damals anschließt?
Wohin führt uns der Umgang mit knapper werdenden Ressourcen in der
heutigen Zeit? Überblicken Politiker und Ethiker die Folgen moderner
medizinischer Forschung? Haben wir aus der Geschichte gelernt? Die
Grenzüberschreitungen in der Medizin sind nicht spezifisch für die Zeit
des Nationalsozialismus, sondern lediglich eine extreme Manifestation
von Potenzialen, die in der modernen Medizin und ihrer Forschung
generell angelegt sind.
Die Abtreibungen von Kindern mit Trisomie 21, als Folge genetischer
Diagnostik, wird uns im nächsten Jahrhundert nur mehr aus den Büchern
Kenntnis über mongoloide Kinder vermitteln. Können wir uns diese
"pflege- und kostenintensiven" Menschen nicht mehr leisten? Ist das
herzliche Lachen eines Menschen mit geistiger Behinderung in Zukunft
unerwünscht?
Gedanken zur sogenannten "Erbgesundheitspflege" hatten die Psychiater
und Juristen bereits vor 1933 beschäftigt. Das Klima für derartige
Schriften war in den ökonomisch schwierigen Zeiten nach dem Ersten
Weltkrieg bereit für solche Ideen. Sind diese geschichtlichen
Zusammenhänge und die Gefahr der Verknappung der Mittel Ärzten von heute
bewusst? Wir befinden uns in der westlichen Welt in einem Zeitalter der
abnehmenden Prosperität. Eine "Zwei-Klassen-Medizin" hat sich in den
letzten Jahren bereits entwickelt.
Zur Erhöhung der ökonomischen Ressourcen hat sich seit einiger Zeit die
Ausbeutung des Menschen auf einem von ihm selbst gutgeheißenen Plan
vollzogen, in dem das Individuum freiwillig Arbeitsleistungen erbringt,
die ein gesundes Leben verunmöglichen, ihm aber die Teilhabe am Luxus
sichern. Die Einteilung der Arbeits- und Freizeit in Kleinzeiteinheiten,
die Verwischung der Grenze zwischen Freizeit und Arbeit und die
Kontrolle durch die digitalen Kommunikationsmittel werden durch
scheinbar hohe Einkommen belohnt, die viele dafür gebrauchen, sich noch
mehr elektronische Kontrollgeräte anzuschaffen. Warum lassen viele das
mit sich machen und sind noch stolz darauf? Selbst in den Spitälern und
Praxen herrscht die digitale Kontrolle, die es immer mehr verunmöglicht,
sich dem zuzuwenden, der uns eigentlich braucht, dem Patienten.
Angeblich ist der Arzt selbst das beste Medikament, das jedoch immer
seltener eingesetzt wird. Warum gehen die Ärzte und Patienten nicht
schon längst auf die Straße?
Die schleichende Akzeptanz von Strömungen, die, provokativ ausgedrückt,
"dem Zeitgeist" verhaftet sind, ist etwas, das die Humanmedizin immer
vor Herausforderungen gestellt hat. Vor allem die Psychiatrie bewegte
sich mit der Behandlung ihres per se "auffälligen" Krankengutes als
unbeobachtete Ordnungshüterin jener Gesellschaft, in der sie gerade
angesiedelt war. Im Dritten Reich wurden Ärzte verpflichtet "Erbkranke"
gegenüber den Behörden anzuzeigen. Wäre den Behörden nicht ein Fehler
unterlaufen, würde ich nicht als Enkelin einer "Erbkranken" im Hörsaal
sitzen und diese Entschuldigung entgegennehmen.
Und doch. Worte der Entschuldigung können versöhnen, sie können etwas
öffentlich machen und Genugtuung verschaffen, und sie haben mir die
Auseinandersetzung mit meinen eigenen Gefühlen ermöglicht. Und sie haben
mich über die Gefahren nachdenken lassen, mit denen sich der Berufsstand
der Ärzte zu allen Zeiten auseinandersetzen muss. Ich frage mich, ob in
der Gesundheitspolitik nicht bereits etwas unbeobachtet von allen
Beteiligten außer Kontrolle geraten ist.
Ende 2011 wurde eine Internetplattform zum Gedenken an die Opfer der
Euthanasie eingerichtet: www.gedenkort-t4.eu.
Ja es war so, meine Großmutter war schizophren und Opfer der "wilden
Euthanasie". Ja, die Psychiater haben sie auf dem Gewissen. Und jetzt
diese Entschuldigung. (Melitta Breznik / DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2012)