St. Pölten

Der einsame Soldat als Rockstar

13. Jänner 2012, 21:14

Luk Percevals "Draußen vor der Tür" als Gastspiel im niederösterreichischen Landestheater

Beckmann, der Kriegsheimkehrer, steht auf der Bühne wie ein Rockstar: breitbeinig, mit federnden Knien, klammert er sich an sein Mikrofon. Mehr Halt bietet die Bühne im Landestheater St. Pölten auch nicht. Im hinteren Teil schneidet ein großer Spiegel die leere, tiefschwarze Bühne ab, zeigt Darsteller und Publikum von schräg oben. Die abweisende Szenerie ist folgerichtig: Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür erzählt von Beckmann, dem von allen guten Geistern verlassenen Kriegsheimkehrer.

Percevals Inszenierung, die im April letzten Jahres am Thalia Theater in Hamburg uraufgeführt und nun als Gastspiel in St. Pölten gezeigt wurde, treibt die Entfremdung noch ein bisschen weiter. Mit Beckmann-Darsteller Felix Knopp stehen die drei Mitglieder der Rockband My Darkest Star auf der Bühne, deren Sänger er ist. Sie begleiten Knopps Flüstern und Schnaufen des Textes, und wenn er sich in einen Schrei steigert, dann legen sie in bester Hardrockmanier los. Das steigert die beklemmende Anspannung, die sich sofort und die ganzen 90 Minuten lang auf die Zuschauer überträgt. Es weckt aber auch die Frage, ob hier nicht mit unlauteren Mitteln gearbeitet wird. Ob die Musik Emotionen wecken soll, wo Borcherts Text manchmal ein wenig arg dünn geraten ist.

Dabei wären die Bilder, die Perceval auf der Bühne zeichnet, stark genug. Da wird Beckmann von den Erinnyen seiner Träume verfolgt, die in diesem Fall acht Laien des Thalia-Behindertenprojekts Eisenhans sind. In Kleidern und Uniformen, mit grotesk roten Lippen jagen sie ihn immer wieder um die Bühne. Die Musik verstärkt den Furor, die Panik - bedrohlicher aber wäre die Szene, hielte nicht ein wabernder Soundteppich sie auf Abstand.

Es ist (neben Peter Maertens und Barbara Nüsse, die sich grandios durch fast alle Nebenrollen spielt) Felix Knopp, der diese Aufführung herausragend macht. Sein Beckmann bräuchte weder Musik noch große Aktion - völlig allein hinter seinem Mikro bringt er die ganze unerhörte Verlassenheit eines Menschen in einer leeren Welt auf die Bühne. Und dagegen hilft auch keine Musik. (hein/ DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.1.2012)

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