Bei einem Stopp der Ölbezüge würden Länder wie Italien und Griechenland leiden. Zumindest Italien soll vom EU-Importverbot ausgenommen werden
Wien - Die EU kommt verschärften Sanktionen gegen den Iran wegen dessen
Atomprogramms einen großen Schritt näher - und sorgt für zusätzliche
Nervosität auf den Ölmärkten. "Da braut sich etwas zusammen, dessen
Auswirkungen schwer zu prognostizieren sind", sagte Johannes Benigni vom
Beratungsunternehmen JBC Energy, dem STANDARD.
Die EU-Außenminister werden den auf Diplomatenebene grundsätzlich
vereinbarten Boykott voraussichtlich bei ihrem Treffen am 23. Jänner
beschließen. Dabei geht es vorrangig um eine Einfuhrsperre für Öl und
petrochemische Produkte. Aus Angst vor einer Verteuerung der
Energieimporte dürfte es allerdings zu einer sechsmonatigen Frist
kommen.
Keine Einigung gibt es über eine Verschärfung der Sanktionen im
Finanzbereich, in dem Frankreich und Großbritannien auf ein Einfrieren
der Gelder der iranischen Zentralbank drängen. Angeblich sträubt sich
Deutschland dagegen.
Der weit sensiblere Ölbereich ist besonders für die finanziell
angeschlagenen Schuldenstaaten heikel. Griechenland, das beträchtliche
Mengen seines Ölbedarfs aus Iran bezieht, konnte laut involvierten
Kreisen bisher Öl vom Mullah-Regime ohne Vorauskasse beziehen. Sollte
die Versorgung aus Teheran wegfallen müssen, würde dies das strapazierte
Budget Athens zusätzlich belasten, meinen Kenner der Szene.
Ausnahme für Italien
Italien, innerhalb der EU überhaupt der größte Kunde des Iran, muss wiederum um die Begleichung von Altschulden zittern, die
Teheran über Öllieferungen abstottert. Das Land wird dem Vernehmen nach
vom EU-Einfuhrstopp für Rohöl ausgenommen. Denn bei einem Boykott würde
Rom auf den Forderungen sitzenbleiben. Nach Angaben der Energy
Information Agency (EIA; US-Energiebehörde) bezieht Italien gleichauf
mit Spanien 13 Prozent seines Importbedarfs an Rohöl aus Iran. Den
größten Anteil an iranischem Öl im Importmix hat mit 51 Prozent die
Türkei.
Ein Einfuhrverbot der EU könnte Iran empfindlich treffen. Mit einer
Importmenge von knapp 600.000 Fass (159 Liter) am Tag ist die EU neben
China der wichtigste Absatzmarkt für iranisches Öl.
Nicht nur Europa will durch Zurückfahren der Ölimporte aus Iran Druck
auf die Machthaber in Teheran aufbauen, auch Japan hat auf Drängen der
USA angekündigt, die Einfuhr iranischen Öls weiter zu drosseln.
Ministerpräsident Yoshihiko Noda sagte, er teile die Sorgen über das
iranische Atomprogramm. Er sei aber auch besorgt, dass die Sanktionen
der globalen Konjunktur ernsthaft schaden könnten.
Die USA haben unterdessen den Iran davor gewarnt, die für die
internationalen Öltransporte wichtige Straße von Hormus zu blockieren.
Über "geheime Kommunikationskanäle" habe die US-Führung die oberste
Autorität im Iran, Religionsführer Ayatollah Ali Khamenei, kontaktiert,
berichtete die "New York Times" am Freitag unter Berufung auf Mitglieder
der US-Regierung. Mit einer Seeblockade würde die "rote Linie"
überschritten - und das würde eine US-amerikanische Reaktion
provozieren.
US-Finanzminister Timothy Geithner tourte durch mehrere Länder
Ostasiens, um den Kreis der boykottwilligen Länder zu vergrößern,
zeichnet sich eine Verschärfung der Gangart gegenüber nicht
kooperationswilligen Unternehmen ab. Washington hat Sanktionen gegen
drei Unternehmen in China, Singapur und in den Vereinigten Arabischen
Emiraten verhängt, die mit dem Iran Geschäfte machen.
Der Preis der Nordseesorte Brent lag am Freitag über der Marke von 110
Dollar das Fass. (Günther Strobl, Andreas Schnauder, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 14.1/15.1.2012)