"Rücktritte sind eine Kosten-Nutzen-Rechnung"

Interview | 14. Jänner 2012, 18:32
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    foto: standard/beucker

    Pascal Beucker (45) studierte Politologie und ist Nordrhein-Westfalen-Korrespondent für die Berliner Tageszeitung taz. Mit dem Journalisten Frank Überall schrieb er "Endstation Rücktritt. Warum deutsche Politiker einpacken" (Econ).

Politiker, die wegen Affäre ihr Amt aufgeben müssen, sehen Fehler nicht ein, sagt "Rücktrittsforscher" Beucker

Er erklärt Birgit Baumann auch, warum der deutsche Bundespräsident Christian Wulff so standhaft ist.

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STANDARD: Christian Wulff ist immer noch im Amt. Wundert Sie das?

Beucker: Nein. Nach dem überraschenden Rücktritt seines Vorgängers Horst Köhler 2010 hat Kanzlerin Angela Merkel extra einen Vollblutpolitiker gewollt, der ein starkes Durchhaltevermögen hat. Das zeigt Wulff jetzt.

STANDARD: Aber es gibt schwere Vorwürfe gegen ihn. Er war bei seinem Kredit nicht ehrlich.

Beucker: Nicht nur da. Wäre Wulff noch Ministerpräsident von Niedersachsen, hätten die Vorwürfe gegen ihn bereits ausgereicht, ihn zum Rücktritt zu zwingen.

STANDARD: Warum nicht als Bundespräsident? Es ist das höchste Amt und nicht weniger wert als das Amt eines Ministerpräsidenten.

Beucker: Der Bundespräsident gilt als eine Art Ersatzkaiser, der über den Parteien schwebt und den man nicht allzu aggressiv angreifen darf, weil dadurch auch das Amt beschädigt wird. Er ist nicht abwählbar, ein Ministerpräsident hingegen hat eine Partei hinter sich, die unweigerlich in Affären gezogen und unruhig wird.

STANDARD: Und die drängt dann irgendwann auf Rücktritt?

Beucker: So ist es. Ich habe mehr als 40 Rücktritte in der Bundesrepublik analysiert. Im Fall einer Affäre ist kein einziger Politiker zurückgetreten, weil er selbst den Fehler einsah. Immer waren es die Parteifreunde, die gedrängt haben, um Schaden abzuwenden. Rücktritte sind eine Kosten-Nutzen-Rechnung, das war schon bei mehreren Ministerpräsidenten so.

STANDARD: Bei welchen?

Beucker: Die bekanntesten sind Max Streibl in Bayern und Lothar Späth in Baden-Württemberg. Beide haben sich in Amigo-Affären Urlaube bezahlen lassen, verstanden aber auch nach dem Rücktritt nicht, was sie falsch gemacht hatten. Originellerweise stolperte auch ein Vorgänger Wulffs in Niedersachsen über Zuwendungen von Freunden: Ministerpräsident Gerhard Glogowski (SPD) ließ sich auch auf Urlaube einladen und seine Hochzeitsfeier sponsern. Wulff, der damals noch Oppositionsführer war, geißelte sein Verhalten scharf.

STANDARD: Haben Rücktritte stets eine ähnliche Dramaturgie?

Beucker: Ein entscheidender Fakt dabei ist: Die Verfehlung selbst kann klein sein, wenn aber das Krisenmanagement danach schlecht ist und die Affäre immer weiter köchelt, dann überstehen Politiker das meist nicht.

STANDARD: Wer den ersten Sturm übersteht, hat gute Chancen?

Beucker:Grundsätzlich ja, denn irgendwann flaut das Interesse der Bürger und Medien ja auch wieder ab. Aber es gibt Ausnahmen. Der ehemalige Verkehrsminister Reinhard Klimmt (SPD) war in fragwürdige Finanzgeschäfte bei seinem Fußballverein verwickelt, lehnte einen Rücktritt aber ab. Die Vorwürfe dümpelten ein Jahr dahin, dann wurde Strafbefehl wegen Beihilfe zur Untreue erlassen, und er musste doch gehen.

STANDARD: Gibt es andere Gründe für Rücktritte außer Affären?

Beucker: Kaum. Ich habe nur wenige Beispiele gefunden, wo jemand aus politischer Überzeugung aufgab. Die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger trat in den 1990er-Jahren aus Protest gegen den großen Lauschangriff als Justizministerin zurück. Gustav Heinemann legte im Kabinett des ersten Kanzlers Konrad Adenauer (CDU) sein Amt als Innenminister nieder, weil er gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik war. Es schadete der Karriere nicht. Leutheusser-Schnarrenberger ist heute wieder Justizministerin, Heinemann wurde sogar noch Bundespräsident - und nicht der schlechteste. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2012)


Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 33
1 2
suboptimal
 
02
16.1.2012, 17:30
sogar frühere Schulpraktika von Wulff werden nachgefragt,

sagt Niedersachsens Ministerpräsident McAllister,
http://nachrichten.rp-online.de/politik/c... -1.2674514
16.01.2012

und dann kommen seine Sandkasten-Freundschaften an die Reihe. Oder sein Kindergarten-"Klüngel". Hochbezahlte Beamte würden in den Archiven der Staatskanzlei jedem Detail nachgehen. "Meine Staatskanzlei ist völlig lahmgelegt", sagt McAllister.
Alle Antworten lieber gestern als heute, aber jedenfalls bis zum Termin, den WIR gestellt haben. Und wenn Wulff den Redaktionsschluss nicht einhalten kann, haben wir ihn nicht mehr lieb, schreibt seine Medien-Meute, als ihr die Substanz ausgeht.

*rofl*

suboptimal
 
00
16.1.2012, 18:12
Für so ein Posting hat mir die WAZ vorhin den Nick gekübelt, liebe TAZ

Alles was nicht den Wulff, sondern die Medien kritisiert, wird dort gelöscht oder gesperrt. Andere lösen das Problem mit ihren Foren noch radikaler: Die Kommentarfunktion für diese Seite wurde deaktiviert.

"Wulff-Anwalt wird für den Präsidenten zum Problem", schreibt die Frankfurter Rundschau.
http://www.welt.de/politik/d... oblem.html

Zuerst fest anschütten und für die Antworten sogar Nachtarbeit einfordern - und dann besorgt vorrechnen, dass das teuer wird und die Anwaltskosten wohl schon mehr als 100.000 Euro betragen können?

Kommentarfunktion deaktiviert. Und die BLÖD wulfft HEUTE mit den Schlagzeilen der anderen weiter – OHNE offenes Forum.

:-)

Lächler
00
16.1.2012, 10:11
Also Herr Wulf wird sich sicher wundern,

warum ihm das passiert, hat er sich doch kaum anders verhalten, als ander (Volks)Vertreter. Auch ich frage mich, was der Auslöser war, das sein Dossier - es gibt über jeden Prominenten ein solches - veröffentlicht wurde. Das es über alle, die irgendwie auffallen eine vorsorgliche Datenspeicherung gibt, die dann verwendet wird - oder auch nicht, das ist der Umstand, der mich wirklich besorgt. L.

HelgaKatharina
00
18.1.2012, 15:27
Warum gerade Wulff...

Nach Wulffs Rede, in der er sagte, dass nun eben auch der Islam zu Deutschland gehört, begann die Bild Spott und Hohn darüber auszuschütten, veranstaltete scheinheilige Befragungen (Herr Bundespräsident warum hofieren Sie den Islam?), diese Kampagne kann man in den Bild-Artikeln dieser Zeit nachlesen.
Er hat auch die Hinterbliebenen der Opfer der Neonazis eingeladen und sein Mitgefühl ausgesprochen. Seine Frau hat beim Besuch der Sultan Ahmed Moschee - oh Schreck - ein Kopftuch getragen, was die Kanzlerin wohlweislich nicht trug mit Blick auf das "deutsche Volksempfinden".
Wehret den Anfängen der Volksverhetzung predigt man uns....

Ingrimm
00
16.1.2012, 01:14

In Österreich braucht man zurückgetretene Politiker wie den Meischi um als Finanzminister fürs Alter vorzusorgen...

tramtatam
00
15.1.2012, 18:13
Politkeraustausch mit freundlicher Unterstützung aus Japan

zum Erwerb eines Harakiri-Führerscheins, jetzt!

WiKaBot
11
15.1.2012, 16:47
Niveau ist keine Hautcreme …

… nehmen sie den hier:

http://qpress.de/2012/01/0... hautcreme/

… kopieren den und stecken sie den Text allmorgendlich allen Politikern wiederkehrend ins Mailpostfach, solange bis alle von diesen Nichtsnutzen begriffen haben wem gegenüber sie ihre persönliche „Kreditkrise“ zu erledigen und ihre Schuld(en) abzutragen haben … das haben die Politiker ausnahmslos und weltweit bei ihrem Klüngel schon längst vergessen. Man muss sie stetig erinnern, was viel zu wenig geschieht … (°!°)

Karl Erich Liebl
10
15.1.2012, 15:59
Wulff soll endlich zurücktreten

Deutschland hat einen Präsidenten ohne Anstand

Eco Economicus
00
15.1.2012, 14:19
Politiker.......sehen Fehler nicht ein

Nicht nur nicht in Deutschland; ich denke, das ist hier nicht viel anders.

Sie sind weder diskussions- noch kritikfähig. Mit "Otto Normalverbraucher" sprechen sie nicht, denn das ist für sie Zeitverschwendung. Für sie ist es das Ärgste, wenn Dinge an die Öffentlichkeit kommen sollen, daher drohen sie dann entsprechend mit rechtlichen Maßnahmen. Die Bürger sind für sie nur am Wahltag interessant, sonst haben sie sich nicht zu rühren, denn man müsste sich sonst vielleicht mit deren Meinung auseinandersetzen, was wiederum einen zusätzlichen Arbeitsaufwand bedeuten würde, dem man gerne ausweicht.

Bei weitem sind nicht alle so, aber einige davon gibt's auch innerhalb der SPÖ, die sich so verhalten.

jMor
 
13
15.1.2012, 14:06
Das Problem mit dem Zurücktreten ist folgendes:

Die Leute, die noch Anstand haben, treten schnell zurück, die ohne bleiben dann übrig.

daxka
00
15.1.2012, 13:02
Gratuliere zum Job

suboptimal
 
03
15.1.2012, 12:46
und bei uns

treten sie gleich gar nicht zurück.

so what?

yoda3
04
15.1.2012, 09:41
es geht um macht und den erhalt

von macht. alphawölfe, die sich nach oben gebissen haben kann man nur durch zwang wieder von oben entfernen. wie sollen sie auch ein moralempfinden haben, wenn sie es auf dem weg nach oben verloren haben?

prigogine
02
15.1.2012, 08:28
Gegenbeispiel

"Im Fall einer Affäre ist kein einziger Politiker zurückgetreten, weil er selbst den Fehler einsah."

Herr Beucker Sie sollten den Fall Margot Käßmann miteinbeziehen

DaBo
00
15.1.2012, 12:16

Prinzipiell ja, aber ich denke mal, sie wurde außen vor gelassen, da die Käßmann Margot keine Politikerin per se ist.

yoyoehkloa
04
15.1.2012, 02:22
Rücktritt bedarf Rückgrat ...

und da haperts bei dem Berufszweig !

rowdy
04
15.1.2012, 00:56
Das Amt wird nicht dadurch beschädigt

dass ein ausübender Idiot kritisiert wird, sondern dadurch, dass ein Idiot es ausübt.
Je schneller der Dolm weg ist desto besser.
Eine Demokratie oder Republik die Kritik nicht aushält ist das Papier nicht wert auf dem ihre Verfassung geschrieben ist.

)so(
01
15.1.2012, 00:21
In einer Epoche, in der Gesellschaften fragmentiert und so unzählige "Wahrheitsbegriffe" parallel zu einander stehen ...

.. da sind gemeinsame Normen- und Wertegrenzen - deren Überschreitung von einer kritischen Menge der Bevölkerung nicht mehr toleriert wird - eben nicht mehr existent.
Der Bonusbanker verfolgt andere Moralvorstellungen wie der Bergbauer, der anfghanische Asylwerber andere, wie der Lehrergewerkschafter ...

4simo
02
15.1.2012, 09:16

wulff strauchelt aber über ein verhalten, das er selbst an jemand anderen kritisiert hat.
ich denke, bestimmte werte sind theoretisch schon klar, aber halten muss man sich als politiker nicht daran, außer es kommt raus.

politiker werden sich in zukunft wohl mehr transparenz gefallen lassen müssen.

mikesh713
 
00
14.1.2012, 22:41

klingt ja gerade so als ob das amt des bundespraesidenten nur durch die poesen angriffe auf den amtsinhaber und nicht wegen dessen verfehlungen zu schaden kaeme...

V995
012
14.1.2012, 21:10
wwer würde von schüssel erwarten einen fehler zuzugeben

?und
00
15.1.2012, 11:13
vielleicht sein beichtvater kohl, weil er genau weiß - schüssel ist fehlerfrei und diese frage daher rein hypothetischer natur ist

4simo
00
15.1.2012, 09:19

schuld waren die roten, weil die haben den finanzminister gestellt.
und dann warens die blaunen, weil die haben den finanzminsiter gestellt
und dann warens die nichtwähler, weil da war der ghk parteilos
und jetzt sinds die roten, weil die stellen den bundeskanzler

im fall eines wahlsieges dankt man gott (rauch kallat)
eigenartigerweise haben sie im fall einer niederlage noch nicht das scheiterlknien eingeführt....

Albert Wittwer
00
14.1.2012, 21:00
Einsicht? Ehrlichkeit?

natürlich geht es nur um Zwang, den Mangel an Alternativen.

Das Sich-Anfüttern-Lassen ist als Benefit des Amtes genommen worden, ohne jeden Skrupel, im Sinne der wechselseitigen Nutzen-Maximierung. Das ist der Fehler, der strafrechtlich relevant sein sollte, zumindest aber politisch relevant. Die Vorstellung, daß der Fehler durch irgendeine Offenheit, durch Engelszungen, aus der Welt geschafft werden könnte, ist absurd.

binGeladen
13
14.1.2012, 20:56

hier wird längst nicht mehr herr wulff sondern auch das amt des bundespräsidenten angegriffen.

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