Die hohe Kunst des Stichelns und Strichelns

13. Jänner 2012, 18:21
posten

Es darf gelacht werden: Elf "Über-Zeichner" österreichischer Tageszeitungen stellen ihre satirischen Kommentare im Rahmen der Ausstellung "Karikatur im Parlament" aus

Eine geglückte Karikatur ist eine Mischung aus saurem Hering, Honig, Schlagsahne und einem kräftigen Schuss Schwefelsäure." So beschrieb einer der bedeutendsten Karikaturisten, der Brite Ronald Searle, der Ende 2011 gestorben ist, seine Profession. Was er und seine Kollegen verabreichen, sei "ein optisches Juckpulver, das die Betroffenen zwingt, sich zu kratzen" - und nicht nur sie, sondern vor allem die Leser.

Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SP) hat nun elf "Über-Zeichner", die in österreichischen Zeitungen täglich die hohe Kunst des Stichelns und Strichelns praktizieren, ins Parlament geholt. Der Flüchtigkeit der Tages entrissen, lässt das Tagespolitische dem Künstlerischen den Vortritt, wenn Prammer Montagnachmittag die Ausstellung "Karikatur im Parlament" eröffnet. Wo sonst, als am "politischsten aller Orte", sagt sie: "Eine aufgeklärte, wache Öffentlichkeit ist Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie."

Ausgewählt haben die Künstler die Werke, die sie im Hohen Haus zeigen wollen, selbst. 167 Zeichnungen hängen nun in Prammers Büro, im Medienzentrum und in vier Ausschusslokalen.

Was bekommen die Abgeordneten zu sehen? Kunst und Kritik.

Kritik- und Kommentarfähigkeit machten neben der technischen Fähigkeit, auch mit Allegorien und Komposition umgehen zu können, gute Karikaturisten aus, sagt Kommunikationswissenschafter Thomas Knieper von der Uni Passau, der sich zum Thema "Politische Karikatur" habilitiert hat, im Standard-Gespräch. Karikaturen haben im demokratischen Meinungsbildungsprozess eine Kontrollfunktion, dienen aber auch der "Unterhaltung". Die politische Karikatur, quasi der gezeichnete Leitartikel zum Tagesgeschehen, sei Kunstform und journalistisches Genre.

Überladener Karren

Knieper würde den Beginn der politischen Karikatur als eigenes Genre mit dem Ende des Vormärz 1848 ansetzen, als die ersten Ideen einer freien Presse auftauchten. Man kann auch zurückgehen bis zu den Schand- und Schmähbildern des Mittelalters. Mitte des 17. Jahrhunderts tauchte der Begriff "caricatura" erstmals im Zusammenhang mit verzerrten Darstellungen italienischer Zeichner auf. Das Wort "Karikatur" leitet sich ja vom italienischen "caricare" ab, das "überladen, übertreiben" bedeutet und auf den lateinischen Karren "carrus" zurückgeht.

Diese "Überladung" setzt von den Zeichnern, den guten, wohlgemerkt, viel Wissen über das zu zeichnende Objekt oder Thema voraus. Die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Lokalzeitung Jyllands-Posten seien da ein gutes schlechtes Beispiel, erklärt Knieper. Aus deutscher Sicht gebe es damit zwar "kein Problem der Pressefreiheit, aber ein Respekt- oder Toleranzproblem".

Die Sprengkraft dieser Bilder hätten bessere, kenntnisreichere Karikaturisten sehen müssen, da sie um die Bedeutung bestimmter Symbole gewusst hätten. Am zweitmeisten nach dem "Bomben-Turban" sei von muslimischen Lesern der Mohammed in Sandalen mit Esel vor untergehender Sonne kritisiert worden. Wieso? Der Prophet als armer Mensch: "Geht gar nicht". Der Esel: "Ein Dummheitstransfer." Sandalen: "Symbol für den ungebildeten Bauern-Trampel."

Der Mohammed in festlicher Kleidung auf einer Wolke im Himmel, der zu drei Selbstmordattentätern sagt: "Stop! Halt! Uns sind die Jungfrauen ausgegangen", sei dagegen auch von vielen Muslimen schmunzelnd als kritische Auseinandersetzung akzeptiert worden. Generell gelte, dass Karikaturen in weniger als der Hälfte der Fälle im Sinne ihrer Zeichner decodiert werden, sagt Knieper.

Die Frage, ob Karikatur immer dem Guten verpflichtet ist und aufklären oder nicht auch verschleiern oder Vorurteile schüren will, ist viel diskutiert. Hannes Haas vom Institut für Publizistik der Uni Wien analysierte Karikaturen, die in den 20er- und 30er-Jahre in der Satirezeitschrift Kikeriki erschienen, auf Antisemitismus und folgerte: "Satire und Karikatur sind im Positiven wie im Negativen der ideale Ort für Stereotypenbildung."

Apropos Stereotyp: Bei der Ausstellung im Parlament sind die Arbeiten von elf Zeichnern vertreten, tatsächlich sind es aber nur zehn. Denn die einzige Frau in dieser Runde "ist eine Person voller Geheimnisse": Rachel Gold ist ein Pseudonym des Karikaturisten Markus Szyszkowitz. (Info unten)

Dass nur Männer vorkommen, entspricht dem Faktum, dass der Karikaturist tatsächlich meist ein Er ist. Laut einer deutschen Studie von 2002 waren 97 Prozent der politischen Karikaturisten Männer und "überdurchschnittlich älter" - über 50, sagt Politologe Peter Filzmaier zum Standard.

Karikaturexperte Knieper erklärt das mit mangelnden Vorbildern und Sozialisation: "Frauen dürfen nicht kritisch sein." Ein paar waren und sind es aber doch: Signe Wilkinson bekam 1992 als erste Frau den Pulitzer-Preis für politische Karikatur, Ann Telnaes 2001, oder die Deutsche Franziska Bilek, die alle Werke Karl Valentins illustrierte.

Einen offiziellen Ort für satirische Werke hat Österreich seit fast elf Jahren im Karikaturmuseum Krems, das nicht nur Manfred Deix eine fixe Heimstatt gegeben hat, und Gustav Peichl alias Ironimus ein Kabinett für politische Karikatur.

Peichls Panoptikum der Politik umfasst mittlerweile ein halbes Jahrhundert Zeitgeschichte. Der Doyen der Karikatur in Österreich war aber auch "das Motiv", etwa für Standard-Karikaturist Oliver Schopf, als Schüler zum Stift zu greifen und statt Kreisky seine Lehrer aufs Korn zu nehmen.

Ein Ausschusslokal bleibt im Parlament übrigens karikaturen-frei. Jener Saal, in dem die Zeugen im Untersuchungsausschuss zu Korruptionsfällen befragt werden. Dort gibt's nichts zum Lachen. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.1.2012)

  • Sitzungsvorsitz im Ausschusslokal unter den Schwingen des Bundesadlers - wie ihn Silvio Raos in den "Vorarlberger Nachrichten" zeichnete.
    foto: standard/cremer

    Sitzungsvorsitz im Ausschusslokal unter den Schwingen des Bundesadlers - wie ihn Silvio Raos in den "Vorarlberger Nachrichten" zeichnete.

Share if you care.