Nervosität auf Ölmärkten

Iran-Boykott für Schuldenstaaten heikel

Günther Strobl, Andreas Schnauder, 13. Jänner 2012, 19:20

Bei einem Stopp der Ölbezüge würden Länder wie Italien und Griechenland leiden. Zumindest Italien soll vom EU-Importverbot ausgenommen werden

Wien - Die EU kommt verschärften Sanktionen gegen den Iran wegen dessen Atomprogramms einen großen Schritt näher - und sorgt für zusätzliche Nervosität auf den Ölmärkten. "Da braut sich etwas zusammen, dessen Auswirkungen schwer zu prognostizieren sind", sagte Johannes Benigni vom Beratungsunternehmen JBC Energy, dem STANDARD.

Die EU-Außenminister werden den auf Diplomatenebene grundsätzlich vereinbarten Boykott voraussichtlich bei ihrem Treffen am 23. Jänner beschließen. Dabei geht es vorrangig um eine Einfuhrsperre für Öl und petrochemische Produkte. Aus Angst vor einer Verteuerung der Energieimporte dürfte es allerdings zu einer sechsmonatigen Frist kommen.

Keine Einigung gibt es über eine Verschärfung der Sanktionen im Finanzbereich, in dem Frankreich und Großbritannien auf ein Einfrieren der Gelder der iranischen Zentralbank drängen. Angeblich sträubt sich Deutschland dagegen.

Der weit sensiblere Ölbereich ist besonders für die finanziell angeschlagenen Schuldenstaaten heikel. Griechenland, das beträchtliche Mengen seines Ölbedarfs aus Iran bezieht, konnte laut involvierten Kreisen bisher Öl vom Mullah-Regime ohne Vorauskasse beziehen. Sollte die Versorgung aus Teheran wegfallen müssen, würde dies das strapazierte Budget Athens zusätzlich belasten, meinen Kenner der Szene.

Ausnahme für Italien

Italien, innerhalb der EU überhaupt der größte Kunde des Iran, muss wiederum um die Begleichung von Altschulden zittern, die Teheran über Öllieferungen abstottert. Das Land wird dem Vernehmen nach vom EU-Einfuhrstopp für Rohöl ausgenommen. Denn bei einem Boykott würde Rom auf den Forderungen sitzenbleiben. Nach Angaben der Energy Information Agency (EIA; US-Energiebehörde) bezieht Italien gleichauf mit Spanien 13 Prozent seines Importbedarfs an Rohöl aus Iran. Den größten Anteil an iranischem Öl im Importmix hat mit 51 Prozent die Türkei.

Ein Einfuhrverbot der EU könnte Iran empfindlich treffen. Mit einer Importmenge von knapp 600.000 Fass (159 Liter) am Tag ist die EU neben China der wichtigste Absatzmarkt für iranisches Öl.

Nicht nur Europa will durch Zurückfahren der Ölimporte aus Iran Druck auf die Machthaber in Teheran aufbauen, auch Japan hat auf Drängen der USA angekündigt, die Einfuhr iranischen Öls weiter zu drosseln. Ministerpräsident Yoshihiko Noda sagte, er teile die Sorgen über das iranische Atomprogramm. Er sei aber auch besorgt, dass die Sanktionen der globalen Konjunktur ernsthaft schaden könnten.

Die USA haben unterdessen den Iran davor gewarnt, die für die internationalen Öltransporte wichtige Straße von Hormus zu blockieren. Über "geheime Kommunikationskanäle" habe die US-Führung die oberste Autorität im Iran, Religionsführer Ayatollah Ali Khamenei, kontaktiert, berichtete die "New York Times" am Freitag unter Berufung auf Mitglieder der US-Regierung. Mit einer Seeblockade würde die "rote Linie" überschritten - und das würde eine US-amerikanische Reaktion provozieren.

US-Finanzminister Timothy Geithner tourte durch mehrere Länder Ostasiens, um den Kreis der boykottwilligen Länder zu vergrößern, zeichnet sich eine Verschärfung der Gangart gegenüber nicht kooperationswilligen Unternehmen ab. Washington hat Sanktionen gegen drei Unternehmen in China, Singapur und in den Vereinigten Arabischen Emiraten verhängt, die mit dem Iran Geschäfte machen.

Der Preis der Nordseesorte Brent lag am Freitag über der Marke von 110 Dollar das Fass. (Günther Strobl, Andreas Schnauder, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 14.1/15.1.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 96
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toni hungerer
01
14.1.2012, 23:23
Achtung, es gibt keinen Boykott durch die UNO!

es ist ein Boykott der USA und von England. Ob die EU Staaten mitmachen ist noch gar nicht sicher, auch wenn die Herabstufung durch die Rating-Agenturen ein Knüppel aus dem Sack ist. Der Sarkozy ist dermaßen beleidigt, daß er nicht mitmacht, lest die französischen Zeitungen.

I pocks net
 
00
15.1.2012, 09:29

So etwas von Scheinheilig! Man (USA und Nato) macht auf der einen Seite Boykot für Warenlieferung, auf der anderen Seite wird das Öl natürlich gerne genommen. mich würde interessieren, wieviel von den 12 % sonstiges auf USA und GB fallen (könnte mir durchaus vorstellen, dass über zwischenstaaten doch indirekt miteinander gehandelt wird.

Nestor Machno
 
00
14.1.2012, 21:11
Womit droht Amerika der EU (und den anderen Staaten),

damit sie sich so vor den Karren der US-Außenpolitik spannen läßt?

Walter Bimini
00
14.1.2012, 23:04
viele politiker in der eudssr stehen in wirklichkeit auf us gehaltslisten

docaltea
01
14.1.2012, 19:36
ist doch alles ein abgekartertes Spiel

...zuerst kam Kuwait, dann Irak, zuletzt wurde Afghanistan befreit, dazwischen liegt der Iran. Seit gut einem Jahr werden in mazar el Sharif (Afghanistan) Hubschrauberlandeplaetze fuer einen Angriffskrieg gegen Iran gebaut. Ein Atomwissenschafter nach dem anderen wird durch den Mossad entsorgt. Wozu wohl? Der Krieg ist fix. Obwohl die Atombomben in den Haenden der Pakistani um ein vielfaches bedrohlicher sind als die der Mullahs im Iran. Und von den tausenden Boden Luftraketen die in Libyen in die Haende der Rebellen gelangt sind moecht ich gar nicht reden. Also, woher droht uns wirklich Gefahr???

toni hungerer
00
14.1.2012, 23:25
der Iran hat verflucht viel Erdöl und Erdgas

e klar daß es da die Neo-Cons juckt.

audiophiel
00
14.1.2012, 19:36
medienfeiheit

wie wirklich ist die theorie, dass wenn ein anbieter ausfällt andere besser den preis bestimmen können? und wer hat da intresse daran? waffen- und öl-lobby sind sich sehr nahe!
und wie können medien darüber berichten!
und ich möchte das wort können herausstreichen

ositolindo
01
14.1.2012, 19:22

Nach der Herabstufung mancher Eurolaender sollte man sich auf das wirtschaftlich Notwendige konzentrieren.
Ein Oelboykott ist das Unsinnigste was Europa jetzt brauchen kann.
Ich bin kein Freund der iranischen Politik, aber der amerikanischen Pressure-Politik derzeit auch nicht.

Kampfsoletti
02
14.1.2012, 18:51
China wird sich freuen.

02515151541
05
14.1.2012, 18:40
Ich bin gegen diesen "Boykott" !

und fühle mich von den Herrn in der EU
nicht vertreten!

RF
01
14.1.2012, 18:21
Eine blödsinnige Idee

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten, wenn es vorn und hinten genug Probleme gibt, sich die Ölpreise verteuern zu lassen aus Jux für Israel und die USA, ist ja allergrößter Schwachsinn.

Jägermeister
30
14.1.2012, 17:25
Diese Überlegungen zeigen ja ganz deutlich die "Stärke" der EU, ...

... wenn sie es sich nicht einmal leisten kann, in dieser Frage geschlossen aufzutreten!

WiKaBot
03
14.1.2012, 17:21
Tolle Doppelmoral …

… wenn es Italien und Griechenland an den Kragen geht, sei es auch nur monetär, dann kann man schon mal eine Ausnahme machen, weil wir doch unsere europäischen Kollegen nicht leiden lassen können.

Dass das iranische Volk … weniger die Mullahs … unter diesen Boykotten zu leiden hat ist wohl noch niemandem din den Sinn gekommen. Ich bin der felsenfesten Überzeugung dass es sehr hilfreich wäre wenn sich die Boykotteure mal auf ihren Geisteszustand hin untersuchen lassen, vielleicht kann man die Doppelmoral noch kurieren … (°!°)

diamant
61
14.1.2012, 17:41
Schon mal auf die Idee gekommen dass mit den Sanktionen das Iranische Volk darin bestaerkt wird

die Diktatur in ihrem Lande abzuschuetteln?

Wie sollte man denn ihrer Meinung auf die Atomruestung des Iran reagieren?

WiKaBot
00
14.1.2012, 18:36
Wie man reagieren sollte?

Vielleicht so wie gegenüber China, Russland oder auch die neueren Fälle Indien und Pakistan und auch Israel wollen wir nicht ausnehmen … alle Reaktionen gegenüber den Atombomben-Neulingen sind doch bis heute ohne Krieg geblieben … oder?

WiKaBot
00
14.1.2012, 18:33
Nöö, auf die Idee bin ich noch nicht gekommen …

… weil es sich so anhört als wollten sie einem Verhungernden durch Entzug von Lebensmitteln helfen …

DieBo
11
14.1.2012, 14:32
Man sollte die Weltbürger fragen was sie von diesem Boykott im Alleingang halten...

Ich wette mal alles die gerne pervers urinieren "JA" schreien....die mehrheit geht allerdings ganz normal pinkeln....

diamant
31
14.1.2012, 17:43
Jede Geschichte, jedes politische Geschehen, einfach alles auf der Welt biegen sie

immer wieder in eine einzige Richtung.....

ein einfaches Gemuet braucht eben 'Klarheit'!

DieBo
00
15.1.2012, 13:24
dass sagen ausgerechnet sie?

naval
22
14.1.2012, 16:03

Also nochmal zum mitschreiben: es geht dem Westen immer nur ums Öl, es werden Kriege geführt, um ans Öl der anderen zu kommen.

Und nun, als der Westen kundtut, dass er das Öl des Iran nicht mehr kaufen will, dann kommen sie daher und sehen es als große Verschwörung und als quasi kriegerischen Akt an, weil der Westen das Öl des Iran nicht kauft. So ganz komme ich mit dieser Logik nicht klar.

Nestor Machno
 
01
14.1.2012, 21:17
Der Grundfehler von dir ist „der Westen“.

Sogar diesem sehr wohlfrisierten Artikel kann man entnehmen, daß es da zwischen der USA und Israel (und vielleicht einigen Golfstaaten, die vom Steigen des Ölpreises profitieren) einerseits und dem Rest der Welt andererseits handfeste Interessenskonflikte gibt.

Geithner bringt ja auf seiner Rundreise nicht Rosen mit, sondern Drohungen, was passieren wird, wenn wer bei dem Boykott nicht mitmacht.

DieBo
12
14.1.2012, 17:28
Richtig, er will es nicht kaufen, er will es stehlen....

raymond a
50
14.1.2012, 14:30
TangentENI

Wieder einmal wollen die Italiener und ihre ENI nicht auf ihre Geschäfte mit einem miesen Regime verzichten:

http://aron2201sperber.wordpress.com/2012/01/1... angenteni/

Der Tangentopoli-Skandal, der Anfang der 90er Jahre Italiens politische Landschaft erschütterte, war in Wirklichkeit ein ENI-Skandal.

Im Sommer 1980 stand der alte Terrorpate Gaddafi in Italien unter Verdacht, für die bis dahin schlimmsten Terroranschläge der europäischen Nachkriegsgeschichte verantwortlich zu sein.

Nur DIREKTE DEMOKRATIE ist Demokratie!
511
14.1.2012, 13:58
[Streitfrage]

Iran hat kein Recht auf Atomwaffen (andere Länder schon ... warum?).

Nicht einmal das Recht auf zivile Nutzung der Kernergie hat der Iran, im Gegensatz zum Rest der Welt (völkerrechtlich, nicht moralisch).

Deshalb muss der Iran mit allen Mitteln bekämpft werden, notfalls auch mit Wirtschafts-Boykott. Allerdings mit Ausnahmen. Länder in Finanznöten dürfen weiterhin beim Teufel einkaufen. Zumindest laut offiziellen EU-Moralvorstellungen.

Könnte man mit dem selben Argument nicht auch Kinderpornoproduzenten mit Geldsorgen von der Strafverfolgung verschonen ?

diamant
64
14.1.2012, 17:46
Was in Temelin und Mohovce von ihnen verteufelt, wird in Busher ploetzlich zum Lebensrecht?

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