"Ich liebe es, die Betrachter zu verwirren"

Interview13. Jänner 2012, 18:40
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Ab 3. Februar wird im Mumok das Frühwerk von Claes Oldenburg gezeigt. Der Pop-Art-Veteran über über die 1960er-Jahre - und über Mäuse

Andrea Schurian sprach mit dem weltberühmten Vertreter der Pop-Art in seinem New Yorker Atelier.

Alles, jede Seite im Katalog, auch die Einladungskarten zur Ausstellungseröffnung, überprüft Claes Oldenburg. An die zehn Mal besuchte Mumok-Kurator Achim Hochdörfer in den letzten zwei Jahren den Künstler mit dem verschmitzten Lächeln in seinem vierstöckigen Haus in Soho. An den Wänden Zeichnungen und Skizzen; in den Regalen penibel geordnet Modelle der weltberühmten Large Scale Objects: überdimensionierte Wäscheklammern, Eistüten,Lollis, Lippenstifte, Zigarettenstummel, Apfelkerngehäuse, Zahnpastatuben, mit denen Oldenburg seit den 1970er-Jahren weltweit öffentliche Großstadträume prägte.

Daneben Vinylplastiken, schlaff hängen die Sticks an den ebenso stoffweichen Becken der Soft Drum. Daneben Tortenstücke und Hamburger. Allgegenwärtig Claes Oldenburgs geometrische Mäuse in allen Größen und Konsistenzen und Stimmungen. "Ich bin", sagt er, "besessen von der Form, der Struktur."

280 Werke aus den 1960er-Jahren werden in Wien zu sehen sein - und anschließend auf Welttournee in das Ludwig Museum in Köln, das Guggenheim in Bilbao, das New Yorker Museum of Modern Art sowie das Walker Art Center in Minneapolis gehen. Kernstück ist das Mouse Museum aus dem Besitz der Ludwig-Stiftung: ein Miniatur-Museum in Form eines geometrischen Mauskopfs für hunderte Souvenirs und Kitschgegenstände, die Oldenburg in den 1960er-Jahren sammelte. Neben Soft Sculptures werden viele kleinteilige Clippings präsentiert: Werke aus dem Store, dessen Gründung in Downtown Manhattan Anfang der 1960er-Jahre als Geburtsstunde der Pop-Art gilt; Produktionsstätte und Verkaufsort gleichermaßen, wo Oldenburg Alltagsgegenstände, von Würsten über Strümpfe bis zu Badewannen, aus den umliegenden Läden mit gipsüberzogenem Musselin nachbildete.

Standard: Sie gelten als Ikone der Pop-Art. Mögen Sie diese Zuordnung?

Oldenburg: Pop-Art ist einer dieser Begriffe, die irgendwer erfunden hat - sicher kein Künstler! Wir brauchen alle diese Zuordnungen nicht. Aber okay: Ich verwende Alltagsgegenstände. Also könnte das, was ich gemacht habe, auch Pop-Art gewesen sein.

Standard: Seit Ihren Anfängen beschäftigen Sie sich mit Mäusen...

Oldenburg: ... weil ich von ihrer Form besessen bin! Ich übersiedelte 1963 für einige Jahre nach Los Angeles und interessierte mich für alles, was die dort interessierte: Häuser, Interieurs und eben Mäuse. Doch Disneys Micky Maus ist lustig, meine geometrischen Mäuse sind intellektuell. Es gibt sie, gemessen an der Ohrengröße, in unterschiedlichsten Formaten, von einigen Metern bis zu wenigen Zentimetern und als Multiples. Meine Idee war, so viele zu herzustellen, dass sie wirklich billig sind und sich jeder eine leisten kann. Aber fragen Sie mich nicht nach den Preisen, dafür ist meine Galeristin zuständig.

Standard: Sprechen Sie eigentlich gern über Ihre Kunst?

Oldenburg: Probieren Sie es doch aus! Aber prinzipiell: ja. Sie müssen zum Beispiel wissen: Wenn ich einen Hamburger mache, ist es nur meine Fantasie eines Hamburgers. Der Hamburger einer Köchin hat mit meinem nichts zu tun. Bei mir geht es um Farben, Material, Konsistenz.

Standard: Nichts ist, wie es scheint: Kleine Dinge machen Sie riesig, Großes klein, Hartes weich: Warum diese Verfremdungen?

Oldenburg: Ich liebe es, die Betrachter zu verwirren! Durch diese Transformationen bekommen die Dinge mehr Bedeutung. Alle auf uns wirkenden Kräfte sind wichtig, auch die Schwerkraft: wie Dinge sich verändern, wenn sie fallen. Oder gefallen sind. Ich versuche, mit der Kunst die Bedingungen unserer Existenz zu analysieren, mit ihnen zu spielen. Leider verändern Menschen, die eine Soft Sculpture besitzen, sie meist nicht. Aber das sollten sie tun, sie schütteln, drehen, wenden, aufstellen, niederdrücken.

Standard: Die Ausstellung konzentriert sich auf die 60er-Jahre. Was bedeutet für Sie die intensive Auseinandersetzung mit dieser Zeit?

Oldenburg: Als Künstler wird man immer nach der Vergangenheit befragt, aber ich kann nicht garantieren, dass alles stimmt, was ich sage (lacht). Wir haben damals vieles ausprobiert, Happenings, Theater. Es herrschte künstlerische Freiheit und ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Jetzt fühle ich mich viel isolierter, nicht nur, weil viele meiner damaligen Weggefährten gestorben sind. Damals tauschte man sich aus, half sich gegenseitig. Die Sechziger waren für mich eine wichtige Epoche, jeder einzelne Abschnitt, abhängig davon, wo ich mich gerade befand. Sie waren strukturiert wie ein Drama, sie hatten einen ersten, zweiten, dritten Akt.

Standard: Und endeten wie: als Komödie? Als Tragödie?

Oldenburg: In den USA zumindest als Tragödie mit den Charles-Manson-Morden 1969.

Standard: Gibt die Sammlung Ihres Mouse Museums Auskunft über die Verfasstheit der 1960er?

Oldenburg: Ja. Viele Dinge sind aus unserem Leben verschwunden, Schreibmaschinen etwa oder Telefone. Dadurch, dass sie von der Bildfläche verschwinden, werden sie mysteriöser, auch abstrakter.

Standard: Verändern Sie diese Sammlung von Zeit zu Zeit?

Oldenburg: Nein. Aber der Zahn der Zeit verändert sie. Wir haben eine gründliche Analyse gemacht, was wir behalten wollen, was restauriert oder entfernt gehört.

Standard: In den 1960ern postulierten viele Künstler, dass Kunst nicht restauriert, sondern verfallen, weggeworfen werden solle.

Oldenburg: Damals war Kunst Teil des Lebens und nichts Museales. Wir warfen bei unseren Performances Kunstwerke weg. Alltagsmaterialien wie Zeitungspapier stellen für Restauratoren eine besondere Herausforderung dar. Aber natürlich bin ich heute für das Restaurieren, vor allem der Skulpturen im Freien. Auch wenn ich weiß: Nichts ist für ewig. Wir alle sind nur ein kleines Teilchen im Universum.

Standard: Mehr als dreißig Jahre, bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren, haben Sie fast alle Projekte gemeinsam mit Ihrer zweiten Frau Cosje van Bruggen realisiert.

Oldenburg: Ich vermisse sie sehr! Es machte einfach viel Spaß, mit ihr gemeinsam zu arbeiten und zu diskutieren. Nun habe ich niemanden, mit dem ich die Dinge besprechen kann. Aber sie ist mir immer nahe. Und ich kann mir vorstellen, was sie zu dieser Ausstellung sagen würde.   (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2012)

  • Claes Oldenburg versucht, mit seiner Kunst die Bedingungen unserer Existenz zu analysieren. Oldenburg (82), geboren in Stockholm, gehört neben Andy Warhol und Roy Lichtenstein zu den wichtigsten Pop-Art-Künstlern. Viermal nahm er an der Documenta, 1964 an der Biennale  in Venedig teil. Seine Frau Coosje van Bruggen starb 2009.
 
    foto: mumok/jürgen frank


    Claes Oldenburg versucht, mit seiner Kunst die Bedingungen unserer Existenz zu analysieren. Oldenburg (82), geboren in Stockholm, gehört neben Andy Warhol und Roy Lichtenstein zu den wichtigsten Pop-Art-Künstlern. Viermal nahm er an der Documenta, 1964 an der Biennale  in Venedig teil. Seine Frau Coosje van Bruggen starb 2009.

     

  • Geometrische Mäuse in allen Größen.
    foto: schurian

    Geometrische Mäuse in allen Größen.

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